Am späten Nachmittag türmen sich Plusterwolken auf, darüber hinweg blitzen die letzten Sonnenstrahlen, das Heidekraut, der Sand der Dünen und das Dünengras verblassen, werden unwirklich fahl, als hätte man die Farbsättigung zurückgeschraubt.
Sie klettern eine Düne hinauf und sehen auf der anderen Seite aufs Meer. Das Naturschauspiel ist unfassbar und Jannek möchte alles wie ein Schwamm in sich aufsaugen, will alles festhalten und nicht mehr loslassen. Er sortiert die Bilder: im Vordergrund der unendliche Sand, dann das stockig grüne Meer, dass so unruhig und hungrig wirkt, im Watt, eine Gruppe trabender Pferde mit Touristen auf ihren Rücken und in der Ferne ein Pferdewagen mit einer Plane wie in Wildwestfilmen.
Die Drei fahren mit ihren Rädern auf der Vorderseite des Deiches am Wasser entlang: der Wind bläst nur leicht und das Wasser kräuselt kaum, Krabben wandern seitwärts durch Seetang-Büsche mit gelben Knospen, das Wasser fließt langsam ab. Oben auf dem Gras zwischen den blökenden Schafen machen sie Pause. Der nähere Teil ist zweidimensional, der Rest wie von einem anderen Planeten, die Schiffe stehen starr und schattenhaft im Wasser, die Szene kommt Jannek surreal vor und er kann ein wirres Kichern nicht unterdrücken. Maud stößt ihn an und er muss ihr das Fernglas übergeben. Sie fahren weiter: der Morast glitzert wie Millionen Spiegelsplitter in der Sonne, zwischen Pfeilerstümpfen, vertrockneten Algenhaufen, die auf den Steinen am Deich schwarze Krusten bilden und einen modrigen Geruch verströmen, seichtes Restwasser glänzt, irgendwo in der Ferne fängt der Himmel an, manchmal weiter unten, manchmal weiter oben, am Ufer gibt es grün bewachsene Teile, deren Wurzeln den Morast halten, ihn in schwarzen Schlamm verwandeln und kleine Höcker bilden, weiter hinten stehen in regelmäßigen Abständen Äste und überall die geringelten Häufchen der Schlickwürmer, schwarzweiße Haubenläufer, Einsiedlerkrebse, leicht eingegrabene mimikrybische Krabben, die halt aussehen wie Steine, hebt man sie auf, stellen sie sich erst tot, aber sehr bald fangen sie an, ungeduldig zu zappeln.
Sie pausieren, steigen vom Rad, legen sich erst kurz ins Gras, sehen in das weißliche Blau, ziehen dann ihre Schuhe und Strümpfe aus, krempeln ihre Hosen etwas hoch und gehen auf dem Watt bis zum Priel. Toshiko will erst nicht, ist pingelig was den Schlamm angeht, prompt schneidet sie sich an einer scharfen alten Muschel, die groß wie eine Kokosnuss ist und sich unter einem Algenhaufen versteckt hielt. Der kleine Zeh blutet, ein tiefer Schnitt und sie humpelt zurück zum Steg, ein Pflaster hilft.
Nach dem Abendessen gehen sie noch einmal auf den Deich: ein orange- und pinkfarbener Sonnenuntergang wie bei einer Explosion stülpt sich über den Himmel und schiebt eine grüne Wolke vor sich her, ein schwacher Regenbogen hat sich über dem Meer gebildet, sein Anfang ist auf dem Wasser, man kann genau die Stelle erkennen, sein Ende ist irgendwo auf dem Deich zwischen den Schafen. Die Bäume drüben auf dem Festland und das, was vielleicht Fabriken sind, scheinen auf dem Wasser zu stehen. Flachbodenboote liegen im Schlick und warten darauf, durch die hereinströmende Flut wieder flott zu kommen. Containerschiffe und Segelboote schippern in Zeitlupe in einer Rinne. Jannek lässt Toshiko und Maud zwischen den Schafen sitzen und spaziert auf dem Deich entlang: ein Geruch von verfaultem Fleisch, von verwesendem Tier dringt in seine Nase, aus einem von den Schafen verschmähten Grasbüschel schaut etwas sehr Fremdartiges hervor, im ersten Moment denkt er an einen von Kindern gepfählten Seestern und er bückt sich herunter, der widerwärtige Gestank wird unerträglich trotz des Windes, einige Fliegen schwirren hoch, bis in sein Gesicht, er wehrt sie ab.
‚Pflanze oder Tier?‘ rätselt er. ‚Lebendig oder tot?‘
„Es muss ein Pilz sein“, ruft er laut und merkt plötzlich, dass er es laut gesagt hat. Trotzdem fügt er ebenfalls laut hinzu: „Ja, es ist ein Pilz.“ Die Farbe ist wie Kalbsfleisch mit dunklen, widerwärtigen Quaddeln, als wäre das Fleisch von Geschwüren befallen, krankhaft vernarbt. Die ‚Arme‘ liegen ausgebreitet wie wurstige Finger im Gras, hangeln nach Freiheit oder Fliegenopfern, denn vielleicht ist es ja ein fleischfressender Pilz. Das würde Jannek jedenfalls gar nicht verwundern, denn die Öffnung in der Mitte reckt sich vor wie ein kleiner Schlund, der direkt aus der Erde wächst. Jannek holt nervös sein Handy hervor, schaltet die Kamera ein und knipst drauflos. Wie immer mit diesem Gerät, fühlt er sich unwohl, ja empfindet es als ungehörig, so zu fotografieren, schließlich wird so jeder Millimeter der Welt auf Nullen und Einsen reduziert, was alles banal und abgenutzt wirken lässt. Sowieso hat er das Gefühl, dem Pilz in einem entblößten oder irgendwie genierlichen Moment zu begegnen. Eine Gänsehaut fährt seinen Rücken herunter. Er packt das Handy wieder zurück in seine Hosentasche. Als er wieder steht, sieht er sich kurz um, entdeckt weit hinten Maud und Toshiko und beobachtet ein Zucken am Himmel, metallisch schillernd wie die Flügel der Schmeißfliegen, die zuhauf auf dem Pilz sitzen. Eine Sekunde zögert er, überlegt, ob es nicht angebracht wäre, den Pilz mit seinem Stiefel zu zermalmen, ihn plattzumachen, den Schuh darauf hin- und herzudrehen, doch was, wenn es Leben von einem anderen Planeten ist? Seine Überlegungen werden von hektischem Schafsgeblöke unterbrochen, die Tiere haben sich ganz dicht hinter dem Deich zusammengedrängt. Ein irgendwie elektrisierender Wind lässt seine Haare komisch hoch schweben und der Himmel verfärbt sich mit einem Mal feuerrot und die Sonne wird scheinbar immer größer, nimmt den halben Himmel ein, was die Häuser des Dorfes zu kaum noch erkennbaren schwarzen Blöcken reduziert.
„Fantastisch“, schwärmt Jannek euphorisch, „was für eine Abenddämmerung!“ Und dreht sich um, wo der Himmel einen Marmoreffekt aus grünlichen und weißen langsam dahinwandernden Streifen hat, exotisch fremd wie von einer anderen Welt, was das Motto des Abends zu sein scheint.
„Sieh mal, Polarlichter“, rufen Toshiko und Maud schon von weitem und kommen ihm entgegen. Ein Pärchen steigt von den Fahrrädern und blickt erstaunt nach oben. Die Lichter werden immer stärker, bis kaum noch wabernde Streifen auszumachen sind, weil der ganze Himmel über dem Wolkenteppich grünlich strahlt. Toshiko ist ganz aus der Puste und die sonst gelbbraune Haut ist ganz blass und milchig. Sie gehen, ohne auch nur eine Sekunde den Blick von dem Spektakel abwenden zu können, zurück zu ihrem mit Schilfrohr gedeckten Haus.
Die Pferde für die Touristenausflüge stehen nervös an ihrem Trog direkt unter einigen kleinen Wölkchen, die noch etwas pinkisch leuchten. Sie fressen nicht, sondern wiehern beunruhigt. Die Nordlichter flirren in immer kräftigeren satten Grüns: in Türkis, Dunkelgrün und Gelbgrün. Ein erneuter heftiger Lichtstoß zerstückelt die wogenden Grünteppiche und das Meer fängt an grün zu dampfen und zu rauchen.
Plötzlich schreit Jannek vor Schreck und Schmerz auf, greift in seine Hosentasche, reißt das Handy heraus, zerreißt dabei den Stoff und wirft es hin und sie sehen verwirrt, wie die Rückseite des Gehäuses als wäre sie aus Wachs schmilzt.
Teil 1 - Gefährten
Das Leben möchte schöner sein
*
Die meisten der kleinen quadratischen Scheiben in dem Fabrikraum waren mit Holzbrettchen vernagelt, andere mit weißer Farbe überstrichen. Gary zersägte im Halbdunkeln mit einer Handsäge Holzleisten für einen Bilderrahmen. In der Kälte entwichen Kondenswolken seinem Mund, während sein Fuß die Leisten auf eine Kante eines Hockers drückte und sein Arm einen Fuchsschwanz mit kräftigen gleichmäßigen Bewegungen hin- und herbewegte. Der vordere Teil fiel herab. Geduldig raspelte und feilte er die Enden, strich mit dem Daumen prüfend darüber, ob sie glatt genug waren. Dann zog er seinen Fleece aus, holte aus einem Regal Leim hervor und verteilte ihn, presste die Enden zusammen, band ein Seil herum, das er mit einem Bleistift spannte, richtete noch einmal die Ecken aus, maß den rechten Winkel nach, legte den Rahmen zum Trocknen auf den Betonboden und beschwerte ihn. Zufrieden setzte er sich, kühlte seinen frischen Tee durch Blasen und sog an einer selbstgedrehten hauchdünnen Zigarette. Langsam wich seine Wut, die seit drei Wochen in ihm tobte und an der seine Galeristin Schuld hatte. Sie hatte ihn in seinem Atelier besucht, um neue Bilder für die Galerie auszusuchen, hatte die neuen Bilder studiert und plötzlich losgewettert, hatte die neuen Bilder als Stilbruch bezeichnet und was er sich dabei eigentlich gedacht habe und dass sie unverkäuflich seien und wieso er plötzlich experimentiere und dass die Käufer ihr und ihm so etwas nicht verzeihen würden und dass das äußerst unprofessionell sei und dass man so doch keine Geschäfte machen könne und dass man auch mal an die Kunden denken müsse, die seine Bilder als Wertanlage gekauft hätten oder kaufen wollten und dass er sich so eine andere Galerie suchen müsse, wenn er nicht sofort zu seinem alten Stil zurückkehre. Dann war sie, ihr samtenes Kostümchen zurecht zupfend, abgerauscht. Gary war nicht in der Lage gewesen, sie nach draußen zu begleiten. Er hatte völlig perplex mit den Händen tief in den Hosentaschen dagestanden und hatte versucht zu begreifen, was eigentlich so schlimm an seinen Neuerungen war. Er hatte doch eigentlich gar nicht mit seinem Stil gebrochen, hatte immer noch mit expressiven Strichen freche und punkige Leute gemalt. Der einzige Unterschied war doch gewesen, dass die Farben nicht mehr so ins Rote und Pinke kippten und dass er die Gesichter etwas genauer durchgemalt hatte, während die Hintergründe etwas mehr angedeutet geblieben waren. Das hatte ihm gut gefallen, hatte den Bildern etwas mehr Leben, ein klein wenig mehr ‚Realität‘ verliehen. Daran konnte nichts verkehrt sein. Sowieso hatte ihn am meisten geärgert, dass diese Person sich herausgenommen hatte, ihn wie einen kleinen Jungen zu behandeln, der etwas angestellt hatte. Sie hatte ihn vor einigen Jahren in einer kleinen Gruppenausstellung entdeckt und mit anderen Künstlern zusammen eine neue Welle britischer Künstler kreiert, die deformierte, meist menschliche Figuren in der Tradition Francis Bacons und Marlene Dumas mit frischer, aggressiver Wildheit verbunden hatte. Aber bedeutete dies denn, dass er nun für immer dieses Schema hundertprozentig erfüllen musste? Durfte er nicht mehr er selbst sein? Schon länger war er mit seinem Stil und den Bildern unzufrieden, ja gelangweilt und hatte heimlich andere Sachen ausprobiert. Diese wirklich durchgreifenden Neuerungen hatte er ihr noch gar nicht gewagt zu zeigen. Das hatte er erst in einem nächsten Schritt vorgehabt.
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