Vor dem Club mit kyrillischer Schrift und roten Sternen an der Fassade stand ein breiter Türsteher, der aber freundlich alle hineinließ. Die Stimmung schlug hohe Wellen, es wurde viel Wodka getrunken und ausgelassen getanzt. Gary sah sich zufrieden um und sie setzten sich auf Barhocker an der Theke und bestellten Flaschen mit interessant aussehendem, russischem Bier. Gary begann ein Gespräch, wie sie es schon oft im Atelier geführt hatten, über den Kunstmarkt und Galerien. Jannek verstand in dem Krach nur die Hälfte, nickte aber ab und zu wohlwollend.
Nach weiteren zwei Bieren ging Jannek die Treppe hinunter in den Keller, wo sich die Toiletten befanden. Dort roch es wie im Zoo und er beeilte sich. Er hatte gerade den Weg zurück zur Treppe wiedergefunden, als am oberen Ende ein völlig betrunkener Mann einen Stoß in den Rücken erhielt und kopfüber die Steinstufen hinabfiel. Knochen krachten, er überschlug sich und Jannek sprang reflexartig im letzten Moment zur Seite. Der Körper schlug auf dem Beton auf und blieb regungslos liegen. Eine Blutlache bildete sich neben dem Kopf, aber in dem funzeligen Licht war kaum mehr zu erkennen. Jannek war sich nur sicher, dass hier schnellstens ärztliche Versorgung benötigt wurde. Dafür rannte er hinauf, informierte den Türsteher und bat ihn, einen Krankenwagen zu rufen. Das machte der aber nicht, sondern holte einige Angestellte, die nach unten gingen, um nachzusehen, was los war. Außerdem versperrte ein anderer Mann Jannek den Weg, als er folgen wollte. Er erklärte ihm in gebrochenem Englisch, dass alles okay sei und der Mann morgen bestimmt Kopfschmerzen habe. Jannek sah aber, wie die Männer unten eine Tür nach draußen öffneten und den leblosen Körper hinaustrugen. Hilflos drängelte er sich durch die bei ‚Rasputin‘ und anschließend ‚Dschingis Khan‘ hemmungslos Tanzenden zurück an seinen Platz.
Gary hatte sich schon gewundert, wo er so lange geblieben war und sah ihn fragend an.
„Sie werfen ihn einfach auf die Straße“, rief Jannek empört, nachdem er sich dicht neben Gary gestellt und einen tiefen Schluck aus seiner Flasche getrunken hatte. Anschließend erzählte er das Geschehene. Gary versuchte ihn zu beruhigen, indem er ihm versicherte, dass man so schnell nicht sterbe. Da Jannek aber darauf bestand, gingen sie hinaus, um nachzusehen, was mit dem Verletzten passiert war.
In der Seitenstraße gleich um die Ecke am Ende einer Treppe befand sich eine Kellertür der Diskothek, die gerade wieder von innen verriegelt wurde. Sie sahen in alle Richtungen, aber niemand war da und alles war völlig ruhig.
„Wo sind sie nur so schnell hin?“ fragte Jannek. Drei zwielichtige Gestalten kamen um die Ecke, weil sie wohl einen Platz zum Kiffen suchten. Jannek und Gary gingen wieder hinein und bestellten sich neues Bier.
„Lass uns die Polizei rufen“, sagte Jannek.
„Auf keinen Fall!“ erwiderte Gary. „Jeder muss auf sich alleine aufpassen können. Das ist ein Gesetz der Großstadt. Der Mann trug, als er sein Haus verließ, eigenverantwortlich das Risiko unter die Räder zu kommen.“ Diese komische Ansicht bewirkte, dass Janneks Stimmung einen neuen Tiefpunkt erreichte. Sie beendeten den Abend. Auf der Hauptstraße war es heller als in dem Club. Immer noch lungerten Vergnügungssüchtige unzufrieden und resigniert herum und Jannek sagte bedauernd:
„Mist, wir haben es nicht mal geschafft, uns zu betrinken.“
Gary lachte sarkastisch auf und rannte zu einem Nachtbus.
Jannek ging den ganzen Weg zu Fuß nach Hause. Er studierte die Auslagen derjenigen Geschäfte, die nicht völlig von Rollläden verrammelt waren. Wenn die Scheinwerfer der Autos ihn blendeten, spielte er mit dem Licht, indem er seine Augen zusammenkniff oder versuchte, direkt hineinzusehen.
Nach einer Stunde erreichte er die Wohnung. Erleichtert, den Abend hinter sich gebracht zu haben, brühte er Tee. Hoffentlich würde er keinen Kater bekommen. Sein Mitbewohner war nicht da oder schlief schon. Im dunklen Wohnzimmer hockte er sich auf den Teppichboden neben ein Fenster und wartete auf Toshiko, die nach ihrer Junggesellinnen-Abschiedsfeier mit Daya bei ihm übernachten wollte. Die gelbe Straße war menschenleer. Eine Katze huschte unter ein Auto, ein Fuchs streunte vorbei.
Als Toshiko endlich kam, setzte sie sich auf ihre Füße.
„Wir haben ein Striplokal besucht,“ stöhnte sie, „Daya hat man Sexspielzeuge geschenkt und ein männlicher Stripper wurde an unseren Tisch geholt. Sie haben alle nach jedem Kleidungsstück, dass er fallen ließ, gekreischt und verrückt gespielt. So etwas habe ich noch nie erlebt! Pure Hysterie! Was für ein Blödsinn. Ich dachte, ich steh‘ das nicht durch. Und bei dir?“
„Stell dir vor“, sagte Jannek, „außer mir ist niemand anderes gekommen! Wir zu zweit herumgezogen! Es wurde dann ein ordinärer Abend in einer russischen Disko. Schon weil er wie immer war, war er reichlich missglückt.“ Entrüstet berichtete er auch von der Sache mit dem Gestürzten.
„Nein, so was!“ rief Toshiko und legte ihren Arm um ihn.
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