Jannek weiß, dass diese Sorte strohig schmeckt. Deshalb geht er los und beobachtet, bückt sich und untersucht: Reste von Krabben, Panzer hier, Unmengen von Krabbenbeinen dort. Die Panzer haben Zweierreihen mit kleinen Löchern, als wären sie mit einer Nadel perforiert worden. Ein regelrechter Krabbenfriedhof. Und hier: ein Haufen zermatschter Krabben, weißlich fahl. Die meisten Kadaver liegen auf dem Rücken zeigen eine schrumpelige Unterseite. Ein vereinzeltes Haifischei, eine verstümmelte Haifischflosse, ein Baumrindenklumpen, graue Herzmuscheln, so grau wie grau nur geht. Tausende Pfahlmuscheln, bis zum silbergrauen Himmel, bis zum stumpfgrünen Wasser. Das Obere der Wellen kräuselt sich weiß im Wind. Da, eine perfekte Miesmuschel tiefschwarz, mit leuchtendem Perlmutt innen. Aber, ach nein, sie ist nur halb, die vordere Hälfte ist abgebrochen, aber sonst wäre sie einmalig gewesen. Hundespuren von mindestens zwei verschiedenen, größeren Hunden, als sie sich trennen, müsste Jannek sich für eine Spur entscheiden, das macht er aber nicht, sondern dreht sich um und sieht nach, wie weit er gekommen ist. Gar nicht weit. Er kann immer noch auf Pfeilern im Sand das ‚Heartbreak Hotel‘ sehen. Das ist gar kein Hotel, sondern ein Restaurant. Es ist aus Blech, hellgelb und hellblau gestrichen, mit wehenden Terschelling-Fahnen: oben als erstes ein roter, dann ein blauer, ein gelber, ein grüner und ein weißer Querstreifen.
Da, wo das Wasser abgelaufen ist, hat der Sand Riffeln. Eine Möwe taucht den Kopf unter und wäscht sich. In dieser Sekunde wird Jannek melancholisch. Eine ölige Traurigkeit jagt durch seine Venen und bahnt sich ihren Weg nach oben. Die Dünen sind struppig. Die Natur arbeitet so stark, so gezielt und er fühlt sich dagegen lasch fast leblos. Dunkle Wolken rasen, Strandläufer flitzen, tippeln mit dreieckigen Füßchen geschwind durch das seichte Wasser, picken mit ihren spitzen Schnäbeln in den Sand. Der Wind ist laut, dröhnt mal in einem, mal im anderen, manchmal in beiden Ohren. Kommt die Flut? Oder geht das Wasser? Ein Angler steht in den Wellen, trägt Gummistiefel und eine Gummihose, die seinen halben Rücken heraufreicht. Zwei in den Sand gerammte Angeln gleichzeitig beobachtend, hat er die Hände hinter sich verschränkt und wartet auf den großen Biss.
Der Wind nervt nun. Jannek eilt zurück, rennt fast. Mit Toshiko und Maud sucht er Schutz auf der Veranda des Heartbreak Hotel Restaurants. Die ist mit Glasscheiben umsäumt. Jannek fläzt sich auf einen Chromstuhl, wirft sich regelrecht hin. Toshiko und Maud setzen sich kerzengerade an den Chromtisch. Er fragt sich, wie sie es schaffen seine Gegenwart ertragen. Es muss eine ziemliche Qual sein. In einer Ecke, eine lebensgroße Elvispuppe, auf jedem Tisch ein Metallkasten mit Servietten. Eine Frau pfeift ein altes (holländisches?) Volkslied, als höre sie die Elvismusik gar nicht, ihre Freundin sitzt im Rollator und stellt den Spiegel so ein, dass sie andere Leute (Jannek, Toshiko und Maud) beobachten kann. Maud kauft sich und ihrer Mutter ein Softeis mit Schokoladenüberzug. Die warme Schokolade erkaltet langsam und hüllt das Eis darunter in eine feste Kugel. Das Eis ist sehr sahnig, so sahnig, dass Toshiko ganz schwummerig wird. Aber Maud ist begeistert und im siebten Himmel.
Als dicke, dunkle Wolken aufziehen, wird es etwas kühl und sie gehen hinein. Hier dürfen alte Schilder und eine alte türkisfarbene amerikanische Benzin-Zapfsäule nicht fehlen. Elvis stimmt einen neuen Song an, was auch sonst.
‚Aber nett, durchaus nett‘, denkt Jannek und nippt an einem holländischen Weizenbier, ‚weil das Ganze schon etwas abgerockt ist. Notiere: In alt gewordenem Kitsch kann neuer Charme lauern. Ist nun hier und schon in der Hütte mit dem arabischen Ambiente passiert.‘
Toshiko und Maud bekommen Pfefferminztee mit frischer Minze gebrüht. Sie beobachten, wie an einem Nachbartisch das Pink-Cadillac-Kindermenü zusammen mit einem knallgelben T-Shirt und einem Cadillac aus Pappe serviert wird. Der Papp-Cadillac ist aufgebaut ganz viereckig und Jannek denkt, dass ein schwülstiger Cadillac das denkbar unpraktischste aller Autos für eine solche Basteleinheit ist. Der Junge probiert das T-Shirt an. Das aufgedruckte Auto ist schrill pink. Auf der Rückseite steht: ‚I finished a Pink Cadillac @ Heartbreak Hotel and all I got was this lousy T-Shirt‘. Die Hälfte der bombastischen Ladung Essen landet dann auf dem Boden. Nun bekommen auch die Eltern ihr Essen: Hamburger, groß wie Schuhe. Die Pommes Frites werden in dreieckigen Papiertüten gebracht, wie Jannek sie vom Jahrmarkt für gebrannte Mandeln kennt, und werden in einen kleinen verchromten Ständer gestellt. Toshiko und Maud kommen aus dem Staunen gar nicht mehr raus, aber sie versuchen, sich nichts anmerken zu lassen.
Als dicke Sturmwolken aufziehen, trinken sie schnell aus und machen sich auf den Rückweg. Sie flitzen mit ihren Rädern die leere Straße entlang, die Dünen hinab, zurück auf den Pfad, an dessen Ende ihre Hütte steht. Aus den vorher weißen Pilzen ist inzwischen noch viel mehr schwarze Masse ausgetreten. Die meisten Köpfe sind wie Teer an den Stielen heruntergelaufen und haben auf dem Gras schwarze klebrige Flecken gebildet.
An diesem Tag fahren sie mit dem Fahrrad ziellos irgendwelche Wege entlang: vorbei an grünen Feldern, einem Traktor mit einem gelben Gülleanhänger, einem platt gefahrenen Igel, drei Jugendlichen, die mit einem anderen Traktor die Hauptstraße hoch- und runterpreschen. Einer steht dabei und hält einen Arm weit ausgestreckt in den Fahrtwind. Sie beschimpfen feindselig die Heerscharen von Fahrradtouristen, die zum nächsten Supermarkt rudeln. Vorbei an einer Windmühle und einem Golfplatz. Jannek und Maud essen eines der typisch supersahnigen Softeis mit Schokoladenkappe. Toshiko probiert ein Aprikosen-Kuchenteilchen. Anschließend in einem kleinen Museum staunen sie nicht schlecht über gesammeltes Strandgut von vor der Küste gesunkener Schiffe: eine imposante Sammlung Wodkaflaschen aus verschiedenen russischen Booten, aber auch Gummienten, Münzen, Waffen in allen Größen und Stärken, Taucheranzüge, Bauarbeiterhelme, Anker und Flaschenposten.
Am Strand bläst ein heftiger Wind. Eine Spitze einer vereinzelten Sandale lugt aus dem Sand neben einem vom Salzwasser angefressenen und mit Seepocken bewachsenen Holzpfeiler. Es ist Ebbe und die See ist zwei Kilometer entfernt, der Sand bildet kleine Wolken und in Sekunden sind alle ihre Sachen und die Handtücher mit einer Schicht bedeckt. Das Wasser ist heftig aufgewühlt wie gequirlt, aber handwarm.
Sie sind im Wald: hohe amerikanische Kiefern, Heide, Faulbäume, Ginster, amerikanische Eichen, amerikanische Kastanien. Kaum stochert man die erdige Oberfläche weg, ist da schon Sandboden und wieder einmal Pilze: diesmal mit burgunderrotem, fast violettem Kopf und weißem Stiel, die meisten bis zur Unkenntlichkeit von Schnecken zerfressen. Langes Gras wogt hin und her unter den Kiefern hinweg, ein Meer aus Grün, ein Luftstoß dreht die knorpelig grünen Blätter eines Busches nach oben und deckt so ihre weiche, silberweiße Unterseite auf, kühle Schatten des sonnendurchfluteten Unterholzes tanzen hin und her im Takt der Böen, tanzen über die Gräser und Kräuter, die saftgrünen Moosballen. Sie picknicken auf einer Lichtung aus blühendem Heidekraut.
Fuß vor Fuß, Schritt, Schritt, Schritt, das Scheppern des Kleingeldes in der Jacketttasche, buschiges Binsengras in kräftigen Bündeln links und rechts, andere hellgrüne, verdorrte, lange Gräser, es geht einen schönen Weg entlang. Es geht sich ganz weich, angenehm federt es bei jedem Schritt, denn der Weg ist mit einer dicken Schicht trockenen Grases belegt. Jannek spielt mit dem Effekt und denkt, dass wahrscheinlich die Schuhindustrie der ganzen Welt darauf aus ist, dies zu imitieren und fragt sich, ob man das gemacht hat, damit man mit den Fahrrädern garantiert nicht durchkommt oder ob ein anderer, freundlicherer Grund vorliegt. Toshiko und Maud trotten etwas hinterher, Maud überragt ihre Mutter um einen halben Kopf und sie sehen, ihre Köpfe synchron drehend, über das Land, den dahinsegelnden Möwen hinterher. Der Geruch des Heus am Boden ist schwer, aber trotzdem kann man nicht genug davon bekommen, man atmet immer hektischer, um mehr und mehr davon zu erhaschen, eine Mischung aus Tabak und Zirkuszelt, man riecht so viel und nicht ins Leere, sieht so viel, so satt, sieht pink blühenden Klee, ein größeres Gebiet aus knallviolett blühender Heide und danach einige Büsche und dann die blaugrünen Grasballen, die den Sand der Dünen zusammenhalten.
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