Es nutzte recht wenig, dass der Plattenverkäufer nachhaltig beteuerte, es handele sich um rare Importware aus Amerika, in Deutschland praktisch nicht erhältlich. Und außerdem sei das Stück in den Staaten zum Diskothekenhit Nummer Eins avanciert. Drogenrock nenne sich diese neue psychedelisch angehauchte Musikrichtung.
Carl hatte seine Entscheidung längst für sich gefällt, anstelle von Iron Butterfley wanderte an diesem Tag Ssssh . von Ten Years After in sein privates Plattenregal.
Horst hatte sich für Cream entschieden.
Ein Idol stirbt und eine Welt zerbricht
Immer seltener tauchte Elfi in Carls Gedanken auf. Ein paar Mal hatte er sich bei Buddy nach ihr erkundigt. Doch der hatte sie seit ihrer ersten Begegnung im Fantasio auch nicht wiedergesehen. Aus den Augen, aus dem Sinn? Nein! Sie war lediglich in den Hintergrund getreten. Es gibt einfach Dinge, die vergisst du niemals in deinem Leben. Auch nicht das, was dann geschah.
Es traf sie mit der ganzen brutalen Wucht, so wie es diese unfassbaren Schreckensnachrichten über Naturkatastrophen oder so taten, und sie wollten es erst gar nicht so recht glauben, dachten an eine Falschmeldung. Aber es war keine Zeitungsente, sämtliche Erklärungen und Artikel, die über dieses Ereignis berichteten, waren unzweifelhaft echt. Diesmal hatte es einen von ganz weit oben getroffen, einen von den ganz Großen. Sie brachten es als Sensation in den Abendnachrichten.
Brian Jones, Mitbegründer und Gitarrist der Rolling Stones, wurde tot in seinem eigenen Swimmingpool aufgefunden. Er starb mit 27 und hatte den Großteil seines Erwachsenenlebens im Rampenlicht gestanden. Und jetzt ... elendig abgesoffen? Offizielle Todesursache laut Obduktionsbefund: Leberversagen.
Einen Ersatzgitarristen hatten sie bereits am Start. Mick Taylor wechselte von John Mayall’s Bluesbreakers zu den Steinen.
Sie hatten sich für den Abend im Masterpiece verabredet, einer kleinen Vorstadtkneipe mit Stil und guter Musik. Den Bernie kannten sie persönlich. Der war auf derselben Schule gewesen, zwei Jahrgänge über ihnen. Den Laden hatte er direkt nach seinem verkorksten Schulabschluss übernommen und seitdem nichts anderes mehr gemacht. Der Rote. So nannten sie ihn wegen seiner feuerroten Haare.
Gonzo konnte endlich wieder normal zubeißen, hatte seine Zähne überkront bekommen. Und einen kleinen Spitzbart hatte er sich wachsen lassen, wirkte insgesamt verwegener. „Scheiße, er war mein Lieblingsgitarrist“, jammerte er, sah plötzlich hilflos aus und fing an zu flennen.
„Das klingt nicht plausibel, Leute“, meinte Whisky. „Es sei denn, der gute Brian konnte nicht schwimmen. Na ja, werden nie die ganze Wahrheit erfahren.“ Er tippte nachdenklich auf sein leeres Bierglas. „Und was sagt uns das?“
„Noch ’n lecker Pils?“, fragte der Rote.
„Was meinst du, Whisky?“, fragte Carl und stürzte seinen Korn hinunter, der in diesem Fall aufs Haus ging.
„Ja, mach mal, Berni!“ Whisky stutzte. „Sag mal, hast du was mit deinen Haaren gemacht?“, fragte er den Roten.
Alle sahen den armen Bernie an, der aussah, als wäre er direkt an einer 220-Volt-Leitung angeschlossen. Seine Haare standen spiralförmig von der Kopfhaut ab, wie statisch aufgeladen.
„Hab mir ’n neues Shampoo zugelegt“, sagte der Rote. „Sind nur natürliche Zutaten drin.“
„Da siehst du, was dieser Öko-Kram bringt“, meinte Whisky und wendete sich wieder den Jungs zu. „Wo waren wir gleich stehengeblieben?“
„Was sagt uns das?“, half ihm Carl.
„Ach so, ja … Sie sind keine Götter, wollte ich sagen. Sie sind genauso sterblich wie unsereins und jeder andere.“
In den folgenden Wochen drehte sich nur eine einzige Platte auf dem Teller seines Telefunken: After-Math , sein erstes Album von den Rolling Stones. Und jedes Mal bei Lady Jane dachte Carl an Brian. Vielleicht war er das Opfer seines Ruhmes geworden und starb durch Drogen oder fremde Einwirkung. Ein Leben in Berühmtheit und Erfüllung. Dafür kurz. Sehr kurz. War es das wert?
Inzwischen landeten Menschen auf dem Mond, schafften es, sich über zehntausende Kilometer per Funk zu unterhalten, aber sein Zuhause war immer noch ohne Telefon. Und deshalb musste er auf halbem Weg zu Udo wieder umdrehen. Er hatte seinen Wohnungsschlüssel auf dem Flurtisch vergessen. Ein kurzer Anruf hätte alles klären können. Schlüssel unter die Fußmatte und fertig.
Abgehetzt erreichte er sein Ziel. Er hatte sich verspätet. Udos Gartenparty war bereits in vollem Gange. Von weitem hörte er Musik, die aus dem Garten des Einfamilienhauses herüberwehte. Ein Plattenweg führte ihn entlang der Hauswand zur Terrasse der Meyers. Carl öffnete zwei weitere Knöpfe seines bunt gestreiften Oberhemdes. Schweißgebadet war er. Und gespannt, wer alles gekommen war.
Nach diesem heißen Tag hatte es sich nicht merklich abgekühlt, selbst am Abend herrschten immer noch Temperaturen wie in einem Backofen.
Er warf einen letzten Kontrollblick auf die Beinausschnitte seiner Bluejeans. Die Schuhspitzen waren nicht mehr zu sehen, so war es in Ordnung. Er hatte die Stoßkanten der Hosenbeine in Heimarbeit abgeschnitten, den Jeansstoff ausgefranst wie bei einem Perserteppich.
Eine ganze Woche hatte es gedauert, bis ihn sein alter Herr mit der neuen Kreation erwischt hatte. Mann, hatte der vielleicht getobt!
Klar, eine original Levis kostete fast einen ganzen Wochenlohn. Alternativen gab es nicht. Äußerstenfalls, und nur im Notfall, eine Wrangler. Doch das war eher eine Glaubensfrage zwischen der Levis- und der Wrangler-Fraktion. Carl hatte immer das Gefühl, in einer Wrangler wie eine eingepresste Wurst auszusehen und hielt seiner Levis die Treue.
Er zupfte seinen Hemdkragen gerade und dehnte seine Nackenmuskeln nach rechts und nach links. Vorbereitungen, als empfange er in wenigen Sekunden einen wichtigen Filmpreis oder so was. Dann folgte er entschlossen dem zunehmend stärker werdenden Geräuschpegel.
Eine Kette aus bunten Lampions baumelte unter der Pergola aus Lärchenholz. Lichtreflexe hüpften über den Terrassenboden aus unregelmäßigen Bruchsteinen. Udo hatte seine Stereoanlage draußen aufgebaut. Carl stellte seine Schallplatten zu den übrigen unter den Gartentisch. Niemand beachtete ihn, als hätte er sich mit einer Tarnkappe unsichtbar gemacht.
Überall hatten sich Grüppchen gebildet, waren Mädchen und Jungs in Gesprächen verwickelt. Auf dem Plattenteller drehte sich eine Platte von den Doors. Die Anlage, bis zum Anschlag aufgedreht, spielte nicht rund. Eine einzige Brumm- und Kratzorgie. Carl regelte Lautstärke und Bassfundament einen kleinen Tick zurück. Der Ton wurde klarer und differenzierter. Keiner hats gemerkt.
Sogar Whisky war gekommen. Inmitten einer Traube aus weiblichen Verehrerinnen entdeckte Carl ihn und wunderte sich über die Anziehungskraft, die der verdammte Casanova auf die Mädchen der Parallelklasse ausübte. Die Szenerie wirkte, als habe er seinen kompletten Hofstaat um sich versammelt. Dabei sah er mit der Prinz-Eisenherz-Frisur und seinem Fu-Manchu-Bärtchen eher aus wie ein Minnesänger, dem seine Laute abhandengekommen war.
Die bläulichen Flammen des kleinen Campingkochers züngelten sternförmig und unermüdlich gegen die Unterseite eines viel zu großen Emaille-Topfes. Carl musste schmunzeln. Diese ausrangierten Monstertöpfe wurden früher zum Einkochen von Obst und Gemüse benötigt und hatten in modernen Zeiten wie diesen endgültig ausgedient. Wer kochte noch auf Kohleöfen?
Carl hob den Deckel ab, sah massenhaft Würstchen darin herumdümpeln. Einige waren bereits aufgeplatzt. Er verspürte noch keinen Hunger.
Die Mädchen trugen verlockend kurze Röcke, darüber Gürtel aus Skai, so breit wie Autoreifen. Sie waren zwischen 16 und 18. Obgleich hautenge Jeans-Hosen ihren besonderen Reiz besaßen, gefielen Carl diese neuen Miniröcke um Längen besser. Doch merke dir eins: nur angucken, nicht anfassen!
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