Die arme Frau. Als Udos Vater vor zwei Jahren bei einem Arbeitsunfall ums Leben kam, hatte sie einen Nervenzusammenbruch gekriegt, war völlig am Ende. Udo hat in dieser Zeit oft die Schule geschwänzt. Frau Meyer hatte ihr Leben wieder in den Griff bekommen, arbeitete seit kurzem halbe Tage in der Miederwarenabteilung bei Hertie, kümmerte sich um Udos jüngere Schwester Manuela und schmiss nebenher den ganzen Haushalt; bis auf den Garten des schicken Einfamilienhauses, dessen Pflege Udo übernehmen musste.
Allmächtiger, wie sie ihn angeglotzt hatte, und mit welcher Betonung sie seinen Namen ausgesprochen hatte? Scharrlie.
Er warf einen bewundernden Blick auf ihren Alfa Romeo, als sich der Himmel einen Spalt breit öffnete und die Sonne für die Festbeleuchtung sorgte. Roter Autolack, perlende Regentropfen und das tiefstehende Gegenlicht, eine perfekte Inszenierung, dem Zufall entsprungen.
Die feuchte Siedlungsbegrünung glitzerte samtig in der Sonne, in der Ferne ein alles überspannender gigantischer Regenbogen. Und wieder schlug das Wetter Kapriolen, Carl musste sich beeilen, neue Regenwolken verdunkelten den Himmel.
Bei Horst hatte er an diesem Tag mehr Glück. Frau Nadolny öffnete die Tür, und der Duft von gebratenen Kartoffeln erinnerte ihn daran, dass er seit dem frühen Morgen nichts wieder gegessen hatte.
Carl begrüßte Horsts Vater, mit dem er gerne über die alten Fußballzeiten und so Sachen quatschte. Oft genug hatte der alte Herr seine Fotoalben hervorgekramt und stolz die vergilbten Schwarz-Weiß-Fotografien aus der Zeit gezeigt, als er die Liga bei Westfalia gerockt hatte.
Während Udo, Gonzo und Carl auf so eine verfluchte Realschule gingen, besuchte Horst verdammt noch mal das Gymnasium. Bildungstechnisch trennten sie ganze Welten. Klamottentechnisch waren sie auf demselben Level, und was die anderen Dinge des Lebens betraf, sowieso.
In Horsts Zimmer bogen sich die Regale unter der Last von mehreren hundert Büchern. Carl zog wahllos eines heraus und drehte es in seiner Hand. A.S. Neill, Summerhill – Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung .
„Antiautorität. Wie das klingt.“, sagte Carl nachdenklich. „Ist so ’ne Art Modewort, oder? Antiautorität in der Ehe, in der Schule, in der Familie, auf der Arbeit, Antiautorität allerorten.
„Das Buch kannst du von mir aus mitnehmen“, meinte Horst. „Alle Welt redet darüber, jeder hat es, niemand hat es zu Ende gelesen.“
„Nein, danke“, sagte Carl und starrte in die türkisblaue Skalenbeleuchtung des Marantz-Receivers, um den er Horst beneidete. Das obligatorische Poster von Che Guevara fehlte in Horsts Zimmer ebenso wenig wie der kackende Frank Zappa, der vom Donnerbalken auf sie herabblickte.
Die Musik von Otis Redding passte sich der Weltuntergangsstimmung an. Der peitschende Regen, der mit unvermittelter Wucht gegen die Fensterscheiben prasselte, verstärkte das Meeresrauschen bei Sittin‘on the dock of the bay um ein Vielfaches. Man hätte glauben mögen, die wilde See brach sich direkt vor Horsts Haustür.
Erst sprachen sie über Drogen. Später über Mädchen.
Sie erinnerten sich an diese Fete im Jugendheim, bei der Carl sich bis auf die Knochen blamiert hatte. Es waren die allerbesten Voraussetzungen: heruntergeregelte Notbeleuchtung wie in einem U-Boot auf Schleichfahrt und ein langsames Stück von den Walker Brothers .
Carl tanzte mit Karin den Klammerblues. Erst ein kleines Vorspiel, Knutschen mit Zungenschlag und so, und dann glaubte er, den passenden Moment erwischt zu haben. Mit seinen Händen tastete er genau die Teile ihres Körpers ab, die letztendlich den gravierenden Unterschied zwischen Männlein und Weiblein ausmachen. Die Sache lief irgendwie aus dem Ruder. Wie einen Killerhai hatte sie ihn angeglotzt, ihn lauthals aufgefordert, seine dreckigen Finger bei sich zu behalten. Ihre Brüllerei war bis in den letzten Winkel des Saales zu hören. Und als Kalle am Plattenteller die Scheinwerfer auf die beiden Tänzer gerichtet hatte, rannte sie heulend zu ihren Freundinnen.
Er hatte den Durchblick nicht behalten. Nur weil die Röcke der Mädchen von Tag zu Tag kürzer wurden, war das lange keine Aufforderung, sich von jedem dahergelaufenen Deppen befummeln zu lassen. Da beißt die Maus keinen Faden ab.
Sie quatschten bis in den Abend hinein. Irgendwann hatte der Regengott ein Einsehen und legte eine Pause ein. Carl nutzte die Gelegenheit und machte sich wieder auf den Heimweg.
Die Verlockung des schwarzen Vinyls
„Kann ich mal in die Neue von Jefferson Airplane reinhören?”, bat Carl, und der Verkäufer zog ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter.
„Das ist jetzt schon die fünfte Platte, wollt ihr euch nur bei mir aufwärmen oder auch was kaufen?”, beschwerte sich der Mann und reichte die schwarze Vinylscheibe über den Ladentisch.
Der Laden nannte sich nach dem Produkt, das er verkaufte: Die Schallplatte . Verkaufen, nicht kostenlos hören. Ab einem bestimmten Zeitpunkt, und der war im Voraus schwer abzuschätzen, hatte die Geduld des verständigsten Verkäufers ein Ende.
„Ich kann mich heute nicht entscheiden“, entschuldigte sich Carl und eilte zum nächsten freien Plattenspieler.
Horst stand Carl direkt gegenüber, zwischen ihnen lag verlockende Musik, gepresst und für die Ewigkeit konserviert auf Vinyl, Buchstabe K wie Kinks bis Buchstabe S wie Small Faces .
Carls bester Freund war ebenfalls 16. Er wirkte ständig gehetzt, so als sei er vor irgendetwas auf der Flucht. Ein Eindruck, der durch sein großes Körpermaß und den zerzausten Haaren verstärkt wurde. Mit diesen dickgepolsterten Kopfhörern auf dem Kopf sah Horst aus wie Charlie Watts im Tonstudio.
Horst spielte meist die progressiven Sachen: Cream, Doors, Fairport Convention und so Zeugs, permanent auf der Suche nach neuen Klängen.
„Ey, Alter, das gibts doch nicht, das Album musst du dir unbedingt reinziehen”, rief Horst verzückt, und zwar in einer Lautstärke, als sei Carl taub. Dabei wippte sein Kopf weiter im Takt der Musik auf und ab wie die Bohrpumpe eines Förderturmes. „Ich sag dir, das macht dich fertig“, setzte er nach.
Ein Dutzend Köpfe drehten sich gleichzeitig und vorwurfsvoll in Horsts Richtung. Grinsend zeigte ihnen Carl die zum V gespreizten Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand, das Zeichen für Victory. Der Hippiegruß, der symbolisch für Love & Peace stand, hatte sich inzwischen bei ihnen eingebürgert. Unter Gleichgesinnten gehörte er zum gängigen Begrüßungsritual, und wenn ihnen danach war, beglückten sie auch Spießer mit diesem Gruß.
Carl gab Horst zu verstehen, die Kopfhörer abzunehmen, mit diesen Dingern auf dem Kopf spricht keiner in Normallautstärke. Das hätten die Heinis, die verständnislos ihre Köpfe schüttelten wie diese dämlichen Wackeldackel, wissen müssen.
Die weibliche Angestellte hinter der Ladentheke lächelte Carl verschmitzt an. Süß, die Kleine, mit frechem Pagenkopf. Carl warf ihr einen Handkuss rüber und sie antwortete mit einem vergnügten Augenzwinkern.
Was Horst so in Verzückung versetzte? Eine Platte von Iron Butterfley: In-a-gadda-da-vida . Das Album enthielt auf der zweiten Seite nur ein einziges Musikstück von über siebzehn Minuten Länge. Das war vollkommen neu. Bislang betrug die Spieldauer der Titel in der Regel nicht mehr als drei bis vier Minuten. Neu war auch dieses blitzsaubere und bis dahin in seiner Länge ebenfalls ungewöhnliche Schlagzeugsolo im Mittelteil der Komposition. Es rief bei Carl eine Gänsehaut hervor. Die Nackenhaare stellten sich auf. Ganze drei Minuten flattern die Beats durch den Stereoraum. Mitten durch deinen Leib.
Carl kaufte das Album nicht. Warum? Weil die andere Plattenseite aus lauter musikalischem Füllmaterial bestand. Zwanzig Eier für eine halbe Platte? Und dieser lächerliche Text ... In-a-gadda-da-vida hieß nichts anderes als: Im Garten des Lebens. Vielleicht konnte es auch noch anders übersetzt werden. Im Garten Eden, das war auch eine Möglichkeit.
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