Whisky verdrehte gelangweilt die Augen, während er ein Stückchen Pappe aus einer leeren Zigarettenschachtel herausriss und daraus einen provisorischen Filter bastelte.
„Die Alte wickelt den guten John um den Finger, so wie sie ihn haben will“, sagte Udo jetzt. „Ich weiß gar nicht, was der an dieser Yoko Ono findet, ich meine, die sieht doch echt scheiße aus? Oder?“
„Es geht so“, meinte Carl. „Sieht nur 10 Jahre älter aus als der gute John.“
„Hat jemand Blättchen?“ fragte Whisky in die Runde. „Und könnt ihr bitte über etwas anderes reden?“ Er war genervt, offenbar ging es ihm nicht flink genug.
Udo kramte aus seiner Armeetasche ein Päckchen Zigarettenpapier und reichte es über den Tisch.
„Die benutzt ihn nur“, schaltete Buddy sich ein und strich sich mit den Fingerspitzen durch sein dichtes krauses Haar. „Der Frau geht es doch nur um die eigene Karriere. Wenn das man nicht der Anfang vom Ende ist.“
„Was meinst du damit?“, fragte Gonzo.
„Na ... das Ende für die Beatles.“
Whisky befeuchtete die Gummierung eines von zwei Blättchen mit seiner Zunge und klebte sie leicht diagonal aneinander, ein drittes setzte er quer dagegen. „Jetzt will ich euch was erzählen“, sagte er und legte den von Hand gerollten Filter in das überdimensionale Zigarettenpapier. „Die Beatles, die machen nie Schluss, die spielen noch zusammen, wenn sie im Altersheim sitzen, verlasst euch drauf.“
Kein Kommentar.
Whisky füllte die freie Papierfläche mit Tabak aus und erwärmte das Piece erneut mit dem Feuerzeug. Sobald es weich genug war, bröselte er etwas von der zähen Masse in das vorbereitete Tabakbett. Fingerfertig drehte Whisky eine, wie er es nannte, Tüte aus den Zutaten, am Ende des Filters dünn und nach oben hin immer breiter werdend. Das überstehende Papier am oberen Ende zwirbelte er zusammen und formte einen kleinen Papierdocht daraus. Fertig.
„Wer will?“ fragte Whisky und präsentierte den Joint als hätte er eine Miniaturbombe zusammengesetzt.
„Mach du selbst“, stammelte Gonzo, „hab so ’n Ding noch nie zwischen den Fingern gehabt.“
Nachdem Whisky die Spitze des Joints mit seinem Feuerzeug angebrannt hatte, klemmte er das Filterstück zwischen Zeige- und Mittelfinger, schloss die Hand zu einer Faust und nahm einen tiefen Zug durch die Öffnung zwischen Daumen und Zeigefinger. Er schloss seine Augen und spannte Kopf und Oberkörper leicht nach hinten. Auf diese Weise schluckte er den Rauch förmlich in sich hinein. Nach einer kleinen Ewigkeit stieß er den Qualm mit einem schnaubenden Geräusch durch die Nasenlöcher wieder heraus. Einen tiefen Zug später reichte er den Joint an Carl weiter.
Vor diesem Augenblick hatte sich Carl lange genug gefürchtet. Aussteigen ging nicht mehr. Und außerdem war er neugierig. Echt neugierig. Er machte alles richtig, genauso wie Whisky es vorgemacht hatte. Die erhoffte Wirkung indes blieb aus. Dafür bekam er einen Hustenanfall, und ihm wurde etwas übel, sonst nichts. Von Bewusstseinserweiterung und Trancezustand keine Spur.
Während der Joint in der Runde von einem zum anderen kreiste, achteten sie auf Whiskys Anweisungen.
„Verliert unterwegs bloß keine Asche! Die muss, solange es geht, dranbleiben. Die kostbaren Inhaltsstoffe sind da noch drin, müsst ihr wissen.“
Also wurde die rauchende Tüte nur ganz vorsichtig und mit äußerster Sorgfalt weitergereicht, wie eine Stange mit hochexplosivem Sprengstoff.
Udo verhielt sich professionell. Während er die Augen zusammenkniff und die Zähne aufeinander biss, inhalierte er so tief wie möglich. Dann lehnte er sich entspannt zurück und entließ den Rauch langsam aus der Nase.
Dagegen benahm sich Gonzo recht albern. Nach dem ersten Zug fing er an zu kichern und verdrehte die Augen, als wolle er in der nächsten Sekunde gen Himmel schweben.
Carl bezweifelte, dass der Stoff eine derartige Wirkung entfalten konnte, Gonzo spielte ihnen etwas vor, das war mehr als offensichtlich, und sie spielten sein Spielchen mit. Darum ging es letztendlich. Sie wollten sich irgendwie ausklinken, über den Wolken schweben, so richtig ausflippen, egal wie. Ein bisschen Schau ... Na wenn schon, war doch nichts dabei.
Buddy hatte einige Erfahrungen mit Drogen, prahlte ständig damit herum, was er alles so ausprobiert hatte. Er unterbrach sein Gespräch mitten im Satz für einen tiefen Zug aus der Tüte und redete sofort weiter. Den Rauch behielt er in der Lunge und schickte ihn mit jedem gesprochenen Wort stoßweise wie eine Dampflokomotive wieder hinaus. Gott, sah das vielleicht aus.
Der Joint zirkulierte. Sein beißender Geschmack hatte Carl durstig gemacht. Er öffnete eine Flasche Bier mit dem Feuerzeug und trank sie in zwei oder drei Zügen leer. Die Stimmen um ihn herum wurden gedämpfter, verflüchtigten sich in die Tiefe des Raumes, bis nur noch ein leises Murmeln zu hören war.
Musik dringt immer deutlicher an sein Ohr, wird lauter und lauter, es ist Street Fighting Man von den Rolling Stones. Er wiegt seinen Körper im Takt des Songs. Die Membranen in den Boxen wölben sich auf und ab, dem Platzen nahe. Licht. Blendendes Licht. Der Aschenbecher steht in hellem Flammenschein. Ein Knall. Scherben fliegen über den Tisch. Gurken kullern auf den Boden, und in dem Saft aus Essig schwimmt ein Tabaksbeutel wie ein gekentertes Schiff. Gekicher. Carl will sich eine Zigarette drehen und greift ins Leere, der Tabak ist weg, fortgespült. Im Schein der Flammen verschwimmt das Spiegelbild von Che Guevara in der Flüssigkeit. Che brennt, es lebe die Revolution. Von weit weg beängstigendes Geschrei. Er hört seinen Namen, und er will antworten, formt seine Lippen zu klanglosen Worten. Seine Stimme versagt. Die Musik wird leiser. Das Karussell hält an. Er blickt in grinsende Gesichter. Er hört Stimmen. Er hört Factory Girl von den Stones. Er hält etwas in der Hand.
„Hey, Charly, gehts wieder?“ Es war Buddy, der kräftig seinen Oberarm schüttelte.
Für den Zeitraum einer weiteren Umdrehung versuchte Carl, den Überblick zurückzugewinnen, strich seine schwarze Haarmähne aus dem Gesicht. Und plötzlich war alles wieder klar.
Sie saßen gemeinsam in Whiskys Wohnung und rauchten einen Joint. Zuerst blickte er in Whiskys grinsendes Gesicht und dann auf das Plattencover, dass er immer noch fest in der Hand hielt: Rolling Stones, Beggars Banquet . Und das Klo auf dem Klappcover erinnerte ihn an die Zustände im Fantasio. Dann grinste er wie ein Honigkuchenpferd oder so.
„Alles klar, Leute. Mit mir ist alles in Ordnung, hatte nur einen kleinen Durchhänger“, sagte er so ruhig wie möglich. „Hab alles unter Kontrolle. Wirklich. Mir war bloß ein bisschen schwindelig, sonst nichts. Aber der Stoff ist echt spitze, Leute.“
Ein bester Freund ist ein Geschenk des Himmels
Regen, Regen, Regen. Monoton gurgelte das Wasser aus den Dachrinnen durch die Abfallrohre. Ohne Unterbrechung. Meine Güte, konnte denn niemand diesen gottverdammten Regen abstellen? So ein trüber Nachmittag war die reinste Qual, zumal Carl seine Platten in- und auswendig kannte. Er musste raus, auch wenn es draußen weiter wie aus Kübeln schüttete.
Was er dringend brauchte: einen Leidensgenossen zum Reden. Warum konnte er sie nicht aus ihren Löchern hervorlocken? Mit Rauchzeichen oder Buschtrommeln. Wer besaß schon ein Telefon? Udos Mutter, aber sonst …
„Hallo Scharrlie, Udo ist nicht zu Hause, der besucht seinen Opa“, erfuhr er an der Haustür seines Kumpels. Und dann fragte er sich, warum Udo das nicht bereits morgens in der Schule sagen konnte. Natürlich wollte Udo seinen Opa anzapfen, ganz klar. Carl musste schmunzeln. Warum nur hatte ihn Frau Meyer so seltsam angesehen? Und dies vertraute Charly … Alle Erwachsenen nannten ihn Carl, so wie es in seinem Ausweis stand.
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