„Ich kann mir vorstellen, dass die AoWestas nicht begeistert waren“, sagte Jerusha gepresst.
„Nicht begeistert? Sie waren außer sich. Und als sie nach den Urhebern des Protests forschten, klopften sie auch an unsere Tür. Als sie fragten, ob unser Sohn damit etwas zu tun habe, ob er es ausgeheckt habe, hörte ich mich ´Ja´ sagen, ich weiß heute noch nicht, was mir dieses Wort entrissen hat. Die Soldaten sahen mich seltsam an, sie konnten wohl kaum glauben, dass ich das so einfach zugeben würde. Ich versuchte noch, die Tür zuzuschlagen, aber nun zögerten sie nicht länger, drängten mich beiseite und stürmten unser Haus.“ Kalas Mund bebte, und es dauerte einen Moment, bis sie weitersprechen konnte. „Thimmes wehrte sich verzweifelt, aber die Soldaten schlugen mit Eisenstangen auf ihn ein und brachen ihm schließlich beide Arme, um seinen Widerstand zu überwindenbrechen. Sein Gesicht, seine Kleidung, alles war voller Blut. Ich weinte und weinte, und am Schlimmsten war Thimmes´ Blick, als er – noch als sie ihn mitnahmen – erfuhr, dass ich ihn verraten hatte. Das werde ich nie vergessen. Es war das letzte Mal, dass ich ihn sah. Er wurde erst gefoltert und dann hingerichtet.“
Tränen rannen aus den Augen ihrer Großmutter, zogen glänzend feuchte Spuren über ihre Wangen, tropften auf den Tisch. Jerusha nahm ihre zitternde Hand, hielt sie fest. Und blickte unwillkürlich hinüber zu ihrer Mutter. Wie alt war sie gewesen, als sie das miterlebt hatte? Kein Wunder, dass sie heute nur noch ein grauer Schatten war.
Ich hatte also mal einen Onkel , ging es Jerusha durch den Kopf. Warum haben sie nie von ihm gesprochen? Wäre es zu schmerzhaft gewesen?
Ein paar Mal setzte ihre Großmutter zum Sprechen an, doch ihre Lippen bebten so stark, dass sie kein Wort mehr herausbrachte. Schließlich stand sie vom Tisch auf, ging zu der Holzbank unter dem Fenster und setzte sich dorthin, die Hände im Schoß gefaltet, den Blick auf den Boden geheftet. Jerusha ging zu ihr, legte ihr den Arm um die Schultern, doch ihre Großmutter ließ nicht einmal erkennen, ob sie das überhaupt bemerkte.
Schließlich kehrte Jerusha an den Tisch zurück und setzte sich ihrer Mutter gegenüber. Als sie den Kopf hob, trafen sich ihre Blicke, und das Lampenlicht ließ die braunen Augen ihrer Mutter einen Moment lang aufglühen. Sie saß aufrechter als zuvor, und einen flüchtigen Moment lang wirkte sie stolz und selbstbewusst. Jerusha bekam eine Ahnung davon, wie sie früher gewesen sein musste. Wieder war sie erschrocken darüber, wie ähnlich sie sich sahen. Sieht Mutter ein jüngeres Ich in mir, wenn sie mich so anblickt?
Einen Moment lang maßen sie sich schweigend. Dann begann ihre Mutter Myrial zu erzählen.
„Ich mache es kürzer“, sagte sie hart. „Es ist traurig genug. Ich wusste nichts von dem Fluch; als er ausgesprochen wurde, war ich gerade im Vorratskeller der Faunenmühle und schleppte zwei Krüge Wein nach oben. Und Mama – deine Großmutter Kala – erzählte uns nichts davon. Aber wir drei Töchter spürten ihn alle: Sarial, Rikiwa – die kleine Rikki nannten wir sie meistens – und ich.“
Jerusha nickte. Ihre Tante Sarial war die Zwillingsschwester ihrer Mutter gewesen. Irgendwann hatte Jerusha erfahren, dass sie gestorben war, doch über die Ursache war nie geredet worden. Von Rikiwa hatte ihre Mutter noch seltener gesprochen.
„Wir waren alle hübsche, lebhafte Mädchen und heirateten jung“, fuhr ihre Mutter fort. „Aber das Ende kam bald. Sarial ließ sich mit einem fahrenden Sänger ein, obwohl ihr Mann ihre große Liebe war. Ihr Gatte ertappte sie, tötete den Sänger und verstieß Sarial. Sie brachte sich um. Kalas Schwester und meinen Cousinen erging es ebenfalls schlecht, eine von ihnen verlor durch das, was der Fluch ihr antat, den Verstand, die anderen das Herz.“
So ist das also gewesen. Und du? Was ist mit dir und Vater geschehen? Jerusha wollte es fragen, doch ihr Mund fühlte sich staubtrocken an und ihre Zunge lag so starr in ihrem Mund, als sei sie aus Holz geschnitzt.
Nein, ihre Mutter weinte nicht. Doch auf einmal waren ihre Augen wieder so tot und leer wie zuvor. So, wie Jerusha es kannte. „Dein Vater Josuan war der Mann, den ich liebte, Jerusha. Der Einzige – es gab keinen anderen für mich. Wir waren glücklich. Und doch habe ich versucht, ihn umzubringen. Gerade auf der Welt war Liri damals, als es passierte, und du warst neun. Ich habe das nicht gewollt, und ich kann es mir nicht erklären. Es wird dich sicher nicht wundern, dass Josuan mir nicht glaubte. Er ging davon, sobald er wieder gesund genug war, und von meinem Leben ist nicht viel geblieben.“
„Wie? Wie hast du es versucht?“, fragte Jerusha, und sie hörte selbst, dass ihre Stimme kraftlos klang, kaum hörbar. „Ihn zu töten?“ Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie ihre Mutter mit einem Messer in der Hand auf ihren Vater einstach. Hatte sie versucht, ihn zu ersticken? Oder ihm Gift ins Essen gemischt?
Doch ihre Mutter schüttelte stumm den Kopf, verweigerte die Antwort.
Immerhin, Jerushas Vater hatte überlebt. Einmal im Jahreslauf – immer dann, wenn Jerushas Mutter gerade Verwandte besuchte – kam er noch immer in Loreshom vorbei. Groß und blond war er und Liriele so ähnlich, dass es wehtat. Und so war es auch immer Liri, mit der er zusammen lachte und spielte, die er an sich drückte und herumwirbelte. Woran dachte er, wenn er das kleine dunkel gelockte Mädchen anblickte, das sich höflich im Hintergrund hielt? Daran, wie ihre Mutter auf ihn losgegangen war?
Mühsam versuchte Jerusha, ihre Gedanken zu ordnen und gleichzeitig ihre Tränen zurückzuhalten. „Als du ihm von dem Fluch erzählt hast, hat er es auch dann nicht geglaubt?“
„Nein.“ Das bittere Lachen, das ihre Mutter ausstieß, ließ Jerusha schaudern wie ein kühler Luftzug in ihrem Nacken. „Er glaubt ja nicht mal daran, dass es noch Drachen oder Greifen gibt. Ich aber habe welche gesehen, nicht nur einmal, und ich habe ihm auch davon erzählt. Doch die Wahrheit hat ihren eigenen Geschmack. Wem sie nicht mundet, der verschmäht sie einfach.“
Jerusha hatte das Gefühl, jetzt nichts Weiteres mehr ertragen zu können. Ihr Herz fühlte sich an, als müsste es jeden Augenblick in einem klebrigen, dunklen Sumpf untergehen. Nichts wie weg hier. Sie musste jetzt allein sein, und nachdenken. Jerusha stand auf, ging mit festen Schritten zur Tür und spürte den Boden kaum, über den sie ging. Doch dann fiel ihr noch etwas ein, und sie zögerte, drehte sich um. „Und was ist aus meiner dritten Tante geworden?“, wollte sie fragen, doch einen Moment lang musste Jerusha in ihrem Gedächtnis nach dem Namen suchen, den sie noch nicht oft gehört hatte. „Rikiwa?“
„Sie ist die Einzige, die verschont geblieben ist“, sagte ihre Mutter, und fügte trocken hinzu: „Was vielleicht daran liegt, dass sie keine Männer liebt, sondern Frauen.“
Jerusha hatte sich nur schnell einen Umhang übergeworfen, aber nicht daran gedacht, eine Laterne mitzunehmen. Blindlings, ohne bestimmtes Ziel, taumelte sie durch die Dunkelheit, die schwach von einem Halbmond erhellt wurde. Kein Zweifel, den Fluch gibt es wirklich. Gnädige Shimounah, ich muss es Dario sagen! Er muss es wissen, und zwar bald. Vielleicht lacht er nur darüber. Vielleicht bekommt er Angst. Unsere Hochzeit? Vielleicht gibt es keine. Und wir können unseren Freunden nicht mal sagen, warum. Niemand darf es wissen. Ich könnte die Blicke nicht ertragen, und das Mitleid, und ich müsste ohne Liebe leben bis zu meinem Tod, weil kein Mann wagen würde, sich mit mir einzulassen.
„Lady Jerusha. Eine gute Nacht wünsche ich Euch.“
Jerusha erschrak, ihr Gedankenstrom stockte und entglitt ihr. Vor ihr löste sich eine Gestalt aus der Dunkelheit und kam langsam auf sie zu; der herbe Geruch von Eichenteer stieg Jerusha in die Nase. Doch auch ohne diesen hätte sie schon gewusst, wer da kam. Nur Gorias redete sie mit Lady und Ihr an, und so mancher im Dorf machte sich darüber lustig. Gorias war für die Eichen verantwortlich, die in den Sümpfen etwas außerhalb des Ortes gediehen, und ritzte ihre fast schwarze, zerfurchte Rinde an, um ihren Saft zu gewinnen. Auch jetzt konnte sie im Licht des Mondes erkennen, dass er in jeder Hand einen der schweren, klebrigen Teereimer trug, selbst in der linken, die verkrüppelt war, als sei sie ihm irgendwann verdorrt.
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