Kiéran nickte langsam. Das passte mit dem zusammen, was Gerrity erzählt hatte. Im Archiv, da verbringt er manchmal den halben Tag und liest einfach, Stapel von Büchern um sich herum, eins dicker als das nächste . Das muss man gesehen haben, wie zärtlich der die Dinger anfasst!
„Ich begreife noch nicht ganz, wie das alles zusammenhängt. Das Oscurus und die Schwarzen Spiegel.“
„Die Spiegel sind der sichtbare Teil des Oscurus, durch sie ist es uns Menschen möglich, seine Energie zu erschließen und einen Blick in das Wesen der Dinge zu werfen.“
Doch es war nicht nur das, was Kiéran interessierte. „Wie seid Ihr eigentlich hier gelandet, Dinesh? Oder ist das eine Frage, die sich nicht schickt?“
„Eigentlich schon.“ Dinesh klang amüsiert. „Aber Ihr bekommt trotzdem eine Antwort. Ich entstamme einer edlen Familie; der Name meines Clans tut hier nichts zur Sache. In meinem achtzehnten Sommer ritt ich mit Verwandten und Verbündeten von unserer Heimat Ufardi zu einem wichtigen Treffen in der Nähe von Rus Laerd.“
„Lasst mich raten. Ihr seid nie dort angekommen.“
„Genau. Wir kamen an diesem Tempel der Schwarzen Spiegel vorbei, und ich wurde neugierig, was sich hinter den Mauern verbergen möge. Nun, ich bekam eine kleine Ahnung davon, und blieb.“
So so, Dinesh stammte also aus Larangva, dem Fürstentum an der Küste des Südlichen Meeres; an seiner Art zu reden merkte man das nicht. Ein warmes Gefühl durchflutete Kiéran. In seiner Erinnerung nahm das lebensstrotzende Larangva, das für seine Hafenstädte, Silberschmieden und Obstplantagen bekannt war, einen besonderen Platz ein; von seinem zehnten bis zu seinem fünfzehnten Sommer hatte er dort gelebt. Diese Zeit hatte sein Leben geformt, im Guten wie im Schlechten. Doch dann war sein Vater – ein Abgesandter Yantosis – in eine andere Gegend beordert worden. Und wieder einmal hieß es Abschied nehmen, wie schon so oft. Nie zuvor war ihm das so schwer gefallen.
Kiéran zwang sich, die Erinnerung wegzuschieben, und konzentrierte sich wieder auf Dinesh. „Wie haben Eure Verwandten reagiert? Es muss ein Schock gewesen sein für sie.“
„Sie versuchten mich erst durch Überredung, dann mit Zwang zurückzuholen.“ Dinesh seufzte. „Es gab ein Gefecht. Doch die Priester setzten sich durch, und ich durfte bleiben. Das ist nun zwanzig Jahresläufe her.“
Kiéran hob die Augenbrauen. Die Priester hatten es geschafft, dem Angriff eines mächtigen Familienclans zu trotzen?
Mit einem Moment Verzögerung merkte Kiéran, dass Dinesh stehengeblieben war. „Wir sind jetzt vor dem Archiv. Ich werde noch eine Weile alte Schriften studieren. Findet Ihr selbst zu Eurem Quartier zurück?“
Kiéran war verblüfft; aber es gefiel ihm, dass Dinesh ihn nicht wie einen Krüppel behandelte. „Ja, das schaffe ich schon.“
„Dann wünsche ich Euch eine gute Nachtruhe. Und glaubt mir, wir suchen wirklich nach einem Weg, Euch zu helfen.“
Widerstreitende Gefühle zerrten an Kiéran. Gab es tatsächlich eine Chance für ihn? Zumindest erschien das jetzt nicht mehr unmöglich. Aber wie hoch war der Preis für diese Hoffnung?
Egal. Dineshs Worte waren aufrichtig, und das war genug für den Augenblick.
„Danke“, sagte Kiéran ruhig. „Das weiß ich zu schätzen.“
Jerusha überlegte, ob sie noch einen Umweg durch Mandeth machen sollte, um sich von Goram TeRulius zu verabschieden. Nötig war das nicht, sie hatte ihm schon eine Nachricht zukommen lassen. Und schließlich entschied sie sich dagegen, noch einmal beim Tempel vorbeizureiten. Es würde wehtun. Sehr. Ich will nicht sehen, wie dort alles ohne mich weitergeht.
Stattdessen ritt sie nach Nordwesten. Sie hatte vor, sich über Selwys der Fähre über den Benar zu nähern, der sich nur ein paar Meilen weiter zum riesigen Fürstin-Jolissa-See erweiterte. Wenn sie sich beeilte, konnte sie übersetzen und ihre erste Nacht fern von daheim schon in Benaris verbringen. Eigentlich unfassbar, dass sie noch nie jenseits der Grenze gewesen war.
„Verehrteste, wenn Ihr nicht so schnell reiten würdet, käme ich viel leichter mit“, ertönte plötzlich eine Stimme direkt neben ihrem Ohr.
Jerusha ruckte vor Schreck an den Zügeln, Amadera machte einen Satz und ihre Reiterin wäre um ein Haar würdelos heruntergefallen. „Grísho! Wo steckst du?“
„In diesem erfrischenden Morgenschatten. Und so schön groß ist er. Sind Pferde nicht herrliche Tiere?“ Grísho machte sich nicht die Mühe, eine eigene Silhouette zu bilden, sondern erlaubte sich den Witz, den Schatten von Amaderas Maul für sich sprechen zu lassen.
Jerusha lächelte. „Absolut. Und ein sprechendes Pferd wollte ich schon immer. Aber noch lieber hätte ich mit dir geplaudert, als ich auf dem Fir Evarn saß.“
„Bist du sicher? Mir schien eher, du wolltest allein sein, meine Liebe.“
„Stimmt auch wieder. Sehr rücksichtsvoll. Weißt du Bescheid über den Fluch?“
„Nicht in allen Einzelheiten, nur hier und da habe ich ein paar Worte aufgeschnappt. Du weißt, die Höflichkeit hält mich davon ab, eure geschätzten Wohnstätten zu besuchen.“
„Das ist edel und gut von dir. Nicht jeder mag Schattenspringer im Haus, auch wenn sie keinen Dreck machen.“ Jerusha war froh, dass sie Grísho rechtzeitig abgewöhnt hatte, mit dem Schatten ihres Mundes zu sprechen. Doch andere Geschöpfe seiner Art waren sicher nicht so rücksichtsvoll, und sie hätte gewettet, dass genau das ihnen den Ruf eingebracht hatte, bei manchen Menschen Besessenheit hervorzurufen.
„Hättest du etwas dagegen einzuwenden, wenn ich dich begleite? Ohne dich wäre es ein wenig eintönig in Loreshom.“ Es klang fast schüchtern, und zwei bittend gefaltete Hände sprossen aus Amaderas Schatten hervor.
Jerusha fühlte sich von Grísho keineswegs besessen, sondern freute sich über seine Gesellschaft. „Willst du es dir wirklich antun, dich in meinen winzigen Mittagsschatten zu zwängen, wenn nichts anderes da ist?“
„Ich weiß deine Sorge zu schätzen, aber das ist nicht nötig. Du willst schließlich zur Straße der Giganten, und ich habe mir sagen lassen, dass die Bäume dort ihrem Namen gerecht werden. Wahrscheinlich sind ihre Schatten fett wie gemästete Ochsen.“
„Grísho, du verstehst nichts von gemästeten Ochsen.“
„Nein, dafür aber etwas von Schatten.“
„Immerhin, du wirst mir nichts von meinem Proviant wegessen.“
„Es muss einmal gesagt werden: Das, was ihr Essen nennt, ist eine ausgesprochen widerliche Angewohnheit.“
Dieser Angewohnheit wollte Jerusha gerne treu bleiben. Doch obwohl ihr Magen knurrte, legte sie, als die Sonne am höchsten stand, nur eine kurze Pause ein und knabberte ein getrocknetes Malzbrot. Sie standen auf einer kleinen Anhöhe, von hier aus konnte Jerusha ins Grenztal hinunterblicken. Wie eine breite Silberader zog sich der Benar durch die Landschaft. Jedes Jahr trat er über die Ufer, was eine Plage für die Bewohner der umliegenden Dörfer war, aber auch ein Segen, denn der Schlamm machte das Tal ungeheuer fruchtbar. Wenn Jerusha die Augen zusammenkniff, dann konnte sie zumindest raten, was dort unten alles auf den Feldern wuchs. Das sah nach Frühlingsweizen und Saftwurz aus, und an diesen Stangen rankten sich bestimmt Pristanbohnen hoch.
Im Osten, über dem Fürstin-Jolissa-See, quollen Wolken in die Höhe, die verdächtig nach Regen aussahen. „Heute Abend gönne ich mir ein Bett in einem Gasthaus“, sagte Jerusha zu Grísho und kratzte sich den Zikastich, eine Erinnerung an den Weiher in Loreshom. Sie konnte froh sein, dass der Zika sie nur am Bein erwischt hatte. Die kleinen schwarzen Biester wurden wild, wenn jemand den Grashalm mit ihrer Wohnkugel daran berührte, und natürlich hatte sie genau das versehentlich getan.
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