Zum Glück gab es im Dorf jemanden, der als Käufer für Skulpturen infrage kam. Jerusha verlor keine Zeit und machte sich auf den Weg zu ihm.
Pacuro JiLardem war Ortsvorsteher von Loreshom, ein gewitzter alter Bauer, der Probleme freundlich und gelassen regelte und dabei gar nicht daran dachte, die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen. Pacuro war ein begeisterter Sammler. Seine Frau Zhara hatte sich regelmäßig aufgeregt, wenn er neue Stücke ins Haus brachte, während sie gerade kurz nicht aufgepasst hatte. Die beiden hatten sich wilde Wortgefechte geliefert, und ein paarmal waren sogar Wurfgeschosse von innen durch die Fenster geklirrt. Anschließend konnte man Pacuro dabei beobachten, wie er betrübt die Scherben durchharkte, um sein neuestes Stück wiederzufinden. Seit Zhara tot war, ging Pacuro fast täglich mit geschulterter Spitzhacke auf Wanderschaft durch die Umgebung des Dorfs, denn seine neueste Leidenschaft war es, den Boden nach Überbleibseln alter Schlachten zu durchwühlen.
„Sieh dir das mal an, Jerusha“, sagte er, nachdem er sie in sein großes, seit mindestens zwei Sommern ungeputztes Haus gebeten hatte, und präsentierte ihr stolz eine vom Rost zerfressene Speerspitze. „Habe ich heute erst gefunden.“
Jerusha versuchte, das Ding schön zu finden, aber es gelang ihr nicht so recht. „Äh, ja, sehr interessant“, versicherte sie Pacuro und büßte es mit einer Führung durch den Rest seiner Sammlung. Er hatte sogar ein uraltes, seltsam geformtes Schwert entdeckt, und sein Paradestück war ein erstaunlich gut erhaltener Brustpanzer. Darüber hinaus hatte er noch Dutzende von metallnen Knöpfen, fast fünfzig Pfeilspitzen und Einzelteile von Kettenhemden.
„Wieso liegt hier eigentlich so viel von dem Zeug im Boden?“ wunderte sich Jerusha.
Pacuro vergrub die Hände noch tiefer in den Taschen. „Viel weiß ich auch nicht darüber. Nur, dass hier, an den Ufern des Lint, eine schreckliche Schlacht stattgefunden haben muss, vor sehr, sehr langer Zeit. Und nicht alle der Teilnehmer waren Menschen.“
Ein Schauer überlief Jerusha. „Wer war denn da noch?“
Wortlos zeigte er ihr eine vollendet elegante, silberne Pfeilspitze, die von Gravuren bedeckt war. Reflexe liefen über ihre Oberfläche, als Pacuro sie im Licht drehte und wendete. „Eliscan, glaube ich. Sieh dir das Ding doch an – es ist wahrscheinlich ein paar tausend Jahresläufe alt, sieht aber aus wie neu. So etwas kann kein Mensch schmieden, nicht mal der gute Andros, mein verehrter Schwiegersohn, der sich so viel drauf einbildet, was er alles zustande bringt.“
Fasziniert nahm Jerusha die Pfeilspitze in die Hand. Schön wie ein Kunstwerk war sie. Jerusha wusste nicht viel über die Eliscan; es hieß, sie seien doppelt so groß wie der größte Mensch und schön von Gestalt, bis auf ihre Augen, die wie Feuer loderten. Kein Sterblicher vermöge ihnen im Kampf zu widerstehen, da sie magische Fähigkeiten besäßen. Soweit bekannt, lebten sie im benachbarten Reich Khorat und vollzogen dort abscheuliche Zeremonien, bei denen das Herausreißen von Herzen bei lebendigem Leibe eine wichtige Rolle spielte.
Wie seltsam, dass diese widerlichen Geschöpfe solche herrlichen Dinge erschaffen haben , ging es Jerusha durch den Kopf.
„Ach ja, wenn wir schon darüber sprechen, wer etwas zustande bringt“, versuchte sie ihn auf ihr eigenes Anliegen zu lenken. „Ich wäre jetzt bereit, ein paar meiner Arbeiten zu verkaufen. Gesehen hast du sie ja schon.“
„Na endlich!“ Pacuros runzeliges Gesicht verzog sich zu einem breiten Lächeln. „Aber wieso? Brauchst du Geld?“
„Ja, ich muss auf eine Reise gehen und würde gerne ein Pferd und das Zaumzeug dazu kaufen.“ Jerusha war entschlossen, nicht viel mehr zu verraten.
„Hm.“ Pacuro rieb sich die Nase. „Ist jetzt zufällig auch dieses Porträt der Bogenschützin zu haben?“
Das hatte Jerusha fast erwartet. „Vergiss es, Pacuro. Das ist nicht irgendeine Bogenschützin, sondern meine Schwester! Ich würde mir mieser vorkommen als ein Haufen Entenkot, wenn ich Liris Bildnis verkaufen würde.“
„Gut, dann nehme ich die Marmorkinder. Wie viel willst du dafür haben?“
Jerusha zwang sich, „Zwei Silber“ zu sagen. Das war ein stolzer Preis, aber sie brauchte das Geld, und Pacuros Clan gehörten fast sieben Höfe im Dorf, die im letzten Jahr alle eine gute Ernte eingefahren hatten. Doch Pacuro war ein gewitzter Händler, und es dauerte eine Weile, bis sie sich auf ein Silber und vier Dag geeinigt hatten. „Aber, weißt du was, wir können uns auch auf ein Silber plus ein Pferd verständigen“, schlug Pacuro vor. „Mein Vetter hat eine Stute gekauft, die er eigentlich vor die Kutsche spannen wollte, aber sie dreht jedes Mal durch, wenn er es auch nur versucht, und er will sie wieder loswerden.“
O je, das klang nach einem schwierigen Ritt. Doch vier Dag waren ein sehr guter Preis, und Jerusha wusste, dass sie es sich nicht leisten konnte, abzulehnen. Vielleicht konnte sie das Pferd nach ihrer Rückkehr zu einem besseren Preis in Reth Elshak wieder verkaufen. Und so wurde sie Besitzerin von Amadera, einer fuchsfarbenen Stute mit langen Beinen und freundlichem Blick – jedenfalls, solange man ihr keine Kutsche zeigte.
Ohne noch länger zu zögern, begann Jerusha ihre Sachen zu packen und in die neu erworbenen Satteltaschen zu stopfen. Sie überlegte, ob sie ihren Langbogen aus Eschenholz und einen Köcher mit Pfeilen mitnehmen sollte, so wie Dario es ihr geraten hatte. In ihrer Kindheit hatte ihr Großvater Fenvar, ein berühmter Bogenschütze, begonnen, sie in seiner Kunst zu unterrichten. Doch schon nach wenigen Tagen hatte er mitten in einer Übung kühl festgestellt „Du hast schlechte Augen“, und war ohne ein weiteres Wort gegangen. Danach hatte ihre Mutter sie jeden Tag nach der Dorfschule weiter unterrichtet und sie so lange üben lassen, bis Jerusha völlig instinktiv schoss. Doch das glich nur geringfügig aus, dass sie auf größere Entfernungen einfach nicht scharf sah.
Ach, was soll´s , dachte Jerusha schließlich und hängte sich den Bogen über die Schulter. Ich muss eben nah genug herankommen, bevor ich schieße.
Sie bat das junge Paar vom Hof nebenan, Nicojem und seine schwangere Frau Bylla DoAland, ein Auge auf Liri zu haben und dafür zu sorgen, dass sie die Dorfschule nicht schwänzte, so wie ihre nichtsnutzige Schwester damals. Auch Kianna versprach, nach dem Rechten zu sehen.
Ihre Freundin konnte es anscheinend nicht fassen, dass Jerusha das Dorf verließ. „Die Hochzeit verschieben, und das, obwohl Dario dagegen ist! Ich hoffe, du weißt, was du tust. Und du willst mir wirklich nicht sagen, warum?“ Mit einer fahrig wirkenden Geste rückte sie ihren Lieblingshut, den eine bunt gefärbte Fasanenfeder zierte, zurecht. Er thronte gerade auf einer Statuette von Kianna, die Jerusha aus Alabaster gefertigt und ihrer Freundin zum Namenstag geschenkt hatte.
„Es tut mir leid“, sagte Jerusha niedergeschlagen. „Aber es geht nicht.“
Kianna sah nicht sehr besänftigt aus. „Hier ist dein Kleid, es ist fertig. Wickele es gut ein, damit die Motten nicht drankommen.“
Jerusha umarmte Kianna fest und raffte vorsichtig das Seidenkleid zusammen, um es zu Hause in einem Schrank zu verstauen.
Die Nacht, die folgte, war schlimm – Angst und Zweifel krochen in Jerusha hoch und hielten sie Stunde um Stunde wach. Tue ich das richtige? Soll ich nicht doch lieber warten bis nach der Hochzeit, und dann erst losreiten? Das ist doch alles völlig überstürzt. Erst am nächsten Morgen kehrte ihre Entschlossenheit zurück. Warten und hoffen war nicht der richtige Weg.
Amadera war fertig gesattelt, und nun standen sie alle vor dem kleinen Hof der KiTenaros; ihre Mutter hielt die Zügel der Stute, während Jerusha sich von Liri verabschiedete. Ihre Mutter wirkte so gleichgültig wie sonst auch und ihre Großmutter war in stumme Trauer versunken. Jerusha hatte nicht das Gefühl, ihnen nahe zu sein. Bei Liri war das anders. Ihre kleine Schwester weinte.
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