„Wir müssen“, drängte Jerusha. „Ich weiß nicht, wie lange es dauert, bis die Anderwesen hier eintreffen.“ Es hätte ihnen gerade noch gefehlt, jetzt von einem Rudel Skraelings überrascht zu werden. Doch Jerusha zwang sich zur Geduld und erklärte, dass sie Zuflucht in einem Tempel der Schwarzen Spiegel suchen würden, und warum diese Tempel sichere Orte waren. Liri beäugte die beiden Priester skeptisch und nickte, ihrer Mutter schien ohnehin alles egal zu sein.
Netterweise erboten sich die Priester, ihre Mutter mit auf eins ihrer Pferde zu nehmen, und Liri und Jerusha ritten gemeinsam auf Damaris, was der Stute nichts auszumachen schien. Unterwegs hatte Jerusha einen Käfig mit zwei Botenvögeln gekauft, den sie am Sattel befestigt hatte.
„Wusstest du übrigens, dass Papa gestern in Loreshom war?“, sagte Liri zu Jerusha, als sie sich auf den Weg zum Fürstin-Jolissa-See machten. „Zum Glück haben wir ihn noch getroffen, bevor wir in den Wald gegangen sind.“
„Tatsächlich?“, sagte Jerusha, und ihr Magen krampfte sich zusammen. Sie hatte ihren und Liris Vater seit über einem Jahreslauf nicht gesehen. „Er hat bestimmt nicht nach mir gefragt, oder?“
„Erst nicht“, musste Liri zugeben.
Es schmerzte jedesmal ein wenig, an ihren Vater Josuan zu denken, weil er von seinen Kindern Liri bevorzugte, die so groß und blond war wie er selbst. Jerusha dagegen war klein und dunkelhaarig wie seine Frau ... diese Frau, die versucht hatte, ihn umzubringen. Schuld daran war der Fluch gewesen, der alle Frauen der KiTenaros gezwungen hatte, diejenigen zu verraten, die sie liebten. Doch das hatte Josuan nie akzeptiert, er hatte damals voller Wut die Familie verlassen, was ihre Mutter endgültig gebrochen hatte. Jetzt führte er eine Bäckerei irgendwo auf der anderen Seite des Benar und hatte seinen bisherigen Clan-Namen EoLinnek wieder angenommen.
„Aber ich habe ihm trotzdem etwas über dich erzählt“, berichtete Liri. „Ich habe ihm gesagt, dass der Fluch jetzt aufgehoben ist – dass du durch ganz Ouenda, Jil´quanor und Khorat reisen musstest, um ihn zu lösen.“
„Was hat er dazu gesagt?“ Jerusha wusste, dass Josuan nicht an den Fluch geglaubt, ihn für ein Hirngespinst gehalten hatte.
„Danach war er neugierig und wollte eine Menge wissen über das, was du erlebt hast“, meinte Liri und klopfte Damaris abwesend den Hals. „Ich glaube, er ist nicht mehr ganz so sicher, dass wir uns den Fluch nur eingebildet haben.“
Wider willen spürte Jerusha, wie ein warmes Gefühl sie durchflutete. „Das will ich hoffen“, sagte sie. Nein, nichts davon war eingebildet gewesen, sie hatte tatsächlich mit Drachen, Traumweberinnen und Eliscan-Fürsten gesprochen ... und keins dieser Anderwesen hatte jemals angezweifelt, dass es mächtige Flüche gab. Es waren immer nur Menschen, die all das Unglück, das über die KiTenaros hereingebrochen war, für Zufall oder Schicksal gehalten hatten.
Damaris scheute, weil sich gerade ein Botenvogel in ihre Mähne gekrallt hatte und Jerusha nun aufgeregt anpiepte. Kurz darauf traf ein zweiter Teodésh ein.
„Du bekommst ja viel Post“, sagte Liri enttäuscht. „Von wem ist das?“
„Eine ist von Kiéran.“ Er war gerade an der Grenze eingetroffen und schrieb ihr, wie sehr er sie liebte. Jerusha lächelte gerührt. Dann sah sie, dass die Nachricht schon vier Tage alt war, und blickte den Teodésh vorwurfsvoll an. Außerdem fragte Kiéran, ob er ihre anderen Botschaften bekommen hatte – nein, hatte sie nicht! Sie seufzte. „Die Grenze verwirrt die Teodésh. Vielleicht ist das arme Vieh hier eine Weile durch Khorat geirrt, bis es doch noch hergefunden hat.“
Doch es war die zweite Nachricht, die Jerusha wirklich überraschte. Sie kam von Josuan, ihrem Vater, und war nur sehr kurz.
Jerusha, können wir reden? Melde dich, wenn du in der Nähe bist. Josuan
Schon riss ihr Liri das Pergament aus der Hand und las es ebenfalls. „Er will mit dir reden! Das ist doch gut, oder?“
„Ja“, sagte Jerusha und zuckte die Schultern. Lieblos klang diese Botschaft, und sie sah hastig hingekritzelt aus. Trotzdem – durfte sie diese Gelegenheit vorbeigehen lassen? Sie hatte so viele Fragen ... es war quälend, nicht genau zu wissen, wie ihre Familie damals zerbrochen war. Da Myrial sich weigerte, darüber zu sprechen, wusste sie nicht einmal, auf welche Weise ihre Mutter versucht hatte, ihren Vater zu töten. Wahrscheinlich war schon der Gedanke daran unerträglich für sie.
Als Jerusha begann, sich über mögliche Treffpunkte Gedanken zu machen, wusste sie, dass sie sich eigentlich schon entschieden hatte. Wenn er bereit dazu war, würde sie mit ihrem Vater reden und auf sich zukommen lassen, was er zu sagen hatte.
Sie nutzte eine kurze Rast, um ihm eine Antwort zu schreiben und mit dem Botenvogel abzuschicken. Auch Kiéran brauchte sie auf den neusten Stand.
„Wir müssen weiter“, drängten die Priester, und Jerusha nickte. Sie waren spät dran, da die Pferde unter der doppelten Last nur langsam vorankamen, und die Sonne war bereits untergegangen. Obwohl Jerusha mit Kiéran, Qedyr und den anderen Eliscan oft bei Nacht gereist war, fühlte es sich falsch an, es jetzt zu tun – sie wusste, dass Anderwesen bevorzugt zu dieser Zeit angriffen, da sie in der Dunkelheit besser sahen als Menschen.
„Wie weit ist es noch?“, fragte Jerushas Mutter und strich sich die eisengrauen Locken aus dem Gesicht. Selbst im warmen Licht der Laterne wirkte ihr Gesicht bleich und angespannt.
„Etwa drei Stunden“, gab einer der Priester zur Auskunft, ein zurückhaltender, aber freundlicher junger Mann namens Timok, der sich beim letzten Lager mit Jerusha sehr kundig über die Bildhauerei unterhalten hatte. Wie sich herausstellte, arbeiteten seine Brüder beide in einem Steinbruch, doch er selbst hatte sich ein anderes Leben ersehnt und hatte eines Tages erfreut gemerkt, dass die Schwarzen Spiegel ihn riefen.
„Drei Stunden? Aber nur, wenn wir gut durchkommen“, knurrte der zweite Priester, ein bulliger älterer Mann aus Benaris, der sich Gramb nannte und eine schwere Streitaxt mit zwei Klingen trug. Wachsam blickte er sich um, er schien sich keine Sekunde lang zu entspannen, und das wiederum machte Jerusha nervös. Der Bogen hing über ihrer Schulter, sie hatte ihren Köcher in Loreshom neu mit selbst gefertigten Pfeilen aufgefüllt. Aber konnte man Skraelings überhaupt mit Pfeilen verletzen? Ganz abgesehen von Frostdrachen. Für sie war es nur ein kurzer Flug von Khorat bis hierher, es war nicht völlig ausgeschlossen, dass einer von ihnen hier auftauchte.
„Nur drei Stunden? Dann bekommen wir vielleicht noch eine Abendspeise“, sagte Liri hoffnungsvoll, ihre Arme umfassten Jerusha und ihr Kopf lag schläfrig auf ihrem Rücken. Bisher hatten sie vor allem von getrockneten Wurzeln, Dörrfleisch und nicht mehr sonderlich frischem Fladenbrot gelebt.
„Um Mitternacht? Ich fürchte, da wird uns kein Koch mehr etwas richten.“ Die Stimme ihrer Mutter aus der Dunkelheit hinter ihr.
Jerusha beteiligte sich nicht an der Diskussion, alarmiert beobachtete sie Damaris. Die Stute hatte den Kopf gehoben, erst lauschte sie mit gespitzten Ohren, dann legte sie die Ohren an. Irgendetwas hatte sie bemerkt, vielleicht gewittert. Ein Schauer durchlief Jerusha. Die anderen Pferde verhielten sich ganz normal, doch sie hatte schon länger den Verdacht, dass Damaris feinere Sinne hatte und vielleicht sogar spüren konnte, wenn Magie in der Luft lag.
„Irgendetwas ist in der Nähe“, sagte sie zu Gramb, und der Priester hob seine Axt.
„Könnt Ihr erkennen, was?“, fragte Timok und blickte sich unruhig um.
Jerusha schüttelte den Kopf. Ihre gewöhnlichen Augen schafften es nicht, die tiefe Dunkelheit zu durchdringen, sie sah wenig mehr als den Pfad vor Damaris´ Hufen und die Äste der Bäume in unmittelbarer Nähe.
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