1 ...7 8 9 11 12 13 ...16 „Wirf das zu uns!“, rief Jerusha ihr zu. Bei ihrem eigenen Bogen war durch den Sturz die Sehne gerissen, sie hatte nur ihr Messer, um sich zu verteidigen. Sie tastete danach, und zog es, wie lächerlich klein die Klinge war!
Ein Schrei gellte durch die Nacht. Der Skraeling hatte sich auf Gramb gestürzt, der Priester lag am Boden und das Anderwesen hockte auf ihm. Fast genussvoll grub es die Krallen in seinen Rücken. Es war ein so furchtbarer Anblick, dass Jerusha es kaum über sich brachte hinzuschauen. Timok drosch mit all seiner verbliebenen Kraft mit dem Schwert auf das Anderwesen ein, und einmal schaffte er es, den Skraeling am Flügel zu verletzen. Auch Timok hält nicht mehr lange durch, und was dann?
Auch Liri ahnte, was ihnen bevorstand. „Wenn das Vieh mit den anderen fertig ist, dann kommt es zu uns rüber ...“, hauchte sie.
Jerusha antwortete nicht, sie blickte sich nach anderen Skraelings um. Die Biester traten doch immer im Rudel auf – wo waren die anderen? Wenn noch mehr von ihnen eintrafen, dann waren sie endgültig verloren ...
Ihre Mutter hob den Bogen, doch sie schien nicht die Absicht zu haben, ihn Jerusha herüberzuwerfen. Stattdessen richtete sie sich auf, fand einen stabilen Stand, holte einen Pfeil aus dem Köcher, ohne das Anderwesen aus den Augen zu lassen, und spannte den Bogen. Ihr Pfeil jagte auf den Skraeling zu und traf ihn mitten in den Bauch, wo er steckenblieb. Sie hatte geschafft, das Vieh zu verletzen! Der Skraeling stieß einen wütenden Laut aus und blickte sich nach diesem neuen Angreifer um.
Schon schickte ihre Mutter einen weiteren Pfeil ab, und noch einen. Mit offenem Mund beobachtete Jerusha das Geschehen. Diese Frau dort mit den hinten zusammengebundenen Locken wirkte fremd im Licht der umgefallenen Laterne, ihr Gesicht war hoch konzentriert, nur ihre zusammengepressten Lippen verrieten, was sie fühlte. Sie ist eine KiTenaro – und die KiTenaros sind berühmte Bogenschützen seit vielen Generationen!
Hoffnung durchflutete Jerusha. Konnte Myrial es schaffen, den Skraeling zu erledigen? „Ziel auf die Kehle!“, brüllte sie ihrer Mutter zu, sie wusste, dass Skraelings dort am verletzlichsten waren.
Ein dritter, ein vierter Pfeil schlugen im Körper des Skraelings ein, alle zwischen Bauch und Hals. Das Wesen wand sich vor Schmerz und fauchte. Timok nutzte, dass es abgelenkt war, und stieß ihm das Schwert in die verletzliche Unterseite des Flügels. Wütend schlug der Skraeling mit den Klauen nach ihm ... und dann flatterte er von Grambs Körper auf, legte die Flügel an und griff Jerushas Mutter an wie ein Falke, der sich auf seine Beute stürzt.
„Geh in Deckung, geh in Deckung!“, kreischte Liri, doch ihre Mutter blieb einfach stehen. Visierte ihr Ziel an, als sei es nur eine der bunten Scheiben auf ihrem Schießplatz.
Und auf einmal steckte ein Pfeil mitten in der Kehle des Skraelings. Das Wesen stürzte auf die Seite, seine Flügel zuckten und die Beine bewegten sich krampfartig.
Liri jubelte und riss die Arme hoch, doch Jerusha wusste, dass die Gefahr noch nicht vorbei war. Wenn das Vieh Mama jetzt noch mit seiner Giftklaue berührt, dann ist es aus, auch wenn wir schon gewonnen haben! Sie kam auf die Füße und rannte zu ihrer Mutter, packte sie am Arm und riss sie zurück. Aus sicherer Entfernung beobachteten sie, wie das Anderwesen starb.
Dann wandte sich ihre Mutter ihr und Liri zu. Verblüfft sah Jerusha ein echtes Lächeln auf ihrem Gesicht. In ihren Augen war wieder Leben, wenn auch nur einen Moment lang. „Ich kann es noch“, sagte sie, es klang fast erstaunt.
„Na klar, sowas verlernt man doch nicht“, sagte Jerusha, und dann umarmte sie ihre Mutter. Liri warf sich ebenfalls auf sie und klammerte sich an sie beide. Einen Moment lang verharrten sie so, dann ließ Jerusha los. Was ist mit Timok und Gramb? Die beiden haben ihr Leben für uns gewagt!
Timok kniete schon bei Gramb, der stöhnend am Boden lag, und war schon dabei, seine Wunden mit einer Flüssigkeit aus seinem Gepäck, wahrscheinlich Ydirun, zu behandeln. Als er Jerusha herankommen hörte, blickte er auf und schaffte ein verzerrtes Lächeln. „Gut, dass es nur ein einzelner Skraeling war, vielleicht ein Kundschafter. Sonst hätten sie im Tempel vergeblich auf uns gewartet.“
„Wie schwer ist er verletzt?“, fragte Jerusha besorgt und kniete sich neben den älteren Priester.
„Er wird durchkommen, wenn wir ihn gleich zum Tempel schaffen“, gab Timok zurück. „Sie haben dort einen richtig guten Heilkundigen mit einer Kräutersammlung, die ihresgleichen sucht.“
Doch es dauerte eine Weile, bis Liri und ihre Mutter die Pferde eingefangen hatten und sie endlich weiterkonnten. In der Zwischenzeit hatten Jerusha und Timok eine Art Trage für den zweiten Priester gebaut – zwei lange Stangen, die sie am Sattel des einen Pferdes befestigen konnten, und dazwischen das große Tuch aus Myrials Gepäck. Auf dem Tuch lagerten sie den Verletzten, so dass sie ihn hinter sich herziehen konnten. Doch besonders schnell würden sie so nicht vorankommen.
„Jetzt sind wir leichte Beute“, sagte Myrial und presste die Lippen zusammen. Da Liri darauf bestanden hatte, dass sie ihren eigenen Bogen zurückbekam, hielt ihre Mutter nun Jerushas neu bespannten Eschenbogen bereit und sah sich wachsam um.
„Ja, das sind wir, fürchte ich.“ Timok nickte und band eine weitere Ecke des Tuches am Balken fest. „Nicht zu ändern. Ich hoffe, es sind nicht noch mehr Skraelings in der Gegend.“
Jerusha ging zu Fuß voran und räumte Hindernisse vom Pfad, damit die Trage nirgendwo hängenblieb. Liri ritt auf Damaris und trug den heil gebliebenen Käfig mit den Botenvögeln, Myrial saß auf Grambs Pferd, das die Trage zog, und Timok sicherte ihre Gruppe mit gezogenem Schwert nach hinten. Sie kamen so langsam voran, dass die Sonne bereits aufging, als sie den Tempel erreichten, ein aus schwarzem Basalt gemauertes, anscheinend scheibenförmiges Gebäude, das auf einer Lichtung mitten im Wald stand. Erleichtert beschleunigten sie ihre Schritte. Endlich in Sicherheit!
„Ghalils Schande, hab ich einen Hunger, hoffentlich gibt´s gleich Frühstück.“ Liri hatte den Schrecken des Angriffs offenbar schon verwunden, sie ließ sich von der Stute gleiten und folgte Timok zu den schweren, mit Eisen beschlagenen Türen.
Jerusha dagegen war so müde, dass sie sich kaum aufrecht halten konnte, Essen war das letzte, an das sie jetzt gedacht hätte. Als sie das Gebäude betrachtete, fühlte es sich zudem an, als habe sie den ganzen letzten Tag über Granitstücke verzehrt. Dieser Tempel sieht ganz genauso aus wie der in Yantosi, in dem ich Kiérans neues Amulett ergaunert habe. Inzwischen haben die Priester sicher herausbekommen, was ich getan habe ... kann es wirklich sein, dass ich hier willkommen bin?
Im Inneren, das von Fackeln erhellt wurde und nach kühlem Stein und Kräutern roch, wurden sie schon erwartet. Während ein rothaariger, beleibter Priester und einige Helfer ihren verletzten Begleiter fortbrachten, wurden Myrial, Liri und sie von einem schmalen Mann mit lichten Haaren und etwas hervorstehenden Augen begrüßt, die Liri wahrscheinlich respektlos „Froschaugen“ nennen würde. Hoffentlich nur dann, wenn niemand zuhörte. Er trug die gleiche Kutte mit eingewebten Mustern, die auch die anderen Priester nie ablegten.
„Seid willkommen, mein Name ist Krivar, ich bin der Erste Priester dieses Tempels“, sagte er freundlich. „Wir waren schon in großer Sorge um euch! Ihr seid angegriffen worden, habe ich gehört?“
Jerusha berichtete, was geschehen war. Als sie fertig war, neigte Krivar den Kopf. „Gelobt sei das Oscurus. Es war euer Schicksal, diesen Tempel zu erreichen, alles Weitere wird sich zeigen.“ Zu Jerushas Überraschung fuhr er fort: „Übrigens ist jemand für euch angekommen ... er wartet schon seit Stunden auf euch ... na also, da kommt er schon.“
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