Höflich stellte Kiéran sich vor und fügte hinzu: „Vermutlich hat mich der Erste Priester Dinesh mit einer Nachricht angekündigt. Er hat mich gebeten, Euch hier zu unterstützen, damit wir den Pass halten können ...“
„Nachricht? Ich glaube nicht.“ Achtlos stellte LoMia seinen Wein beiseite und winkte seinem Diener. „Ist eine Nachricht eingetroffen? Schau nach, jetzt aber hurtig!“ Er klatschte einmal ungeduldig in die Hände und nahm dann noch einen Schluck von seinem Wein, ohne Kiéran etwas anzubieten.
Kiéran bemühte sich um einen gleichmütigen Ausdruck. Gut, dass Dinesh ihn darauf vorbereitet hatte, was ihn hier erwarten würde: Ist vielleicht besser, dass Ihr ihn nicht sehen könnt, er pflegt eine blonde Lockenmähne und legt Wert auf maßgeschneiderte Uniformen sowie seinen Erfolg bei den Damen. Ein niederer Adliger aus Benaris, Ihr kennt den Typus bestimmt. Er weiß, dass er als jüngerer Sohn in seinem Clan nichts werden kann, und hat sich deshalb für eine Karriere als Offizier entschieden .
„Keine Nachricht, Sir, wahrscheinlich wieder einmal ein Botenvogel, den die Grenze verwirrt hat“, meldete der Diene des Offiziers.
„So!“ Ohne großes Interesse wandte sich LoMia wieder Kiéran zu. „Nun gut. Ihr habt schon einmal gekämpft? Dann könntet ihr helfen, die neuen Freiwilligen zu drillen, und bei den Angriffen brauchen wir sowieso jedes Schwert, denn ...“
Ein Schwall kalter Luft, jemand war hereingekommen und stampfte jetzt ein paarmal kräftig auf, um den Schnee von seinen Stiefeln zu lösen. Kiéran wandte sich neugierig um und sah eine breite Gestalt mit dunkelgrüner Aura. Sie trug einen Helm mit Nasenschutz und Kleidung, an denen seine neuen Augen Stickereien aus Kupfer- und Messingdraht erkannten, das galt hier im Bergland als Zeichen hohen Ranges. Verwundert sah Kiéran, dass die Aura des Neuankömmlings jetzt in gelben Glanzlichtern aufleuchtete – das sah geradezu kitschig aus und erinnerte ihn ans Kerzenfest zu Mittwinter.
„Kiéran!“, sagte eine raue Frauenstimme begeistert. „Kiéran SaJintar, bei allen Göttern!“
Zum Glück erkannte Kiéran ihre Stimme, und gerade noch rechtzeitig, denn jetzt stampfte Tezara MiJesho auf ihn zu und schloss ihn kräftig in die Arme, es fühlte sich an, wie von einem Eisenfresser geherzt zu werden.
„Schön, dich zu sehen, Tezara“, sagte Kiéran herzlich, während ihm der Geruch ihrer speckigen Lederkleidung in die Nase stieg. „Eigentlich hätte ich mir denken können, dass man dich derzeit hier antreffen kann.“
„Bin hier an der Gebirgsfront Kommandantin aller Truppen aus Khelgardsland“, erklärte Tezara. „Das ist im Moment der mieseste Posten in ganz Ouenda, aber was soll man machen?“
„Ja, was soll man machen“, erwiderte Kiéran und musste lächeln. So konnte man es auch ausdrücken, dass gerade Krieg herrschte.
Tezara deutete mit dem Finger auf ihn und dröhnte: „Jetzt schaut ihn nur an! Lächelt schon wieder! Der lässt sich einfach nicht die Laune verderben, auch wenn die Scheiße vom Himmel regnet!“
Kiéran erinnerte sich noch gut an sie, sie hatten zusammen am Panrir Alié gekämpft. Tezara war vierzig Jahresläufe alt und sah mit ihren schulterlangen, dunklen Haaren und ihrer weiblich gerundeten Gestalt einer Wirtin ähnlicher als einer Kämpferin. Doch sie konnte mit ihrem Zweihänder hervorragend umgehen und Kiéran mochte ihre direkte, manchmal ein wenig grobe Art. Sie war die Tochter eines Earel und hatte selbst vor, sich einmal zum Oberhaupt ihres Clans wählen zu lassen, dem zahlreiche Erzminen gehörten. Doch bislang hatte sie mit ihren beiden halbwüchsigen Kindern und ihrem Kommando zu viel zu tun gehabt, um sich ernsthaft zu bewerben.
Jetzt wandte sich Tezara an Reghan LoMia, der die Begegnung in verblüfftem Schweigen beobachtet hatte. „Weißt du überhaupt, wer das ist, Reghan? Kiéran SaJintar, sagt dir das nichts? Jüngster Escadrán, den die Terak Denar jemals hatten! Hat mir am Panrir Alié mindestens zweimal den Hintern gerettet! Adlerkacke, bringt ihr ihm vielleicht mal ein Bier? Wollt ihr ihn hier verdursten lassen oder was?“
Eingeschüchtert wieselte der Diener davon, und kurz darauf schüttete sich Kiéran dankbar ein dampfend heißes Gewürzbier die Kehle hinunter. Es tat unsagbar gut, und der warme Krug half, seine klammen Finger aufzutauen.
„Tja, was soll ich sagen?“ Reghan LoMia klang schon ganz anders als zuvor. „Es ist mir eine Ehre, Escadrán. Gut, dass Ihr hier seid – gestern ist mein Stellvertreter getötet worden, wie wäre es, wenn Ihr seinen Posten übernehmen würdet?“
„Mache ich gerne, Sir“, sagte Kiéran trocken. „Hoffen wir mal, dass ich es länger überstehe als er.“
Tezara lachte und stieß ihren Krug gegen seinen. „Festen Tritt und sicheren Weg!“
„Wilder Tag, wilde Nacht“, konterte Kiéran mit dem in Yantosi üblichen Trinkspruch und wandte sich wieder LoMia zu. „Ach ja, eins ist vielleicht noch wichtig zu wissen.“
„Ja?“ Mit einem Fingerschnippen rief Kiérans neuer Vorgesetzter seinen Diener herbei, vielleicht um eine neue Flasche Wein zu ordern.
„Ich bin blind“, sagte Kiéran.
Das verschlug allen die Sprache, ein fallendes Blatt hätte in dieser Stille geklungen wie ein Herbststurm. Wahrscheinlich war LoMia gerade die Kinnlade runtergesackt. Kiéran stellte fest, dass er diesen Effekt ein klein wenig genoss, und wunderte sich über sich selbst. Wohin war seine Wut auf das Schicksal verschwunden? Hatte er sich tatsächlich daran gewöhnt, dass er nicht mehr dasselbe sah wie andere Menschen? Jedenfalls machte es ihm nichts mehr aus, darüber zu sprechen.
„Ihr seid was?“ , fragte LoMia fassungslos.
„Blind“, wiederholte Kiéran. „Jedenfalls sehe ich nicht mehr, was Ihr seht. Andererseits kann ich jetzt Anderwesen auf weite Entfernung erkennen, auch bei völliger Dunkelheit.“
Das schien Tezara nicht ganz geheuer zu sein, ihren Handbewegungen nach vollführte sie gerade irgendeinen Schutzzauber. „Und wie bei tausend heulenden Dämonen ist das so gekommen? Als wir uns zuletzt begegnet sind, hattest du noch Augen wie ein Falke!“
Kiéran erzählte vom Gefecht in Daressal und davon, dass er in einem Tempel der Schwarzen Spiegel gesund gepflegt worden war. Was für eine Rolle sein Amulett spielte, ließ er natürlich aus. Er merkte, dass die Erwähnung der Schwarzen Spiegel die Gemüter beruhigte. Na klar, schließlich sind die Priester hier enorm wichtig, sie genießen Respekt – und meine neuen Augen damit gleich mit.
Mittlerweile hatte sich Reghan LoMia ein wenig von der Enthüllung erholt, und als sein Diener ihm einschenkte, war seine gute Laune zurück. „Na, mir scheint, wir werden Euch gut gebrauchen können, SaJintar. Diese verdammten Skraelings können sich gut tarnen, wir haben Mühe, sie zu erkennen, bevor sie unsere Leute in Stücke reißen.“
„Allerdings – wir haben letzte Nacht ein Drittel unserer Leute verloren“, knurrte Tezara und orderte einen doppelten Kattis. Sie stürzte den Schnaps hinunter wie Wasser, und Kiéran leerte sein zweites Gewürzbier. Wie vertraut das alles war – leider. Alle saufen zuviel, um die Angst zu betäuben, und natürlich hilft es rein gar nichts , dachte Kiéran und bat den Kommandanten um einen Käfig mit Teodésh – vor seinem ersten Gefecht in Eismitte musste er dringend ein paar Botschaften auf den Weg bringen.
Vor allem musste er seinem Clan mitteilen, dass er jetzt mit Jerusha verlobt war. Sonst erbte irgendeine seiner Tanten, die er seit zehn Jahresläufen nicht gesehen hatte, seinen Besitz, wenn er nicht zurückkam aus diesem verfluchten Gebirge.
***
Was rief ihn zurück zum Tempel seiner Geburt? Grísho konnte sich keinen Reim darauf machen, und das beunruhigte ihn.
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