„Echoimpuls wird abgestrahlt.“ Werner Schmitt arbeitete konzentriert. Der Tiefenraumscanner der Station strahlte nun einen Impuls ab, der die Kennung der Station an das unbekannte Objekt übermittelte. Gleichzeitig forderte er dessen Identifikation an. Alle Funkgeräte reagierten automatisch auf solche Echoimpulse. Im Grunde waren sie mit der Freund-Feind-Kennung militärischer Systeme identisch und erfüllten auch einen ähnlichen Zweck.
„Echo kommt.“ Auf dem Monitor erschien eine Kolonne aus Zahlen und Buchstaben, die sofort mit dem interstellaren Katalog abgeglichen wurde. „Objekt identifiziert als My Starship .“
„Na endlich“, seufzte die Inspektorin.
Werner Schmitt langte an sein Headset. „Outer Area Control Neijmark an Star-Liner My Starship : Sie sind auf direktem Kurs. Ich sende Peilstrahl für Andockmanöver. Willkommen auf Neijmark.“
Der Star-Liner war mit Lichtgeschwindigkeit aus dem Nullzeit-Sturz gekommen und begann bereits mit dem Bremsmanöver. Aufgrund der Entfernung dauerte es eine Weile, bis Schmitts Willkommen bei dem Schiff eintraf und dessen Erwiderung die Station erreichte. „ My Starship an Outer Area Control Neijmark: Danke für das Willkommen. Bremsmanöver läuft.“
„Ich bin gespannt, warum die so spät kommen“, brummte Schmitts Kollege. „Zwei Tage Verspätung sind ganz ordentlich.“
„Vielleicht hat der Captain den Touristen unterwegs etwas Besonderes zeigen wollen“, vermutete Werner. „Interstellarer Tourismus ist ja noch sehr neu und die entsprechenden Reedereien lassen sich eine Menge einfallen, um zahlungskräftige Kunden zu locken.“
„Das entbindet die Crew nicht von der Pflicht, die zuständige Area Control zu verständigen“, wandte Agneta ein. „Aber das erwähnte ich, glaube ich, schon.“
„Jedenfalls ist diese My Starship ein echt beeindruckendes Schiff. Trotz des schwachsinnigen Namens.“ Piet schenkte sich Kaffee nach und sah durch den Klarstahl in die Richtung, aus der das Raumschiff kommen musste. Es war eine unbewusste Handlung, denn es würden noch Stunden vergehen, bis es ohne Hilfsmittel beobachtet werden konnte. „Ich habe das Werbe-Holo gesehen. Fast fünfhundert Meter lang, hundert breit und zweihundert hoch. Ein Drittel der Außenhülle besteht aus Klarstahl. Mann, die haben an Bord eine fabelhafte Aussicht in den Weltraum. Und drinnen wird richtig was geboten. Jede Menge Unterhaltung und Kultur, ein normales und ein schwerefreies Schwimmbecken, eine vierhundert Meter lange Wasserrutsche, schwereloses Tanzen, Kletterwände, Gravball ... Verdammt, wenn nur die Tickets nicht so teuer wären.“
„Wenn der Konkurrenzdruck wächst, werden die auch billiger“, tröstete Werner Schmitt seinen Kollegen. „Im Augenblick ist der Tourismus wohl noch ein Verlustgeschäft.“
„Wie kommst du denn darauf?“
„Weil die My Starship auch erhebliche Mengen an Fracht befördert. Fast ein Drittel des Schiffes ist für die Frachtkapazität reserviert. Habe ich in dem gleichen Holo gesehen.“
„Mag sein“, brummte der Kollege. „Aber ich sage dir, ein Erlebnis ist das ganz bestimmt. Du hast doch auch den Slogan von denen gehört, oder? Geben Sie uns drei Wochen und wir geben Ihnen das ganze Universum.“
Agneta Ranskög räusperte sich. „Nichts gegen Ihren netten Planeten, aber was hat Neijmark zu bieten, dass My Starship es anfliegt?“
„Sie haben sich wohl noch nicht für unsere Sehenswürdigkeiten interessiert, Inspektorin? Na, ich kann Ihnen sagen, warum wir angeflogen werden, weil ich an der Versammlung teilnahm, in der uns das ein Vertreter der Reederei erklärte. Bei der ersten Erkundung von Neijmark hat man die Donnerfälle entdeckt. Das Wasser fällt eine vier Kilometer tiefe Schlucht hinunter. Angeblich gibt es das auf keinem anderen bekannten Planeten und ich will das gerne glauben. Ich meine, die müssen Sie wirklich einmal gesehen haben. Wenn Sie noch ein paar Wochen bleiben, dann können Sie die Fälle sogar in gefrorenem Zustand sehen. Das ist wirklich einzigartig.“
„In gefrorenem Zustand?“
„In zwei Wochen beginnt bei uns der Winter. Im Augenblick haben wir eine Durchschnittstemperatur von zwanzig Grad im Plus. Innerhalb von nur zwei Wochen sinken die auf zwanzig Grad minus. Das bleibt dann für fünf Monate und dann beginnt wieder der Sommer. Wir kennen hier keinen Herbst und keinen Frühling. Neijmark ist da ein klein wenig extrem.“
„Nun, ich bin mehr der Sonnentyp und hoffe, vor Ihrem, sicherlich sehr interessanten, Wintereinbruch wieder abreisen zu können.“
„Pendler Jenny D an Inner Area Control Neijmark: Ich beginne mit dem Andockmanöver.“
Schmitt wandte sich Portners Gesicht auf dem Monitor zu. „Bestätigt, Jenny D .“
„Marge ist fast unten“, warf sein Kollege ein. Piet ignorierte den mahnenden Blick der Inspektorin. „Sieht so aus, als wäre die Bonnie Blue Charles noch in einem Stück.“
Portner dockte mit seinem Shuttle an und Werner Schmitt organisierte die Beladung des Pendlers. Für eine Weile war die My Starship vergessen, bis auf Schmitts Pult ein Warnsignal aufleuchtete. Wieder glitten Zahlenkolonnen und Buchstaben über den Monitor, die in einer rhythmisch blinkenden Warnung resultierten.
Werner Schmitt blinzelte überrascht, aktivierte dann aber sofort das Mikrofon seines Headsets. „Outer Area Control Neijmark an My Starship : Warnung! Ihr Bremsmanöver ist unzureichend. Gehen Sie auf maximalen Bremsschub. Es besteht sonst Kollisionsgefahr.“
Augenblicke später erfolgte die Antwort. „ My Starship an Outer Area Control Neijmark: Danke für das Willkommen. Bremsmanöver läuft.“
Schmitt benötigte nur einen kurzen Blick, um zu erkennen, dass sich die Bremswerte nicht veränderten. „Outer Area Control Neijmark an My Starship : Ihr Bremsmanöver ist unzureichend. Gehen Sie auf vollen Gegenschub. Bestätigen Sie das, My Starship .“
„ My Starship an Outer Area Control Neijmark: Danke für das Willkommen. Bremsmanöver läuft.“
„Was soll das?“, ächzte Piet irritiert.
Werner wechselte einen kurzen Blick mit Agneta Ranskög. Er war blass, als er abermals das Mikrofon aktivierte. „Neijmark an My Starship : Geben Sie Identifikation!“
„ My Starship an Outer Area Control Neijmark: Danke für das Willkommen. Bremsmanöver läuft.“
Werner Schmitt schien einen Moment wie erstarrt. Dann schlug seine flache Hand auf einen auffallend großen roten Knopfschalter. In den Räumen der Orbitalstation war das auf- und abschwellende Heulen des Kollisionsalarms zu hören. „Piet, berechne den exakten Kurs und die vermutliche Aufprallgeschwindigkeit der My Starship ! Auf den Millimeter genau!“
„Mein Gott.“ Piets Hände begannen zu zittern. „Die ... Die werden mit uns kollidieren!“
Werner Schmitt registrierte eher unbewusst, dass sein Kollege, angesichts der sich abzeichnenden Gefahr, wohl die Nerven zu verlieren begann. Piet würde wohl nicht die Freigabe vom IFTS erhalten. Sofern das überhaupt noch eine Rolle spielte. „Inspektor!“
Agneta Ranskög zögerte nicht. Sie erhob sich, zerrte den wie gelähmt erscheinenden Piet aus dem Sessel und nahm dessen Platz ein. „Ich kümmere mich um das verdammte Schiff“, versicherte sie Werner. „Kümmern Sie sich um den Rest. Sie kennen sich da besser aus.“
Der Controller nickte und schaltete sein Headset auf die allgemeine Frequenz. „An alle! Es besteht Kollisionsgefahr mit einem unkontrollierten Raumschiff! Alle begeben sich sofort an Bord der Jenny D ! Das Shuttle liegt an Pylon Zwei! Julius, du wartest, bis alle an Bord sind, verstanden?“
Das Gesicht des Shuttle-Piloten wurde auf einem der Monitore sichtbar. „Was, verdammt noch mal, dachtest du denn? Meinst du, ich lasse euch im Stich? Wie viele?“
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