Viele interne Diskussionen hatte er diesbezüglich mit Overbeck geführt und, da er ihm sein Handeln dienstlicherseits nicht verbieten konnte, ihn angefleht, seinem Training ausschließlich in der Freizeit nachzugehen. Doch er war hierbei immer wieder auf Granit gestoßen.
Ich halte mich fit für den Dienst, war Overbecks wiederkehrende Begründung und Krauss blieb dann nur noch ein krampfhaftes Zähneknirschen.
Doch nun sollte er auf Overbeck weitere drei Wochen verzichten. Drei lange Wochen! Overbecks Team-Kollegin, Leni Schiffmann, konnte er nicht alleine zu irgendwelchen Ermittlungen oder Tatortaufnahmen entsenden. Er musste rasch nach einer Lösung suchen.
Leni hatte Kraus, während dieser unruhig im Büro umhergegangen war, wortlos beobachtet. Elegant ist er ja, sagte Leni zu sich selbst, als sie ihn in seiner Unrast beobachtete. Krauss hatte wieder einmal seinen mittelbaren Anzug bevorzugt, darunter ein weißes Hemd und eine dunkelblaue Krawatte. Blau schien seine Lieblingsfarbe zu sein, denn alle seine Kleidungskombinationen unter der Woche hatten immer einen blauen Einschlag.
Auch, als er plötzlich abrupt vor Leni stehenblieb und sie nachdenklich ansah, unterdrückte sie einen Kommentar. Sie wusste genau, was im Kopf von Krauss ablief. Er würde gleich mit der Sprache rausrücken. Sie musste nur warten.
„Wir beide werden zusammenarbeiten. Ja, so werden wir es machen, Frau Schiffmann.“
Die Äußerung ihres Vorgesetzten verschlug Leni kurz den Atem. „Wie meinen Sie das, Chef? Wir beide können doch nicht gemeinsam …“
„Doch, Frau Schiffmann, wir beide werden es tun. Wir werden gemeinsam ermitteln, solange Ihr Kollege außer Gefecht ist. Sagen Sie nicht, das sei Ihnen unangenehm.“
„Aber, Chef, Sie müssen doch hier … das Ganze …“
„Jaja, ich und das Ganze. Frau Schiffmann, dieses besagte Ganze habe ich auch im Griff, wenn ich mit Ihnen unterwegs bin. Wir sind doch nicht aus der Welt. Tut mir übrigens auch mal gut, wieder unter die Leute zu kommen.“ Und mit einem Lächeln fügte er hinzu: „Praxis und Entscheidungen unmittelbar am Tatort, das wird mir auch nach dieser langen Arbeit am Schreibtisch guttun.“
„Aber …“, versuchte Leni einen letzten Versuch, den Krauss sofort abwürgte.
„Kein Aber, Frau Schiffmann. Sie werden sehen, wir beide werden ein gutes Team bilden. Ich erinnere Sie nur an die Angelegenheit Lessing, in der Sie sich nachweislich in Lebensgefahr befunden hatten. Immerhin war ich ein Teil der Truppe, die Sie aus diesem Dilemma befreit hatte. Und …“, fügte er schnell spitzbübisch hinzu, „Sie haben sich dafür bei mir überschwänglich bedankt.“
„Ja, das stimmt, Chef. Ich wollte nicht ungerecht sein. Also packen wir es an. Doch im Moment haben wir ja keinen akuten Fall.“
Leni grinste in sich hinein und, als ob Krauss es mitbekommen hätte, legte er den Kopf schief und sah Leni kurz schweigend an.
„Der kommt noch, Frau Schiffmann, der kommt noch.“ Krauss drehte sich um, um das Büro zu verlassen, blieb dann aber kurz stehen und blickte zu Leni zurück. „Die Reha-Maßnahme Overbecks … wissen Sie, wo die stattfindet.“
„Ja, weiß ich. Hier.“ Leni kramte in ihrer Schreibtischschublade und brachte ein farbiges Prospekt zum Vorschein. „Ein Flyer der Einrichtung. Nicht weit von hier. Hat Overbeck zurückgelassen. Die Hunsrück-Reha-Klinik, direkt hinter der Landesgrenze im benachbarten Saarland. Wenn Sie Overbeck besuchen wollen … es sind nur wenige Kilometer“, grinste Leni ihren Chef frech an.
„Das fehlte noch.“ Krauss verließ unter Lenis Grinsen das Büro und zog die Tür hinter sich zu.
Leni atmete hörbar aus und erhob sich aus ihrem Bürostuhl. Ihre dunkelblaue Jeans lag wie immer eng an ihrem Körper an und der flauschige Mohair-Pullover, ebenfalls in einem dunklen Blau, passte hervorragend dazu.
Leni sah an sich herunter und dann in Richtung der Tür.
„Wir geben ja ein hübsches Pärchen ab“, dachte sie kopfschüttelnd. Das blaue Team, wie schnell hatte man unter Kollegen einen Spitznamen weg. Und das auch noch gemeinsam mit Krauss. Das musste sie verhindern. Morgen würde an ihrem Körper die Farbe Blau komplett fehlen.
Leni überlegte kurz, ob sie Overbeck anrufen sollte, entschied ich aber dagegen. Das erste, was ihr Overbeck mitgeteilt hatte, war die äußerst schlechte Mobil-Verbindung in die Klinik. Offensichtlich ein Problem, das genau in dieser Region auftrat und ganz einfach einem Funkloch zu verdanken war.
Ich müsste das Anwesen verlassen und mich auf eine Anhöhe nach draußen begeben, hatte Overbeck ihr per Mail mitgeteilt. Du kannst mich über WhatsApp erreichen, hatte er geschrieben. Aber verrate es bitte nicht weiter.
„Gott sei Dank fehlten Krauss diese Online-Kenntnisse “, sagte sich Leni und, obwohl Kraus die Mobil-Nummer von Overbeck hatte, konnte er in dieser Richtung, was die Social Medien anging, nichts ausrichten.
Leni sah auf ihre kleine goldene Armbanduhr und entschied sich gegen einen Anruf. Es war gerade mal 11.30 Uhr. Dass er sich in einer Anwendung befand, war sehr wahrscheinlich. Sie verschob ihr Ansinnen auf den Nachmittag.
Dass auf Overbeck turbulente Tage in der Reha warteten, das konnte Leni zu diesem Zeitpunkt nichts ahnen.
Dienstag, 06.15 Uhr
Das Leben in der Hunsrück-Reha-Klinik erwachte auf einen Schlag. Die hauseigenen Reinigungskräfte schoben ihre vollbeladenen Putzwagen in die einzelnen Etagen und von dort aus in die Flure, für die sie jeweils eingeteilt waren und begannen mit ihren Arbeiten.
Dass auch bereits viele der Patienten, die aufgrund der verschiedensten Ursachen, wie Schmerzen oder Schlaflosigkeit, mit Gehhilfen oder Rollatoren ihre Wege kreuzten, stimmte sie nicht unbedingt freundlich. Ihre größte Sorge bestand nämlich darin, dass einer der Frühaufsteher auf dem gerade gereinigten Fußboden zu Fall käme und die Vorwürfe an ihnen hängenbleiben würden, obwohl sie die Nahenden schon von Weitem lautstark auf die Gefahr hinwiesen.
So waren bereits am frühen Morgen, gegen fünf Uhr, die Flure und die Ruhebereiche mit ihren schweren, nicht unbedingt gemütlichen Sesseln zum Teil besetzt. Hier wartete man auf das Öffnen der Speisesäle, um endlich das ersehnte Frühstück einnehmen zu können.
Auch in der untersten Etage der Einrichtung, des eigentlichen Therapie-Zentrums, hatte die Reinigungskolonne ihre Arbeiten in den langen Gängen begonnen und säuberte, langsam, aber stetig, die Bodenreiniger vor sich herschiebend, Flure und Räume, bevor diese von den Therapeuten wieder in Gebrauch genommen wurden.
Doch die morgendliche Idylle fand ein jähes Ende.
Ein spitzer Schrei durchbrach das doch eher ruhige Arbeitstreiben. Er kam aus Richtung des medizinischen Kraftraumes, dessen Beleuchtung von der dort arbeitenden Reinemachefrau inzwischen eingeschaltet worden war. Im Vordergrund des grellen Lichtes sah man nun auch die weibliche, in einen roten Arbeitskittel gekleidete rundliche Person, die Hände über dem Kopf schwenkend, den Kraftraum in aller Eile verlassend.
„Was ist los, Smile?“, rief ihr eine korpulente Kollegin entgegen, offensichtlicher polnischer Abstammung wie die Angesprochene. „Hast du gesehen Teufel?“ Sie setzte zu einem Lacher an, doch irgendwie blieb ihr der sogleich im Hals stecken, als Smile weiter mit den Armen ruderte und hinter sich in den Raum wies.
„Blut!“, schrie Smile. „Viele Blut, Milena. Ist was passiert!“
„Hast du jemanden gesehen? Toter Mann oder so?“, rief Milena zurück. Es sollte wie ein Scherz klingen. Die Aussage, dass es Blut in dem Raum gebe, brachte sie nicht allzu sehr aus der Fassung. Vielleicht hatte sich jemand am Vorabend verletzt und man hatte es wieder einmal ihnen überlassen, die Sauerei am heutigen Morgen zu beseitigen.
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