Dort, wo sich Roland John gerade zu dieser Zeit in den Tiefe der Klinik befand, war es für ihn wie ein Stück Heimat. Eine etwas andere Heimat, aber doch ein wichtiger Lebensbereich innerhalb seiner beruflichen Tätigkeit. Hier spulte er sein Tagespensum ab, hatte ständig mit Menschen wechselnder Charaktere zu tun und es gelang ihm auch stets, den berühmten Draht zu seinem Gegenüber aufzubauen. Das erwartete man auch von ihm, denn seine Patienten, alles Rekonvaleszenten mit irgendwelchen Gebrechen oder zurückliegenden Operationen, setzten in ihn, wie in alle Therapeuten des Hauses, ein großes Stück Hoffnung auf dem Weg zur Besserung. Denn das, was er als eine zweite Heimat für sich deklarierte, war nichts anderes, als die therapeutische Ebene im Untergeschoss der Hunsrück-Reha-Klinik im Saarland, gelegen nahe an der Grenze zum benachbarten Bundesland Rheinland-Pfalz.
John war, wie fast alle seine Kollegen, der typische Saarländer mit einer „Sprooch, wie der Mund gewachsen ist“ und mit der festen Überzeugung, dass das Saarland der bessere Teil der beiden Grenzländer sei. Aber das sahen die Rheinland-Pfälzer ebenso und so machten die einen beispielsweise ihre Witze über den anderen und umgekehrt, wobei oftmals derselbe Witz für beide herhalten musste.
Auch waren diese beiden Bundesländer charakteristisch ein gutes Stück voneinander entfernt. Auf der einen Seite der Rheinland-Pfälzer mit seiner oftmals knorrigen, aber direkten Art, auf der anderen Seite der Saarländer, lockerer in seiner Anschauungsweise, offen und zu begeistern für die banalen Dinge des Lebens.
So waren sie eben unterschiedliche, liebenswerte Nachbarn, beide Hochwälder, diesseits und jenseits des geografischen Teufelskopfs beheimatet, vor und hinter einer waldbedeckten Anhöhe im Schwarzwälder Hochwald, von weiten schon zu erkennen an dem 120 Meter hohen, inzwischen stillgelegten Fernseh-Sendemast.
Roland John hatte die Beleuchtung in dem therapeutischen Kraftraum gerade ausgeschaltet, als ein metallenes Geräusch ihn aufhorchen ließ. Es klang so, als berührten sich zwei Eisenteile leicht, denn das Geräusch war sofort wieder verschwunden. Eisenteile gab es in dem Raum reichlich. Trainingsmaschinen, Fahrräder und Hanteln waren Werkzeuge derjenigen, die sich in dieser Rehabilitations-Klinik von einer Operation oder einem Leiden erholten und mithilfe von Kraftmaschinen oder Gewichten wieder auf die Beine kommen wollten.
Die Bewegung seiner rechten Hand, die den Schlüssel in das Schloss der Eingangstür zum medizinischen Trainingsbereich einführen wollte, stockte. John drehte sich langsam um und durchpflügte mit zusammengekniffenen Augen den Raum, dessen Beleuchtung er bereits ausgeschaltet hatte. Die letzten Patienten hatten vor einer Stunde den Kraftraum verlassen und er selbst hatte noch den Papierkram erledigt, bevor auch sein beruflicher Tagesablauf in den Hunsrück-Kliniken dem Ende zu ging. Die therapeutische Ebene im Untergeschoss war nun menschenleer, die anderen Therapeuten hatten offensichtlich ihre Arbeit erledigt, und ihm oblag es nun, für endgültige Ruhe in diesem medizinischen Bereich zu sorgen.
„Hallo!“ Seine eigene Stimme widerhallte in dem riesigen Raum, doch er erhielt keine Antwort. Er verharrte noch einen Moment, legte den Kopf schief und schob das rechte Ohr nach vorne, als stärke dies seinen Hörsinn.
John schüttelte ärgerlich den Kopf und strich über sein blondes, schmales Kinnbärtchen. Er hatte sich verhört. Da war niemand mehr. Offensichtlich hatte sich das Klingen des aufeinanderschlagenden Metalls der Hantelscheiben vom vergangenen Tagesablauf in seinen Gehörgängen festgesetzt. Einen Tinnitus hatte er dank der täglichen Geräusche sowieso bereits davongetragen und eine Bescheinigung des Arztes lag ihm schon seit Langem vor.
Er lauschte erneut in die Dunkelheit hinein. Nein, da war niemand, da konnte niemand mehr sein. Und außerdem kam auf sein „hallo“ keine Antwort. Also, wer wollte sich schon über Nacht in einem Raum, der angefüllt war mit schwerem Eisen, einsperren lassen? Selbst einem Trainingswütigen würde die Zeit bis zum anderen Morgen zu lang werden. Nein, er hatte sich verhört.
Nicht zu überhören allerdings war das Getöse des seit Tagen von den Wetterfröschen prophezeiten Orkans „Sabine“, der sich, von Norden herkommend, inzwischen über das ganze Saarland gelegt hatte und den Menschen dort das Leben schwermachte. Zerstörte Häuser, Verkehrschaos und Überschwemmungen waren die Spuren, die er in den letzten Tagen in Gesamtdeutschland und darüber hinaus hinterlassen hatte.
John schickte sich erneut an, den Schlüssel ins Schloss zu führen, als er in das Stürmen des Orkans erneut ein metallenes Geräusch wahrnahm. Dieses Mal hatte er sich nicht getäuscht. Irgendetwas oder irgendjemand hatte dieses Geräusch verursacht. Irgendetwas war in diesem Raum. Ein Tier? Eine Katze?
„Hallo, ist da jemand?“, versuchte er es erneut und tastete sich, ohne die Beleuchtung einzuschalten, in Richtung der zahlreichen Geräte, an denen es tagsüber nur so von Patienten wimmelte. Er versuchte erneut, mit seinen Augen die Dunkelheit zu durchbrechen, und als er darin keinen Erfolg sah, entschloss er sich nun doch, langsam zu den Lichtschaltern zu schlurfen.
An der gegenüberliegenden Wand angekommen, streckte er seinen Arm aus, um den Schalter zu berühren, als sein Hals plötzlich von hinten von kräftigen Händen umklammert und er jäh zu Boden gezogen wurde. John versuchte, mit den Armen nach hinten zu schlagen, sich aus der Umklammerung zu befreien und Schreie zu artikulieren. Doch der Griff hielt ihn wie ein Schraubstock umklammert. Langsam erschlaffte seine Kraft und schließlich brach dunkle Nacht über ihn herein. Er spürte nicht mehr, wie er durch den gesamten Raum geschleift wurde, zu einer der zahlreichen Kraftmaschinen, die sich sein Peiniger offensichtlich bewusst für sein Vorhaben ausgesucht hatte.
Drei Tage zuvor, Freitag
Die Stimmung in der dritten Etage des Trierer Polizeipräsidiums war irgendwie deprimierend. Das Büro 324, in welchem Oberkommissarin Leni Schiffmann und ihr Kollege, Hauptkommissar Overbeck üblicherweise gemeinsam den Tageablauf und die damit verbundenen Ermittlungen bestritten, hatte, auch, wenn es sich nur um ein dienstliches Domizil handelte, irgendwie an Energie verloren.
Der Platz gegenüber von Leni, den Overbeck mit all seinem überschwänglichen Wesen mehr als nur besetzt hatte, war leer. Die lederne, mannshohe Trainingspuppe in der Büroecke, auf die Overbeck täglich eindrosch, hing in ihrem Halteseil, als warte sie darauf, dass ihr Besitzer wieder seine Hände und Beine gegen sie schwingen und den Raum mit klatschenden Geräuschen füllen würde.
Kriminal-Oberrat Peter Krauss durchpflügte mit bekümmerten Blick und großen Schritten das Büro von Hauptkommissar Overbeck und dessen Kollegin, Leni Schiffmann. Die Personalsituation im Kommissariat des Trierer Polizeipräsidiums für Mord und andere Kapitalverbrechen war verheerend und nun auch noch das: Overbeck, seinen Vorzeige-Ermittler, hatte es nun auch erwischt. Keine Grippe, damit hätte man für kurze Zeit auskommen können. Nein, der Herr Sportler hatte sich bei einem seiner Trainings-Einheiten das Sprunggelenk so sehr verletzt, dass er sich einer Operation unterziehen musste. Und nicht genug damit. Wie er, Krauss, soeben erfahren hatte, war für Overbeck eine Rehabilitations-Maßnahme angeordnet worden, die nun mindestens wiederum drei Wochen seine Abwesenheit von der Dienststelle begründen würde.
Krauss wusste um die Tatsache, dass asiatische Kampfsportarten zum Leben Overbecks dazugehörten. Aber nicht genug damit, dass er mehrmals in der Woche seiner Leidenschaft in so genannten Dojos als Sensei, also Meister und Trainer dieser Sportarten, nachging. Auch die Dienststelle missbrauchte er, so sah es Krauss nun mal, als eine Trainingsstätte, denn sein Büro zierte eine lebensgroße Trainingspuppe aus Leder, auf die er in jeder freien Minute losdrosch.
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