Eddie legt schmunzelnd den Kopf schräg, als ich meine Rede unterbreche. »Ja?«, fragt er.
»Ich doziere schon«, antworte ich.
»Na, ja«, erwidert er lächelnd.
»Nein, nein, das darf nicht sein!«, sage ich energisch. »Klar, ich will, dass von den Jungen gelernt wird, dass ihr Lernfortschritt auch anderen Kindern hilft, aber – aber, nein, ich darf sie nicht so – so vorführen. Das darf nicht sein!«
»Das wirst du nicht«, sagt Eddie aufmunternd. »Ganz bestimmt nicht.«
»Ein halbes oder ein dreiviertel Jahr verstrich mit Lernarbeit. Jeden Tag, in aller Ruhe und Sorgfalt, und eines wurde nur allzu deutlich. Ein Affe genügte nicht. Zet war für Pascale da, wusste aber manchmal nicht genau, wie er sich verhalten sollte, wenn Claude Nähe suchte. Die Lösung lag auf der Hand. Ein weiterer Affe. Allerdings hatte ich kein Geld. Sollte ich meinen Vater um Geld für noch einen Wagen anpumpen? Bestimmt nicht. Mein Vater ist immer noch ein mit allen Wassern gewaschener Geschäftsmann, ein Idiot ist er nicht! Saloua ließ mir in unregelmäßigen Abständen durch einen Targi etwas Geld zukommen. Kleine Beträge, ausreichend für etwas Kleidung, zusätzliche Nahrung, ein bisschen Spielzeug. Besser als nichts, aber auf die Dauer kaum ausreichend.« Ich stocke. Ich bin mir nicht sicher, ob ich weitererzählen soll. »Ich habe Gelder für die Schule veruntreut«, erkläre ich nach einer Weile kleinlaut.
Eddie reagiert mit einem leichten Achselzucken. »Na, und? Die UN jagt so viel Geld durch den Schornstein ...«
»Das macht es nicht besser! Diebstahl ...«
[Eddie Trick]
»... sollte nicht die Grundlage sein für ...«
Ich mag's nicht, überflüssiger Selbstkasteiung zuzusehen. »Für was? Für Hilfe? In Afrika überleben viele, weil sie sich zum Leben nehmen, was sie gerade brauchen.« Es ist eine bittere Erkenntnis, die da, ohne großartig nachzudenken, aus meiner vorlauten Klappe kommt.
»Ist gut«, sagt sie. »Ist schon gut.«
Übermüdet wie ich bin, um gut 2:00 Uhr nachts, trotz des Gesöffs von Samir, posaune ich meine gesammelten Weisheiten aus. »Wenn weniger verschwendet würde, wenn es bei dir gelandet wäre, dann ...«
»Ist schon gut«, sagt Nathalie erneut und drückt meine Hand. »Lieb von dir.«
Die Lichtkegel der Fahrzeuge entreißen der Landschaft ringsum Einzelheiten. Scheibchenweise tauchen sie aus dem Dunkel auf. Viel gibt es nicht zu sehen. Das da draußen, so karg, trist und rot unter den Scheinwerfern, könnte ebenso gut die Marsoberfläche sein. Nur Krater von Meteoriteneinschlägen fehlen. Nathalie gibt meine Hand frei, und ich falle in eine Art emotionalen Schockzustand.
»Darf ich weitererzählen?«, fragt sie beinahe schüchtern.
»Ja. Natürlich, natürlich.«
»Claude war anders. Ernster, nicht so verspielt. Pascale war zu Anfang ähnlich. Als sich die Sperre löste, wurde er fröhlicher. Claude nicht. Er war ernst und blieb ernst. Ich nahm an, er käme nach seiner Mutter.«
»Saloua?«
Die Geisterfrau schweigt einen Augenblick. »Ja.« Sie ringt sich ein spöttisches Grinsen ab, ganz und gar nicht Mutter-like. »Genetisch motivierter Firlefanz. Er konnte einfach nur ernst geraten sein, weil er in eine stumme Welt geboren wurde.« Sie nickt sich eine eigene Bestätigung zu. »Er war ein sehr aufmerksamer Junge. Aus heutiger Sicht war Pascale genau richtig für ihn. Jemand, der diesen Weg bereits gegangen war und eine gewisse Sicherheit bot. Aber! Der Affe! Über Umwege fand ich einen neuen Helfer. Keinen Pavian diesmal. Es wäre mir recht gewesen, aber ein Experte riet mir davon ab. Ich entschied mich für einen Bonobo. Ein für Zet artfremder Primat. Arteigene Rivalitäten entfielen so, und ich glaubte, Vau, wie ich ihn nannte, werde sich Zet ganz selbstverständlich unterordnen. Nun hatte ich Erfahrungen gesammelt. Affe pflegt, hilft Mensch. Doch – Affen pflegen, helfen in der Gruppe. Das war Neuland. Und das ist es noch. Es gibt weltweit nichts ...«
[Nathalie Pagnol]
»... Vergleichbares. Es dauerte einige Monate. Es kehrte Ordnung in mein kleines System ein. Ich weiß, Kinder und Ordnung passen schlecht zueinander. Im Regelfall. Pascale und Claude, die beiden Affen, sie benötigen besondere Regeln, eine rigorose Ordnung, einen organisierten Tagesablauf. Das gibt ihnen, neben der Ordnung in Räumen, im eigenen Zuhause, Sicherheit.« Ich rufe mir die damaligen Ereignisse ins Gedächtnis. »Antoine merkte es eher als ich. Wie sehr mich meine – Arbeit auffraß. Es war eben nicht nur Familienleben. Die Nächte wurden immer kürzer. Es gab Tage, an denen ich überhaupt nicht ins Bett fand. Irgendwann kam der Zusammenbruch. In dieser Phase, in der ich mich am Boden glaubte, meldete sich Benoît Moussa bei mir. Meine Panik! Du kannst sie dir nicht vorstellen! Ich – er stand im Eingang der Schule, und ich dachte nur an die Adoption. War sie unrechtmäßig? Wollten die Behörden mir den Jungen wegnehmen? Hatte der Vater interveniert? Die Mutter? Doch nichts dergleichen!« Die Erinnerungen sind so übermächtig, dass es mich fröstelt. Für mich ist keine Decke mehr da. In der Hoffnung, so Wärme zu finden, lege ich die Arme um mich. »In unseren Büroräumen gab sich mein nigrischer Freund ganz entspannt. Von dem, was ich befürchtete, keine Spur. Im Gegenteil. Benoît brannte die Zeit unter den Nägeln. Also kam er Minuten nach seiner Ankunft zum Anliegen seines Besuchs. Ein Junge brauche meine Hilfe.«
Eddie runzelt die Stirn. »Ein Junge? Benoît Moussa hat dir gleich zwei Jungen vermittelt?«
»Vermittelt? Nicht wie es von anderen Ländern her gebräuchlich ist. Ich wollte ihm sagen, ich habe keinen Platz. Keine Luft mehr für ein weiteres Kind. Aber ich sagte natürlich, er solle mir mehr erzählen. Ein paar Tage darauf trafen wir uns in Niamey. Ein einfaches Haus erwartete uns von außen. Von innen war es pompös ausgestattet. Bedienstete, ausschließlich Frauen, ältere Frauen und eine Dame des Hauses, die in meinem Alter war, kann sein auch eine Handvoll Jahre älter. Sie ließ Benoît reden. Er stellte sie als ...«
»Ja?« Höflich wartet Eddie ein paar Atemzüge ab, bevor er nachfragt. »Ist alles in Ordnung?«
Ich wackele nervös mit dem Kopf. Ein Nicken ist es nicht wirklich. »Die Frau hatte einen Sohn. Noch eine Schande. Auf die eine oder andere Art sind sie immer eine Schande, eine Bürde, eine Last. Sie hielt sich im Hintergrund. Schlank und zierlich, recht groß. In ihrem Seidenkleid wirkte sie auf mich wie eine Statue, ganz glatt und unecht. Daneben kam ich mir grob, wie unbehauen vor. Benoît erklärte, sie sei die Dame des Hauses. Sie habe einen Sohn, der eine besondere Belastung für sie sei, da er sie vor ihrem Mann in arge Schwierigkeiten bringe. Benoît sprach wie ein Museumsführer. Sie liebe ihren Sohn und wolle ihn in guter Obhut wissen. Dazu gelte es, das Kind vor der Raserei ihres Mannes in Sicherheit zu bringen. Ich hörte bloß zu. Es stehe Geld zur Verfügung, eine großzügige Summe, eine Einmalzahlung von zehntausend Dollar. Für hiesige Verhältnisse ein unglaubliches Vermögen. Man muss hier nicht weit fahren, um deshalb die Gurgel durchgeschnitten zu bekommen.«
Eddie sieht mich lange an. »Darf ich raten, wie der Junge hieß?«
[Eddie Trick]
»Ayman?« Gespannt warte ich auf ihre Reaktion. Als nichts geschieht, Nathalie sich in ihrer Rolle als reglose Figur zu gefallen beginnt, unbehauen oder nicht, halte ich absichtlich meine verletzte Hand in die Höhe. Die braunen Flecken, das Blut, das durch die Bandagen gesickert ist, sind mein Pfand für mehr Informationen. Ein zittriges Lächeln ist die erste Antwort, und ich schäme mich für dieses Bauernspielchen.
»César«, lautet die zweite Antwort, mit extra fester Stimme gegeben.
»César«, sage ich tonlos. »César ist Ayman. Dann ist César ...« In rodinscher Haltungsqual verfalle ich in grüblerisches Schweigen. Natürlich ist da eine Ahnung. Bertrand, mit seiner überquellenden Lust an pikanten Details, hätte die Pointe längst erraten. Nathalie soll den Satz vollenden.
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