„Ich dachte, dass dich das interessieren würde“, meint Werner am anderen Ende der Leitung.
„Ja, danke, natürlich. Welch schreckliche Neuigkeit...!“
Helmut muss sich kurz unterbrechen, bis er bestätigend fragt: „Der Alte war doch der Onkel von dieser Daniela?“
„Ich wusste, dass du dich an ihn erinnern würdest. Deshalb habe ich dich auch angerufen.“
„Kennt man denn irgendwelche Gründe für diese Tat? War es Mord...?“, fragt Helmut sorgenvoll.
„Nichts weiß man bis jetzt. Aber bei dem Alten wusste niemand so genau, was er eigentlich gemacht hat. Wer weiß, was er diesmal angestellt hat.“
Die beiden Freunde wechseln nun noch ein paar Sätze zu anderen Themen, ehe Helmut das Telefonat mit den Worten beendet: „Danke, Werner, dass du mich informiert hast“ und lehnt sich nachdenklich wieder in seinen Stuhl zurück.
„Gestern noch kaufe ich dem Alten seinen Sekretär ab und heute ist er tot!“, denkt er voller Ironie.
Und Helmut Hinterstober ist gar nicht überrascht, dass er auch an diese Daniela denkt.
„Eine schöne Frau“, sind die erstaunten Gedanken. „Aber ich kann doch nicht einfach dort hinfahren und sie fragen, ob man sich näher kennen lernen will…!“
Was bleibt, ist ein leichtes ironisches Lächeln…
In der Siedlung unterhalb des malerischen Dorfes im Bayerischen Wald, nicht weit zum Böhmerwald hin, sind zwölf Menschen, die sich Tarsianer nennen, zu einem Krisengespräch zusammengekommen. Ihren Namen führen sie auf Paulus, einem der Apostel Jesus, zurück, der als einziger von den 12 Aposteln Jesus nach seiner Auferstehung in Damaskus gesehen hat und in Tarsus, im Süden der Türkei, seine Missionstätigkeit aufgenommen hat.
Dass dieser kleine Ort im Böhmerwald zum Ursprungsort der Tarsianer wurde, ist auf diese „Alte“ und der Bucha-Kapelle mit den darin gelagerten Tagebüchern dieser mysteriösen Alten zurückzuführen.
Nach dem letzten Krieg war diese Bucha-Kapelle ein beliebter Wallfahrtsort für die Bewohner in den Dörfern rings um diese Kapelle gewesen.
Außer einem kleinen Schrank mit Getränken und den im Kreis stehenden Stühlen für die Frauen und Männer, ist der helle Raum leer. Es fällt auf, dass all diese Personen einfach gekleidet sind. Trotzdem ist sofort zu erkennen, dass all diese Menschen von unterschiedlichen Volksgruppen abstammen.
Es ist Josef Süß, der sich als Hüter der Waldkapelle sieht, der das Wort ergreift.
„Zwei schreckliche Ereignisse haben mich dazu veranlasst, euch zu dieser Runde zusammenzurufen“, beginnt der mit vorsichtiger Stimme.
Er hält in seiner einfachen Begrüßung inne und schaut dabei alle Mitglieder der Reihe nach bedeutungsvoll an. Seine dunkle Stimme klingt angenehm und nicht aufdringlich, als er wieder zu sprechen beginnt.
„Als erstes ist da natürlich der überaus tragische Tod des Onkels von unserer Daniela…“
Josef Süß senkt kurz den Kopf und spricht dann weiter: „Ich werde später noch einmal darauf zurückkommen. Das Schlimmere für uns ist aber, dass unser Sekretär aus der Kapelle gestohlen wurde. Und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese beiden Ereignisse im unmittelbaren Zusammenhang stehen!“
Trotz der für die Ratsmitglieder ungeheuren Nachricht – die für die Gemeinschaft so wichtigen Bücher sind verschwunden - bleibt es still in dem großen, hellen Raum.
Endlich bricht Mahmed Üskür das Schweigen: „Und mit dem Sekretär natürlich die Tagebücher…!“
„Genau das ist unser Problem!“, bestätigt Josef Süß die schlimme Vermutung. „Wir wissen alle, wie gut unsere Kapelle, d.h., der Sekretär, gesichert ist. Trotzdem ist es Jemanden gelungen, dort einzudringen!“
Guido Montana mischt sich in die Diskussion ein. Auch er sagt mit eindringlicher Stimme: „Ihr wisst, dass wir unter allen Umständen verhindern müssen, dass diese Bücher in falsche Hände fallen!“
Guido Montana war einer der Ersten, der sich in diesem kleinen Ort eingefunden hatte. Niemals hat er verlauten lassen, ob er von sich aus in den Ort gekommen war oder ob er vom Vatikan entsandt wurde. Im Grunde interessierte es den Wissenden, die sich seit Jahren „Tarsianer“ nannten, auch gar nicht. Jeder von ihnen wusste, warum er in diesen Ort gewandert war.
„Ich hätte allerdings nichts dagegen, wenn die Welt endlich erfahren würde, wie es um ihre Götter bestellt ist!“, meint der 72-jährige Joshua Uskariot, der Jude, zu der letzten Bemerkung. „Aber meine Meinung kennt ihr ja...“
Seine Äußerung zu diesem Thema hat zur Folge, dass sich um seine Bemerkung eine heftige Diskussion entfacht, die mit der Feststellung der alten Afrikanerin endet: „Wir alle sind uns im klaren, dass die Welt, die Menschen auf dieser Welt, noch lange nicht reif sind, die Wahrheit über ihre Götter, bzw. deren Propheten zu erfahren.“
Und der Chinese fügt mit seiner hellen Stimme zustimmend hinzu: „Wir alle hier wissen das und wir sollten eine Diskussion darüber erst gar nicht aufkommen lassen! Die Brüder des 1. Stammes in Wien haben ihre Ohren sicherlich auch bei uns!“
Nach diesen Worten wird es wieder ruhig in dem hellen Saal. Josef Süß, der einzige Einheimische in der Runde, ergreift mit seiner ruhigen, tiefen Stimme erneut das Wort.
„Wie sollen wir vorgehen? Hat jemand einen Vorschlag?“
Ehe Guido Montana antwortet, schaut er auf Josef Süß. „Vielleicht kann uns Daniela in dieser Frage weiterhelfen! Offensichtlich hat doch ihr Onkel mit dem Verschwinden des Sekretärs zu tun!
Mir scheint, dass diese beiden Ereignisse im Zusammenhang stehen.“
„Das habe ich mir auch gedacht“, stimmt Josef Süß dem Vorschlag zu. „Ich denke, dass ich Daniela anrufe, um sie zu uns zu bitten.“
Als keine gegenteilige Meinung aus den Reihen der Bruderschaft zu hören ist, greift Josef zum Telefon.
„Daniela, würdest du bitte zu uns kommen!“
Und nach einer kurzen Pause: „Du weißt ja, wo wir zu finden sind.“
Als Daniela kurze Zeit später den Raum betritt, wird sie von Guido Montana herzlich begrüßt. „Schön, dass du so schnell gekommen bist, Daniela. Wie du dir sicherlich vorstellen kannst, müssen wir über deinen Onkel sprechen, dessen Tod wir außerordentlich bedauern.“
Eine kurze Pause entsteht, in der die Menschen in dem runden Raum still ihren Kopf senken.
Inzwischen wurde Daniela ein Stuhl angeboten, so dass sie in dem runden Kreis Platz nehmen kann. Wie meistens ist sie auch heute mit einem Hosenanzug bekleidet. Der Trauer entsprechend, hat der Anzug eine dunkle Farbe. Bevor Daniela etwas auf die Begrüßung antworten kann, fährt Guido Montana fort. Der ehemalige italienische Mönch schaut die junge Frau besorgt ins Gesicht.
„Wir werden natürlich alles Notwendige für die Durchführung der Beerdigung deines Onkels veranlassen. Uns Allen tut der schreckliche Tod deines Onkels unendlich leid! Die Polizei geht bei ihren Untersuchungen offensichtlich von Selbsttötung aus.“
Hier wird der Italiener von Josef Süß unterbrochen, der Daniela ebenfalls mit besorgter Miene anschaut.
„Es geht aber auch um ein anderes Thema, Daniela. Aus unserer Kapelle ist der Sekretär verschwunden. Wir müssen davon ausgehen, dass er gestohlen wurde.“
Bei dieser Mitteilung öffnen sich die Augen der jungen Frau mit einem wissenden Erstaunen, was neugierig von den Ratsmitgliedern bemerkt wird.
„Ich habe das Gefühl, dass du uns dazu etwas sagen kannst, Daniela!“, sagt der Hüter der Bucha-Kapelle, auf die Gemütsregung von Daniela eingehend.
Die Angesprochene hebt ihren Kopf, schaut kurz in die Runde und antwortet mit fester Stimme: „Ja, ich denke, dass ich dazu ein wenig sagen kann.“
Als niemand aus dem Kreis zu ihrer Ankündigung etwas zu sagen hat, spricht Daniela weiter, zumal von Josef Süß ein aufmunterndes Nicken signalisiert wird.
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