– »Ja sieh! soviel Jahre, seit der Vater tot ist, lebe
ich Tag und Nacht außer Hause unter freiem Himmel;
nach Hause komme ich einmal im Jahre; mit keinem
Menschen bin ich bekannt, habe weder Freund noch
Feind. Wenn die Zeit kommt, daß ich mir einen Hausstand
gründen und mich verheiraten will wie du, wie
soll ich da das Haus besorgen, da ich niemand kenne
und von Hausarbeit nichts verstehe. Daran habe ich
gedacht und die ganze Nacht nicht geschlafen und
habe mich entschlossen, dich zu bitten, daß wir mit
den Arbeiten tauschen, daß ich einige Jahre zu Hause
bleibe und du auf meine Arbeit gehst.«
»Sehr wohl, Bruder,« erwiderte der ältere und stellte
sich, als wäre er nicht ärgerlich, »du sollst jetzt hier
bleiben, und ich will auf deine Arbeit gehen, nur
heute will ich noch auf die Jagd gehen, und wir wollen
noch zusammen essen, morgen wollen wir dann
tauschen.« Dabei wollte er platzen vor Ärger, ging
sein Pferd zu satteln, rief seine Frau in den Stall und
sagte zu ihr: »Hör zu! Ich will heute auf die Jagd
gehen und habe meinem Bruder gesagt, ich würde
zum Essen kommen; aber du mußt wissen, daß ich
nicht kommen werde; du aber brate ein Lamm und
stecke Gift hinein, und zur Mittagszeit deckst du den
Tisch und forderst den Bruder auf zu essen. Und paß
auf! wenn ich zum Abendessen zurückkomme und
höre dich nicht die Totenklage singen, dann ist es um
dein Leben geschehen.« Das befahl er der Frau, bestieg
sein Pferd, gab ihm die Sporen und fort war er
mit den Jagdhunden und Jagdfalken.
Die Frau war ganz entsetzt und blieb lange Zeit
wie versteinert an derselben Stelle stehen. Als sie wieder
zu sich kam, dachte sie hin und her, was sie anfangen
soll: soll sie sterben oder den Schwager vergiften?
Endlich beschloß sie, es Gott anheimzustellen:
kann sie sich retten, gut! wenn nicht, lieber sterben
als ihren Schwager vergiften. Sie briet nun das Lamm,
bereitete das Mittagessen, und als die Essenszeit kam,
deckte sie den Tisch und nötigte ihren Schwager zum
Essen; der aber antwortete: »Wie könnte das sein? Ich
sollte ohne meinen Bruder essen? Er hat mir doch versprochen,
daß wir zusammen essen wollen.« Die Frau
wurde nun sehr betrübt, da sie sah, wie der Schwager
ihren Mann, seinen Bruder, liebte, und wie dagegen
ihr Mann seinen Bruder haßte – so sehr, daß sie dem
Schwager um den Hals fiel, Ströme von Tränen vergoß,
schluchzte und nicht sprechen konnte. Ihr
Schwager war verwundert, hielt sie fest, daß sie nicht
fiele, und bat sie, ihm zu sagen, warum sie weine.
»Ach, Bruder,« antwortete sie, »heute ist es mit mir
aus!« – »Warum, meine Liebe,« fragte er weiter,
»sprichst du so?« – »Du sehnst dich nach meinem
Manne und willst nicht ohne ihn essen. Und er? Er
hat mir befohlen, dich zu vergiften, und geschworen,
mich zu töten, wenn er von der Jagd zurückkommt
und im Hause nicht Totenklage und Jammergeschrei
hört.«
Als das der Schwager hörte, sagte er zu ihr: »Sei
unbesorgt, liebe Schwägerin, ängstige dich nicht, du
wirst nicht sterben. Aber wir wollen einmal sehen,
was mein Bruder tun wird, wenn er mich tot sähe; so
wollen wir Leute an den Kreuzweg schicken, um aufzupassen
und uns Bescheid zu sagen, wenn er sich
zeigt. Wir wollen jetzt ordentlich essen, und wenn er
kommt, deckst du mich mit einem Leichentuch zu,
zündest am Kopfende ein Licht an und fängst an, mir
die Totenklage zu halten.« Was sie so besprochen
hatten, führten sie dann alles aus.
Der ältere Bruder war nun aus dem Hause fort und
auf die Jagd gegangen, dahin, wo er immer zu jagen
pflegte. Er mühte sich den ganzen Tag ab, aber was
niemals vorgekommen war und ihn sehr verwunderte,
er konnte nichts erlegen. Auf dem Rückwege sah er
einen Adler hoch in den Wolken und ließ die beiden
Falken los, die er bei sich hatte. Die flogen wie der
Blitz in die Höhe, nahmen den Adler in die Mitte und
kämpften mit ihm. Nach kurzer Zeit brachten sie ihn
nach und nach zu Fall, und als er nahe genug war, daß
man ihn erreichen konnte, ergriff ihn der Jäger und
sagte zu ihm: »Siehst du, auch du, der du so hoch
fliegst bis in die Wolken, kannst meinen Händen
nicht entgehen.« – Der Adler vergoß Tränen und antwortete:
»Ah! wäre mein Bruder am Leben, deine beiden
Falken, ja auch zwanzig, hätten mir nichts tun
können; daß doch die Hand dem verdorre, der ihn getroffen
und erschlagen hat.« – »Wer hat ihn erschlagen?
« fragte der Jäger. – »Ach,« antwortete der Adler,
»bei Frost, Schneewetter und heftigem Sturm gerieten
wir aufs Schwarze Meer, und der Sturm verschlug uns
auf ein Schiff. Mein Bruder trat gerade auf ein Tau,
als ein Schiffer – möge seine Hand verdorren! – ihn
traf und er ins Meer fiel. Und ich, da ich ihn nicht
mehr habe, bin in böser Zeit ohne Hilfe, wie jetzt, wo
ich mich deiner beiden Falken nicht erwehren konnte.
«
Als das der Jäger hörte, fiel ihm sein Bruder ein,
und er wurde betrübt, ließ den Adler los und spornte
sein Pferd, soviel er konnte. Das Pferd rannte, was es
konnte, und fiel aus übermäßiger Anstrengung tot hin.
Da ließ er das Pferd liegen und lief zu Fuß weiter. Als
er sich dem Hause näherte, sahen ihn die Diener und
meldeten es. Der jüngere Bruder legte sich nun und
stellte sich tot, die Schwägerin deckte ihn mit einem
Leichentuch zu, zündete ein Licht an und begann die
Totenklage. Als der ältere Bruder das Jammergeschrei
hörte, beeilte er sich noch mehr, und sobald er ins
Haus trat, zog er seinen Säbel, stürzte sich auf die
Frau und wollte sie erstechen: »Ach, du elendes
Weib, du hast meinen Bruder vergiftet!« Als das der
Bruder hörte, sprang er auf und sprach: »Rühre meine
Schwägerin nicht an! Nicht sie hat mich vergiftet,
sondern du wolltest mich vergiften.« Da sagte der ältere
Bruder kein Wort, fiel dem andern um den Hals
und sprach: »Ach, Bruder, bist du noch am Leben,
bist du wirklich noch am Leben?« bedeckte ihn mit
Tränen, küßte ihn, bekannte seine Schuld und erzählte
ihm alles, was sich mit dem Adler zugetragen hatte.
Da brachen sie beide in Tränen aus, weinten miteinander
und herzten sich. Von da an lebten sie wieder
brüderlich und lagen niemals mehr in Streit.
5. Der Faulpelz, oder: Gutes wird mit Gutem
vergolten
Es war einmal eine Mutter, die hatte auch einen Sohn;
der Junge hatte aber keine Lust zu arbeiten, er war zu
faul. Die Mutter sagte ihm: »Aber Sohn, wenn du
schon nichts anderes arbeitest, geh wenigstens mit
dem Esel Holz holen.« Der aber antwortete: »Hol mir
ihn doch, wenn du willst, daß ich nach Holz gehen
soll.« Die Mutter holte ihm den Esel und sprach: »Da,
ich habe dir den Esel geholt, nun geh also!« – »Setz
mich auf den Esel, wenn du willst, daß ich nach Holz
gehen soll«, sagte der Junge weiter. Da setzte sie ihn
auf den Esel und sagte wieder: »Da, ich habe dich
daraufgesetzt, mach vorwärts und geh!« Sie legte ihm
auch noch das Beil auf den Esel und brachte ihn so
mit aller Mühe dahin, daß er ging.
Der Junge zog nun seines Weges, Holz zu holen;
nach einiger Zeit kam er ans Meer, da fiel ihm das
Beil herunter. Er war zu faul, abzusteigen und es aufzunehmen,
sondern blieb auf dem Esel sitzen und
wartete. Da war aber ein Fisch aufs Trockene geraten
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