zu fangen. Die Bauern taten das.
Am dritten Tag, als sie zu dem Zaren gehen sollte,
steckte sie die Hasen je einen in einen Sack, gab sie
den Bauern zu tragen und sagte: »Wenn ich euch
sage, ihr sollt sie loslassen, dann laßt sie los.« Sie
selbst nahm die beiden Tauben, setzte sich rittlings
auf eine Ziege und machte sich auf zu dem Zaren; einige
Leute hatte sie vorausgeschickt, ihm anzuzeigen,
daß sie komme.
Als der Zar das hörte, zog er aus der Stadt, sie zu
empfangen mit allen Vornehmen und zahllosen Stadtleuten.
Als nun das Mädchen nicht mehr weit von
dem Zaren war, sah sie die Menge Menschen, die herausgekommen
waren, sie zu empfangen, und als sie
ihnen nahekam, befahl sie den Bauern, vor den Augen
der Leute die Hasen loszulassen. Sobald die das
sahen, rannten sie fort, die Hasen zu fangen.
Die Hirtin, die rittlings auf der Ziege saß, ging bald
zu Fuß, die Ziege zwischen den Beinen, bald hob sie
die Füße auf und ritt auf der Ziege.
Als sie zu dem Zaren hintrat, zog sie die beiden
Tauben aus dem Busen und reichte sie ihm hin. In
dem Augenblick, wo er die Hand ausstreckte, die
Tauben zu nehmen, ließ sie sie aus der Hand, und die
Tauben flogen weg.
Da sagte die Hirtin zu dem Zaren: »Du siehst, Zar,
die Leute haben mich empfangen und nicht empfangen;
ich bin geritten und nicht geritten; ich habe dir
ein Geschenk gebracht und nicht gebracht.« Da sagte
ihr der Zar: »Von heute an sollst du mir wie ein Sohn
sein.« Sie aber flüsterte ihm ins Ohr: »Ich bin kein
Bursche, ich bin ein Mädchen.« Der Zar, der nicht
verheiratet war, nahm sie zur Frau. Und so wurde die
Hirtin durch ihre Klugheit Zarin.
2. Der geizige Zar und sein mitleidiger Sohn
oder: Die gute Tat geht nie verloren
Es war einmal ein Zar, ein großer Geizhals, der hatte
einen Sohn, und als dieser erwachsen war, gab er ihm
eine Saumlast Gold und schickte ihn fort samt dem
Wesir, um noch mehr zu erwerben; nach drei Jahren
sollte er drei Lasten zurückbringen; wenn nicht,
würde er ihm den Kopf abschlagen.
Sie gingen nun in ein anderes Reich, und als sie in
eine Stadt kamen, sahen sie, wie man einen Menschen
mit zusammengebundenen Füßen die Straßen entlangschleifte,
und fragten: »Was hat dieser Mensch böses
getan, daß man ihn so mißhandelt?« Die antworteten
ihm, das sei bei ihnen Sitte; wenn einer gestorben sei,
binde man ihm die Füße zusammen und schleife ihn
vor die Stadt hinaus, jeder helfe ein wenig, als Seelenopfer
für den Toten. Der Zarensohn, der sehr mitleidig
war, kaufte ihn los, richtete eine Bahre her, führte ihn
hinaus vor die Stadt, bereitete ein Grab, begrub ihn
und veranstaltete einen Totenschmaus, ohne auf den
Wesir zu hören. Der aber, da er sah, daß der Zarensohn
das Geld verschwendete, verließ ihn und kehrte
zurück; und wirklich gab der Junge mit seinen Wohltaten
alles Geld aus.
Er kehrte nun in die Stadt zurück, und da er sich
fürchtete, wieder nach Hause zu gehen, verdang er
sich am Rande der Stadt bei einem alten Gastwirt, bei
dem niemand mehr einkehrte. Der Junge brachte es
aber mit seiner Bedienung dahin, daß alle wieder dort
einkehrten, und in kurzer Zeit wurde der Alte reich.
Einmal fragte ihn der Alte, was er für seine Arbeit
haben wollte. Der Junge antwortete: »Etwas Geld, so
viel, um in die Fremde zu gehen.« – »Schön«, sagte
der Alte, wollte ihn aber nicht allein gehen lassen und
suchte ihm einen Gefährten. Da begegnete ihm ein
Neger, der sagte, er möge ihn nehmen. »Nein,« erwiderte
der Alte, »du wirst ihm nicht gefallen.« –
»Nimm mich nur,« sagte der Neger, »und wenn er
mich nicht mag, werde ich schon wieder gehen.« So
nahm der Alte ihn mit, und als der Junge ihn sah, gefiel
er ihm.
Am nächsten Morgen machten sie sich auf die
Reise. Als sie zu einem Brunnen kamen, sagte der
Neger zu ihm: »Höre, Bruder, wir wollen jetzt in die
Fremde gehen; laß uns hier einander schwören, daß
keiner dem andern etwas verheimlichen wird, daß wir
immer zusammen bleiben, Tag und Nacht, und wenn
wir künftig mit Gottes Hilfe zurückkehren, daß wir
bei diesem Brunnen alles, was wir erworben haben,
aufs Haar gleichmäßig und brüderlich teilen.« Das
beschworen sie und zogen weiter.
Unterwegs kamen sie an eine Einöde, und die
Leute, die ihnen begegneten, sagten ihnen, sie möchten
nicht dahinein gehen, sie würden umkommen.
Aber der Neger hörte auf niemand. Am Abend kehrten
sie in einer verlassenen Herberge ein, der Junge
legte sich in eine Stube und schlief ein, der Neger
aber ging durch alle Stuben und fand eine Lamia mit
drei Köpfen, die die Menschen fraß, die sich dort aufhielten,
ihr Geld nahm und die ganze Stube damit anfüllte.
Der Neger erschlug sie, verschloß das Zimmer
mit dem Gelde und sagte dem Jungen nichts. Am
Morgen zogen sie weiter und kamen in die Hauptstadt
eines Zaren.
Dort war eine Tochter des Zaren, die war vielmal
verheiratet gewesen, aber die Männer waren nicht am
Leben geblieben, sie waren alle schon in der ersten
Nacht gestorben. Der Neger ging nun zum Zaren und
bewarb sich im Namen des Jungen um die Tochter.
Der Zar sah sich den Jungen an und richtete sogleich
die Hochzeit an. Viele Leute sagten ihm, er möge sie
nicht nehmen, denn er werde in seinen jungen und
blühenden Jahren sterben – der Junge war nämlich
sehr schön –, aber der Neger sagte ihm, er möge unbesorgt
sein, er sei ja bei ihm. In der ersten Nacht, als
sich das junge Ehepaar schlafen legte, verlangte der
Neger, in derselben Stube zu schlafen. Der junge
Mann bat ihn, für sich zu schlafen, aber der Neger erinnerte
ihn an den Schwur, und er schwieg.
Sie waren eben eingeschlafen, da machte die junge
Frau den Mund auf und fing an zu schnarchen. Der
Neger stand auf, zog seinen Säbel und stand über sie
gebeugt still. Nach kurzer Zeit, sieh da, kam eine
große Schlange aus dem Munde der Frau heraus und
schickte sich gerade an, den Mann zu beißen, als der
Neger ihr ein Stück abhieb, ungefähr eine Spanne
lang, soweit sie herausgekommen war, samt dem
Kopf. Das übrige Stück aber kroch wieder hinein. Als
sie am Morgen aufgestanden waren, freute sich das
ganze Schloß, daß der Schwiegersohn am Leben geblieben
war.
Nach einiger Zeit rüsteten sie sich zur Abreise und
nahmen von dem Zaren nichts als vierzig Maultiere
und vierzig leere Säcke. Als sie zu der verlassenen
Herberge kamen, belud der Neger die Maultiere mit
dem Gelde der Lamia, und sie zogen nun mit der jungen
Frau der Heimat zu. Eines Tages gelangten sie an
jenen Brunnen. »Jetzt«, sagte der Neger, »müssen wir
teilen.« Da teilten sie die Maultiere und alles andere
zur Hälfte. »Jetzt also«, sagte darauf der Neger, »wollen
wir auch die Frau teilen. Faß du das eine Bein, ich
nehme das andere, und wie du willst, teilen wir quer
durch oder der Länge nach.« »Bewahre Gott,« antwortete
der junge Mann, »laß ab, nimm du sie ganz,
wir wollen sie doch nicht umbringen.« – »Nein,«
sagte der Neger, »denk an den Schwur!« Es blieb
nichts übrig, der Mann ergriff das eine Bein, und
sowie der Neger das Messer zog, schrie die Frau auf,
erbrach sich vor Schrecken und spie das übrige Stück
der Schlange aus. »Da hast du sie jetzt,« sprach der
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