Die nahe gelegene Hauptstadt, die ohnehin schon aus allen Nähten platzte, hatte ein immer größeres Problem mit der Unterbringung von Strafgefangenen. Aus diesem Grund machte der Berliner Senat dem Land Brandenburg den Vorschlag, die Sanierung von „Haus Bötzsee“ zu übernehmen, um dort sogenannte „Freigänger“ unter- zubringen. In der Folge wurde Rutter vor einem halben Jahr zum Landrat zitiert, der ihm diesen Gedanken offenbarte. „Ihr habt kein Geld, um das Haus zu unterhalten, also halte ich unseren Plan für sinnvoll. Außerdem soll es nur eine Übergangslösung sein, bis Berlin seine neue Strafanstalt fertig gestellt hat“, beschwichtigte der Landrat. Der Politiker blickte in das missmutige Gesicht des jungen Bürgermeisters. „Ich denke, Berlin ist arm, aber sexy? Aber für eine Sanierung in Brandenburg haben die Geld …?“, witzelte Rutter, mit einem ironischen, Unterton: „Ich denke, dass unsere Gemeinde nicht begeistert sein wird.“ Der Landrat winkte ab. „Zunächst ist es ja nur eine Anfrage, eine Planungsidee. Außerdem ist die Nutzung natürlich nur für „leichte“ Fälle gedacht. Steuersünder, Mietnomaden oder hartnäckige Schwarzfahrer werden hier untergebracht. Und ihre Gemeinde ist eine große Sorge los.“ „Ich habe trotzdem Bedenken, wie man das auffassen wird.“ Der „Gemeindechef“ schüttelt den Kopf. „Wie schon gesagt, im Moment ist es nicht mehr als ein Gedanke. Es nützt nichts, im Vorfeld die Pferde scheu zu machen. Informieren Sie den Gemeinderat und warten Sie ab, bis endgültig entschieden wird. Erst dann halte ich es für sinnvoll, an die Öffentlichkeit zu treten.“ In diesem Moment schwante Rutter, dass es sich mit ziemlicher Sicherheit schon um eine beschlossene Sache handelte. Mit zugeschnürter Kehle trat er die Heimfahrt an, in der Gewissheit, dass ein Beschluss des Landrates als übergeordneter Stelle für ihn bindend war. Auf sein Veto und das der Gemeinde kam es da nicht an.
Das Ganze war vor sechs Monaten passiert. Eine Woche später kam die Weisung. Die beschlossene Sache sprach sich, trotz zugesicherter Diskretion, in Windeseile herum und sorgte für die erwarteten Reaktionen im Doppeldorf. Ein anderes Gesprächsthema gab es nicht. Lauthals machten sich die „Dörfler“ Luft, diskutierten in den sogenannten „Tratsch-Zentralen“, dem Postamt, dem Nahkauf, an den Gartenzäunen und in den Gasthäusern. Zahllose Beschwerdebriefe überfluteten den Briefkasten des Rathauses, setzten Bürgermeister und Gemeinderat unter Druck. Schließlich sah man nur noch einen Ausweg und lud die Einwohner zu einem Bürgergespräch in die Giebelseehalle. Schon nach wenigen Minuten war die Lokalität dermaßen überfüllt, dass man aus Sicherheits- gründen den Einlass stoppen musste, was die Brisanz des Themas offenbarte. Natürlich steigerte das „Aussperren“ die emotionale Gemengelage umso mehr. Schon nach wenigen Minuten Diskussion endete der Dialog in wüsten Beschimpfungen. Verhärtete Fronten machten einen sachlichen Diskurs unmöglich. „Die Tanzgruppe der Volkssolidarität musste da raus, weil die sanitären Anlagen angeblich nicht in Ordnung sind, aber für Verbrecher wird alles hergerichtet!“ „Also erstens, haben wir der Tanzgruppe einen neuen Übungsraum zur Verfügung gestellt und …“ Vergeblich wollte sich der Bürgermeister Gehör verschaffen: „…zweitens wird das Haus vom Berliner Senat restauriert, die sind ja schon kräftig dabei und drittens ist es ja nur eine Übergangslösung, zirka für zwei Jahre.“ „Egal wie lange. Berlin soll seinen Dreck behalten, wir brauchen hier keine Verbrecher. Denkt hier mal jemand an unsere Kinder? Nicht weit davon entfernt ist die Badestelle. Willkommen am Kalten Buffet, werte Kinderschänder! Bitte bedient Euch!“, wurde Rutter rüde unterbrochen. „Das ist Nonsens! Das Land hat zugesichert, dass hier nur sogenannte Freigänger untergebracht werden.“ „Das Land hat zugesichert …“ Keine Seite drang mehr mit seinen Argumenten durch. Nach zwei Stunden ergebnisloser Debatte erklärte der Gemeinderat die Sitzung für beendet. Ein deutlich gezeichneter Bürgermeister trat die Heimfahrt an. Da halfen auch die tröstenden Worte seiner Frau nicht. Kopfschüttelnd antwortete er: „Weißt du, bevor ich mich zur Wahl stellte, habe ich mir geschworen, immer für meine Gemeinde einzutreten. Und jetzt? Jetzt stehe ich mit gebundenen Händen da! Und das Schlimmste ist, dass ich die Bedenken sogar verstehen kann.“
Die Versammlung endete gegen zweiundzwanzig Uhr. Zwei Stunden später erschallte der Pieper. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt…
Als Rutter am Brandort eintrifft, wird die Nacht von etlichen rotierenden Blaulichtern erhellt. Einsatzwagen der Freiwilligen Feuerwehren aus Petershagen, Eggersdorf und sogar aus Strausberg sind auf die Altlandsberger Chaussee gefahren, was nicht unüblich ist, da bei Bränden immer alle nahegelegenen Wehren informiert werden. Allerdings ist man gerade damit beschäftigt, die Ausrüstungsgegenstände wieder zusammenzupacken. „Und …?“, erkundigt sich der Bürgermeister bei dem auf ihn zukommenden, mit der Hand abwinkenden Truppführer: „Vergiss es. Alles schon vorbei. Am Haus stand ein Papiercontainer, der gebrannt hat. Glücklicherweise hat ein PKW-Fahrer den hellen Schein von der Straße aus gesehen und hat angerufen, gerade rechtzeitig, bevor die Flammen auf das Gebäude überschlagen konnten. Wahrscheinlich ein Dummejungen- streich. Aber das soll die Kripo klären.“ „Dummejungen- streich? Um diese Uhrzeit?“, spricht Rutter, mehr für sich selbst als zu seinem Gegenüber. Dann fällt sein Blick auf Natalie: „Und was macht der kleine Terrorzwerg um diese Uhrzeit hier …?“ „Mensch Marco, es fehlen doch nur ein paar Monate. Und ich habe sie auch nur für die Straßenabsperrung eingesetzt. Sie hat doch so gebettelt!“ Mit einem gutmütigen Grinsen im Gesicht kommt die Antwort: „Egal. Jugendschutz ist Jugendschutz! Lasst euch nicht erwischen!“
Schwendt, Tirol, Österreich, Sonntag, den 09.02.2020
Schon jetzt um diese Uhrzeit dominieren die Strahlen der Wintersonne die bergige Landschaft, bringen die Schneekristalle zum Funkeln. Es ist beeindruckend, wie der wärmende Fixstern allmählich hinter den am Horizont liegenden letzten Ausläufern des „Zahmen Kaisers“ emporsteigt. Ein malerisches Schauspiel , denkt sich Koch, der es sich auf dem kleinen Balkon gemütlich gemacht hat. Sehnsuchtsvoll gleiten seine Augen über die weiße Pracht, über die vereinzelten Häuser, deren Dächer meterhoch mit Schnee bedeckt sind, wobei es eigentlich verwunderlich ist, dass die Masse sie nicht zum Einstürzen bringt. Der Anwalt schaut hinunter auf die Fernverkehrsstraße, die von Kössen nach Innsbruck führt. Allen Niederschlägen trotzend hebt sich die schwarze Asphaltschicht vom Rest der Landschaft ab, und zwar so deutlich, als hätte die Flockenpracht am kleinen Bürgersteig innegehalten, nach links und rechts geschaut, die Straße überquert, um sich dann gegenüber erneut auszubreiten. Immer wieder ziehen die Räumfahrzeuge ihre Runden, schieben und türmen das Weiß an den Rand. Man stelle sich mal diese Schneefälle in Deutschland, speziell in der märkisch - oderländischen Umgebung vor! Nicht auszudenken! Wo doch schon ein paar einzelne Flocken Panik auslösen. Man beteuert sich gegenseitig, für den Winter gewappnet zu sein. Glück für uns Deutsche, dass ein solches Wetter in unserer Region nur sehr selten vorkommt. Übung macht den Meister - würden die Einheimischen der 823-Seelen-Gemeinde Schwendt einwenden, die 702 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Falk Koch schaut wiederholt hinüber zu den majestätischen Felsen. Hoch oben auf dem Gebirgsplateau, mit bloßem Auge fast nicht erkennbar, ist eine kleine Berghütte. Der Anwalt lässt seiner Fantasie freien Lauf. Er stellt sich vor, jetzt mit Alisha dort oben zu sein, abgeschieden vom Rest der Welt. Eingeschneit, ringsum eine Wand aufgetürmten Schnees. Das Feuer im Kamin lodert. In Gedanken fährt er sacht durch ihre Haare, küsst sie.
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