Weiler nickte zustimmend. »Ja, das kann ich nachempfinden. Denn die Sache war schon ziemlich verrückt. Also. Der Projektant war quasi zur falschen Zeit am falschen Ort. Dabei beobachtete er den Führer einer konspirativ arbeitenden Gruppe des Ministeriums. Die war gerade bei der Durchführung ihrer geheimen Mission. Und er wollte das an die große Glocke hängen. Das musste der betreffende Genosse natürlich unbedingt verhindern! Der hieß, soweit ich mich noch erinnere – Bauerfeind. Dafür organisierten sie diesen »Unfall« den die Zielperson aber überlebte. Weil ich zwei Tage später sowieso nach Berlin fliegen musste, habe ich die weitere Information zu dem Vorgang übernommen. Im Ministerium bin ich bei einem Oberst Führmann vorstellig geworden. Den hatte mir der Bauerfeind als seinen Vorgesetzten benannt. Dem habe ich alles übermittelt und der hat gesagt, dass sie das Notwendige veranlassen würden. Damit schien für mich die Sache erledigt zu sein.«
Zernick schüttelte verwundert den Kopf. Verkniffen starrte er seinen Partner an. »Hast du eigentlich mal mitbekommen, was diese »Gruppe« auf deiner Baustelle konkret gemacht hat?«
»Nee, natürlich nicht! Das war »topsecret«. Hatte mich daher gar nicht zu interessieren!«
»In Ordnung! Kenn’ ich ja auch noch, wie man damit umgehen musste. Na gut, das war eine interessante Geschichte. Aber was hat das nun mit unserem Oberst Römer zu tun?«
Weiler griff zur Thermoskanne und goss sich in seine Tasse frischen Kaffee nach. Dann nickte er gelassen, um schließlich Zernicks Frage zu beantworten. »Nun recht viel! Weil nämlich einige Zeit später etwas Seltsames passierte, entstand plötzlich der Bezug zu Römer. Das war, als ich ein paar Monate drauf zu unserem nächsten Rapport im Ministerium angetreten bin. Du hattest dich, wenn ich mich noch richtig erinnere, fast einen halben Tag wegen dichten Nebels in Ustinov verspätet. Der Beginn der Beratung wurde verschoben, bis du eingetroffen warst.«
Zernick verdrehte genervt die Augen. »Horst!«
Weiler winkte ab. »Ich latsche also durchs Ministerium. Und da quatschte mich auf dem Flur so ein großer, breiter Glatzkopf an. Der baute sich vor mir auf und fragte mich ganz zackig, ob ich Major Weiler wäre. Als ich das unumwunden zugebe, nennt er mir seinen Dienstgrad und seinen Namen. Dann hat er mich in ein leeres Zimmer zitiert, um mich dort rund wie ’n Buslenker zu machen! Mann, ich wusste zuerst gar nicht, was der Kerl eigentlich von mir wollte. Doch er hat ganz schnell die Hosen runtergelassen. Wegen meiner Vernehmung von einem »angeblichen Unfallopfer« in Bara könnte er mir eine saftige Disziplinarmaßnahme reinwürgen, schrie er. Und wer mich eigentlich dazu autorisiert hätte, die Informationen von Hauptmann Bauerfeind an Oberst Führmann zu übermitteln? Der Vorgang dort draußen stände unter höchster Geheimhaltungsstufe, tobte er los. Ich sollte es zukünftig nicht noch einmal wagen an diese Sache auch nur zu denken!
Erst in dem Augenblick habe ich mich an die ganze Chose mit dem abgestürzten IM wieder erinnert! Denn der aufgeblasene Typ mein lieber Ralf war die Glatze. Der Oberst Römer!« Weiler atmete tief durch und klopfte mit dem Finger auf das Foto, das vor ihm auf dem Tisch lag.
Zernick indes starrte mit leerem Blick auf seinen Partner.
Der wartete geduldig ab bis Zernick, nachdem er sich geräuspert hatte, endlich die Sprache wiederfand.
»Mensch Horst, das ist ein Ding wie ’n Ei!«, stöhnte er und schlug mit seiner Faust heftig in die hohle Hand. »Jetzt sind mir eben ein paar Sachverhalte klar geworden, mit denen ich in all den Jahren nichts anfangen konnte. Ich glaube, dass es nun langsam ein Bild ergibt. Also hör zu! Es muss so um die Faschingszeit herum gewesen sein. Sechsundachtzig in Prokowski. Damals fing mich abends im Speisesaal ein Meister vom Transport ab. Ganz aufgeregt bat er mich um ein Gespräch. Wenig später ist er auch wirklich in meinem Büro aufgeschlagen, wohin ich ihn gebeten hatte. Leider hab‘ ich dann wohl einen Fehler gemacht. Denn ich nahm ihn nicht für voll, weil der schon angesoffen war. Ich hab ihn mir sogar eine Zeit lang angehört, obwohl alles recht wirr klang. Was er so rüberbrachte, meine ich. Um die ganze Sache abzukürzen, habe ich ihm dann angeboten, dass wir am nächsten Tag noch mal miteinander reden. Wenn er wieder nüchtern ist! Dann hab’ ich ihn ins Bett geschickt. Am Tag drauf musste ich aber dringend nach Karamorka fahren. Erst zwei Tage später bin ich zurückgekommen. Soweit ich mich erinnere, sollte ich darum so eilig nach Prokowski zurückkommen, weil sich dort ein junger Kerl vom LT erhängt hatte. Ich hoffte auch, dass mir der Transportmensch wieder über den Weg läuft. Dann würde er mir sicherlich alles, was er im Suff gequatscht hatte, noch mal im nüchternen Zustand erzählen. Doch an eben diesem Wochenende verschwand der Mann spurlos. Erst im Frühjahr fand man seine Leiche unten im Stausee.« Zernick hielt einen Moment inne und schüttelte den Kopf. »Aber zu dieser Zeit hatte ich genug um die Ohren. Weil er zudem angeblich beim Eisangeln ertrunken war, wie uns die Miliz mitteilte, habe ich mich auch nicht mit dem Vorgang befasst. Und, weil auch keiner eine Untersuchung angestrebt hat, geriet bald alles in Vergessenheit.«
Weiler, der sich Zernicks Erzählung bis hierhin mit Interesse angehört hatte, schaute nunmehr sehr überrascht drein. »Mann, das ist ja noch so ’ne Räuberpistole! Was aber in Dreiteufelsnamen hat der Kerl dir denn eigentlich erzählt?«
Zernick legte die gefalteten Hände vor sich auf den Schreibtisch. Er fixierte den Partner mit einem scharfen Blick, seine Antwort kam etwas stockend. »Es war eigentlich nicht viel, – was er bei mir ausgeplaudert hat«, sagte er und schluckte heftig. »Er wäre Mitglied in einer bestimmten – Gruppe, die irgendwas in einem der Verdichterfundamente eingebaut habe. Man hätte ihnen erzählt, dass dieses Teil, – das sie da eingemauert haben – eine vor den Sowjets geheim zu haltende, neuartige Messanlage wäre. Bei einer Sauferei musste er aber von seinem Gruppenführer hören, dass es was ganz anderes ist! Seine Kenntnis darüber würde nun sein Gewissen gewaltig belasten. Zumal er ja dem MfS gegenüber bestimmte Verpflichtungen eingegangen wäre! Und ich sollte ihm da unbedingt raushelfen. Das so ungefähr – hat er gesagt! Zumindest habe ich das so verstanden und auch noch in Erinnerung.«
Weiler setzte zu einer weiteren Frage an.
Zernick hob jedoch abwehrend die Hand, um sogleich fortzufahren. »Nein, nein, den Namen des Genossen, der die Aktion führte, hatte er mir nicht genannt. Auch keine weiteren Einzelheiten. Ich musste aber davon ausgehen, dass der Gruppenleiter – ein OibE gewesen ist.«
Eine geraume Zeit herrschte Stille im Raum.
Zernick massierte angelegentlich sein Kinn.
Weiler hingegen starrte in seine leere Kaffeetasse. Bis er sich schließlich leise räusperte. »Gerade eben ist mir etwas klar geworden, Ralf. Nämlich warum du vorhin, als ich den Begriff »Verdichterfundament« im Zusammenhang mit den Worten »Unfall und Oberst Römer« erwähnt habe, so seltsam geguckt hast!«
Heftig mit dem Kopf nickend bezeugte Zernick seine Zustimmung. »Stimmt, Horst! Da hat’s bei mir geklingelt. Ich bekam nämlich damals im Ministerium etwas von einem Gerücht mit. Es gäbe auch an der Erdgastrasse geheime Aktivitäten, hieß es. Die das Vorhaben zusätzlich sichern sollen. Es verlauteten zwar nur einige, recht verschwommene Hinweise. Aber du weißt ja, wie es damals war. Solche Dinge gingen uns in keinerlei Hinsicht etwas an. Denn sie gehörten schließlich nicht in unseren Aufgabenbereich. Zudem stammte Derartiges zumeist aus dem Bereich der Scheißhausparolen. Doch dieser Oberst Römer der könnte damit irgendwas zu schaffen gehabt haben! Mir gegenüber hat er’s ja irgendwie indirekt bestätigt. Bei unserem Zusammentreffen. Oder wie siehst du das?«
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