Seine Frau Alissa fand schon vor einigen Jahren in Zernicks Frau Lydia eine innige Freundin. Die Damen verbrachten viel Zeit miteinander.
Lydia war diese Abwechslung natürlich recht. Versuchte sie doch schon lange den Verlust der jüngeren Tochter zu verarbeiten.
Nachdem das Mädel Mitte der Neunziger hart ins Drogenmilieu abdriftete, war bald alle Hilfe vergebens. Sie verschwand von zuhause, rief nur gelegentlich an. Zwar klang das jedes Mal wie ein Hilferuf. Doch zu einer Rückkehr ins elterliche Heim ließ sie sich nie bewegen.
Zwei Jahre später fand man sie in einem Abrisshaus. Tot durch Überdosis.
Auch Zernick trug schwer an dieser Last. Zumal er sich zum einen Vorwürfe machte als Vater versagt zu haben. Zum anderen kamen ihm erste Zweifel, die sich auf seinen langjährigen Handel mit dem tödlichen Stoff richteten.
Dessen ungeachtet drängte er den Riesenprofit stets vor Augen, dieses unangenehme Thema immer beiseite. Wobei ihm der Widersinn seines Handelns vollauf bewusst war.
Am frühen Vormittag erhielt Zernick einen Anruf auf einem seiner Handys. Dessen Rufnummer war nur wenigen bekannt. Kuragin teilte ihm mit, dass er sich unbedingt und sofort mit ihm treffen müsste.
In Erwartung des Russen stand Zernick an einem Fenster in seinem Büro. Unvermittelt spürte er eine innere Unruhe.
Warum nur wirkte Kuragin am Telefon so aufgeregt?
Zernick stützte sich auf die breite Fensterbank aus edlem Marmor und starrte hinab auf die Friedrichstraße.
Der Tag war der Jahreszeit entsprechend nasskalt, grau und windig. Woran auch die bunten Weihnachtsdekorationen, die sich über die Straßenschlucht schwangen nichts änderten.
Tausende Fußgänger drängten sich auf den Gehsteigen. Schier endlose Fahrzeugschlangen schoben sich in beiden Richtungen langsam durch die enge Magistrale.
Er kehrte an seinen Schreibtisch zurück und setzte sich.
Knapp eine Stunde nach seinem Anruf betrat Kuragin das Büro. »Entschuldigen Sie bitte, Ralf, dass ich so überraschend über Sie hereinfalle!«, eröffnete der Russe das Gespräch, nachdem ihm Zernick einen Sessel angeboten hatte. Seinen modischen, mit einem feinen Pelzkragen geschmückten Ledermantel, warf er achtlos über einen Stuhl. Rasch, fast hektisch schaute er sich im Raum um, bevor er sich setzte. »Ich war aufgrund von jetzt eingetretenen Situation der festen Überzeugung, dass ich Ihnen meine neuesten Erkenntnisse sofort mitteilen muss.« Kuragin sprach mit gesenkter Stimme und zerrte eine Zigarettenschachtel aus seinem Jackett. »Denn ich bin mir jetzt ganz sicher darin zu wissen, wer die letzten Jahre unsere Geschäfte sabotiert hat!«
Zernick riss überrascht seine buschigen Augenbrauen hoch, beugte sich seinem Gegenüber über den Schreibtisch entgegen. »Wer zum Teufel ist es? Und wie haben Sie das endlich heraus bekommen?« stieß er erregt hervor.
Der Russe grinste übers breite Gesicht, brannte sich jedoch erst einmal eine Zigarette an. Das tat er, obwohl er wusste, wie sehr es Zernick störte, wenn man in seinem Büro rauchte. »Nun gut, der Reihe nach«, fuhr er schleppend fort und blies den Rauch zur Seite. »Vor drei Jahren nach dem ersten Vorfall habe ich meine Leute beauftragt, den Verursacher zu finden. Sie erinnern sich noch an unsere Vereinbarung? Sie können mir vertrauen mein lieber Ralf, dass es war schwierig! Wir dachten schon, dass wir an diese Kerle wohl nie herankommen. Sie entsinnen sich an Helmuth Steinckes Unfall? Der sich, wie Sie wissen, als ein Anschlag auf ihn entpuppte? Wobei im Grunde genommen alles auf uns gezielt hat! Das war ja auch immer meine Vermutung. Damals hat die Polizei ein Phantomfoto an die Presse gegeben. Das zeigte den Burschen, der Steincke ins Auto gefahren war.«
Zernick nickte zustimmend. Er registrierte aber gleichzeitig mit Erleichterung, dass Kuragin seine Zigarette soeben wieder ausdrückte.
»Wir haben unsere Kanäle zu den Tschetschenen genutzt. Was wir dabei herausbekamen, war aufschlussreich. Der gesuchte Typ, den man wenig später tot auf einer Müllhalde fand, war kein Russe oder Tschetschene. Sondern ein Serbe!« Nunmehr zeigte sich Zernick wiederum sehr überrascht. Unruhig rutschte er auf seinem Sessel herum, deutete dann auf Kuragin. »Warum haben Sie uns das nicht gleich gesagt, Alexej? Ich meine, wenn sie das schon so lange wissen?« stieß er entrüstet hervor, hieb mit der flachen Hand erregt auf den Tisch.
Der Russe zuckte jedoch nur lässig mit den Schultern. »Was hätte Ihnen das genutzt, da wir doch immer den Kopf der Bande haben wollten. Oder? Nur ein kleiner Fisch war das. Nicht mehr«, entgegnete er ungerührt und grinste verächtlich.
Zernick war versucht ihm sogleich eine scharfe Antwort zu geben. Doch etwas in Kuragins Worten hatte ihn aufhorchen lassen.
Das ist ja interessant, ging es ihm unvermittelt durch den Kopf, Unser russischer Partner bezeichnet die Gegenseite als »Bande«! Dabei sind wir doch ebenso gestrickt. Wir sind im Sinne des Gesetzes auch eine Bande von Kriminellen. Oder etwa nicht?
Er wischte seine flüchtige, selbstkritische Überlegung jedoch rasch beiseite. Mit hochgezogenen Brauen schaute er auf Kuragin und hüstelte.
Der nahm Zernicks beredten Blick als Aufforderung und spann daraufhin seinen Faden weiter. »Es hat dann doch eine ganze Weile gedauert. Ich meine, bis wir uns einen von den Serben schnappen konnten und ihn schließlich zum Reden brachten. Natürlich wussten wir schon so ungefähr, welche der serbischen Gruppen die hier in Berlin arbeiten uns an den Hals wollen. Wir mussten aber erst mal einen von den Typen fangen. Einen, der auch plaudern würde. Nun ja es ist uns gelungen! Wir wissen jetzt genau, dass diese Serbenbande für einen Deutschen arbeitet.«
Für Zernick sollten die Überraschungen wohl kein Ende nehmen. Ein Deutscher soll der Kopf jener Ganoven sein, die unsere Geschäfte sabotieren? Die Kuragins Leute getötet hatten? Zernick stockte fast der Atem. Denn irgendetwas bedeutete ihm, dass dies wohl nicht die letzte Überraschung für heute war.
Der Russe nickte vielsagend und setzte nochmals sein süffisantes Lächeln auf. »Dem besagten Deutschen. – Sagt man so? Ja? Also gut. Dem gehörte bis vor kurzem auch ein Bordell in Reinickendorf. Dort hatte er, soweit wir jetzt wissen, seine rechte Hand als Geschäftsführer eingesetzt. Einen Serben! Der soll aber von heute auf morgen verschwunden sein! Und der Deutsche hat den Puff kurze Zeit später wieder verkauft. Warum er das gemacht hat, konnte unser Gefangener nicht sagen.« Kuragin griff nach seiner Zigarettenpackung.
Der Blick seines deutschen Partners hielt ihn jedoch vom Rauchen ab.
Der Russe verdrehte stattdessen nur kurz die Augen und sprach weiter. »Seitdem hängen die Serben zumeist nur herum. Irgendwie passiert bei der Bande im Augenblick nicht sehr viel. Sie verdienen anscheinend auch kaum Geld. Das jedenfalls gab der Typ an, den wir auf dem Stuhl hatten. Doch auch diese Informationen scheinen zu stimmen. Denn gegen uns wurde wie Sie sicher bemerkt haben seit eben dieser Zeit nichts mehr unternommen!«
Zernick starrte schweigend einen Moment vor sich auf den Tisch. Daraufhin nickte er dem Russen wohlwollend zu. »Sehr gute Informationen sind das. Gute Arbeit, Alexej! Aber wer ist denn nun dieser ominöse Deutsche?«
Kuragin ließ die Zigarettenschachtel in seiner Jackentasche verschwinden. »Also gut. Da bin ich mal gespannt mein lieber Ralf wie Ihr Personengedächtnis funktioniert. Denn der deutsche Chef der Serben ist anscheinend ein alter Kollege von Ihnen. Aus ihrer Zeit bei der Stasi, meine ich!«
Zernick schnappte nach Luft. »Einer von uns?«, stieß er hervor. Seine Verblüffung war offensichtlich. »Wie heißt er? Was hatte er für einen Dienstgrad?«
Zumindest den Namen des Betreffenden servierte ihm Kuragin sofort. Natürlich mit der Einschränkung, dass er nicht für einen Klarnamen bürgen könnte. »Er soll angeblich früher ein hohes Tier bei ihrem Ministerium in Berlin gewesen sein. Den Dienstgrad weiß ich leider nicht. Aber er heißt Römer!«
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