„Logisch, ich habe sogar einen Knoten in den Schnürsenkel gemacht als Erinnerung. Ich weiß nur nicht, warum ich kommen sollte.“
„Außer der Einladung lag auch noch ein Rundschreiben im Briefumschlag, hast du das nicht gelesen?“
„Oje, es waren zwei Zettel. Den Umschlag habe ich in die Badewanne, ins Spülwasser getan, zusammen mit allem, was auf dem Sofa, dem Sessel, dem Tisch, dem Schrank und den Stühlen lag. Ich hasse alte Unordnung mußt du wissen, zwischendurch muß ich Platz schaffen für neue. Aber vielleicht kann ich ihn wieder rausfischen, er liegt höchstens seit 8 Tagen drin.“
„Vergiß es, die Tinte ist verwischt.“
„Ja ist es denn zu fassen! Jeder weiß, wie leicht so ein kleines Malheur passieren kann, aber auf die Idee, mit wasserfester Tinte zu schreiben, da kommt keiner der hohen Herren. Also sag schon, was stand drin?“
„Das verrate ich dir auf keinen Fall. Soweit kommt’s noch, dass ausgerechnet ich deine Schlamperwirtschaft unterstütze. Ich geb dir aber einen Rat – nur damit hier alles ordentlich ablaufen kann. Stell dich ganz weit hinten an und paß genau auf, was die anderen sagen und tun. Dann wirst du schon verstehen. Nur soviel, der Kleine da vorn in der Blüte ist „E1“ … „Experiment 1“, mehr sag ich nicht.“
Die Ordnung drehte sich um und ging ihrer Wege, die Unordnung kratzte sich ratlos am Kopf, dann zog sie die Achseln hoch und schob sich wieder hektisch durch die Anwesenden: „ Wo ist das Ende der Schlange bitte? Sind sie der letzte, mein Herr? Nein? ...“
„Bitte macht mir Platz, laßt mich durch zu ihm“, sanft schob sie sich durch die Menge, hier ein wenig sich schmälernd, dort ein wenig ausweichend, dann liebevoll jemanden von einem Platz auf den anderen versetzend, bis sie die Blüte erreicht hatte. Rot glühte es in ihrer Mitte auf – und in dicht aufeinander folgenden Wellen verströmte sich die Wärme über den kleinen Jungen.
„Löse dich aus deiner Erstarrung, Menschenkind, bewege deine Gliedmaßen“, hauchte sie. „Erweiche deine Gesichtszüge durch ein Lächeln, belebe deine Augen mit Gefühlen. Erwärme vor allem dein Herz, laß es mitwirken und mitentscheiden bei allem, was du tust.“
„Tu dich nicht immer so wichtig. Du bist doch nicht allein beteiligt. Mitternacht ist schnell vorbei, also spute dich, wir wollen alle dazu beitragen.“
Der eisigkalte Luftzug schnitt jäh durch die pulsierende Wärme. Klirrend formierten sich Kristalle, wucherten bedrohlich in alle Richtungen mit spitzen, messerscharfen Kanten.
„Immer meinst du, du wärst das Wichtigste für diese Menschen, aber ohne mich kommen sie auch nicht aus in dieser Welt“, höhnte die Kälte. „Zum Teufel mit deinen warmen Gefühlsduseleien. Wie heißt es doch so treffend: ein kühler Kopf, ein kalter Verstand, sind des Glückes Unterpfand.“
„Was verstehst du schon von Glück. Aber da wären wir wieder bei unserem alten Thema angelangt.“
„Ganz genau, Herzensdame. Nur habe ich nicht die mindeste Lust, mit dir wieder stundenlang zu diskutieren, es kommt sowieso nichts dabei heraus, nicht mal ein vernünftiger Kompromiß.“
„Nein, nicht zwischen uns beiden, aber vielleicht gelingt diese schwierige Aufgabe unserem Menschenkind.“
„Papperlapapperlapapp – ich kann das Gezänke zwischen euch nicht mehr mit anhören – und ich will es auch nicht! Durch nichts und niemanden laß ich mir meine gute Laune und meinen frohen Sinn verderben, schließlich bin ich die Heiterkeit.“ Elastisch wippend näherte sich eine Kugel dem Lichtschacht, wirbelte ausgelassen um ihre eigene Achse und versprühte ein wahres Feuerwerk von Farben – winzige Explosionen in Gelb, Rot, Grün und Blau.
„Als wenn ich nicht schon genug zu tun hätte mit diesem Trauerkloß da dicht hinter mir. Wie schwarzes Öl breitet er sich aus, zwängt sich in kleinste Ritzen, durchtränkt jede Materie. Beschwert die Menschen, bis ihre Schultern sich beugen und ihr Herz wie ein Klumpen Blei in ihnen wiegt. Legt sich klebrig auf ihre Gedanken, bis sie unbeweglich und verängstigt stillstehen. Überschwemmt ihre Augen mit heißen Tränen. Wie, frage ich euch, kann man sowas jemandem antun?“
„Sprichst du von mir, oberflächliches, ekelhaft buntes Luftgespinst? Du weißt es ebenso wie alle anderen, daß Leid, Kummer und Schmerz den Charakter formen, die Not anderer erkennen und mitfühlen lassen. Also kannst du oder willst du nicht verstehen, dass ich lauter Tugenden in ihnen wecke? Was erdreistest du dich, so über mich herzuziehen? Was sind denn deine Gaben, he? Sag schon, raus damit, oder genierst du dich jetzt?“
„Trübsinn, dir ist nicht zu helfen. Fast tust du mir leid, denn du verpaßt das Beste auf dieser Welt. Nie wird dein Herz vor Freude klopfen und deine Augen strahlen beim Anblick einer schönen Blume, bei den Klängen einer fröhlichen Melodie, durch die Zärtlichkeit einer streichelnden Hand.“
„Ach du rosaroter Naivling, sag mir mal eins, weißt du nicht, dass jedes Blümchen verfault, oder, in der Blüte seiner Jugend gefressen wird von einer dieser großmäuligen Kühe? Dass Krankheit und Tod auch sie treffen? Hast du jemals, ich meine außer deinen süßen Melodeien, die Melodie des Schreckens oder der Angst gehört? Einen Schuß zum Beispiel, losgelöst von der gleichen Hand, die streicheln kann, einen Schmerzensschrei? Wenn du außer bunten Blasen noch was anderes im Kopf hast, dann mußt du erkennen, daß ich jedes Recht habe mitzuwirken.“
Die heiter beschwingte Kugel wich etwas zur Seite. Dieser Miesepeter ging ihr auf die Nerven. Sie würde auf jeden Fall genau aufpassen, dass sein Anteil nicht größer ausfiel als ihrer.
„Aus dem Weg, verdammtes Gesindel! Verschwindet! Du auch, verzieh dich!“
Mit den Ellenbogen erbarmungslos alles beiseite schleudernd, bahnte sich ein grün-gelber, massiger Körper seinen Weg. Auf dem gedrungenen Nacken saß ein kahler, fast quadratischer Kopf mit wulstigen Lippen und bleckenden Zähnen. Gefährlich funkelnde Augen, ständig auf der Suche nach neuen Opfern.
„Aaaah, da ist ja dieser elende Wurm, dieses jämmerliche Häuflein. Auf dass es immer mehr werden auf diesem widerwärtigen Planeten. Wie die Ameisen wimmeln sie. Aber macht euch um mich keine Sorgen Kameraden“, spöttisch grinsend schaute die Bosheit in die Runde, „ich weiß mir in jeder Lage zu helfen, passe mich neuen Situationen problemlos an. Was haltet ihr davon?“
Für alle gut sichtbar schwenkte er ein Glasfläschchen über seinem Kopf, ähnlich einem Parfumzerstäuber.
„Das Geheimnis ist die Mikrofeinsprühung. Eine enorme Arbeitserleichterung, will sagen Beschleunigung. Während ich früher mühsam mit der Pipette Tröpflein für Tröpflein auftragen mußte, kann ich nun mein boshaftes Gift über diese Menschenbrut sprühen, als wenn sie von Ungeziefer befallene Pflanzen einer Großplantage wären. Die Idee mit den Schlangenzähnen, die man nach Belieben melken kann weil immer neues Gift nachströmt, habe ich übrigens auch übernommen. Seht her, ein kleiner Biß ins Fläschchen – schon wieder voll, einfach genial bin ich. Doch nun zu dir, kleiner Hanswurst!“
Und ehe sich jemand von seinem Entsetzen erholen konnte, hatte der Boshafte eine gehörige Portion seiner giftgrünen Brühe über die Blüte und den kleinen Jungen darin gesprüht.
„Wer möchte noch, wer hat noch nicht?“ Sein gehässiges Gelächter dröhnte ihnen in den Ohren, bereitwillig wichen sie zurück, bahnten ihm eine Gasse und atmeten erleichtert auf, als er in der Dunkelheit verschwand. Die fein zerstäubten Tröpfchen schwebten in der Luft, langsam niedersinkend.
„Nein, nein, das darf nicht sein, so helft mir doch!“
Ein weiches, feines Gewebe hatte sich schützend um den Blütenkelch gelegt. Das niederschwebende Gift fraß winzig kleine Löcher hinein, aber es hatte seine Wirkung damit verloren.
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