Außerdem muß mindestens eine ¾-Mehrheit der Heerscharen
für den Antrag gestimmt haben.
Einen Moment blickte er angestrengt an die Decke. „Genau, das reicht ... oder vielleicht noch als Abschluß“:
Die eingereichten Ideen werden so schnell wie möglich
bearbeitet.
Erwartungsvoll schaute Herr Uriel in die Runde.
„Super Huper Schnuper!“ Herr Raphael klatschte beifällig in die Hände. „Wir zwingen sie sozusagen, sich erst mal selber ausführlich mit ihren Vorschlägen zu beschäftigen, und anschließend uns mit ihren Argumenten zu überzeugen – oder auch nicht. Ich bin dabei!“
„Genauso machen wir’s!“ Herr Gabriel nickte seinen beiden Kollegen zustimmend zu und wandte sich dann an Herrn Michael: „Du wirst sehen, was auf unseren Tisch kommt, hat bereits einen langen, langen Weg hinter sich gebracht. Im Übrigen erinnere ich daran, dass der Chef selber sich über Angestaubtes beschwert hat. Er wird dir dankbar sein dafür, dass es dir mal wieder gelungen ist, eine schnelle und einvernehmliche Entscheidung herbeigeführt zu haben.“
Herr Michael schaute kurz auf, aber nichts in den Mienen seiner Kollegen deutete auf anderes hin als auf offenkundige Freundlichkeit. Er brummelte was davon, dass es ganz so einfach zwar nicht werde, aber man könne es ja mal versuchen. Dann bestimmte er Herrn Uriel, für Aushang und Zettelkasten zu sorgen, was eigentlich sowieso schon klar war, eilte in sein Büro und sandte eine SMS folgenden Inhalts ab:
„An Chef, gute Lösung gefunden wie gewünscht. Alle einverstanden, bei nächster Besprechung mehr Einzelheiten, Gruß Michael“
In den folgenden Wochen beobachteten die Vier Großen – nicht ohne Belustigung – eine fieberhafte Geschäftigkeit um sich herum, ja sie fühlten sich fast wie auf einer ruhenden Insel inmitten einer aufgewühlten See. Überall tuschelte es oder ereiferte sich heftig gestikulierend, überall strömte es in Scharen in Versammlungsräume, überall sah man untergeklemmte dicke Aktenordner und hochrote Bäckchen. Und da man auf den Straßen kaum jemanden mehr ohne ein kleines weißes Handy am Ohr sah, was bisher eher verpönt war, glühten auch die Öhrchen hochrot.
Auf diese Weise vergingen zwei Wochen und die Herren Gabriel und Raphael begannen, Herrn Uriel jeden Morgen nach seiner Zettelkasten-Inspektion zu fragen: „Noch immer nichts?“ Worauf er achselzuckend antwortete: „Noch immer nichts!“
Zwei weitere Wochen verstrichen, eine allgemeine Enttäuschung wurde unübersehbar und sogar Herr Michael konnte sich ein ratloses Kopfschütteln nicht verkneifen: „Sehr merkwürdig, erst hatten sie es doch so eilig!“
Dann endlich, es waren nochmal 3 Tage vergangen, stürmte Herr Uriel ins Besprechungszimmer, in seiner Rechten einen weißen DINA-4-Umschlag schwenkend:
„Es geht los! Der erste Vorschlag ist da. Bin ich gespannt – oh,“ er stutzte und führte den Umschlag etwas näher an seine Augen. „Von der Vereinigung der Schutzengel für Kinder, habt ihr jemals von einer solchen Vereinigung gehört?“ Ungeduldig fingerte er an dem Flügelhakenverschluß herum, dann zog er einen Brief hervor in 4-facher Ausfertigung: „Hier, für jeden einen.“
Vereinigung der Schutzengel für Kinder
e-mail: verde.schuki@him.com*
internet: uww.verde.schuki.com **
An die Herren Erzengel
Betrifft: Vorschlag zur Steigerung der Freude und des Wohlbefindens der
Menschenkinder = unserer Schutzbefohlenen
Hochverehrte Herren,
Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr wir uns gefreut haben, endlich unsere Verbesserungsvorschläge einreichen zu können - danke herzlichst. Wir, die Schutzengel der Kinder, haben umgehend eine Organisation gegründet (siehe Briefkopf), damit wir Ihre harten Bedingungen erfüllen können. Glücklicherweise waren auch die Kollegen der anderen Abteilungen der Meinung, dass unser Anliegen so dringend ist, daß wir den ersten Antrag stellen durften (weitere folgen bald):
1.) Das Problem
Tagtäglich müssen wir mitansehen – und das bedrückt uns zutiefst - wie
schwer sich manche Eltern tun mit ihren Kindern, vor allem mit dem ersten. Es
ist kaum zu glauben, wieviel Unsinn da betrieben wird, natürlich zum
Leidwesen der Kinder. Wir könnten ganze Bücher darüber schreiben (was aber
sicher nicht nötig sein wird). Erst kürzlich haben wir eine Frau seufzen hören:
„Ach könnte man doch mit dem zweiten Kind beginnen, dann wäre vieles
einfacher!“ Erst dachten wir, na das geht ja wohl schlecht, aber dann hat’s beim
Matti (Kollege aus München) Klick gemacht und er hat einen richtigen
Geistesblitz gehabt.
2.) Mattis Geistesblitz
Wir schicken ein Probekind zu einem zukünftigen Elternpaar und lassen es eine
Weile mit ihnen leben. Dieses Kind sollte etwa 7 Jahre alt sein, aber nicht zur
Schule gehen müssen. Ist auch nicht nötig, denn es wird viel klüger sein als
normalerweise Kinder in dem Alter. Dazu brauchen wir etwas Hilfe vom
Fachbereich „Lebewesen“, Abteilung „Individuelle Ausstattung“. Wenn das Kind
seinen Auftrag erfüllt hat, löschen wir bei den Eltern die Erinnerung daran, es
wird ihnen vorkommen, als hätten sie einen langen Traum gehabt.
3.) Unsere große Hoffnung
Wenn nun dieses Ehepaar sein eigenes erstes Kind bekommt, beginnen sie
tatsächlich mit ihrem zweiten, wie gewünscht. Denn tief in ihrem Innern haben
alle Erfahrungen, die sie mit dem Probekind gemacht haben, Spuren
hinterlassen, oder anders ausgedrückt – sie sind keine ahnungslosen Laien
mehr (hoffentlich!).
4.) Die Durchführung
Um ein repräsentatives Ergebnis zu erhalten, schicken wir das Kind zu drei
ganz unterschiedlichen Ehepaaren. Die gesamte Organisation übernehmen wir
alleine, bitten Sie nur darum, den Fachbereich „Lebewesen“ zu unterrichten und
anzuweisen, uns in jeder gewünschten Weise zu helfen.
Wie das Kind seine Aufgabe löst, können wir weder bestimmen noch vorhersehen, und seinen Erfolg können wir nicht garantieren. Es ist eben ein Experiment. Bitte geben Sie uns eine Chance (sonst müßten wir eventuell doch die ganzen Bücher schreiben, wie oben erwähnt).
Für weitere Fragen stehen wir jederzeit gerne zur Verfügung, nur zu!
Ganz freundliche Grüße
von der Vorstandschaft der VDSFK im Namen aller Schutzengel für Kinder
PS: Wir haben nicht nur eine ¾ Mehrheit für diesen Vorschlag zustande
gebracht, sondern sogar eine 99,9 %-ige. Sie können jederzeit das
Wahlergebnis einsehen.
PPS: Auf die Schnelle noch eine Kleinigkeit: Wir sind unsere weißen Hemden so
leid! Jeans, T-Shirts und Turnschuhe, wie sie die Kinder auf der Erde
tragen, sind auch viel bequemer (und im Notfall, z.B. bei kleinen Meinungsverschiedenheiten, auch
viel praktischer). Bitte!!!
* Vereinigung der Schutzengel für Kinder @ Himmel.com
** universe wide web. Vereinigung der Schutzengel für Kinder.com
Herr Uriel konnte nicht mehr an sich halten und ließ sich laut prustend auf seinen Stuhl fallen: „Ich kann nicht mehr“, quetschte er heraus und wischte sich ein paar Tränen aus den Augenwinkeln.
„Dass du immer so albern sein mußt“, Herr Michael kniff etwas die Lippen zusammen, aber auch er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, ganz zu schweigen von den Herren Gabriel und Raphael, die sich vor Vergnügen auf die Schenkel klopften.
„Oh wie gern würde ich auch mal eine dieser Jeans tragen ...“
„Ich darf doch bitten!“ Herr Michael sah Herrn Raphael strafend an.
„Schon gut, schon gut! Ich weiß ja, dass wir in unserer besonderen Position an der Kleiderordnung nicht rütteln dürfen … und in … äh, Meinungsverschiedenheiten sind wir bisher auch noch nicht verwickelt worden.“
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