„Woher weißt du denn, wo das 47. Reifenrad und 58 Stunden restliche Menge sind?“
„Oh Stormi, du nervst mich. Was lernt ihr eigentlich heutezutage in der Zusteller-Schule? Und sowas wird eingestellt. Schau dich lieber mal um, ob du was erkennen kannst, hast ja noch junge Augen.“
„Jawohl, Herr Cico. Ich sehe: kein einziges Licht, keine Straßenbeleuchtung, kein Krankenhaus, kein...“
„Du sollst mir nicht sagen, was du nicht siehst, sondern was du siehst.“
„Lauter nichts!“
„Nach meinen Berechnungen müßten wir nahe dran sein, merkwürdig. Wir gehen mal etwas tiefer – huuuups! Nicht so schnell! Oooooh – Flügel raus, so weit wie möglich! Luftloch! Achtung … Wald in Sicht, Baum in Sicht … bitte alle gleichzeitig aufsetzen, bitte!!!“
„Autsch – voll in den Magen rein, und noch eins auf’s Auge, na super. Halt die Flügel bei dir Stormi! Du schwankst ja wie auf hoher See. Stemm dein Hinterteil gegen den Baumstumpf, feste, ja genauso. Und jetzt hör endlich auf, wie ein Wilder um dich zu schlagen. Wir haben festen Boden unter den Füßen, wir sind unten.“
„Dieser Anfänger hat es geschafft, mir sämtliche Federn zu verknicken.“
„Laßt gut sein, die Hauptsache ist, dass wir alle noch ... wer röchelt denn da so schrecklich?“
„Röcheln nennst du das? Sei unbesorgt, das Geräusch kenn ich nur zu gut. Unser Zwergerl schnarcht mindestens so laut wie meine Frau, die Mara. Stups ihn an, dann ist er still. Mach ich bei ihr auch immer so.“
„Aber jetzt ist es zu still – ich spür’s in allen Knochen, gleich passiert irgendwas Furchtbares.“
„Ich bin festgeklemmt!“
„Stormi, du solltest dich nur anlehnen, nicht einklemmen. Jetzt kneif ihn fest zusammen und … hauruck, na also.“
„Hört mal, das Luftloch war kein Zufall, es stimmt haargenau überein mit meiner Ortsangabe.“
„Und weiter? Du hast doch gesagt, wir könnten auch sehen, wohin wir ihn legen sollen. Warum lassen wir ihn nicht einfach gleich hier und verschwinden?“
„Jabi, ich hätte nicht gedacht, daß aus deinem Munde ein so unehrenhafter Vorschlag kommen würde. Nicht, dass ich mich besonders wohlfühlen würde im Moment, irgendwas stimmt hier wirklich nicht, aber – wir warten. Ich schätze, es kommt gleich jemand mit einer Lampe...“
„Ist schon da!“
Ein silbriger Strahl tastete suchend durch das Geäst.
„Sieht so aus, als würden wir abgeholt. Schöne große Taschenlampe.“
„Von wegen Taschenlampe, ist ein Mondstrahl.“
„Ist mir auch egal, gehn wir ihm nach.“
Wie der Kegel eines Scheinwerfers glitt das Licht über umgestürzte, vermodernde Baumstämme. An zersplitterten Stümpfen entlang, in deren feucht aufgedunsenem, schwammigem Holz Flechten und Pilze wucherten. Es durchdrang die feingewebten Fallen der Spinnen, huschte an den glatten, graugrünen Buchenstämmen vorbei und warf tiefe Schatten in die rissige Rinde der Eichen. Kein Blatt löste sich von den Zweigen, denn kein Nachtwind streifte durch die Baumkronen. Kein Rascheln im trockenen Laub, denn kein Tier bewegte sich durchs Unterholz. Kein Aufleuchten von Augen, kein hetzender Verfolger hinter fliehendem Opfer. Nur bewegungslose Stille.
„Diese Geheimniskrämerei ist absolut lächterlich.“
„Mir reicht’s auch allmählich. Sobald irgendwas auftaucht, was auch nur annähernd wie ein Gitterbett aussieht, rein mit ihm und ab durch die Mitte. Wahrscheinlich ist sowieso alles nur ein Alptraum. Gleich wache ich neben meiner Mara auf, aber ich werde ihr nichts erzählen, weil sie mich nur auslachen würde.“
„Durch mich ist gerade was Warmes gezogen – mittendurch.“
„Der arme Stormi hat vor Angst Fieber gekriegt. Na Mahlzeit, dann haben wir auf dem Heimweg wieder was zu schleppen.“
„Es ist nur ein Traum, es ist nur ein Traum!“
„He, seht mal, ich glaube, wir sind am Ziel.“
Sie hatten eine Lichtung erreicht und der Mondstrahl bildete einen fahlen, fast senkrechten Lichtschacht um eine große, weit geöffnete Blüte herum. Ein Kranz langer, schmaler, spitz zulaufender Blätter umgab den bauchig rund geschwungenen Kelch.
„Ts, zu meiner Zeit hätte es sowas nicht gegeben.“
„Die Zeiten ändern sich eben, wenn jetzt Blümchen-Betten in Mode sind, mir soll’s recht sein. Legen wir ihn hinein, so, und jetzt das Tuch unter ihm wegziehen. Stormi, komm her zu mir, wir ziehen natürlich nur auf einer Seite – kannst du dir denken, warum?“
„Also, du kleiner Riese, mach’s gut. Mir ist nicht ganz geheuer bei dem Gedanken, ihn hier allein im Wald zurückzulassen, außerdem spukt es hier, eben hat mich was gestreift. Hallo, ist da jemand?“
„Warum verstecken wir uns nicht hinter einem Baum und schauen uns an, wer ihn abholt?“
„Weil wir den Auftrag ausführen und sofort zurückkommen sollen, weil wir uns um nichts weiter kümmern sollen. Aus, Schluß, das sind die Anweisungen!“
„Brrrr, ist mir auf einmal kalt.“
„Bloß nicht noch ein Kranker, Magu, du wirst dich doch nicht erkältet haben?“
„Merkwürdig, es war wie ein Schüttelfrost, jetzt ist es wieder vorbei. Fertigmachen zum Abflug – höher, immer höher! Wie spät ist es eigentlich?
Mitternacht stand kurz bevor.
Ein sanfter Luftzug umspielte die Lichtsäule – gefolgt und scharf geschnitten von einem eisigkalten. Es zischte und brodelte wie kalte Wassertropfen auf heißer Herdplatte, als der kalte Luftzug auf ein aufquellendes Gebirge heißer Dämpfe traf.
Ausgefranste, graue Nebelfetzen tauchten aus der Dunkelheit auf, veränderten ihre Form, lösten sich auf, sammelten sich erneut. Bildeten Gestalten, Gesichtszüge mit trüben, matten Augen.
Und dann bunte Wirbel, wie Luftschlangen, in die man hineinbläst, so daß ihre Ringe rasend schnell ausfließen. Schillernde Blasen, sich unaufhörlich teilend und schaumig auftürmend, um dann zu zerplatzen.
Duftig zarte Wölkchen, vergnügt umeinander und übereinander schwebend – nur einmal entsetzt auseinanderstiebend, als durch ihre Mitte etwas Hartes, Metallisches schnitt.
„Kann mir mal jemand sagen, was eigentlich los ist. Warum bin ich hierher bestellt worden? Was tut ihr denn alle hier?“
Planlos und hektisch sprang eine kleine, kauzige Gestalt zwischen den Anwesenden umher und schwenkte dabei einen Schnürsenkel mit Dreifach-Knoten vor ihrer Nase. Tief in die Stirn gezogen bis hinunter zu den Augenbrauen und von zwei gut abstehenden Ohren gehalten, bauschten sich Schwimmshorts auf ihrem Kopf. Um den Hals herum krempelte sich ein Hosenbein und in dem anderen steckte ein Arm. Die Beine dagegen waren durch die Ärmel eines grellrosa T-Shirts gezwängt worden, das von einem zweiten Schnürsenkel über dem
Bauch gehalten wurde. Nur ein Fuß steckte in einem Schuh (ohne Schnürsenkel), der andere in einem Socken mit Ein- und Ausgang, weil ihm die ganze Fußspitze fehlte.
„Heute übertriffst du dich mal wieder selbst. Schaust du dich eigentlich nie im Spiegel an bevor du ausgehst?“
„Na und ob! Was glaubst du denn, wieviel Mühe es macht, mich so herrlich unordentlich herzurichten. Als wenn das so einfach wäre, du hast keine Ahnung.“
„Schon gut, schon gut. Natürlich weiß ich, wer du bist, aber es verschlägt mir jedesmal aufs Neue die Sprache. Ich versteh’ es einfach nicht. Sieh mich mal genau an und antworte ganz, ganz ehrlich: Findest du es nicht schöner, so wie ich auszusehen?“
„Gott bewahre – sowas von fade! Du bist die Ordnung – ich bin die wundervolle, kreative, blühende, sprühende Unordnung – für nichts in der Welt möchte ich mit dir tauschen. Weißt du übrigens, warum wir alle hier sind?“
„Selbstverständlich weiß ich das. Wir haben doch alle eine Einladung bekommen, du doch auch, sonst würdest du ja wohl nicht vor mir stehen, oder?“
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