Dieser Vorgang trug jedenfalls nicht dazu bei meine Laune in irgendeiner Form positiv zu beeinflussen. Dabei hätte ich doch rundum zufrieden sein können, denn unsere Streiche am heutigen Morgen wurden in der gesamten Schule verbreitet und als voller Erfolg gewertet. Ja, wir erhielten Anerkennung aus allen Richtungen, ob von den Älteren in der Schule oder den Parallelklassen und man bezeichnete unsere Genialität schlicht und ergreifend als Kult! Wie wir viel später mal auf unserer Abiturfeier erfuhren, natürlich unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit, sollen sogar einige Herrschaften aus dem umfangreichen Lehrerkollegium recht herzhaft darüber gelacht haben. Unter Abwesenheit des Herrn Paul, versteht sich.
Nur unser Fräulein Doktor folgte diesem Trend nicht, und das tat mir weh.
Meine Unlust setzte sich auf dem Heimweg fort. Zunächst verpaßte ich den Bus, weil ich gedankenverloren zur Haltestelle trottete. Erst beim Erreichen der Haltestelle merkte ich, daß der Bus schon dastand.
Meine ansonsten recht gute Reaktion ließ mich aber fürchterlich im Stich und entsprach wohl eher der eines vollbepackten Möbelwagens. Bis ich schaltete, wäre jeder Selbstmörder kalt gewesen!
So fuhr der Bus vor meinen Augen weg, ohne daß ich auch nur den Versuch unternahm, ihn zu erklimmen.
Als der Bus dann allerdings fuhr, rannte ich reaktionsschnell hinterher.
Warum weiß ich auch nicht, vielleicht damit ich anschließend länger warten konnte.
Als dann schier nach einer Ewigkeit der nächste Bus kam, stand ich hilflos vor dem grinsenden Fahrer und suchte meine Fahrkarte, die ich mir beim Einsteigen zwischen die Lippen geklemmt hatte. Nicht nur daß ich mich über das blöde Gegrinse des Busfahrers ärgerte, durch meine alberne Sucherei waren inzwischen auch die letzten Sitzplätze belegt und ich mußte mich, angesäuert bis zum Anschlag in den Gang stellen.
Man sagt wenn es einmal nicht klappt, dann geht gar nichts mehr, aber an dem folgenden Zwischenfall trug ich die Hauptschuld. Angefressen wie ich war, stand ich freihändig im mittleren Teil des Busses.
Allerdings nicht sehr lange!
Schon unmittelbar nach dem Anfahren des Busses, fand ich mich im hinteren Teil des Busses wieder und zwar in der Horizontalen, direkt vor der letzten Sitzreihe.
Das einzig Positive an diesem Unterfangen blieb die Tatsache, daß die Dame, vor deren Füßen ich nun lag, ausgesprochen hübsche Beine besaß! Unter normalen Umständen hätte ich mir nun den Rest des Körpers betrachtet, der zu diesen wohlgeformten Beinen gehörte.
Danach war mir aber nicht mehr zumute! Das laute Gelächter im Bus, meine zweite Blamage am heutigen Tag, beeinflußte meine Gemütslage noch mehr und ich schwor bittere Rache, gegen wen auch immer.
Nachdem ich meine Schulbücher und Hefte zwischen den anmutigen Beinen wieder eingesammelt hatte, verzog ich mich mit gesenktem Haupt in eine Ecke, diesmal allerdings mit der Hand am Haltegriff.
Das nächste Mißgeschick folgte an der Haltestelle, wo ich eigentlich aussteigen musste.
Wie gesagt, wo ich hätte aussteigen müssen!
Ich tat es nicht, weil ich nicht bemerkte, daß der Bus diesen Punkt erreicht hatte.
So fuhr ich eine Station weiter.
Beim Aussteigen schien ich dann das Opfer gefunden zu haben, wo ich Luft ablassen konnte! Es erschien in Form eines kleinen unschuldigen Jungen, der mir beim Aussteigen aus Versehen auf den Fuß trat.
Eine Frechheit!
Entsprechend fuhr ich ihn an:
„Kannst du Penner nicht aufpassen?“
Dann verpaßte ich ihm eine Kopfnuß!
Eigentlich sollte noch mehr folgen aber der kleine Kerl war nicht nur reaktionsschnell sondern auch viel beweglicher als ich!
Ehe ich mich versah landete seine kleine Faust mitten auf meiner Nase und ein gezielter Tritt traf mich an der Stelle, wo junge und alte Männer besonders empfindlich sind, und die eher zur Fortpflanzung, denn als Fußball, gegen den man treten muss, geeignet ist.
Meine heutige Reaktion möchte ich nicht erneut beschreiben.
Selbst wenn ich sofort losgelaufen wäre, für den kleinen Kerl viel zu spät!
Wie ein Wiesel hatte er sich in Sicherheit gebracht. Ich versuchte zwar noch ein paar Schritte in die Richtung der Staubwolke, hinter der er verschwunden blieb, hielt aber augenblicklich wieder an.
Meine Wut steigerte sich nunmehr ins Unermeßliche!
Zu allem Übel begann es auch noch zu regnen.
Mit geschwollener Nase und schmerzender Stelle zwischen den Beinen trabte ich nach Hause.
Aus dem Regen entwickelte sich nach und nach ein Wolkenbruch und der Gedanke schon länger in der trockenen Wohnstube sitzen zu können, trieb mir erneut die Zornesröte in das jugendliche, geschundene Gesicht.
Kurz vor dem Haus traf ich Ute.
Besser gesagt, Ute traf mich!
Ute, die Tochter unseres Nachbarn, außerdem meine Schulfreundin ging in die gleiche Schule, nur in die Parallelklasse.
Unter normalen Umständen hätte es mich mit Stolz erfüllt, sie ein paar Meter begleiten zu dürfen. Ich wußte, daß mich meine Klassenkameraden um diese Freundin beneideten.
Sie sah nicht nur ausgesprochen gut aus, ihre kurzgeschnittenen braunen Haare verliehen ihr etwas spitzbübisches und ihre giftgrünen, vor Unternehmungslust funkelnden wunderschönen Augen ließen jeden Jungen erweichen.
Ihre schlanke Figur, an der sich alle Rundungen für ihr Alter überproportional an den Stellen zeigten wo sie hingehörten, ließ mein Herz bei jeder Betrachtung höher schlagen.
Gott musste einen Glückstag erwischt haben, als er sie schuf!
An der einen oder anderen Stelle mußte er sich sogar noch überredet lassen haben, einen Zuschlag zu geben. Nur so ist es erklärbar, daß ihre Beine kaum enden wollten und geradezu liebevoll modelliert erschienen.
Trotz der langen Beine und ihrer respektablen Größe wirkte sie keineswegs als Bohnenstange.
Es stimmte einfach alles an ihr.
Ihre Lieblingskleidung, hautenge Jeans oder knallenge Lederhosen betonten ihre Wahnsinnsfigur noch mehr.
Ich betone dies so ausführlich, um auf meinen damaligen äußeren und inneren Zustand hinzuweisen!
Ich bemerkte dies Wahnsinnsweib gar nicht und ging an ihr vorbei ohne aufzusehen.
Sie erzählte mir später, daß sie ihren Regenschirm angeboten hatte, ich aber stur weiterging.
So ein Angebot ausschlagen, allein mit meiner Ute unter einem Regenschirm, ihren Atem spüren, ihre Berührung erleben, ihr Herzklopfen empfinden, ihre Haare in meinem Gesicht, ihre süße kleine Plappergusche genießen und vielleicht ein bißchen mehr, wer weiß? Ich hätte mich ohrfeigen können!
Stattdessen stampfte ich wütend von Pfütze zu Pfütze.
Der Regen pflügte förmlich durch meine Haare und ergoß sich über meine demolierte Nase, die zusammengepreßten Lippen, den Hals entlang, direkt in meinen großzügigen Hemdausschnitt.
Ich spürte, wie das völlig durchnäßte Hemd auf meiner Haut klebte und die Hose so schwer wie ein Rucksack wurde und erreichte den Höhepunkt meiner angestauten Wut, gerade als ich zu Hause ankam.
Meine Mutter kümmerte sich wie immer liebevoll um mich, aber heute ging mir ihr Getue auf den Keks.
„Was hast du denn gemacht mein Junge? Bist du gestürzt? Wo kommst du denn jetzt erst her?“
Tausend Fragen mit einem Atemzug!
Ich empfand die Fragerei als Körperverletzung, warf die nassen Klamotten in die Ecke und verschwand frustriert in meinem Zimmer.
Der Hunger trieb mich aber wieder zurück in die Küche!
Was sich da allerdings meinen Augen bot, war eher dazu angetan aus dem Leben zu scheiden, als zu essen.
Es gab Milchreis!
Das absolute Horroressen für mich! Wäre ich verheiratet, ein sofortiger Scheidungsgrund!
Meine Mutter wußte das.
Da mein Vater es aber gern aß, kam es in schöner Regelmäßigkeit bei uns auf den Mittagstisch.
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