Einige behaupten es läge, ähnlich einem Hund, an einem sehr ausgeprägten Geruchssinn, der es ihm ermöglichte, seinen Gegenüber nicht zu sehen sondern zu erschnuppern! Manchmal bekräftigte er diese Behauptungen mit geradezu artistischen Glanzleistungen seines Riechorganes! Leider stellte sich aber hinterher meist heraus, daß es nur eine verzweifelte Übung war, wieder Luft durch seine permanent verstopften Nasenlöcher zu bekommen!
Überhaupt seine Nase! Nach den Ohren unzweifelhaft der größte Teil seines Gesichtes. Er mußte dem lieben Gott eigentlich dankbar sein, daß die Nase vorne im Gesicht angebracht war! Hätte unser Schöpfer in einem Anfall von Hinterlistigkeit die Nase an der rückwärtigen Front angebracht, wäre es unserem Wolfgang nicht erspart geblieben, ein Leben lang eine rote Fahne an die Nase zu hängen, da Teile, die mehr als einen Meter herausragen so gekennzeichnet werden müssen!
Nach den Ohren und der Nase galt sein Mund als drittes uneingeschränktes Gütezeichen. Wenn er lachte, bekamen die Ohren Besuch vom Mund. Die Oberlippe klatschte an die Stirn und die Unterlippe knöpfte sein Hemd zu!
Man mußte schon sehr genau hinsehen, um festzustellen wo der Mund aufhört und die Ohren anfangen. Wenn er dann auch noch mit offenem Mund lachte, konnte jeder in der Nähe befindliche Zahnarzt die Hände ineinander reiben und würde sich um ihn als Patienten bemühen!
Eine Lebensaufgabe für jeden Dentisten!
Dort wo andere Menschen Zähne ihr Eigen nannten, besaß Wolfgang so etwas wie eine Bauruine! Man fragte sich unwillkürlich ob er vielleicht die Zahnbürste mit der Schuhbürste verwechselt hatte?
Alle übrigen sichtbaren Teile seines, nennen wir es weiter Gesicht, überwucherten Sommersprossen! Klaus, sein bester Freund, nannte ihn Millionär- Sommersprossenmillionär! Ich hätte gern gewußt ob sich die Sommersprossen auch in den Mund hinein erstrecken, aber in Anbetracht der zuvor beschriebenen Bauruine und des strengen Geruchs, der einem entgegenschlug, wenn man ihm zu nahe kam, verzichtete ich auf mein Vorhaben!
Ede ließ inzwischen seinen Blick über die Dächer unseres kleinen Städtchens schweifen, entsprechend seiner morgendlichen Gewohnheit, und erzählte uns dabei mit abgewandtem Gesicht etwas von nachlassender Moral und Disziplinlosigkeit der heranwachsenden Jugend!
Dieser sich täglich wiederholende Vortrag nahm zirka drei Minuten in Anspruch. Zu wenig um eine Unterrichtsstunde billig über die Bühne zu bringen, genug Zeit aber für Helmut, unter dem Gekichere der Mädchen, den Laubfrosch anstelle der Butterbrote zu plazieren!
Herr Paul, inzwischen am Ende seines Kurzvortrages angekommen, rieb die zu Fäusten geballten Finger aneinander und stellte sich breitbeinig vor die Klasse!
„Dann wollen wir mal“, sprach er voller Arbeitswut und ging zielstrebig auf die Wandtafel zu.
Einige Mädchen hielten die Luft an und wir Jungen stießen uns gegenseitig an. Der Spaß nahm seinen Verlauf!
Genauso schwungvoll wie er zur Tafel geeilt war, öffnete er sie nun auch!
Es blieb ihm keine Zeit mehr die Flügel wieder schnell zu schließen, da sie seinen Händen bereits entglitten waren und dumpf gegen die Wand schlugen.
Edes Reaktion kam für uns überraschend!
Er trat nämlich einen Schritt zurück und betrachtete sich das anrüchige Werk!
„Ich finde das ist eine großartige Idee, dem trockenen Mathematikunterricht durch etwas Schlüpfrigkeit die Trockenstarre zu nehmen“, sprach er wider Erwarten ganz ruhig!
Nach einer spektakulären Pause fügte er hinzu:
„Da dies aber wohl etwas zu schlüpfrig ist und Ihr euch inzwischen alle Einzelheiten eingeprägt habt, kann Buchmann die nackten Tatsachen entfernen!“
Während der Genannte die Tafel säuberte, zog Herr Paul den Lehrerstuhl unter dem Tisch hervor und ließ sich ächzend, in gut verborgener, aber höchster Erregung, darauf fallen!
Das hätte er sicher nicht tun sollen!
Mir ist es noch heute ein Rätsel, wie ein Mann in seinem Alter, aus dem Stand so hoch springen konnte! Normalerweise unterrichtete er uns in Mathematik, aber um den Ton, den er in diesem Augenblick über die weit geöffneten Lippen ins Freie brüllte, hätte in jeder Tenor dieser Welt beneidet!
Ich weiß nicht welche Stellen seines verlängerten Rückgrates die Reißzwecken getroffen hatten, aber verletzt konnte er nicht sein! Wie sonst waren seine drei Ehrenrunden durch die Klasse in Höchstgeschwindigkeit zu erklären? Nach dieser bühnenreifen Vorstellung rechnete ich mindestens noch mit einem doppelten Salto zum Abschluß, den er mir und meinen Mitschülern aber verwehrte!
Irgendwie ergriff er sich bei seiner beispiellosen Rundenjagd durch den Klassenraum einen neuen Stuhl, auf den er sich schwerfällig niederließ, nicht ohne den präparierten zuvor mit Schwung in die Ecke zu pfeffern!
An seiner rechten Schläfe befand sich ein auffälliger Aderstrang, der bei entsprechendem Ärger stark anschwoll! Für uns immer wieder ein Kennzeichen seiner Erregung, auch wenn er versuchte sie mit all seiner Routine zu unterdrücken, was ihm aber nur begrenzt gelang.
So auch jetzt.
Mir tat er in diesem Augenblick eigentlich schon wieder leid, aber unsere einmal in Gang gesetzte Maschinerie ließ sich ohnehin nicht mehr stoppen!
Noch ehe ich einen Versuch zu seiner Rettung unternehmen konnte, riß er vehement den Schubkasten des Lehrertisches heraus, da er dort unser Klassenbuch vermutete, wo es normalerweise ja auch lag, um die ungehörige Klasse dort einzutragen!
Hinterher ist man immer schlauer als vorher, mochte er jetzt, naß, wie aus dem Pool gezogen, wohl denken? Aber dafür blieb nun keine Zeit mehr.
Die zuvor randvoll mit Wasser gefüllte Schüssel konnte ja nun wirklich nichts für
Ede seinen jämmerlich anzuschauenden Zustand. Dennoch ließ er seine ganze Wut nun an ihr aus!
Seinen ersten Versuch, sie zu einem Schneeball zu formen, verwarf er sehr schnell, spätestens in dem Augenblick, als er merkte, daß sie sich nicht verformen ließ! Leider dachte er nicht bis zum Ende, zum Beispiel aus welchen Material sie bestand, denn wie sonst konnte er auf die Idee kommen, die schwere Porzellanschüssel Richtung Fenster zu werfen?
Entgegen seiner Gewohnheit hatte er heute Morgen versäumt, das Fenster zu öffnen!
Nun stand es offen!
Zugegeben es handelte sich nicht um die konventionelle Art ein Fenster zu öffnen, er bevorzugte in diesem Moment mehr die rustikale und auch teurere Art!
Seine Ader befand sich nun unmittelbar vor dem Platzen!
„Dies ist keine Klasse mit Schülern! Dies ist eine Horde Terroristen“, brüllte er unbeherrscht in die Runde!
„ Ich werde mich umgehend beim Rektor beschweren“, schimpfte er weiter!
Gleichzeitig klemmte er seine Aktentasche unter den Arm und stampfte in Richtung Tür. Auf halben Weg kehrte er um, schnappte sich seine Butterbrotdose und das Klassenbuch, das er nun erst entdeckte, und verschwand laut grollend.
Übrigens hielt sich bis heute das Gerücht an der Schule, daß Herrn Paul für den Rest des Tages der Appetit restlos vergangen war und seine Frau, zu Hause, beim Öffnen der Dose in Ohnmacht fiel und einige Tag an den Folgen eines Schocks behandelt werden mußte!
Wie dem auch sei, den Rest der vorgesehenen Mathestunde verbrachten wir allein im Klassenzimmer!
Sicherlich muss man nicht erwähnen, daß wir, voller Stolz über unsere restlos gelungenen Streiche uns immer wieder gegenseitig, wie eine Laienspielgruppe, die Szenen vorspielten. Dabei übertrieben wir natürlich maßlos, obwohl das eben Geschehene kaum zu toppen war!
Die Ernüchterung kam jedoch schneller als erwartet, und zwar schon in der nächsten Stunde.
Diese zweite Unterrichtsstunde gehörte unserem Fräulein Doktor, wie wir Fräulein Lerche zärtlich nannten! Auf ihren Doktortitel legte sie keinen besonderen Wert, zumindestens nicht im Umgang mit ihren Schülern und Schülerinnen.
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