Die nächsten Tage im Krankenbett vergingen rasch. In den frühen Morgenstunden, noch bevor die Mutter kam, und am Abend landete die Hand unten und bald wusste die Verliebte, wie sie auf dem kürzesten Weg zum Höhepunkt kam. Die Befriedigung stellte sich rasch ein, hielt aber nicht allzu lange vor. Nach einer Weile nahm sie einen leichten Kopfdruck sowie das Gefühl trockener und spröder Lippen wahr. Letzteres ließ sich mit einer leichten Zungenbewegung beheben, schlimmer war der Kopfdruck, der sogar am Tage, wenn die schweigsame Mutter an ihrem Bett saß, weiter anhielt. Sie ließ vorerst die Finger von sich. Die Nachdenklichkeit der Mutter hatte sich in den letzten Tagen noch vergrößert, auch wenn sie versuchte, heiter zu wirken, und mit den Beinen schlenkerte. Die Gestürzte nahm ihre Hände. Die Mutter behielt ihre Gedanken für sich und sprach stattdessen von einer großen, anstrengenden Reise, die ihr bevorstand. Die Kranke schloss die Augen. Der mütterliche Veilchen-und-Lavendel-Duft stieg ihr in die Nase. Während die Mutter redete, probierte sie einige Male das Öffnen und Schließen der Augen, und jedes Mal war die Mutter da; doch als sie die Augen gerade wieder aufschlagen wollte, traute sie ihren Ohren nicht.
„Ich muss weg“, sprach die Mutter in knappem Ton, aber entschlossen. Für die Gestürzte war es unmöglich, dass das die Worte der Mutter sein sollten! Ihre wirkliche Mutter saß noch als Engel an ihrem Bett! Sie schloss die Augen und öffnete sie wieder. Kein Zweifel, es war die Mutter, und sie sprach von Abschied. Sie wollte den Mund öffnen und der Mutter sagen, dass ihr Verweilen am Krankenbett schon lange nicht mehr nötig sei und sie, wie immer, ungestört ihren Geschäften nachgehen soll, doch nur ein armseliges Schluchzen kam heraus, und die Mutter verschwamm hinter Tränen. Die Gestürzte vergrub den Kopf im Schoß der Mutter, die ein so hemmungsloses Weinen noch nicht bei ihr erlebt hatte. Sie hob den Kopf der Kranken an und sah ihr in die Augen. Etwas stimmte nicht mit ihr, da war sie sich sicher. Für die Mutter war der Unfall zwar nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, aber auch nicht tragisch. Sie war die Treppe heruntergefallen, nun ja, so etwas kam vor. Die Kranke las die Gedanken der Mutter deutlich in deren Augen. Das war stark, rumorte es in ihr. Den Hals hätte sie sich brechen können. Sie begann erneut zu weinen und erweichte schließlich das Herz der Mutter.
„Ja, ich bleib noch, aber nur ein paar Tage.“
Die Gestürzte hob den Kopf und der Sturm der Tränen ließ nach.
„Geh ruhig“, meinte sie großzügig und ergänzte, dass sie ja nur ein ganz klein bisschen die Treppe heruntergefallen war.
Die Mutter saß noch bis zum späten Abend das Laken der Kranken platt und versprach, am nächsten Tag wiederzukommen. Die Gestürzte war froh und hatte zugleich ein schlechtes Gewissen.
Nach ein paar Tagen ging die Mutter wirklich und versprach, nach ihrer Reise wieder am Krankenbett zu erscheinen. Daraufhin verschwand sie durch die Tür, wobei ihr Kleid von einem leichten Luftzug bewegt wurde. Die Gestürzte blickte lange auf die geschlossene Tür. Ihr gemeinsames Band hing zurzeit recht schlaff. Sie fühlte in ihrem Herzen eine Leere und eine aufsteigende Angst, die sich mit einer bedrohlichen Ahnung vermischten. Im Traum sah sie die Mutter in einer steilen Kurve mit ihrem Auto verunglückt. Die Straße war einsam und mitten in einem steinigen Wald gelegen. Es regnete stark, und ein Gewitter schickte Blitze auf die Felsen nahe der Straße. Die Mutter war halb bekleidet, über ihre blasse Haut rann Blut, und ein Arm hing leblos aus der Autotür. Sie war tot. Das Bild der toten Mutter geisterte tagelang durch ihr Gehirn. Doch schon oft, versuchte sie sich zu trösten, hatte sie Unheil geahnt und sich ausgemalt, auf welchem Wege sie davon erfahren würde. Nachher hatte sie stets zugeben müssen, dass es die Angst war, die ihr Bilder schickte, die sich noch nie bewahrheitet hatten.
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