In ihrer Stimme lag Bitterkeit. Während Bernd die Schaufel nahm, um ebenfalls dem Brauch nachzukommen, warf Bettina der Erde noch zwei Rosen hinterher, eine weiße für ihre Trauer und eine rote für ihre Liebe.
Die Herzattacke hatte Eduard ohne Vorwarnung getroffen, und Bettina nahm ihm übel, dass er sich dem Tod kampflos ergeben hatte. Er war erst zweiundfünfzig Jahre alt, als sein Herz ihm diesen Streich spielte, stand noch in der Blüte seines Lebens, war tatkräftig und ging für deutlich jünger durch, als er war. Doch er entschied sich zu gehen, und Bettina haderte mit sich, dass ihre Liebe nicht stark genug gewesen war, ihn zu halten.
„Er hätte es schaffen können, wenn …“
Doktor Fabritius, der viele Jahre lang Eduards Vertrauen genossen hatte, sprach den Satz nicht zu Ende. Seitdem kreisten Bettinas Gedanken unablässig um das Bedingungswort ‚wenn‘, ähnlich einer unerwünschten, endlosen Melodie, die sich nicht mehr aus dem Kopf verdrängen ließ.
„Er hätte es schaffen können, wenn …“
Wenn Claire noch am Leben gewesen wäre, über deren Verlust Eduard nicht hinwegkam. Claire hätte ihn halten können, ihr zuliebe hätte er gekämpft, dessen war sich Bettina sicher. Doch kurz vor ihrem zehnten Geburtstag war der verhängnisvolle Unfall geschehen, der sie in den Tod gerissen und ihre Eltern einer Belastung ausgesetzt hatte, der Bettina robuster standzuhalten vermochte als Eduard. Was immer sie versuchte, ihn mit ihrer Stärke aufzufangen und durch den Tunnel seiner Trauer ins Licht zurückzuführen, scheiterte. Der Liebe Eduards zu seiner Tochter konnte Bettina nichts entgegensetzen, obwohl sie fast zwanzig Jahre jünger war als er und es an Attraktivität immer noch mit jeder jungen Schönheit hätte aufnehmen können. Sie musste begreifen, dass es verschiedene Welten waren, Ehefrau oder Tochter zu sein. An dem Tag, an dem Claire starb, hatte Bettina auch Eduard verloren.
Sie hatte nicht verhindern können, dass er sich in sein Leid verkroch und seine Lebensfreude schwand. Dennoch plagten sie Schuldgefühle. Immer wieder lief vor ihrem inneren Auge der Film ab, in dem sie sich selbst als Protagonistin sah, die, ihre Hände auf Eduards Brust übereinandergelegt, verzweifelt pumpte und zwischendurch Mund-zu-Mund-Beatmung machte, um sein Herz wieder zum Schlagen zu bringen, bis endlich zwei Rettungskräfte eintrafen und der athletischere der beiden die Hilfsaktion übernahm. Aber auch ihm gelang es nicht, Eduard wieder zu Bewusstsein zu bringen. Als er schließlich erschöpft von ihm abließ, sah er Bettina in die Augen, ohne ein Wort zu sagen, und da wusste sie, dass sie mit dreiunddreißig Jahren Witwe war. Aber nicht ihm, sondern sich selbst machte sie zum Vorwurf, versagt zu haben.
Während die Trauergemeinde der Zeremonie folgte und Erde auf Eduards Sarg fallen ließ, wartete Bettina neben Bernd mit tief gesenktem Haupt, um ihre Tränen zu verbergen. Willig nahm sie das Taschentuch an, das er ihr reichte, und tupfte sich damit die Nässe von den Wangen. Als sie wieder den Kopf hob, um zu sehen, wie viele der Gäste noch an der Reihe waren, blieb ihr Blick an einem Paar haften, einer älteren Frau und einem jungen Mann, die ein gutes Stück entfernt am Rand des benachbarten Gräberfelds standen und unter dem Schutz eines Regenschirms, den der Mann hielt, die Begräbniszeremonie beobachteten. Das erschien Bettina zunächst nicht bedeutsam, doch bei näherem Hinsehen stutzte sie, denn es kam ihr so vor, als ob die Frau weinte. Mehrfach schien sie sich mit den Fingerkuppen Tränen unter ihren Augen wegzuwischen, und schließlich legte der junge Mann seinen Arm um sie und begann auf sie einzureden, als wolle er sie trösten.
Bettina, die sich wieder bei Bernd eingehakt hatte, stupste ihn mit ihrem Ellbogen in die Rippen.
„Siehst du die beiden dort drüben bei den Nachbargräbern? Die Frau in dem eleganten Cape und den Mann im schwarzen Mantel?“
Sie hatte geflüstert, um die Zeremonie nicht zu stören. Bernd antwortete ihr ebenso leise.
„Die beobachte ich schon eine ganze Weile. Wenn sie wegen Eduard hier sind, frage ich mich, weshalb sie nicht zu uns kommen und sich vorstellen.“
„Was sollten sie mit Eduard zu schaffen haben? Ich habe die beiden noch nie gesehen.“
„Vielleicht entfernte Verwandte?“
„Eher nicht. Warum sollte eine Frau um jemanden weinen, der ihr nicht sehr nahegestanden hat?“
Der junge Mann musste mitbekommen haben, dass Bettina und Bernd auf ihn und seine Begleiterin aufmerksam geworden waren, denn als er jetzt zu ihr sprach, sah er wiederholt zu der Trauerversammlung hinüber. Dann nahm er den Arm der Frau und versuchte, sie fortzuziehen. Sie weigerte sich zunächst, ihm Folge zu leisten, aber er ließ nicht locker, bis sie schließlich nachgab und sich von ihm sanft, aber bestimmt, wegführen ließ.
Bettinas Argwohn war geweckt.
„Ich habe ein ungutes Gefühl, Bernd. Irgendwas stimmt mit den beiden nicht. Geh ihnen nach und versuche rauszubekommen, wer sie sind und was sie hier wollten.“
Bernd fand die Aussicht, im strömenden Regen zwei Fremde zu verfolgen, die sich wahrscheinlich als völlig unbedeutend herausstellen würden, alles andere als erquicklich.
„Hältst du das wirklich für notwendig?“
„Tu es einfach.“
Bernd wusste, dass es sinnlos war, Bettina ein Verlangen ausreden zu wollen. Er drückte ihr den Regenschirm in die Hand und legte einen strammen Schritt zum Friedhofsausgang an der Eckenheimer Landstraße ein, in dessen Richtung die beiden Unbekannten verschwunden waren. Als er sie von weitem sehen konnte, rannte er ein Stück, um den Abstand zu ihnen zu verringern. Doch am Portal verlangsamte er sein Tempo wieder, um nicht aufzufallen, denn er war gerade rechtzeitig dort angekommen, um sie am Taxistand in das vorderste Fahrzeug einsteigen zu sehen und die Worte des jungen Mannes aufzuschnappen, ehe er die Wagentür zuzog.
„Zum Frankfurter Hof, s’il vous plaît.“
Bernd rannte zu Bettinas Audi Coupé, das in der Nähe geparkt war. Er hatte ihre Autoschlüssel noch in seiner Manteltasche, weil sie ihm das Steuer überlassen hatte, als sie zusammen zum Friedhof fuhren. Sie würde sich schon denken können, weshalb ihr Wagen verschwunden war, und halt mit Wenger in die Innenstadt zurückfahren müssen.
Bernds Mantel und Hose waren klatschnass, als er sich hinter das Steuer setzte. Sofort begannen sich um seine Schuhe herum Wasserlachen zu bilden.
Zwanzig Minuten später war er am Kaiserplatz, bog in die Bethmannstraße ein und hielt hinter einer Reihe von Taxis, direkt vor dem Eingang des Frankfurter Hofs. Er sprang aus dem Coupé, doch der Portier vertrat ihm den Weg ins Hotel.
„Tut mir leid, aber vor dem Eingang können Sie den Wagen nicht stehenlassen. Stellen Sie ihn im Parkhaus unter oder versuchen Sie es in der Weißfrauenstraße.“
Bernd ließ sich nicht abwimmeln.
„Ich muss jemandem etwas bringen, das er bei seiner Besprechung vergessen hat. Es ist wirklich brandeilig. Ich bin auch gleich wieder da. Versprochen.“
Er ignorierte den Protest des Portiers und stürmte an ihm vorbei in die Hotelhalle. An der Rezeption sah er die Frau und den jungen Mann stehen, die gerade ihre Zimmerschlüssel entgegennahmen. Er näherte sich ihnen langsam, bemüht, keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und spitzte die Ohren.
„Einen Moment noch, Madame Desmoulins. Da ist eine Nachricht aus Paris für Sie.“
Bernd sah, wie der Rezeptionist in ein Fach an der Wand hinter sich griff und einen Umschlag herauszog. Die Frau nahm ihn mit einem ‚merci‘ an, öffnete ihn und entnahm ihm eine Notiz. Sie las sie kurz und reichte sie an ihren Begleiter weiter.
„Je pense que c’est pour toi.“
Sie gingen beide zum Lift. Als sie eingestiegen waren und sich die Tür geschlossen hatte, trat Bernd an den Empfang und sprach den Rezeptionisten an.
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