Er wartete einen Moment und gab dem Jungen die Chance, die Initiative zu ergreifen, bevor er in Richtung der Flasche Wasser nickte.
„Das solltest du trinken.“
Der Junge nahm zuerst zögerliche, winzige Schlucke und dann größere Schlucke. Die Flasche war in einer Minute leer und der Kunststoff knirschte in seinen unruhigen Händen. Er trug Jeans und eine leicht verblasste, armeegrüne Jacke sowie ein Paar schwarze Chucks. Das Ensemble ließ ihn noch jünger aussehen. Jenson schätzte, er mochte um die zwanzig sein. Wahrscheinlich ein armer College-Junge, der sich das Chaos nicht leisten konnte, in dem er gerade gelandet war.
„Wie heißt du?“, fragte er.
Der Junge sah zwischen allen hin und her und dann zurück zu Jenson. Er leckte sich über die Lippen, seine Finger zuckten um die Flasche.
„Ich bin Mitchell. Es …“
„… tut dir wirklich leid wegen des Autos?“, riet Jenson absolut verwirrt.
Er hatte Leute gesehen, die versuchten, sich aus ähnlichen Situationen herauszuwinden, aber nie so etwas erlebt. Keine so pure Ehrlichkeit und echtes Bedauern. Sobald sie erkannten, wer Jenson war, hörten sie auf, sich um das zu kümmern, was sie getan hatten, und begannen sich darum zu kümmern, was er tun konnte.
Mitchell nickte ernsthaft.
„Das tut es mir auch. Ich wollte das nicht, ich schwöre es. Ich habe den Hund gesehen und wollte ihn nicht anfahren. Ich bin einfach auf die Bremse getreten. Ich habe nicht nachgedacht.“ Seine Unterlippe zitterte und er biss zu, seine Nasenlöcher blähten sich, als er scharf ausatmete. Er zitterte nicht, als er weitersprach. „Ich werde … ich bezahle, um dein Auto zu reparieren. Ich meine, ich habe keine Versicherung.“ Er zuckte zusammen. „Und ich kann nicht sofort bezahlen.“
Jenson öffnete den Mund, um zu protestieren. Er hatte mehr als genug Geld, er konnte sein eigenes Auto reparieren, ohne ein kaputtes College-Kind pleitegehen zu lassen, aber Mitchell hielt seine Hand hoch.
„Ich kann in Raten zahlen. Wenn das okay ist. Bitte.“
Jenson rieb sich das Kinn, sein Blick glitt zu seinen Freunden, die ebenso überrascht aussahen. Er konzentrierte sich auf Mitchell. Wenn das jemand anderes gewesen wäre, hätte er Anzeige gemacht und seine Versicherung würde sich darum kümmern. Aber …
„Mitchell, es ist wirklich nicht nötig. Ich verstehe, dass das ein Unfall war.“
Man konnte es Intuition nennen. Etwas an Mitchell ließ Jensons aufhorchen, seit er ihn aus dem Auto gezogen hatte. Er würde sein Geld nicht annehmen. Da steckte mehr dahinter, als er sehen konnte.
Er erwartete nicht, dass Mitchells die Stirn runzelte, sein Gesichtsausdruck sich verzerrte, Emotionen flackerten wie in einem Kaleidoskop. Die Tränen folgten plötzlich, völlig still, Mitchells Lippen pressten sich so fest zusammen, dass sie alle Farbe verloren. Jenson zuckte tatsächlich zurück, bevor er sich wieder fasste, lehnte sich dann nach vorne und schob seine Hände zwischen die Knie, damit er den Jungen nicht ohne Erlaubnis anfasste.
„Mitchell, ich kapier’s nicht. Bist du verletzt?“
Mitchell schüttelte den Kopf. Die Tränen strömten weiter. Seine Atmung fing an, wie ein Teekessel zu klingen, der pfiff. Er nickte.
Cleo erschien an Jensons Seite.
„Wir gehen in die Küche.“ Sie gab ihm einen wissenden Blick. Er wusste, was das bedeutete. Sie hat das Gleiche gesehen, was er gesehen hat.
Jenson bewegte sich von der Ottomane auf die Couch und ließ ein Stück Raum zwischen sich und Mitchell. Der Junge zitterte, sein ganzer Körper schlotterte hart genug, um es auf der Couch zu spüren.
„Ich werde meine Hand auf deinen Rücken legen, okay?“ Das brachte ihm ein weiteres Nicken. Die Tränen fingen an, von seinem Kinn auf seine Jacke zu tropfen.
Sogar durch die Kleidungsschichten hindurch konnte Jenson spüren, dass Mitchell angespannt war wie ein Brett. Aber nun ja, jeder, der ihn für eine Sekunde ansah, konnte das merken. Er rieb seine Hand von Mitchells oberer Wirbelsäule bis nach unten und wieder nach oben. Er sprach nicht. Langsam ging die Stille in ein Keuchen über, erstickte Laute, die Mitchell dazu brachten, sich vorzubeugen, als er versuchte, sein Gesicht zu verstecken.
Jenson rieb ihm weiter über den Rücken.
Die ganze Sache war roh, und Jenson spürte, wie die Tränen in seinen eigenen Augenwinkeln brannten. Mitchells Körper schüttelte sich vor Anstrengung und schmerzvolles Wimmern mischte sich unter die Geräusche.
Jenson schob seine Hand in Mitchells Nacken und drückte leicht. „Das reicht jetzt, Mitchell.“
Der hartnäckige Junge schüttelte den Kopf.
Jensons Lippen zuckten in einem kleinen Lächeln. Mitchell hatte wahrscheinlich keine Ahnung, aber tief in ihm wartete ein Brat darauf, ans Licht zu kommen. Der schmerzlich vernachlässigte Sub musste jedoch in erster Linie betreut werden. Das war ein Junge, der ernsthafte Aufmerksamkeit brauchte – die Art von Aufmerksamkeit, von der Jenson sehr bezweifelte, dass er sie jemals erhalten hatte.
Die Schluchzer hatten sich zum Schniefen gewandelt. „Komm her.“
Mitchell hielt sein Gesicht mit seinen Händen bedeckt. „Ich bin schon hier.“
„Hat dir jemals jemand gesagt, dass Umarmungen alles wiedergutmachen?“
Mitchells Hände bewegten sich nach unten und beinahe verblüfft sah er Jenson an. „Meine Mutter, als ich fünf war.“
„Es funktioniert auch für Erwachsene. Also komm her.“ Jenson streckte einen Arm aus. Mitchell blinzelte; er hatte große, blassgrüne Augen. Jenson hatte falsch geraten. Doch nicht blau. Sie waren sogar noch wunderschöner.
„Das kann nicht dein Ernst sein.“ Seine Stimme klang brüchig und rau, war kaum mehr als ein Flüstern.
„Oh, doch, das ist es.“
„Du kennst mich nicht mal.“
Wieder fragte sich Jenson, was dieser Junge durchgemacht hatte, dass er durch das Angebot einer Umarmung so niedergeschlagen wurde. „Man sollte niemanden kennen müssen, um Trost zu bieten. Probier es einfach aus. Ich verspreche, du wirst dich besser fühlen.“
Mitchell ruckte vorwärts, dann hielt er inne. Er wischte seine Nase an seinem Jackenärmel ab, blickte misstrauisch. „Willst du Sex, um das, was ich mit deinem Auto gemacht habe, wiedergutzumachen?“
„Jesus Christus, nein“, sagte Jenson entsetzt. „Das würde ich nie tun. Es ist eine Umarmung. Nur das. Keine unangemessenen Berührungen.“
Sein Magen rumorte bei dem Gedanken, dass Mitchell überhaupt auf die Idee kam, eine solche Frage zu stellen.
„Okay.“
Er kam näher und lehnte sich zögerlich an Jenson. Jenson schlang seinen Arm locker um Mitchells Schultern und zog ihn an sich, damit Mitchell das Heben und Senken seiner Brust spüren und damit beginnen konnte, gleichzeitig mit ihm zu atmen. Während die Minuten vergingen, wurde Mitchell entspannter, sein Kopf ruhte auf Jensons Schulter, sein Atmen ging noch etwas rau, aber nicht mehr zu schnell. Als Jenson einige Zeit später auf sein Gesicht blickte, waren Mitchells Augen geschlossen und er schlief tief und fest.
„Also, was machen wir mit dem Sub auf der Couch?“, fragte Ben, die Sorge in seinen weichen braunen Augen offensichtlich.
In solchen Momenten liebte Jenson seine Freunde mehr denn je. So leicht hätte Ben fragen können, was Jenson tun würde, denn schließlich war das nicht jemand anderes Situation. Aber sie steckten zusammen darin, und sobald sie jemanden in Not sahen, agierten sie als Gruppe.
Sie waren um Ben und Dylans Kücheninsel versammelt, Dylans Arme um Bens Taille geschlungen, sein Kinn ruhte auf Bens Kopf. Ben hielt einen Becher heißer Schokolade in den Händen, während der Rest von ihnen Wein vor sich stehen hatte. Es war fast Mitternacht. Dylan hatte sie zum Abendessen eingeladen und zum Abhängen, eine Chance, sich endlich wieder einmal auszutauschen, da Jenson und Cleo nach langen Abwesenheiten wieder in der Stadt waren. Sie unterhielten sich im Wohnzimmer, tauschten Arbeitsgeschichten aus und gaben einander allgemeine Lebensaktualisierungen, als der Tumult draußen ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.
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