„Whoa“, sagte Neal. Er hielt ihm den Drink hin, ging dann weiter und sank auf den Platz, den er vorher verlassen hatte. „Ich schätze, du mochtest den Burger.“
„War gut.“
Neal grinste.
„Wir denken darüber nach, die Speisekarte auszubauen. Wir machen bisher nur Frühstück und Gebäck den ganzen Tag, aber es wäre schön, einige leichte Mittag- und Abendessen mitaufzunehmen. Du weißt schon, ein bisschen Abwechslung bieten.“ Er zuckte mit den Schultern. „Wir müssen mit allen anderen in der Stadt mithalten.“
Mitchell nahm den Raum und alles, was er durch die großen Fenster von der Terrasse sehen konnte, in sich auf. Es war fast vier Uhr und die meisten Tische waren voll. Er hatte das Diner aber noch nie völlig leer gesehen.
„Ja, ich weiß“, sagte Neal, als wäre er ein Gedankenleser.
Mitchell hob eine Augenbraue.
„Es läuft gut, aber so sehr, wie manche Menschen Veränderungen nicht mögen, tun es andere Leute. Also versuchen wir, beide in der Mitte zu treffen.“ Er winkte zur Kasse. „Wir haben ein Vorschlagsglas. Die Anfragen für weitere Mahlzeiten sind astronomisch. Wir machen ein gutes Geschäft, weil wir den ganzen Tag Frühstück servieren und wir keine Kette sind. So machen wir weiter; wir fügen einfach andere Gerichte zu der Mischung hinzu. Also, wenn die Leute ihre Zimt-Apfel-Pfannkuchen um sieben Uhr abends wollen oder lieber Ofenkartoffeln mit veganem Käse und Speck, können sie beides haben.“
„Es verwirrt mich immer noch, dass nichts davon tatsächlich echte Milchprodukte oder Fleisch sind.“
Mitchell dachte an Evan und wie sehr der Mann Fleisch geliebt hatte. Rotes Fleisch. Fisch. Hirsch. Alles davon. Er hatte gejagt und gefischt, als würde es aus der Mode kommen und er musste alles hereinholen, bevor jemand es weggeschnappte. Er schauderte. Evan war nicht immer so gewesen. Hatte es nicht immer genossen, alles und jedem um sich herum Schmerz zuzufügen. Nein, am Anfang war er völlig normal gewesen.
„Alles okay bei dir?“
Mitchell blinzelte. „Was?“
„Du wurdest gerade ziemlich blass. Fühlst du dich gut?“ Neals Gesicht drückte nichts als Sorge aus. Eine Hand hatte er bereits über den Tisch hinweg ausgestreckt, um Mitchells zu greifen, wenn nötig.
Mitchell schluckte trocken. Richtig. Neal hatte ihm Limonade mitgebracht, vielleicht würde das helfen. Er nahm einen großen Schluck und fuhr sich mit einer leicht zitternden Hand durch sein Haar.
„Ja, mir geht’s gut. Tut mir leid, ich habe nur eine Minute lang ins Nichts gestarrt. Passiert manchmal.“
Er musste aufhören, an Evan und die Vergangenheit zu denken.
„Bist du sicher?“
„Ja.“
Mitchell stopfte sich den Papierstrohhalm in den Mund und biss hinein, vorgebend, er würde trinken. Sein Magen verkrampfte schmerzhaft. Er hatte Evan vertraut und hatte geglaubt, er sei süß und normal. Er war bei ihm eingezogen und hatte ihm alles gegeben. Konnte Mitchell seinem eigenen Urteil überhaupt vertrauen, wenn Evan das Ergebnis dieses Fehlers gewesen war?
Er mochte Neal. Neal schien wirklich nett zu sein und wie ein guter Kerl. Aber was waren seine Hintergedanken? Hatte er wirklich keine? Mitchell versuchte, ihn nicht misstrauisch zu beäugen. Warum hat er gerade daran gedacht? Wäre er klug gewesen, wäre er von Anfang an misstrauisch gewesen. Er musste besser auf sich selbst aufpassen. Niemand sonst würde es tun wollen, ohne etwas im Gegenzug zu erwarten.
Der Strohhalm war durchgebissen, klaffte oben auseinander, als er ihn losließ.
Er zuckte zusammen, als Neal seine Hand drückte, eine schnelle Geste, die nur ein paar Sekunden dauerte.
„Ich weiß, es ist schwer, Mitch. Es wird besser werden.“ Er stand auf und nahm Mitchells Müll dabei mit. „Unsere Pause ist vorbei. Zieh dich nicht in dich zurück, Mitch.“
Mitchell war sich nicht sicher, was das bedeuten sollte, aber Neal gab ihm oft den Eindruck, dass er mehr wusste, als Mitchell ihn wirklich wissen lassen wollte. Hatte er ein Schild auf der Stirn, das verkündete, er sei der stereotypische ehemalige Fußabtreter, der sein Rückgrat sucht? Er befühlte seine Lippe, die kleine Narbe dort. Es war geheilt und kaum sichtbar ohne Make-up, und jetzt, mit Concealer, war absolut nichts davon zu sehen. Nein, Neal konnte unmöglich davon wissen. Mitchell machte sich nur viel zu viele Gedanken darüber, wie er es mit allem tat.
Er schüttelte den Kopf, verließ den Tisch und holte sein Tablett. Es war leicht, sich im Rhythmus der Arbeit zu verlieren. Die einfachen Aufgaben gaben ihm etwas, worauf er sich konzentrieren konnte, machten es ihm leicht, alle anderen, sich aufdrängenden Gedanken auszuschließen. Die Tische mussten abgeräumt werden, das schmutzige Geschirr so auf dem Tablett gestapelt werden, dass es nicht herunterfallen konnte, und der Tisch musste abgeputzt werden. Dann musste er durch das Labyrinth der Stühle und Leute kommen, ohne das schwere Tablett fallen zu lassen, und den ganzen Weg bis zur Geschirrspülstation zurücklegen. Er wusste, dass es eine Arbeit war, die jedes Kind hätte tun können, aber sie gab ihm Routine.
Er hatte eine Schicht gebraucht, um festzustellen, dass er sehr dankbar dafür sein konnte, dass er nicht mit den Kunden interagieren musste. Das Verhalten der Menschen war im Gegensatz zu den Mahlzeiten nicht vorhersehbar und konnte nicht organisiert werden, um Chaos zu verhindern. Er hatte das gewusst, aber er hatte nie darüber nachgedacht, wie schwierig es war, tatsächlich zu kellnern, bis er hörte, wie seine Mitarbeiter die gleichen Fragen eine Million Mal beantworteten, für Dinge, die sie keine Kontrolle hatten, angegangen wurden, und dann den eigentlichen Akt des Kellnerns überstehen mussten: Teller voller Essen herumzutragen, während die Leute sie beobachteten und erwarteten, dass man sich nicht dumm anstellte. Darauf konnte Mitchell verzichten, vielen Dank. Er war in seinem Leben schon oft genug gedemütigt und angeschrien worden.
Sabrina, eine Kellnerin mit langen, lockigen schwarzen Haaren und einer Liebe zu High Heels, kam auf ihn zu, während er Justin half, das Geschirr von seinem Tablett in die Spülmaschine zu verfrachten.
„Hey Leute, für jeden, der später keine Pläne hat, findet heute Abend bei mir ein Spieleabend statt. Bringt euren eigenen Alkohol.“ Sie stieß ihre Schulter gegen Mitchells. „Du solltest kommen. Lass uns dich besser kennenlernen.“
Mitchell musste zu lange gezögert haben, denn Justin nickte. „Spieleabende machen immer Spaß. Es ist zum größten Teil wirklich entspannt.“ Er lachte. „Einige von uns sind schlechtere Verlierer als die anderen, aber niemand ist ein richtiges Arschloch.“
„Wie wär’s damit? Ich schicke dir meine Adresse, und du musst dich jetzt nicht gleich entscheiden. Geh nach Hause, dusche, was auch immer. Schau, wie’s dir geht.“ Sabrina grinste. „Klingt das gut?“
Er schluckte trocken. Die Aussicht, eingeladen zu werden, mit Menschen rumzuhängen, möglicherweise Freunde zu finden, sollte nicht so abschreckend sein. Daher lächelte er und nickte. Warum war er so nervös? Und natürlich war das Timing perfekt. Er war am Vortag losgegangen, um sich ein billiges Telefon zu kaufen, aber es war besser als nichts und er musste den Leuten nicht mehr sagen, dass er keines hatte. Er hasste die Art, wie sie ihn angeschaut hatten, als wäre er ein Außerirdischer.
Mitchell griff in die Tasche seiner Jeans und zog das preiswerteste Handy heraus, das er hatte bekommen können. Er hatte nicht einmal gewusst, dass es noch Klapphandys gab, bis er dieses gekauft hatte. Offenbar hatten Sabrina und Justin es auch nicht gewusst, ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen. Er musste sich auf die Unterlippe beißen, um keine Ausrede hervorzustoßen. Er schuldete ihnen nichts, sondern hielt ihr einfach das Handy hin.
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