Glücklicherweise hatte er die weise Voraussicht gehabt, eine Vielzahl seiner Kleider in den Koffer zu werfen, den er Evan gestohlen hatte, bevor er Reißaus genommen hatte. Er mochte arm sein und im Moment einen Schritt von der Straße entfernt leben, aber er hatte ein Paar kakifarbene Chinos und einen hellgrauen Pullover, der sich auf der Grenze zwischen lässig und halbwegs formell bewegte.
Evan hatte ihm das Outfit während ihres ersten gemeinsamen Jahres gekauft, als die Dinge noch in Ordnung gewesen waren.
Mitchell grub seine abgebissenen Nägel in sein Handgelenk, bis der Schmerz seine Augen brennen ließ, und besann sich. Es war egal, woher das Outfit stammte. Es würde professionell aussehen, aber nicht overdressed, wenn er nach möglichen Jobs fragte. Er musste sich auf das konzentrieren, was wichtig war.
Angezogen und bereit für den Tag holte Mitchell seine Autoschlüssel aus der Küche und ging nach draußen. Er hatte sich den Kopf darüber zerbrochen, das Auto mitzunehmen. Und er war immer noch nervös über seine Entscheidung. Könnte Evan ihn irgendwie dadurch finden? Aber er hatte nicht gewusst, was er ohne das Auto tun sollte. Noch nie in seinem Leben hatte er öffentliche Verkehrsmittel benutzt. Und obwohl er sich sicher war, dass er klarkommen würde, wollte er es ehrlich gesagt nicht auf die Liste mit all den anderen Dingen setzen, mit denen er sich seit der Nacht, in der er geflohen war, auseinandersetzen musste.
Vielleicht würde er jetzt, da er in Chicago war, das Auto für etwas zusätzliches Geld verkaufen und die Sorgen rund um den Wagen damit abhaken.
Paranoia hatte ihn dazu gebracht, den Civic zwei Blocks um die Ecke abzustellen, nur für den Fall. Mitchells Einparkfähigkeiten ließen etwas zu wünschen übrig, aber zu seiner Verteidigung: Was zur Hölle hatte es sich mit diesem Parallelparken auf sich? Wenigstens hatte er nur einen Reifen auf dem Bordstein. Wundersamerweise war das Fahrzeug vor ihm weggefahren und Mitchell dankte Gott, dass er nicht versuchen musste, irgendwie aus einem Autosandwich herauszukommen.
Die Chicago Public Library war ruhig, als er sie erreichte. Niemand schenkte ihm Aufmerksamkeit, als er zu den Computern im hinteren Bereich ging. Er war jeden Tag für mindestens ein paar Stunden hier, seit er vor etwas über einer Woche in Chicago angekommen war. Sein Handy war in Peterson, Ohio, zurückgeblieben, sodass öffentliche Bibliotheken mit Internetzugang – und Badezimmer, als er noch im Auto gelebt hatte – sein bester Freund geworden waren.
Während er durch die Jobbörsen scrollte, machte er sich Notizen auf der Rückseite eines liegen gelassenen Zettels. Je länger er recherchierte, desto heftiger schlug sein Herz. Panik krallte sich in seine Brust, heftig und feurig, drohte ihn zu ersticken. Für die meisten Jobs war er wirklich nicht qualifiziert. Er hatte die Highschool abgeschlossen und das war es. Dem folgte ein Jahr an der Uni, in dem er sich kein Hauptfach ausgesucht hatte, und er hatte Evan getroffen. Der einzige bezahlte Job, den Mitchell je gehabt hatte, war gewesen, mit Gras zu dealen. Außerdem hatte er ein ganzes Semester als Tutor an der Uni verbracht.
Er drückte die Handballen an die Stirn, grub die Finger hinein und versuchte, den Schmerz in seinem Kopf wegzumassieren. Du kannst das. Leute bekamen die ganze Zeit Jobs und sicherlich mussten einige von ihnen bei null anfangen. Was machte es denn, dass Mitchell vierundzwanzig war und die letzten fünf Jahre seines Lebens nichts für einen Lebenslauf hergaben? Es könnte schlimmer sein. Er könnte dreißig sein und elf Jahre seines Lebens mit nichts als Elend gefüllt haben.
Mitchell schüttelte die bedrückenden Gedanken ab und übersprang Unternehmen und Ketten, die Online-Bewerbungen verlangten. Er konnte die meisten Felder nicht ausfüllen. Seine beste Chance war etwas Kleines in lokalem Besitz. Seine Finger zuckten nervös über der Tastatur. Er hatte keinen Zugang mehr zu einem Bankkonto, also musste er auch dafür eine Lösung finden. Es war 2020. Wer bezahlte seine Mitarbeiter mit Bargeld? Oben auf seinen
Notizzettel kritzelte er: Bankkonto eröffnen?
Die Tierarztpraxis Addison hatte eine freie Stelle für einen Assistenten und ein veganes Frühstücksdiner auf der W Logan suchte Kellner. Mitchell fügte die Adressen zu seiner kleinen Liste von Möglichkeiten hinzu. In den letzten zwei Stunden hatte er es geschafft, sechs potenzielle Jobs anzusammeln, was er für eine angemessene Menge an Orten hielt, die man innerhalb eines Tages abklappern konnte. Er stellte sicher, dass niemand ihn beobachtete, und fischte ein weiteres Papier aus dem Mülleimer am Ende der Reihe mit Computern, damit er Wegbeschreibungen zu jedem Ort aufschreiben konnte.
Er war dabei zu lernen, wie er klarkam.
Die große blonde Rezeptionistin, Mandy, laut ihrem Namensschild, sah auf seine Bewerbung und dann zurück zu ihm. Ihre perfekt geformten Augenbrauen hoben sich. „Das ist nicht ausgefüllt.“ Sie hielt sie ihm entgegen. „Sie haben die meisten Felder freigelassen.“
Mitchell zauberte sein gewinnendstes Lächeln hervor, ignorierte die Art und Weise, wie das den Schnitt in seinem Mund dehnte und brennen ließ, und schmeckte Kupfer.
„Ich kann diese Felder nicht ausfüllen.“
Er hatte nicht gedacht, dass es möglich wäre, aber ihre Augenbrauen wanderten noch höher. „Sie haben keine Telefonnummer?“
Seine Wangen liefen dunkelrot an vor Scham, aber er ignorierte es. „Nein, habe ich nicht.“
„Wie sollen wir Sie erreichen?“ Der herablassende Tonfall füllte die Luft um ihn herum. Hinter ihm winselte der Yorkie einer älteren Dame.
„Ich habe eine E-Mail-Adresse angegeben.“ Er zeigte auf das Feld. „Ich werde sie jeden Tag überprüfen.“
„Ich verstehe.“ Sie legte die Bewerbung auf den Tresen und zeigte ein erzwungenes Plastik-Lächeln. „Vielen Dank, dass Sie sich bewerben. Sie werden von uns hören, wenn der Arzt Ihre Bewerbung angesehen hat.“
„Danke“, sagte er. Der Stress ließ es in seinem Bauch rumoren und seine Handflächen feucht werden. Aus dem Augenwinkel, als er sich umdrehte, sah er, wie sie seine Bewerbung in den Mülleimer gleiten ließ.
Das war ja großartig gelaufen.
Als Nächstes versuchte er sein Glück mit dem veganen Frühstücksdiner. Veganer waren angeblich nett, oder? Aber sollten Leute, die den ganzen Tag mit Tieren arbeiteten, nicht auch glücklich und freundlich sein? Er wischte seine Handflächen nervös an der Hose ab, bevor er das Diner betrat. Niemand mochte einen klammen Händedruck.
Der Chef, ein dürrer Mann mit runden Brillengläsern und zerzausten braunen Haaren, betrachtete ihn einmal von oben bis unten, als er fragte, ob er mit jemandem über die Bewerbung sprechen könnte.
„Hmm“, brummte er. „Folgen Sie mir.“ Er führte Mitchell zu einem Tisch an der Seite des Raumes und wies ihn an, zu warten. „Kann ich dir was bringen?“
Mitchell schaute auf die Preise, die auf der großen Tafel hinter der Theke ausgeschrieben waren. Er ließ sich nichts anmerken.
„Nein, danke.“ Wenn er das wenige Geld, das er noch hatte, für so was ausgeben würde, hatte er bald nichts mehr übrig. Es war am besten, Versuchungen gänzlich zu vermeiden. Außerdem: War ein veganer Blaubeer-Muffin mit Streuseln wirklich zehn Dollar wert?
„Hmm“, sagte der Mann wieder.
Ein lang begrabener Teil von Mitchell wollte sarkastisch „Hmm“ zurückmachen, aber er verkniff es sich. Während er versuchte Arbeit zu finden, war das nicht die Zeit, seine lange verlorene Persönlichkeit zurück an die Oberfläche zu holen. Während er wartete, beobachtete er die Leute um sich herum. Das Diner machte ordentlichen Umsatz, eine gleiche Anzahl von Leuten kam herein, um sich etwas mitzunehmen, wie die, die vor Ort aß. Das Geplauder, tief und regelmäßig, erzeugte ein angenehmes Summen.
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