1 ...6 7 8 10 11 12 ...37 Mein Bewacher machte wieder eine auffordernde Handbewegung. »Mitkommen.«
Was sollte ich sonst schon tun? Es ging in ein Sprechzimmer. Riesenschreibtisch, Bücherschrank mit Folianten, Liege. An den Wänden Öl auf Leinwand, bombastisch gerahmt. Niemand da. Er öffnete eine gepolsterte Verbindungstür. Zu irgendwem sagte er irgendwas. Dann zu mir »Okay, warten.«
Er verschwand im Nebenzimmer. Dafür erschien von dort eine Frau um die Vierzig, klein und drahtig. Sie trug einen weißen Kittel.
»Guten Abend, ich bin Dr. Andrade. Wir möchten Sie untersuchen und über die Operation mit Ihnen sprechen.«
Sie reichte mir ihre kräftige Hand und nahm mich gründlich in Augenschein. Währenddessen hörte ich, wie mein Bewacher im Nebenzimmer mit jemandem diskutierte. Schließlich kam er zurück, dahinter ein Mann mit schütterem Haar, Brille mit Goldrand, ebenfalls im weißen Kittel. Maradona erhielt noch ein paar Anweisungen, dann machte er sich dünne. Im Vorbeigehen sah er mich nochmal wütend an.
Die Goldrandbrille stellte sich als Dr. Cavalcani vor. Er forderte mich zum Ausziehen und zum Hinlegen auf die Untersuchungsliege auf. Ich fühlte mich überhaupt nicht wohl dabei, aber in dem Augenblick spielte ich lieber mit.
Während ich hinter einem Paravent strippte, sagt Dr. Cavalcani »Giulio hat Sie überall gesucht und schließlich in der Pathologie gefunden. Was haben Sie dort gesucht? Es ist unseren Gästen nicht gestattet, sich dort aufzuhalten. Wir dachten, dass sei selbstverständlich. Natürlich sollten die Türen immer verschlossen sein.«
Ich entschuldigte mich lahm und faselte etwas Trauer und Verabschieden. Cavalcani zog die Augenbrauen hoch, seine Stirn verwandelte sich in einen alten Fensterladen.
»Sie kennen sie, nicht wahr? Woher? Weil sie in Deutschland geheiratet hat?«
»Jason, also Herr, äh Fenner, also er wird die Deutsche Botschaft verständigen. Und einen Anwalt einschalten. Einen richtig guten. In Berlin. Also, da ist die Deutsche Regierung …«
»Na«, brummte Cavalcani, »da werden wir ja von ihm hören. Das ist gut. Zur Deutschen Vertretung haben wir gute Kontakte.«
Ich traute mich nicht, nach den Kisten zu fragen, die im Kühlschrank lagen. Besser, die wussten nicht, dass ich sie gefunden hatte.
Die nächste Viertelstunde war für mich sehr unangenehm. Die beiden Weißkittel fummelten mit ihren behandschuhten Pfoten an mir herum und unterhielten sich. Ab und zu bekam ich einen englischen Satz hingeworfen. Andrade fotografierte alles und Cavalcani machte Notizen in einer Kladde.
Eigentlich hatte ich mir die Genitalfee immer ganz anders vorgestellt als einen moppeligen Opa oder einen Blaustrumpf. Komisch fand ich, dass sie sich so wenig um meinen Unterleib kümmerten.
»Wir sind fertig«, sagte Cavalcani. »Wir sehen keine Probleme, Sie verlassen uns als perfekte Frau. Wir haben morgen Vormittag einen OP-Termin für Sie. Das Abendessen müssen Sie ausfallen lassen, denn vor der OP dürfen Sie nichts essen. Zum Schlafen geben wir Ihnen etwas. Die Zeit vergeht wie im Flug und wenn Sie wieder aufwachen, ist alles schon vorbei.«
Damit überfuhr er mich vollkommen. Sein letzter Satz hing in der Luft. Ja, wenn. Wenn nicht, bin ich eine Art ausgenommenes Brathuhn, mit Innereien im Beutel.
Eine weißgewandete Walküre hatte den Raum betreten. Sie wurde mir als Sandra vorgestellt. An sich hätte ich sie gerne angebaggert, nur war mir gerade nicht danach.
Sie gab mir einen Kaftan und Schlappen, damit ich mich nicht mehr anziehen musste. Danach führte sie mich ab, meine Klamotten über dem Arm.
Im Aufzug überlegte ich, ob ich sie wegstoßen und abhauen könnte. Leider war ich dafür unpassend angezogen. Weit würde ich nicht kommen. Schien auch fraglich, ob ich sie umschubsen konnte. Sie wirkte eher so, als hätte sie mich aufs Kreuz legen können.
Bevor sie sich verabschiedete, reichte sie mir zwei Tabletten und einen Becher Wasser. Sie beobachtete, wie ich die Tabletten in den Mund steckte und den Becher leerte. Dann wünschte sie mir gute Nacht und ließ sie mich alleine.
Die Tür war noch nicht ganz zu, da hatte ich die Tabletten schon in den Becher gespuckt. Auch unter der Zunge lösten die sich schnell auf.
Für wie blöd hielten die mich eigentlich?
Erst die Organe in den Boxen und Cristina mit Pimmel, aber aufgeschnitten, dann , oh Wunder , ein Termin schon morgen. Dazu das Telefonat, das ich zufällig mitbekommen hatte. Und Cristina zu sehen wäre gegen die Regeln.
Nichts wie weg hier, das war überhaupt nicht koscher.
Ich wollte zunächst mal im Bett bleiben und so tun, als ob ich schliefe. Vielleicht kämen die zum Nachschauen. Später, nachts, würde ich meinen Kram packen und stiften gehen, aber ganz, ganz leise.
Im Dunkeln auf dem Bett hörte ich die Verdauungsgeräusche des Hauses. Es klapperte, knackte, summte. Die Aufzugtür, Schritte, leise Stimmen. Zimmertüren klappten. Ich war also doch nicht alleine dort.
Obwohl ich meinen Puls auf der Zunge spüren konnte, musste ich gegen das Einschlafen ankämpfen.
Ich schreckte hoch, als ich ein Geräusch an meiner Tür vernahm. Offenbar war ich doch eingeschlafen, mein Kopf dröhnte vor Benommenheit. Ich atmete trotzdem ruhig und unterdrückte den Schreck. Durch die geschlossenen Lider spürte ich einen scharfen Lichtkeil über das Bett fallen. Eine Hand griff sachte nach mir und fühlte den Puls. Dann huschte jemand leise hinaus und es war wieder finster. Ich hätte wetten können, das war die Walküre.
Wieder lag ich und wartete, dabei fühlte ich mich, als ob ich an ein paar dünnen Bändern über einem Abgrund hing. Nicht lange und ich musste mich bewegen, musste meine Haut und meinen Körper spüren.
Vorsichtig näherte ich mich dem Fenster. Es ging nach hinten raus. Das Rollo schob ich zur Seite. Tiefe Dunkelheit draußen, kein Mond, keine Außenleuchten. Nur ein schwacher Lichtschein hoch oben, über der Stadt, immerhin. Wie spät es war, wusste ich nicht, denn ich hatte mein Handy zu Hause gelassen. Im Bett hielt ich es nicht länger aus, also los jetzt, dachte ich.
Schließlich war ich abmarschbereit und heilfroh, dass ich Tania Sotelo nichts von meinen Wertsachen zum Einschließen gegeben hatte. Auf Socken schlich ich mich aus dem Zimmer. Der Flur lag verlassen, es brannte nur eine funzelige Nachtbeleuchtung. Keine Schritte, keine Stimmen. Ich nahm die Treppe. Zwei Stockwerke musste ich runter, Zeit zu lernen, mich leise zu bewegen. Gar nicht so einfach, vor allem, wenn man einen fetten Rucksack auf dem Rücken hatte.
Auf dem letzten Treppenabsatz blieb ich stehen und spähte ganz vorsichtig um die Ecke in die Halle. Hinter dem Tresen saß ein Typ und las im Schein einer Tischlampe Zeitung. Nur Gesicht und Papier waren beleuchtet, der Rest verkroch sich tief im Schatten. Der Typ sah ziemlich jung und wach aus. So hatte ich keine Chance ungesehen zu bleiben. Mit dem schweren Gepäck würde ich auch im Sturmlauf nicht an ihm vorbeikönnen. Er würde aufstehen, mir eine semmeln und dann wars das gewesen.
Wenn ich weiter die Treppe runter geschlichen wäre, hätte er nur den Kopf zu heben brauchen, um mich voll auf dem Schirm zu haben.
Ich wusste nicht weiter. Ein Fenster gab es im Treppenhaus nicht und wenn, hätte er gehört, wenn es geöffnet wurde. Da hätte ich gleich runter trampeln können und mich freundlich grinsend verabschieden wollen.
Er regte sich. Die Zeitung knisterte, der Hocker scharrte und er tat ein, zwei Schritte. Vorsichtig linste ich wieder um die Ecke. Glück gehabt, er stand mit dem Rücken zu mir, reckte sich und blickte durch die Eingangstür nach draußen. Da wollte ich auch gerne hin. Er drehte den Kopf und ich zog meine Nase zurück. Dann hörte ich seine Schritte auf mich zukommen. Vielleicht hatte ich mich im Glas der Tür gespiegelt.
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