1 ...8 9 10 12 13 14 ...37 Schließlich fuhr der Bus ab, nur war ich da nicht mehr so scharf darauf. Ich redete mir gut zu, atmete gleichmäßig und beruhigte mich allmählich. Ein Mantra hatte ich auch. Ihr müsst mich erst mal kriegen.
Nach einer Weile drehte ich den Kopf. Sie saßen nur zwei Reihen hinter mir auf der anderen Gangseite, mit direktem Blickkontakt. Der Größere beobachtete mich. Er verbreiterte sein Grinsen nochmal um einige Grade Dreistigkeit.
Der Andere telefonierte schon wieder. Ich malte mir aus, wie sie Verstärkung herbei holten. Sie würden mich abfangen, wenn ich ausstieg. Noch ein paar von diesen Typen in Barra Funda am Bussteig und an den Treppen, dann konnte nicht mal eine Maus vorbei.
Ich musste mich zwingen nicht dauernd nach hinten zu schauen. Ich spürte, dass sie mich beobachteten. Wahrscheinlich freuten sie sich darauf, was sie mit mir machen würden, wenn sie mich erst hätten.
Ich könnte den Busfahrer um Hilfe bitten, wenn wir irgendwo halten, dachte ich. Vielleicht konnte der Englisch. Mit Händen und Füßen alleine würde ich nichts erklären können.
Ganz tief im Sitz versunken studierte ich den Sprachführer, ein paar Vokabeln konnte ich dringend gebrauchen. Es half mir auch die nächste Stunde zu überstehen.
In einer Kleinstadt hielt der Bus. Der Fahrer und etliche Passagiere stiegen aus, auch die beiden Kerle. Beim Vorbeigehen machte einer anzügliche Schnalzgeräusche. Das war die richtige Gelegenheit, was vom frisch Gelernten loszuwerden.
»Sai fora!« 1717
Ab und zu funktionierte die große Klappe noch. Es erheiterte sie aber nur. Im Weggehen sagte der Kleinere zu seinem Kumpel etwas, aus dem das Wort »puta« herauszuhören war. Das hatte ich auch schon gelesen, es kam in der Schimpfwortabteilung vor.
Die Kerle holten sich Kaffee, dann standen sie rauchend draußen in der Nähe, blickten gelegentlich zu mir rüber, quasselten und telefonierten. Der Busfahrer war verschwunden, da hatte ich nicht schnell genug geschaltet.
Ein Weilchen später ging es weiter. Beim Einsteigen blieb der größere Mistkerl bei mir stehen und fragte »Como vai? Tudo bem?« 1818
»Lass mich in Ruhe, Arschloch.«
Schade, dass er kein Deutsch verstand. Die anderen Fahrgäste schoben nach, er musste weiter gehen, mit gerunzelter Stirn. Als ich nach hinten schaute, grinste er wieder.
Ab da blieben noch eineinhalb Stunden, um einen Ausweg zu finden.
Der Verkehr wurde immer dichter. Die Regenwolken hatten sich verzogen, allmählich wurde es warm.
Wieder war ich tief in den Sitz gesunken, damit sie mich nicht sahen.
Wir hielten da und dort, der Bus wurde voller. Während wir die Vororte passierten, entstand nach und nach in meinem Hirn so etwas wie ein Plan. Jetzt brauchte ich noch die richtige Gelegenheit.
Etwas später hatten wir das Stadtgebiet von São Paulo erreicht. Der Bus steuerte wieder eine Haltestelle an, wo ein Haufen Leute warteten.
Als die Ersten im Gang auf meiner Höhe waren, kroch ich schon auf dem Boden und schlängelte mich durch deren Beine zum Ausgang. Dass ich dabei ein paar Leute anstieß, fiel sicher nicht weiter auf. Die Leute drängelten und waren sowieso in Bewegung.
Der Fahrer suchte in dem Moment in seiner Tasche nach Wechselgeld. Bevor er wieder aufschaute, war ich draußen.
Mit flotten, aber bewusst ruhigen Schritten ging ich in Fahrtrichtung direkt an der Fahrbahn entlang. Da konnten mich die Kerle garantiert nicht sehen. Nachdem ich etwa fünfzig Meter weit gekommen war, hörte ich den Bus anfahren. Ich trat zwei Schritte vom Fahrbahnrand zurück und ließ ihn vorbeirollen. Meine Verfolger stierten halb aufgerichtet über die anderen Passagiere hinweg. Zum Abschied hielt ich ihnen den ausgestreckten Mittelfinger in die Visagen.
Der Bus nahm schwerfällig eine Kurve, dann wurde er vom Verkehr verschluckt. Jetzt gab es für mich nur noch eine Devise, nichts wie weg von dort.
In der Stadt würden die mich nicht mehr so schnell finden, wo sollten sie auch suchen?
Nach den ersten Schritten erinnerte ich mich an meinen Rucksack. Der lag natürlich noch im Gepäckfach. Ich hatte nur meinen Handrucksack mit den wichtigsten Utensilien, aber keine Klamotten mehr. Zuerst störte mich das nicht, das Ding war schwer und ohne lief es sich leichter. Nach und nach wurde mir aber klar, dass ich sowieso kaum Geld hatte. Mir fehlten so unverzichtbare Dinge wie Shampoo und saubere Wäsche.
Immerhin, meine Innereien konnte ich vorerst behalten.
In einem kleinen Laden kaufte ich Wasser und ließ mir den Weg erklären. Die freundliche Verkäuferin tat ihr Bestes, um mich zu verstehen. Sie zeigte auf einem Touristenplan, wo ich mich befand. Dann beschrieb sie, wie ich zum Bus in die Innenstadt kommen konnte.
Sie war überhaupt nicht irritiert durch meine Aufmachung. Auf meinem Kinn sprossen die Bartstoppeln, ich war zerzaust und verschwitzt. Nach einer Weile hatte ich soviel wie irgend möglich verstanden und machte mich auf den Weg.
6
Im Nachmittagslicht warf der Betonklotz einen fußballfeldgroßen Schatten. Vor dem ausladenden Portal wimmelte es von Schildern. Das gelbe mit dem Adler wirkte unscheinbar gegen das Geprotze der Firmen. Der Hinweis auf einen deutschen Betrieb, der Gurken in Gläser stopft und ihnen Saures gibt, sorgte für einen Anflug von Küchentischgefühlen.
Das änderte sich sofort, als ich die Eingangshalle betrat. Überall standen Wachleute herum, die nasepopelnd die Umgebung im Auge hatten.
Auf einem Wegweiser las ich, dass ich in den zwölften Stock musste. Immerhin gab es einen Aufzug. Danach allerdings landete ich in einem Foyer, das einem Affenkäfig glich. Der Zugang war komplett vergittert. Der Weg nach innen führte durch eine Schleuse an einer Pförtnerkabine vorbei.
Dort hatte sich eine Schlange gebildet. Alle Besucher mussten in ein Kameraauge sehen und ihre Fingerabdrücke auf einem Pad hinterlegen. Schließlich wurde auch der Pass einkassiert, erst dann wurde ich durchgelassen.
Danach ging es einen Gang entlang vor einen Tresen. Dort musste ich erklären, was ich wollte.
»Cristina ist tot. Die haben sie umgebracht. Im Casa da Beleza.«
Die Angestellte riss die Augen auf und biss sich auf die blassrosa Lippen.
»Waren Sie schon bei der Polizei?«
»Nein, ich weiß nicht wo. Außerdem sind die hinter mir her. Wenn die mich kriegen, machen die mich alle. Bestimmt.«
Nachdem sie sich vom ersten Schreck erholt hatte, nahm sie mich genauer unter die Lupe.
»Erzählen Sie bitte mal langsam, der Reihe nach. Wer sind Sie und wer soll von wem getötet worden sein?«
»Ich bin Nel Arta. Die Tote heißt Cristina Ribeiro. Umgebracht haben die sie von der Klinik Casa da Beleza in Sorocaba. Das sind verdammte Organklauer. Kapiert?«
Aus ihrem Gesicht sprach die Lebenserfahrung einer langgedienten Kummerkastentante. Sie erkannte Verrückte auf den ersten Blick. Mich eingeschlossen.
»Was haben Sie denn dort gemacht? Und wer ist diese Cristina Ribeiro?«
»Ich … Ich war zu einer OP dort. Cristina auch. Sie stammt aus São Paulo und ist mit einem Deutschen verheiratet. Der hat bestimmt schon deswegen angerufen. Jason Fenner, aus Berlin. Wissen Sie denn nichts davon?«
Sie zog die Augenbrauen hoch und seufzte.
»Bei mir hat niemand angerufen. Nach allem, was ich verstanden habe, ist das ein Fall für die Polizei. Sind sie selbst involviert? Brauchen Sie einen Anwalt?«
»Nein, verflucht, ich brauch Schutz. Und jemand muss sich um Cristina kümmern. Sie ist schließlich Deutsche. Ist das wirklich so schwer zu begreifen?«
Hinter mir bildete sich allmählich ein neugieriges Auditorium. Kein Wunder, bei diesem Andrang. Die Angestellte linste mit flackerndem Blick an mir vorbei.
»Moment«, murmelte sie, »ich ruf Ihnen jemand.«
Mit ihrer sorgfältig manikürten Hand setzte sie die Brille auf, die an einem Band hing. Sie suchte auf einer Kladde herum.
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