Ria Klug - Rotverschiebung

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Der vier Bände umfassende Gesamtausgabe «Rotverschiebung» beginnt in Brasilien, wo die Transfrau Nel Arta auf kriminelle Machenschaften stößt, während sie sich in einer Anpassungs-OP unterziehen wollte. Ein deutscher Honorarkonsul ist darin verstrickt.
Mehr als einmal kann sie nur knapp ihrem Kopf aus der Schlinge ziehen.
Zurück in Deutschland kann sie ihre Verstrickungen nicht loswerden und gerät immer wieder in Konflikt mit der Polizei. Sie muss lernen ihren Jähzorn zu zügeln, Konflikte zu vermeiden und zu vertrauen, was ihr sehr schwer fällt.
Im vierten Band sorgt sie in ihrem Heimatort für erheblichen Aufruhr, findet aber auch eine lange vermisste Nähe zu ihrer Mutter wieder.
Im flammenden Finale geht es für sie ums Ganze.
Die Bände «Kleine Betriebsstörung», «Schnicksenpogo» und «Popelige Mauscheleien» sind vor Jahren schon im Print erschienen. In dieser Gesamtausgabe sind sie gründlich überarbeitet und um den vierten, bislang unveröffentlichten Band «Nachts Zündeln», ergänzt worden.

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Um Himmels willen, so tief wollte ich nicht sinken.

»Nee, echt, das ist nichts für mich. Wie könnte ich an die Familie kommen? Kennst du jemanden, den ich fragen könnte?«

»Mal sehen. Wie kann ich dich erreichen?«

Ich zögerte. Diese Frage hörte ich da schon zum zweiten Mal. Sie gefiel mir nicht.

»Ich hab noch keine Bleibe. Ich komme einfach nochmal wieder. Morgen?«

Er zuckte mit den Schultern.

»Gibt es hier in der Nähe eine Kneipe, wo es was zum Essen gibt?«, fragte ich.

»Rechts, nächste rechts, nächste links. Paar Minuten.«

»Danke. Okay, dann gehe ich mal. Bis Morgen.«

Kommentarlos langte er an mir vorbei, öffnete und ließ mich hinaus. Während ich durchatmete, knirschte die Tür hinter mir ins Schloss.

7

Eine gute Stunde später saß ich vollgefressen und angetütert auf einem Plastikstuhl. Vor mir das zweite Glas Wein. In der Ecke hing ein Fernseher, in dem sich ein Fußballplatz samt Zubehör breit gemacht hatte.

Ich hatte keine Lust zur Pension zu gehen, mir tat die anonyme Gesellschaft gut und es ging mir deutlich besser. Wenn nur die Sache mit der Klinik nicht gewesen wäre. Ich konnte da nicht einfach aufkreuzen und die Hand aufhalten. Ohne Hilfe und Zeugen würde ich die Klinik nicht mehr betreten.

Auf der Suche nach Auswegen stierte ich in die rötliche Spiegelung im Weinglas. Die verdunkelte sich, als sich eine Baggyjeans und ein Unterhosensaum samt Fleischfüllung vor meinem Tisch aufbauten.

»Zisch ab, Lulli, ich mag keine Jungs, egal wie klein.«

Ich machte mir nicht mal die Mühe aufzuschauen. Nur seine Stimme brachte mich dazu die Lider nach oben zu bewegen.

»Você é la alamão ? «

»Sim, é você?«

Immerhin, ohne Nachdenken ein Kurzdialog auf Portugiesisch. Ich erblickte einen jungen Schwarzen mit blondierten Strähnen, jeder Menge Ohrringen und einer roten Sportjacke, mit der Aufschrift der »Olympic Heroe«.

»Sou o hermano do Cristina. Que pasa?« 2222

Das würde ein Sprachproblem werden. Ich fragte »Inglés?«

Er drehte sich um und winkte jemand herbei. Eine junge Schwarze, die Blondie ziemlich ähnelte, näherte sich. Bei der Zahl der Ohrringe hatte sie ein leichtes Plus. Sie stellte sich neben Blondie, lächelte mich an und reichte mir die Hand.

»Hi, ich bin Alina, Cristinas Schwester. Ich spreche ein bisschen Englisch.«

Es war wirklich nur ein bisschen, aber ich hatte Zeit.

»Hallo, ich bin Nel. Wollt ihr euch setzen?«

Alina setzte sich, während er stehenblieb. Sie zuckte mit den Schultern und fragte »Dein Name, escribe«, dabei machte sie eine Kritzelbewegung mit den Fingern. Mit dem Lippenstift notierte ich ihn auf eine Serviette. Sie las, stutzte und murmelte »Ne-uw.« Sie brach in Lachen aus.

Ihr Bruder spielte cool. Sie hielt ihm die Serviette hin.

»Ihr Name, Ne-uwson«, sagte sie und gackerte hemmungslos.

Er musste erst mühsam das Grinsen unterdrücken, schließlich lachte er mit und ließ sich auf einem Stuhl nieder.

»Ne-uw und Ne-uwson«, prustete Alina zwischen Lachanfällen. Okay, so lustig fand ich es nicht. Aber ihr Lachen war so ansteckend, dass ich mitlachen musste.

Nachdem wir uns beruhigt hatten, besann ich mich darauf eine gute Gastgeberin zu sein.

»Was mögt ihr trinken? Bier?«

Alina übersetzte. Mit Bier waren beide einverstanden. Ich nutzte die gelockerte Atmosphäre und erzählte. Mit möglichst einfachen Worten und vielen Pausen, damit Alina Zeit zum Übersetzen hatte. Sie erzählte, dass sie ihr Englisch als Haushaltshilfe in einer englischen Familie gelernt hatte. Ein ziemliches Kauderwelsch mit vielen portugiesischen Einsprengseln, aber es funktionierte.

Nach und nach machte die ganze Kneipe spitze Ohren.

Ich schlug vor, draußen zu reden. Nebenan gab es eine niedrige Mauer, die den Parkplatz eines Apartmenthauses einfriedete. Dort machten wir uns mit ein paar Bierdosen breit.

Alina weinte, als ich erzählte, wie ich ihre Schwester gefunden hatte. Nelson sprang auf, trat gegen den Beton, setzte sich wieder und streichelte Alinas linke Hand. Die andere nahm ich mir vor.

Weitere Male sprang Nelson auf, redete erregt auf Alina ein, ballte die Fäuste, prüfte den Beton, ehe er sich wieder setzte. Alles garniert mit diversen fahrigen Bewegungen mit den Händen.

Er machte mich völlig konfus, viel lieber wollte ich Alina in Ruhe trösten und Händchen halten. Ich betrachtete sie von der Seite. Der zarte Flaum auf ihrer Wange war mit Tränen verklebt, ihre Schultern zuckten unrhythmisch.

Ich hätte Nelson zu einem Dauerlauf die Straße entlang überreden sollen. Gegen meine telepathischen Vermittlungsversuche war er aber immun.

Nach einer Weile zog er ein Pfeifchen aus der Tasche, stopfte es und hüllte uns in Rauchschwaden. Nach ein paar mächtigen Zügen hielt er mir die Pfeife hin.

»Maconha?« 2323

Ich nickte, denn ich ahnte, was das bedeutete.

Schließlich nuckelten wir alle an dem Ding. Zwischendurch ging ich noch mehrmals rein und holte Bier. Alina ging es wieder besser, wir quasselten durcheinander, bis ich endlich fragte, ob sie sich vorstellen konnten, mit mir nach Sorocaba zu kommen. Geld holen, eine Beerdigung arrangieren und vielleicht der Sache auf den Grund gehen.

Erst waren sie ganz still. Da wäre ich am liebsten aufgesprungen, so gespannt war ich, doch das Bier und die Rauchwaren sorgten für solide Bodenhaftung. Nelson und Alina redeten aufeinander ein.

Schließlich erklärte Alina, dass sie beide mitkommen würden.

Ich hätte sie küssen können. Noch vor ein paar Stunden war ich völlig alleine gewesen, plötzlich hatte ich so etwas wie Freunde.

Ich fragte sie, was sie davon hielten sich an die Polizei zu wenden. Sie lachten abschätzig. Nelson ließ übersetzen, das solle ich nur machen, wenn ich geprügelt, gefickt und eingelocht werden wollte.

»Gut«, sagte ich, »ich verstehe schon, dann eben ohne Bullen. Aber dann können wir das Verbrechen sicher nicht aufklären.«

Nelson winkte ab und dabei lachte höhnisch auf.

Alina schien seiner Meinung zu sein. »Keine Chance. Um uns kümmert sich die Polizei nicht. Um welche wie dich oder Cristina erst recht nicht.«

Ich wollte noch mal Bier holen. Zum Aufstehen musste ich mich auf Alina abstützen. Sie winkte ab.

»Auch recht«, sagte ich.

Alina schaute mich fragend an. Ich musste lachen, denn ich hatte vergessen, dass sie kein Deutsch verstand.

Inzwischen war es spät geworden. Alina wollte gehen. Sie musste Nelson überreden, was ihr einige Mühe machte. Sie schleppte ihn zu einem Motorad vor der Kneipe.

Während sie sich die Helme überstülpten bekam ich Angst.

»Moment, wartet. Wir müssen uns noch verabreden. Wie kann ich euch erreichen?«

»Morgen hier um halb acht«, sagte Alina, nachdem sie mit Nelson verhandelt hatte.

Knatternd rauschten sie ab.

Sofort sackten Einsamkeit und kühles Nachtdunkel schwer auf mich. Das Gefühl war so beängstigend, dass ich mich zur erleuchteten Kneipe hinwendete. An der Tür erwarteten mich zwei neugierige Besoffene, deren Zudringlichkeit durch meine betäubte Wahrnehmung drang.

So elegant, wie das noch möglich war, legte ich eine Kehrtwendung hin, dabei hörte ich mich selbst reden.

»Könnt euch gegenseitig anne Wäsche gehn, ihr Schleimkröten, meine Mama will nich, dass ich mit Kerlen rummach …«

Sie riefen mir irgendwas nach.

Mit unsicheren Schritten machte ich mich auf den Weg in die Pension. Unterwegs erzählte ich dem Affen auf meiner Schulter, dass ich morgen unbedingt Jason schreiben müsse, dass ich die Sache mit der Kohle selbst geregelt hätte. Dann wurde mir übel.

8

Ganz vorsichtig öffnete ich ein Auge. Der Affe war verschwunden, hatte mir aber vorher ins Hirn gekackt. Der Haufen drückte noch gegen die Schädeldecke, aber der Geschmack war schon auf der Zunge angekommen.

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