»Soll ich noch ein bisschen für allgemeine Unterhaltung sorgen, bis Sie soweit sind?« fragte ich.
»Ei ja, immer lustisch«, sagte ein Mann mit sonnenverbrannter Stirn hinter mir. Die Kummerkastentante gab keine Antwort. Sie nahm den Hörer und tippte eine Nummer.
»Hallo«, sagte sie, »ich brauche hier mal jemand von euch - Ja, meinetwegen - dann schick den Neuen rauf, aber bitte schnell – ja, danke.«
Sie legte auf.
»Gleich kommt jemand und kümmert sich um Sie. Nehmen Sie doch einen Augenblick Platz«, sagte sie, wobei sie schon an mir vorbei den Nächsten fixierte.
Ich sah mich um, aber alle Stühle waren belegt. Der Mann hinter mir drängelte sich vorbei.
»Ei, isch will de Pass verlängert habbe …«
Ich entfernte mich ein paar Schritte. Hoffentlich musste ich nicht allzulange warten. Ich hatte schon wieder Hunger.
Nach fünf Minuten erschien ein Typ in kurzärmligem Hemd und Krawatte. Die Angestellte schickte ihn zu mir.
»Guten Tag. Mein Name ist Schaffrath. Wie kann ich Ihnen helfen?«
Er streckte mir die Rechte entgegen. Ich ignorierte sie. »Ich weiß von einem Mord.«
Wieso rissen eigentliche alle, wenn sie davon hörten, die Augen auf?
»Am besten, Sie kommen mit in mein Büro und erzählen mir alles.«
Schaffrath ging voraus durch Gänge, in denen sich Wartende die Ärsche plattsaßen. Vor einer Glastür holte er eine Karte heraus und steckte sie in ein Terminal. Ein Klicken signalisierte die Entriegelung.
Wir mussten eine Treppe hinunter steigen. Durch eine weitere Tür erreichten wir in einen weitaus ruhigeren Trakt. Dort ließ er mich in ein kleines Büro eintreten. Er wies auf den Stuhl vor dem Schreibtisch.
»Nehmen Sie Platz.«
Bevor er sich hinsetzte, zog er die Hose über den Knien nach oben. Er trug Bart-Simpson-Socken.
»Bitte, erzählen Sie doch mal der Reihe nach. Vielleicht erst Ihre Personalien und dann was passiert ist.«
»Nel Arta, aus Berlin. Gestern habe ich meine Freundin Cristina tot in einer Kühlbox in der Klinik Casa da Beleza gefunden. Ihr wurden Organe geklaut.«
Schaffraths Finger zischten über die Tasten seines Notebooks.
Das wirkte nun schon sehr viel ernsthafter. Nach einer Viertelstunde hatte er fast alles aus mir heraus gequetscht.
»Und Sie sagen, dieser Herr Fenner wollte sich heute bei uns telefonisch melden? Da werde ich gleich mal nachfragen.«
Er griff zum Telefon.
»Hallo, hier ist Schaffrath. Hat sich bei euch heute ein Herr Jason Fenner gemeldet, wegen des Verbleibs seiner Frau? - Ja, ich warte – aha – ja – ach so? - okay – ja, mach ich – ja gut, habe ich verstanden – Danke.«
Er sah missmutig auf den Bildschirm. Dann seufzte er.
»In dieser Sache wurde heute schon ein bisschen mehr telefoniert. So ganz eindeutig scheint das nicht zu sein.«
Sein Notebook machte »Pling«. Er drückte eine Taste.
»Die Klinik hat vorsorglich eine Nachricht für Sie hinterlassen. Ich gebe Ihnen das einfach mal so weiter. Sie mögen sich dort melden. Falls Sie die OP nicht mehr wünschen, können Sie das Geld wieder abholen. Außerdem schreiben die, es handele sich um einen tragischen Todesfall, wie er in der Anästhesie immer mal vorkommen kann.«
»So ein Blödsinn. Ich hab Cristina gesehen. Das war Mord.«
»Sie brauchen nicht schreien, ich höre noch gut. Sie sind erregt, ich verstehe das. Die Tote ist Ihre Freundin und Sie wollten sich umoperieren lassen, nicht wahr?«
Am liebsten hätte ich mit dem Arm über seinen Schreibtisch gefegt und alles Gerümpel samt der kleinen Schalke 04-Fahne gegen die Wand gehauen. Aber ich riss mich zusammen.
»Es gibt Menschen, die das so nennen, ja.«
»Was machen wir nun?«, fragte Schaffrath. »Ihnen ist natürlich unbenommen, die Polizei zu verständigen. Das kann auch Herr Fenner tun, wen ihm unsere Auskunft in dieser Sache nicht genügt.«
»Was erwarten Sie, was Mörder sagen, wenn sie beschuldigt werden? Sind Sie wirklich so blöde und glauben deren Ausreden einfach?«
»Frau Arta, wir sind nicht die Polizei. Was ich glaube oder nicht spielt keine Rolle. Wenn Sie mit stichhaltigen Beweisen kommen, werde ich Ihnen gerne helfen. Im Rahmen meiner Möglichkeiten.«
»Ach Scheiße, wo soll ich die Beweise herbekommen? Können Sie nicht selbst mal dort nachsehen? Lassen Sie sich Cristina zeigen. Sie werden schon sehen.«
»Nochmal, das ist nicht mein Job. Davon verstehe ich auch nichts. Gehen Sie zur Polizei und erstatten Sie Anzeige. Ganz nebenbei ist für diese Klinik einer unser Honorarkonsuln Ansprechpartner.«
»Na toll. Jetzt weiß ich auch mal, wie die Unterstützung des Konsulats aussieht. Warum bin ich eigentlich hergekommen?«
Mit Blick auf das gerahmte Foto neben seinem Schreibplatz sagte ich »Weiß eigentlich Ihre Frau, was fürn Lulli Sie sind?«
Schaffrath zog seine hohe Stirn in Falten.
»Ich verstehe ja Ihre Angst und Ihre Enttäuschung«, sagte er nach kurzem Stocken. »Mir ist klar, dass Sie sich Sorgen machen. Am besten hinterlassen Sie mir eine Telefonnummer oder Kontaktadresse, unter der ich Sie erreichen kann. Falls ich etwas erfahre oder noch eine Frage auftaucht.«
»Ich hab noch keine Bleibe.«
»Hier in São Paulo finden Sie sicher was. Ich gebe Ihnen meine Karte, dann können Sie mich anrufen. Ich schreibe Ihnen noch die Nummer des Konsuls auf die Rückseite. Sie können ihn gerne ansprechen. Er ist auch Beisitzer in der Deutsch-Brasilianischen Industrie- und Handelskammer. Er kennt sich aus.«
Er schob mir eine Karte über den Tisch und schraubte sich aus dem Stuhl. Audienz beendet, sollte das wohl heißen. Ich schnappte mir die Karte. Auf der Rückseite stand der Name Dr. Klaus Klinkhammer. Darunter eine ellenlange Telefonnummer.
Schaffrath war bemüht zuvorkommend. »Ich bringe Sie wieder nach oben in den Publikumsbereich. Damit Sie sich nicht verlaufen.«
Unterwegs fragte er »Sie haben wahrscheinlich Angst diese Klinik wieder zu betreten, wegen Ihres Geldes. Das ist bestimmt eine Menge, nicht wahr?«
»Logo. Viel zu viel ums einfach dazulassen.«
Er überlegte kurz.
»Sie können es sich ja überweisen lassen. Oder, wenn Sie es sofort brauchen, mit jemandem zur Unterstützung dorthin gehen.«
Sieh mal an, ganz so dämlich war dieser Heini nicht.
Draußen auf der Straße war ich ziemlich desorientiert. Was nun? Das hatte ich mir vorher nicht überlegt. Aber da wusste ich noch nicht, dass der Besuch im Konsulat so kläglich enden würde.
Gegen vier stand ich vor dem Amorosa Louca. Ein Flachbau, blau und grün gestrichen. Die Fenster waren mit Platten verrammelt, die grün gestrichene Stahltür mit dem Sichtfenster war verschlossen. Oben am Gebäude zog sich ein Werbeband mit prallen roten Herzen entlang, darüber noch eine Leuchtreklame mit dem Schriftzug.
Neben der Tür hing ein Schaukasten, darin Fotos von leicht bekleideten Damen, die sich um Stangen windeten, oder sonstwie posierten. Zu tiefe Einblicke wurden durch aufgeklebte rote Herzen verdeckt. Dazu Text auf Portugiesisch und Englisch. Es ist von »Genuss pur, aufregenden Shows und totaler Entspannung« die Rede. Bei einem »wirklich unvergesslichen Abend mit Shemales« sei alles möglich und für »jeden Geschmack etwas dabei«.
Das konnte ja heiter werden.
Die Öffnungszeiten sagten mir, dass wochentags ab zwanzigdreißig und an Wochenenden ab vierzehn Uhr geöffnet wäre, montags dagegen geschlossen. Ich musste kurz überlegen bis mir dämmerte, es war Dienstag. Unglaublich, ich war erst gestern in Brasilien angekommen.
Am Besten, ich suche mir eine Unterkunft, dusche, lege mich hin und komme später wieder, dachte ich. Hier konnte ich im Augenblick nichts ausrichten.
Hinter mir brauste der Nachmittagsverkehr auf der Autobahn, die etwas unterhalb der anderen Straßenseite entlang führte. Die Rua Bandeirantes selbst zog sich durch ein Industriegebiet und bot eine Zufahrt zur Autobahn. Entsprechend viele Laster rollten auf ihr. Der Lärm war mörderisch.
Читать дальше