1 ...7 8 9 11 12 13 ...37 Ich wollte mich hastig nach oben verkrümeln.
Aber er kam nicht die Treppe herauf, sondern seine Schritte verklangen langsam. Ich zischte nach unten. Ein kurzer Seitenblick. Er verschwand gerade im Klo. Wie der Blitz war ich an der Eingangstür. Abgeschlossen. War ja klar. Was tun? Meine Gedanken rasten.
Ich huschte hinter ihm her und öffnete die Tür zur Damentoilette, als ich von Nebenan die Spülung hörte. Die Tür zog ich erst hinter mir ins Schloss, als er seine öffnete.
Er wanderte gemächlich zurück an den Tresen. Der Hocker scharrte wieder.
Zum Glück war ich heute schon mal dort drin gewesen. In einer Wand gab es ein Fenster, nicht sehr groß, aber das war ein Weg nach draußen. Ich schlotterte und bewegte mich, als würde ich in einem zähen Brei stecken. Mühevoll öffnete ich den Metallrahmen. Ich konnte gerade so über den Rand schauen. Alles war dunkelgrau, ich vermutete mehr als ich sah, dass da ein paar Meter weg eine Hauswand stand. Zum Draufsteigen holte ich mir den Papierkorb. Ich schob den großen Rucksack ins Freie und ließ ihn nach unten plumpsen. Dabei hielt ich die Luft an. Es machte jedoch nur ein leises »Plötsch«. Der kleine folgte postwendend.
Einen Augenblick später zwängte ich mich auch durch und sprang ins Dunkel.
5
Eine brasilianische Novembernacht konnte ganz schön kalt sein. Vor allem, wenn eine mit leerem Magen, aber voller Hose, durch eine unbekannte Stadt stromerte. Ich wollte zum Busbahnhof und weg aus der Stadt. Ständig drehte ich mich um, ob da ein Auto auf mich zuhielt oder irgendwelche dunklen Typen hinter mir her schlichen. Selbst Polizeiautos beunruhigten mich, Brasilien galt nicht gerade als Ikone des Rechtstaats.
Auf den ersten Metern überlegte ich, dass mein Verschwinden eigentlich erst morgen früh auffallen würde. Ich sollte also ohne Angst herumlaufen können. Aber ich war zur Mitwisserin geworden und die mussten mich dort behalten und mundtot machen. Die Walküre konnte jederzeit kontrollieren kommen, ob ich noch da war. Sobald das geschah, würden sie mich jagen, davon war ich überzeugt.
Die Straßen schienen leergefegt, keine Menschenmengen, in denen ich hätte verschwinden können. Die Hauptstraße wollte ich trotzdem nicht verlassen, verlaufen wäre fatal gewesen. Also trottete ich den Weg entlang, von dem ich glaubte, dass der Bus ihn genommen hatte. Hin und wieder Haltestellen, aber auch die richtigen?
An einem geschlossenen und schwach beleuchteten Stehcafé konnte ich an der Wanduhr die Zeit ablesen. Kurz vor halb drei. Wann mochte der erste Bus fahren?
Den musste ich auf jeden Fall kriegen, nur dann hatte ich eine Chance weg zu kommen, glaubte ich. Und dann wollte ich die Knete wiederkriegen, sonst würde nix mit Copacabana werden.
Aber alleine konnte ich nicht mehr in die Klinik. Ich fantasierte, wie mich der Typ vom Empfang festhalten und Maradona mir ne Spritze reinhauen würde, ohne dass ich ihm in die Eier treten konnte. Die Einwilligung in die OP lag unterschrieben vor. Das Feld war bereitet, um mich elegant aus dieser Welt zu schaffen.
Wieder blickte ich mich um. Nur ein Moped auf der Gegenfahrbahn.
Nachts sah alles so anders aus. Dort rechts und die nächste links. Oder? Scheiße. Verdammt, hatte ich Kohldampf. Hoffentlich stimmt der Weg, dachte ich dauernd. Die Stadt war sicher größer als Bremen, wo ich die ersten Jahre nach meiner Flucht aus dem Elternhaus verbracht hatte.
Trotzdem war ich noch an keiner offenen Kneipe vorbei gekommen. Dabei musste ich dringend was in den Magen haben. Meine Laune bewegte sich langsam unterm absoluten Nullpunkt.
Nach einer Weile tauchte tatsächlich das klobige Massiv des Busbahnhofs auf. Ganz vorsichtig näherte ich mich, immer auf der Hut. Es war schon ein komischer Gedanke, einerseits fühlte ich mich so was von alleine, andererseits hatte ich Schiss, dass mich jemand erwarten würde.
Das Gebäude war geschlossen. Vor die Eingänge geschobene Gittertüren verwehrten den Zutritt, innen war alles dunkel.
Ich suchte mir auf dem Vorplatz eine geschützte Ecke. Ein paar Jugendliche zogen lautstark diskutierend vorbei. Ich blieb im Schatten, auf neue Freunde hatte ich keinen Bock. Der Platz war gar nicht übel, ich konnte mich auf den erhöhten Betonrand eines Pflanzlochs setzen. Dicht vor mir erhob sich die Rückwand einer Verkaufsbude. Es roch kaum nach Pisse, war windgeschützt, sogar den Rücken konnte ich am Baum anlehnen.
Die Kälte kroch tief in mich hinein, da halfen auch die zusätzlichen Klamotten nicht.
Ich lauschte dem Kollern und Gluckern im Magen, wartete und grübelte.
Am besten also nach São Paulo zur Deutschen Vertretung. Was meinte Cavalcani bloß mit den guten Kontakten dorthin?
Lautes Getrappel schreckte mich auf, Menschen rannten über den Platz, immer mehr, immer lauter. Dann wurde ich durch Tropfen im Gesicht wach. Das vermeintliche Fußgetrappel war bloß ein heftiger Wolkenbruch. Ich flitzte rüber zum Busbahnhof, unter das Betonvordach. Fahles Morgenlicht machte sich breit. Durch die geschlossenen Gitter sah ich, dass sich innen schon Leute herumtrieben. Hinter mir platschten Sturzbäche zu Boden.
Das Wasser spritzte hoch, alles wurde feucht. Mit dem Rücken an die Wand gedrückt hockte ich mich auf den Boden und wartete. Unglaublich, dass ich einschlafen konnte. Nach einer Weile Zuschauen, wie sich der Regen auf dem Asphalt sammelte und Wege in den Untergrund suchte, wurde das Gittertor geöffnet. Inzwischen hatten sich schon einige Leute gesammelt, die Wasser von Regenschirmen schüttelten und fröstelnd von einem Fuß auf den anderen traten.
Jenseits des Platzes zogen Autos lange Gischtfahnen durch die Gegend. Mir war noch nichts Verdächtiges aufgefallen. Ständig blickte ich mich um, wie ein Bussard auf dem Ansitz. Leider fühlte ich mich eher wie ein Spatz, der aufpassen musste, dass er nicht unter die Räder geriet.
Ich erhob mich und ging auf die Suche nach dem Fahrkartenschalter.
Einige Minuten später hatte ich ein Ticket in der Tasche. Bis zur Abfahrt blieb noch etwas Zeit für Kaffee und Frühstück. Kauend reihte ich mich in die Schlange vor dem Bus. Nur noch ein paar Minuten, dann würde ich weg sein. Zuerst spürte ich Erleichterung, als mein Rucksack im Gepäckraum verschwand. Beim Einsteigen verwandelte sich das in eine überschwängliche Euphorie. Ich ließ mich in die Plüschpolster meines Fensterplatzes sinken.
Als erstes Schuhe aus, das ging, neben mir war frei. Ob die Euphorie vom Kaffee herrührte oder der erfolgreichen Flucht entsprang, war mir nicht klar. War auch egal. Der Fahrer wartete noch draußen, ich starrte auf seinen Hinterkopf und drängte ihn telepathisch zum Abfahren.
Zwei Typen mit Sonnenbrillen tauchten am Bussteig auf. Einer glotzte zu mir rein. Direkt und unverblümt.
Gänsehaut überzog meinen Rücken, meine Knie zitterten.
Als sie bemerkten, dass ich sie bemerkt hatte, grinste der große Kräftige mich an. Ein Grinsen, dass nur in einem Mundwinkel zu sehen war. Es erinnerte mich an Jens Dierksen, unseren Nachbarn aus Kindertagen. Der hatte diese Miene drauf, wenn er sich mit dem Beil dem Hühnerstall näherte.
Der Kräftige stieß den anderen an und wies mit dem Kinn zu mir rüber. Der Andere kopierte das Grinsen fast perfekt, dann griff er in die Tasche, holte ein Handy raus und quasselte.
Hilflos musste ich zusehen, wie sie einstiegen. Grinsend gingen sie an mir vorbei. Am liebsten hätte ich mich in mich selbst zurückgezogen und wäre unsichtbar geworden. Ich fühlte mich unendlich schwach, in meinen Gliedern steckte der Schreck bleischwer. Ich konnte mich nicht rühren.
Nach ein paar Minuten dämmerte mir, es war besser, wenn ich nicht raus rannte. Dort im Bus konnten die mir nichts tun, es gab zu viele Zeugen. Aber wehe wenn ich ausstieg, bestimmt folgten die sofort. Unwahrscheinlich, dass ich sie dann noch abschütteln konnte.
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