Sie stellte mir Fragen zu den Geburtsdaten, Wohnort, Vorerkrankungen und Ähnlichem. Meine Angaben tippte sie in einen Rechner.
Schließlich druckte sie mir eine Rechnung aus und fragte, ob ich das Geld dabei hatte.
Ich musste mich ziemlich entblößen, um da ranzukommen. Also fragte ich nach einer Toilette und ließ mir zeigen, wo ich hingehen musste.
Das gab mir die Gelegenheit noch mal das Bündel Banknoten in der Hand zu wiegen. Aber ein Rückzieher hätte keinen Sinn mehr gemacht, nachdem ich für das Ticket schon viel ausgespuckt hatte.
Tania Sotelo schloss das Geld in einen kleinen Tresor unter dem Schreibtisch ein und reichte mir die Quittung.
Ich unterschrieb eine mehrseitige Erklärung, in der ich alle Verantwortung für die Behandlung auf mich nahm und mit Filmaufnahmen und Untersuchungen fremder Ärzte zu Lehrzwecken einverstanden war. Dann erläuterte sie mir den Ablauf.
»Nicole wird Sie gleich holen und Ihnen Blut abnehmen. Danach können Sie ihr Zimmer beziehen und zu Abend essen. Haben Sie jetzt schon Hunger? Abendessen wird um sieben serviert. Morgen früh um neun möchten Sie dann Dr. Cavalcani und Dr. Andrade sehen und die OP besprechen. Allerdings werden wir wohl morgen noch nicht operieren können, die Zeit ist zu kurz um alles vorbereiten zu können.«
»Frau Sotelo, ist Cristina Ribeiro schon hier? Hat sie Ihnen gesagt, dass wir uns ein Zimmer teilen wollen? Ist das möglich? Wie geht es ihr? Ist sie schon operiert?«
Tania Sotelos muntere Fröhlichkeit war schlagartig wie weggeblasen.
»Oh, daran dachte ich nicht mehr. Bitte, es tut mir schrecklich leid. Wir wissen noch nicht genau, was passiert ist. Cristina ist während der OP verstorben. Es tut mir sehr leid.«
Ihre Lippen zitterten ein wenig und ihr Blick ging durch mich durch.
»Tot? Aber …, warum …?
Ich stotterte und spürte, wie mir die Angst in den Leib fuhr.
Cristina tot? Die immer fröhlich lachende, beneidenswert schöne Cristina tot? Mir blieb die Luft weg.
»Frau Sotelo, warum, was ist passiert?«
»Bitte, Sie müssen mich Tania nennen. Wir wissen es noch nicht, die Untersuchungen laufen. Wir vermuten Drogen. Der Kreislauf und das Herz. Es tut mir so Leid. Cristina war so optimistisch, sie hat sich so auf ihr neues Leben gefreut. Wir sind alle sehr erschüttert. Kennen Sie die Familie, Nel? Hat sie überhaupt Angehörige?«
»Sie …, sie ist mit Jason verheiratet …«
Ich konnte nicht reden, nur hilflos den Kopf schütteln.
»Wer ist das, Jason? Wie können wir ihn erreichen?«
»In Berlin …«
Tania Sotelo zog kurz die Augenbrauen zusammen.
»Sie kennen ihn? Ist sie etwa mit einem Deutschen verheiratet?«
»Ja, schon, aber …«
Ich konnte weder reden, noch einen klaren Gedanken fassen.
Tania Sotelo seufzte.
»Wir werden später darüber reden. Beruhigen Sie sich erst mal. Nicole wird sich um sie kümmern. Entschuldigen Sie mich, ich habe noch furchtbar viel zu tun.«
Sie telefonierte kurz.
Eine Krankenschwester, die sie mir als Nicole vorstellte, holte mich ab. Wie betäubt trottete ich hinter ihr her.
Wir fuhren ins Untergeschoss.
Dort führte sie mich einen breiten Flur entlang, der vor einer doppelflügeligen Tür mit der Aufschrift »Patologia« 1313endete. Eine Tür rechts davor führte in das Labor.
Nicole dirigierte mich auf einen Stuhl und holte dann ihre Utensilien hervor. Mir war flau, mein Kreislauf machte mir zu schaffen. Sie musterte mich besorgt.
»Okay? Möchten Sie was trinken?«
Ich ließ mir einen Becher Wasser geben, trank ein paar Schlucke und atmete ganz ruhig. Nicole wartete geduldig, bis ich soweit war. Sie lächelte mich aufmunternd an, bevor sie ihr blutiges Werk begann. Da konnte ich nur aus den Augenwinkeln hinschauen, aber sie machte das sehr routiniert, es war kaum was zu spüren. Nach einer Weile zog sie die Nadel raus und ließ mich ein Stück Mull in der Armbeuge einklemmen. Auf der Arbeitsfläche stand nun ein Ständer mit drei großen Röhrchen voll mit dunkelrotem Blut. Ich wusste, dass es meins war, bloß da nicht mehr.
Ich schaute zur Decke, schloss die Augen und wartete, dass es mir besser ging.
»Okay?«, fragte Nicole wieder.
Ich nickte und sagte: »Ich bin geschockt wegen Cristina.«
Dann verlor ich ein paar Tränen. Peinlich.
Sie sah mich mitfühlend an und fragte »Ihre Freundin?«
»Ja.«
Mehr mochte ich nicht erklären.
»Pobrezinha« 1414, sagte sie.
Mir war nicht klar, welche sie meinte. Mit einer Kopfbewegung zu einer schmalen Tür neben dem großen Kühlschrank in der Ecke sagte sie »Es tut mir sehr leid. Sie war so fröhlich und lebendig. Nun steckt sie da in drin, das ist schwer zu glauben …«
Sie schien kurz vorm Weinen. Ich nahm ihre Hand und hielt sie einen Moment, bis es uns beiden damit spürbar unbehaglich wurde.
Nicole brachte mich nach oben und zeigte mir die cantina . Es war ein gemütlicher Raum mit etwa dreißig Stühlen und blütenweißen Tischdecken. An einem Platz wartete ein großer Teller mit belegten Broten, eine Kanne Kaffee, Zucker, Milch sowie Fruchtsaft und Wasser in Karaffen. Es gab sogar eine Serviette.
Aufseufzend sank ich davor auf den Stuhl. Ich fragte mich, ob ich das, was ich hier vorhatte, nicht besser lassen sollte.
Hensel beim Mästen, so kam mir das vor.
Die Uhr an der Stirnwand zeigte mir, dass ich mich ums mailen mit Jason kümmern sollte.
Ich ging zum Tresen und fragte nach einem Internetcafé. Vargas telefonierte mit Tania Sotelo. Eine Minute später stand sie vor mir und ich trug ihr meine Bitte vor.
»Oh«, erwiderte sie, »das ist kein Problem. Wir haben im Salon einen Computer für unsere Gäste bereit. Geht es Ihnen besser? Schön. Dann möchte ich Ihnen zuerst Ihr Zimmer zeigen. Senhor Vargas hat Ihren Rucksack schon hinauf gebracht.«
Ein paar Minuten später saß ich vor einem Monitor in einem Nebenraum der Kantine. Er war mit Polstermöbeln, Büchern, und Fernseher vollgestopft.
Während sich Windows aufbaute, zappelte ich hin und her. Halb sechs durch, höchste Zeit. Minuten später war ich auf meiner Mailseite bei Genderguide. 1515
@Jason:
»cristina ist tot. sie sei bei der op gestorben wegen drogen. irgendwas mit herz und kreislauf. Ich kann das einfach nicht glauben. was soll ich machen?«
@Nel:
»Cristina tot? Bin völlig geschockt. Drogen kann nicht sein. So ein Quatsch. Dazu war sie viel zu sparsam. Sie hat die Familie unterstützt, obwohl die nichts von ihr wissen wollten. Bist du sicher mit den Drogen?«
@Jason:
»scheisse, wenn ich nicht sicher waere wuerde ichs nicht mailen. englisch genug kann ich. die sekretaerin sagt, sie vermuten also wissen sies nicht genau. oder sie luegen. was soll ich jetzt machen? vielleicht verhunzen die mich auch. danuta und julie haben erzählt, dass es hier kliniken gibt, die leute abnippeln lassen, um an die organe zu kommen. haben sie im tv gesehen. und von dem film haben die erzählt, turistas, ist auch son ekliger kram. wuerde auch den guenstigen preis hier erklaeren.«
@Nel:
»Die Transformtanten haben einen Haufen Scheiß erzählt. Manchmal sterben Leute in der Narkose, kommt vor. Wir wissen nichts. Du hast eine logische Erklärung für den billigen Preis. Gibt es irgendwelche Anzeichen, dass es dort nicht mit rechten Dingen zugeht? Kannst du was rausfinden? Wenn du lieber gehen willst, machs. Dann vier Wochen Copacabana, sich die Sonne aufn Wanst knallen lassen! Könnte mir auch gefallen. Dann kommst du aber mit schniepel wieder. Wann wärst du dran?«
@Jason:
»weiss nicht. uebermorgen wahrscheinlich. hast du keinen vorschlag was ich tun soll? ich weiss es echt nicht. oh scheisse. weisst du, wo cristinas familie steckt?«
@Nel:
»Die sind irgendwo in Sao Paulo. Früher hat sie im Amorosa Louca angeschafft. Rua Bandeirantes (hoffentlich richtig geschrieben), das ist irgendwo in der Nähe vom Flughafen. Vielleicht wissen die was. Ich rufe morgen in der Deutschen Vertretung in Sao Paulo an, schließlich bin ich der Ehemann.
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