Hatte ich wirklich die gleiche Figur wie mein Vater? Dann wäre die OP Geldverschwendung. Über diesen Gedanken döste ich doch tatsächlich ein.
3
Die Unruhe im Flieger weckte mich. Horden strebten zu den Bordtoiletten und bildeten dort hampelige Schlangen. Ich musste auch mal dahin, mein Kinn war kratzig, unter meiner Perücke juckte es und ich wäre gerne einen Moment alleine gewesen. Es hatte wenig Sinn sich anzustellen, also schaltete ich den Bildschirm ein und sah nach, wo wir waren. Halb sechs, nur noch zwei Stunden. Ich überlegte, wo ich das Geld sicher verstauen sollte. Schließlich hatte ich sechseinhalbtausend Euro dabei, das meiste davon in Dollar für die Klinik.
Ich hatte cash dabei, weil es Swift gab. Mit dieser fiesen Einrichtung wurde jeder Geldtransfer aktenkundig und ich konnte wetten, dass deutsche Behörden darauf zugreifen. Immerhin vegetierte ich von Hartz 4 und die kontrollierten bekanntlich alles. Deswegen lagerte ich den Schotter auch nicht auf der Bank. So bescheuert war ich nicht.
Am besten sollte ich die Scheine am Körper verteilen, nicht alles an eine Stelle, dachte ich.
Die Schlange auf meiner Seite war viel kürzer geworden, ich schnellte hoch und schloss mich an. Direkt vor mir stand ein älterer Typ. Während ich die Haare betrachtete, die aus seinem Hemdkragen rausquollen, stellte ich mir unwillkürlich vor, wie er sich vor die Schüssel postieren würde und den Rand bepinkelte, weil seine Prostata nur noch Getröpfel zuließ. Wenn ich nicht so dringend gemusst hätte, wäre ich woanders hingegangen.
»Gut geschlafen?« Gerlinde erschreckte mich. Sie drängte sich dicht hinter mich. »Ich wollt Sie noch mal was fragen: Wie machen Sie …«
Endlich kam der ältere Typ raus, mit nassen Händen und zwei offenen Knöpfen am Hosenstall.
»Gehen Sie doch vor, ich habs nicht eilig«, sagte ich zu Gerlinde und schob sie an mir vorbei. Sie war irritiert, aber folgsam. Während sie die Tür schloss, hastete ich in den anderen Gang und stellte mich dort an, wo sie mich nicht sehen konnte.
Als ich zurückkam, wurde Frühstück serviert. Meine Stewardess erschien wie aus dem Ei gepellt, keine Spur von einer langen Schicht. Leider war ich nervös und fand keine Stelle, an der ich die Baggerschaufel ansetzen konnte. Meine Unruhe wollte ich dann mit Kaffee begießen, aber sie hielt einfach nicht still.
»Das ist ja interessant.« Gerlinde wedelte mit einer Illustrierten zu mir herüber. »Hier steht was über diese Hochspringerin, die ein Mann sein will. Die sagt, von den Hormonen denkt sie wie ein Mann. Ist das bei Ihnen auch so?Wollen Sie mal lesen?«
Ich nahm die Illustrierte und tat so, als ob ich das las. Vielleicht hatte sie soviel Einfühlungsvermögen, dass sie mich dabei nicht störte.
»Wo der Busen war, sieht man aber noch«, sagte Udo und tippte auf das Foto. »Da sind die Narben.«
Zum Glück schlossen die Flugbegleiterinnen wenig später die Gepäckfächer und scheuchten alle auf die Sitze. Wir sollten uns anschnallen, der Abstieg begann. Kurz danach setzten wir auf dem Rollfeld auf. Blitzschnell schnappte ich mein Zeug und ging stiften.
»Machense et joot«, rief Udo hinter mir her.
Ich konnte nicht sagen, ob mir warm oder kalt war. Der Himmel zeigte sich grau und verhangen, Frühling in São Paulo.
Vor der Passkontrolle stauten sich die Massen. Nur langsam bewegte sich die Schlange durch den Irrgarten der Absperrungen.
Irgendwann drängelte ich mich dann doch an die Transportbänder und wartete auf meinen Rucksack. Das hatte was von Lotterie, es liefen drei Bänder, auf den das Gepäck kreiselte und nur eins konnte ich im Auge behalten.
Endlich erreichte ich die Ankunftshalle. Auf der Suche nach einem Hinweis für die Busstation fand ich eine Wechselstube und tauschte alles, was ich nicht für die Klinik brauchte, in Reais 77. Das war ein ganzer Haufen lappige Scheine. Den Packen verstaute ich erst im Rausgehen. Ein arge Unvorsichtigkeit. Das wurde mir sofort klar, deshalb prägte ich mir ein, wer mich beobachtet haben könnte. Dann schlenderte ich wieder durch die Halle mit ihren braunen Fliesen, ockerfarbenen Anstrichen und diesem ganzen Siebzigerjahre-Charme.
Vor ein paar Schaukästen mit indigenem Kunsthandwerksgelumpe blieb ich stehen und schaute mich nach jemandem um, den ich nach dem Weg zum Bus fragen könnte. Ein jüngerer, pickliger Typ in Jeansjacke tauchte neben mir auf und fragte »Hi, do you have dollars? Ich brauche zehn, ich kann wechseln.«
Er war einen halben Kopf kleiner als ich. Ich ließ mich trotzdem auf nichts ein.
»Meinst du wirklich, dass ich so bescheuert aussehe und dein blöder Trick funktioniert? Allein dafür sollte ich dir in die Eier treten.«
Er grinste unsicher. Kein Wunder, ich hatte Deutsch gesprochen. Ich wechselte ins Englische.
»Nein, ich habe nur Traveler Checks, nichts Bares.«
Er stutzte und überlegte. Es schien so, als wollte er noch was sagen, wusste aber nicht was. Zögernd wandte er sich ab. Er schlenderte direkt hinaus. Langsam folgte ich ihm. Ich war gespannt, ob der andere Typ, der zuvor die Halle betreten hatte und in einen der Schaukästen starrte, mir folgte.
Auf dem breiten Gehweg unter dem überkragenden Betondach standen kreuz und quer Gepäckwagen herum, dazwischen Leute. Taxen und Privatwagen wuselten davor. Über mir der diesige Himmel wie eine dreckige Fensterscheibe und es stank nach Abgasen. Die Luft war erfüllt vom Klappen der Türen und Kofferraumdeckel, dann und wann überlagert vom Dröhnen der Flugzeugtriebwerke.
Jeansjäckchen war irgendwo im Gewimmel verschwunden. Der Schaukastengucker folgte mir, blieb stehen und steckte sich eine Kippe in den Schnabel. Aus den Augenwinkeln betrachtete ich ihn. Er war hemdsärmelig und stand gut im Futter. Wirkte eigentlich ganz harmlos. Dann steuerte er mich an. Ich hastete sofort zum nächsten Taxi. Der Fahrer lud gerade ein paar Koffer und Taschen ein.
»Por favor, autobus a Barra Funda, donde?« 88
Er glotzte mich einen Moment an, als ob ich ihn getreten hätte, dann machte er eine unwirsche Armbewegung.
Ich drehte den Kopf in diese Richtung, aber der Hemdsärmlige war schon auf zwei Meter rangekommen. Ohne weitere Fragen zischte ich ab.
Da stand tatsächlich ein Bus, vielleicht hundert Meter entfernt. Mein Blick saugte sich an ihm fest und zog mich dort hin. Ich geriet ins Keuchen.
»Er ist dick und langsam«, sagte ich mir ein paar Mal vor und schaltete runter.
Beim Slalom um die Trolleys sah ich mich um. Niemand verfolgte mich. Ich seufzte erleichtert auf und begnügte mich mit Schneckentempo, schließlich war der Rucksack ganz schön schwer.
Vielleicht sollte ich ein wenig Portugiesisch lernen, mit dem bisschen Spanisch könnte ich ganz schön daneben liegen, dachte ich.
Ich stieg vorne zum Fahrer ein, einem Schwarzen ohne Kopfhaare, dafür mit Ray-Ban-Sonnenbrille.
»Ticket donde?«
Er hob den Kopf von seiner Illustrierten und sagte »Biljeetschiaki« 99, wobei er mit dem Zeigefinger aufs Lenkrad tippte.
»A Barra Funda?«
Er nickte.
»Quanto?« 1010Er sagte was Unverständliches. Dann grinste er, holte einen Fahrschein aus seiner Mappe und zeigte ihn mir. Ich zählte ihm umständlich das fremde Geld ab, nahm das Ticket und suchte mir einen Platz.
Die Sitze erwiesen sich abgeschabt und fleckig, aber die Kiste musste früher ziemlich komfortabel gewesen sein, das konnte man noch erahnen.
Etwa zehn Minuten später war der Bus leidlich voll und es ging los. Wir umkurvten einen gigantischen Parkplatz, dann bogen wir in eine Zufahrt auf eine vielspurige Schnellstraße. Ab da war nur noch Schritttempo möglich. Massen von Lastwagen stießen dröhnend schwarze Wolken aus. Der Verkehr wurde immer dichter. Mit lautem Gehupe zwängten sich kleine Motorräder zwischen den Schlangen durch. Beim ersten Mal zuckte ich vom Fenster zurück, weil direkt unter mir ein behelmter Schädel vorbei sauste. Unwillkürlich rückte ich weg und wartete auf einen Aufprall.
Читать дальше