Ein paar von denen hefteten ihre Stielaugen auf mich. Ich wackelte ein bisschen mit dem Arsch, dann drehte ich mich um.
»Maul zu, der Sabber läuft raus.«
Natürlich hatte das den gegenteiligen Effekt. Ich verkrümelte mich, bevor die Pfütze zu groß wurde.
Draußen holte mich Sabrina ein.
»Wenn die uns den Raum wegnehmen, bist du schuld. Das war doch jetzt völlig unnötig.«
»Ich habe einfach die Schnauze voll davon so bescheuert angestiert zu werden. Du kannst ja wieder reingehen und brav Pfötchen geben.«
Sabrina holte tief Luft, aber Julie zog sie am Ärmel.
»Ich habe noch mal überlegt, ob ich nicht lieber doch so schreiben …«
Ich hakte mich schnell bei Jason ein. Wir schlenderten ein paar Schritte die Kopenhagener entlang, natürlich immer mit Hundescheißesonar auf voller Leistung. Die Stadt sparte am Licht.
Jason stoppte. Ich blendete noch mal voll auf, ob ich was übersehen hatte. »Na, war bei dir mal wieder Rotverschiebung angesagt?«, fragte er. So bezeichnete Jason meine unkontrollierten Wutanfälle, es war ein Begriff aus der Astronomie. Rotverschiebung oder Redshift, bei mir blitzartiges Anschwellen von negativer Schwingung.
»Was soll ich machen? Die nerven alle ohne Ende.«
»Kommst du mit ins Kings&Queens? Wird gut für deine Laune sein. Ich bin verabredet. Nick hat gesagt, ich soll dich mitbringen«, erwiderte er.
Das war eine heftige Versuchung für mich. Dann spürte ich aber, dass ich nicht die Kraft aufbrachte, ihr nachzugeben.
»Ach Jason, du weißt doch wies läuft. Ich saufe Schampus bis ich rausgekehrt werde und versuche in jeden Ausschnitt zu krabbeln, der mir zu nahe kommt. Für die OP muss ich mein Sparschwein killen. Ich gehe besser nach Hause und suche nochmal nach billigen Flügen.«
Das war fast schon ein Zipfelchen Weisheit.
Jason schnallte es nicht. »Wenigstens passt Cristina auf dich auf. Wenn ich dich schon nicht davon abbringen kann.«
Manchmal ist er ne echte Nervensäge.
2
Ich schluckte und schluckte. Der Druck ließ nicht nach. Langsam musste die Kiste doch endlich oben sein. Soviel geschluckt hatte ich seit dem Folsom Europe 44im September nicht mehr. Da gings mir aber bedeutend besser.
Fliegen fand ich schon immer ätzend. Erstens machte ich mir ins Höschen vor Angst und zweitens hatte ich kein Sitzfleisch. Ich musste stets mit dem Leben vorläufig abgeschlossen haben, sonst hielt ich sicher nicht durch.
Es gab Seminare von den Fluggesellschaften zur Bekämpfung der Flugangst. Aber da war doch was faul, wenn Firmen extra Aufwand trieben, damit ihr Krempel verdaulich wurde.
Elf Stunden Rumhocken und Grübeln, das war Vorhölle. Mit Umsteigen in Amsterdam summierte es sich sogar auf fünfzehn Stunden. Zum Glück hatte die Passkontrolle keine Zicken gemacht, konnte sein, die gewöhnten sich langsam an Trans.
Zu Hause hatte ich alles geregelt. Jason versprach das Backoffice zu machen. Ab Ankunft in Sorocaba jeden Tag Mailkontakt zwischen halb sechs und sechs, es sei denn eine meldete sich ab. Direkt nach der OP konnte ich vom Mailen sicher nur träumen.
Jason dachte auch daran, dass halb sechs in Sorocaba im Winter halb neun in Berlin ist. Auf ihn konnte ich mich eigentlich immer verlassen. Er war Handelsklasse A. Wenn ich hetero gewesen wäre. Und Jason nicht schwul.
Er hatte Cristina geheiratet und ihr den Aufenthalt legalisiert, damit sie zurückkommen konnte nach ihrem Besuch in der alten Heimat.
Die Hochzeit war mein persönlicher Höhepunkt des Sommers gewesen. Die Tante vom Standesamt verhaspelte sich dauernd.
»Und Sie Herr äh Fenner … äh FrauähHerr Ribeiro …«
Sie wusste auch nicht, welche wem den Ring anstecken sollte.
Mir tat die Seite weh vor unterdrücktem Lachen. Ich sah schon die MoPo-Schlagzeile vor mir.
VERKEHRTE WELT! TRANSVESTITEN BEI DER TRAUUNG!
So weit ist es schon gekommen: Jose Luis Ribeiro, 28, Transvestit aus Brasilien, der sich Cristina nennt und Jana Fenner, 31, Mannweib aus Schwerin, das sich Jason nennt, gaben sich auf dem Standesamt F'hain–Kreuzberg das Jawort.
So etwas habe ich noch nicht erlebt, sagte die Standesbeamtin Frauke B., 43 …
Mein Sitznachbar kickte mich ständig mit Ellenbogen und Schulter an. Er war der breitbeinige Teil eines Heteroehepaars neben mir. Ich fragte mich, ob er Anschluss suchte oder nur um die Armlehne kämpfen wollte. Beim Einsteigen hatten sie mich neugierig gemustert. Jedes Mal, wenn ich nach rechts blickte, ertappte ich sie, wie sie mich beobachteten.
Sie waren im sogenannten besten Alter. Ihn hinderte das nicht am Zappen nach Cartoons.
Ab und zu rempelte mich die Flugbegleiterin mit dem Serviercontainer an. Während ich ihre bestrumpften Waden anhimmelte, vergaß ich für Momente wo ich war. Ich hatte Lust ihr ein Bein zu stellen. Vielleicht hätte ich unter ihren Rock linsen können, wenn sie strauchelte.
Sie musste es gespürt haben, denn als sie wieder vorbei kam, platzierte sie den Container so, dass ich höchstens gegen das Blech treten konnte. Sie fragte, was ich zum Essen trinken wollte. Dabei kräuselte sie die Nasenflügel. Ein schmales Gesicht mit breitem Mund und vollen Lippen, fast schon ein wenig herb.
Ich orderte einen Rotwein und ein Mineralwasser. Beides wurde in einer Art Zahnputzbecher serviert. Der Fingerkontakt klappte nicht.
Zum Abräumen kam schließlich eine andere.
Mein Nachbar zappte immer noch. Bugs Bunny schob sich eine Riesenmöhre rein.
»Darf ich Sie mal was fragen?«
Ich zuckte zusammen. Mein Nachbar trank Bier, das verlieh ihm offenbar Mut.
»Nein.«
Es half nicht. Seine Frau lachte und sagte: »Na Udo, hast du kein Glück?«
Er lachte ebenfalls und setzte nach. »Meine Frau und ich, also wir haben uns gefragt … Also ich bin der Udo und das ist Gerlinde, meine Frau. Wir sind aus Köln.«
Ich merkte schon, dass er nicht locker lassen würde.
»Wenns sein muss, fragen Sie schon.«
»Ach, eigentlich nur … ob Sie schon mal im Fernsehen waren. Gerlinde meint, sie hätte Sie schon mal …«
»Nein.«
Da griff Gerlinde ein. Sie streckte ihre Hand aus.
»Wie war noch mal ihr Name?«
»Nel.« Die Hand übersah ich einfach.
»Aha. Angenehm. Als wir eingestiegen sind, sagt mein Mann, willst du dich neben die Frau setzen? Und ich sag zu Udo, das ist doch ein Mann. Und dann haben wir gewettet. Ich hab doch Recht nicht wahr? Mein Mann guckt nicht so genau hin.«
Eigentlich hatte ich nur Angst vor Abstürzen oder Bomben gehabt. Doch es gab andere Arten von Terrorismus.
»Wahrscheinlich hat ihr Mann auf meinen Busen gestiert.«
Damit beeindruckte ich Gerlinde nicht.
»Ja, das macht der dauernd. Ich sag immer, Udo, das gehört sich nicht, aber er ist halt ein Mann. Der kann nicht anders. Aber er meints nicht böse. Nicht wahr, Udo?«
Udo trank einen großen Schluck. »Siehst du? Ich hab Recht«, sagte er dann zu seiner Frau.
»Aber Ihre Stimme«, sagte Gerlinde zu mir, »und Ihre Hände. Und wenn ich die Augen zumache und Sie reden …«
»Genau«, meinte Udo, »wie Lilo Wanders. Die kennen Sie doch, die von Wa(h)re Liebe.« 55
Da wollten sie also hin. Womit hatte ich das verdient?
»Uns stört das ja gar nicht«, sagte Udo.
»Wir fahren ja öfter mal nach Thailand«, sagte Gerlinde, »da haben wir mal eine Show gesehen. Zuerst wussten wir nicht, das das Transvestiten sind. Erst als die sich ausgezogen haben. Naja, und natürlich die Stimmen.«
»Und die sind ganz nah rangekommen und haben uns alles gezeigt«, sagte Udo, »und dann haben sie sich gegenseitig …«
Aus Bugs Bunny hing inzwischen nur noch der grüne Püschel raus.
»Na, das hätte ich nicht unbedingt sehen müssen«, sagte Gerlinde, »aber wir sind ja aus Köln und da ist jedes Jahr die Parade und da gehen wir gerne hin, nicht wahr, Udo?«
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