Ria Klug - Rotverschiebung

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Der vier Bände umfassende Gesamtausgabe «Rotverschiebung» beginnt in Brasilien, wo die Transfrau Nel Arta auf kriminelle Machenschaften stößt, während sie sich in einer Anpassungs-OP unterziehen wollte. Ein deutscher Honorarkonsul ist darin verstrickt.
Mehr als einmal kann sie nur knapp ihrem Kopf aus der Schlinge ziehen.
Zurück in Deutschland kann sie ihre Verstrickungen nicht loswerden und gerät immer wieder in Konflikt mit der Polizei. Sie muss lernen ihren Jähzorn zu zügeln, Konflikte zu vermeiden und zu vertrauen, was ihr sehr schwer fällt.
Im vierten Band sorgt sie in ihrem Heimatort für erheblichen Aufruhr, findet aber auch eine lange vermisste Nähe zu ihrer Mutter wieder.
Im flammenden Finale geht es für sie ums Ganze.
Die Bände «Kleine Betriebsstörung», «Schnicksenpogo» und «Popelige Mauscheleien» sind vor Jahren schon im Print erschienen. In dieser Gesamtausgabe sind sie gründlich überarbeitet und um den vierten, bislang unveröffentlichten Band «Nachts Zündeln», ergänzt worden.

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Ich blickte zu den anderen rüber, die sich um Sabrina und Julie klumpten und die Köpfe zusammensteckten. Ein richtiger Haarauflauf, in allen Schattierungen. Einiges davon Horn, anderes Kunststoff. Von denen hatten das schon einige hinter sich und hockten trotzdem hier, um ihre Weisheiten zum Besten zu geben. Wieder mal fühlte ich mich fremd und fragte mich, ob die OP daran etwas ändern könnte.

Von Ärzten und Krankenhäusern bekam ich Panik. Mein ganzes Geld würde für die Aktion draufgehen. Vielleicht machten die mich dafür zum Krüppel. Ein Sozialfall war ich schon.

»Angst?« fragte Jason.

»Nö«, sagte ich, »oder vielleicht ein bisschen. Was willst du eigentlich? Du hast dir auch die Möpse absäbeln und die Quarktasche leermachen lassen.«

»Aber hier und nicht sonstwo. Casa da Beleza heißt der Laden. Ich habs nachgeschlagen. Das heißt Haus der Schönheit. Klingt nach Seifenoper«, sagte Jason.

Amanda-Chantal und Ronja kamen zu uns rüber. Sie schienen mit ihrem Getratsche und Geschmiere fertig zu sein, aber die Neugier lebte noch.

»Am Siebten flieg ich nach Brasilien und lass mich operieren«, sagte ich, als ich merkte, dass sie sich nicht abwimmeln ließen.

»Oktober?«, fragte Ronja.

Gott, die war ja fast so bescheuert wie Sabrinalatrina. Sah so aus, als fing auch bei ihr das Transen an, indem das Hirn auf die Hälfte eingedampft und mit rosa Watte aufgefüllt würde. Damit nicht so viel Gewicht auf die Stilettos drückte. Ich hatte mich sowieso schon gefragt, warum eine mit so einer Möbelpackerfigur sich so einen Mädchennamen aussuchte.

»Das war vor zwei Wochen, Herzchen, liest du denn wirklich nie Zeitung?« Ich seufzte.

»Ist das nicht gefährlich?« Amanda-Chantal kräuselte die Oberlippe, soweit es die Lippenstiftbeschichtung zuließ. Ihr gab ich auch noch einen mit.

»Zeitung lesen?«

»Nein, die OP 22in Brasilien natürlich.«

»Für euch ist doch alles gefährlich, was nicht mit Schminken und Klamotten zu tun hat.«

Amanda-Chantal wirkte eher besorgt als sauer. »Warum bist du in letzter Zeit so aggressiv? Mit dir ist ja kaum noch zu reden.«

»Bestimmt vergisst Nel dauernd die Hormone.«

Das sagte Sabrina, die sich ein neues Betätigungsfeld suchte. Mir blieb an dem Abend einfach nichts erspart. Dann fingen sie alle an zu quasseln, jede wusste natürlich was.

»… hab ich neulich gelesen über so eine Klinik in … glaube Costa Rica oder wo … so ein Pfusch, aber ganz billig … Straßenräuber … im Flughafen das ganze Geld weg … Hygienestandards einfach schlechter …«

Ich schaltete ab, nur ein paar Fetzen nahm ich sozusagen vegetativ wahr.

Auf einmal würde es ganz still. Alle gafften mich an. Ich suchte nach dem Echo der Frage.

»Ist doch kein Geheimnis, oder? Ich möchte schon gerne mal wissen, was das kostet.«

Ronja hatte sich offenbar ganz gut erholt.

Ich sah mich um und fühlte mich zurAuskunft genötigt.

»Viertausendfünfhundert …«

»Etwa Euro? Oder das brasilianische, wie heißt das noch …?«

»Dollar, Schätzchen. Cash Kralle.«

Für einen Moment blieben die Mäuler offen stehen, ungläubige Mienen, rundum. Ich wollte gerne über was anderes reden. Natürlich keine Chance.

»Bist du sicher? Das gibts doch nicht, das ist doch viel zu billig. Selbst in Thailand zahlst du mindestens zehntausend Euro. Viertausendfünfhundert, da stimmt doch was nicht. Warum lässt du es nicht hier machen?«

»Meinst du ich habe Lust in der Charité aufm Klo zu vergammeln?«

»Du übertreibst. Nel, überleg doch mal, Viertausendfünfhundert, das kann doch nur Metzgerei sein. Du bist verrückt.«

Sabrina trug die geballten Bedenken vor. Dahinter schnatterten die anderen durcheinander.

»Das sind ja in Euro … was für ein Zimmer … wie lange … aber der Flug noch … aber in Thailand … hör mir auf mit Thailand … würd ich nie … die Kasse … hör bloß auf mit der Kasse.«

»Ich hab da neulich son Bericht im Fernsehen gesehen, wie die in Brasilien Leute entführen und Nieren oder so klauen, manchmal Kinder, die verschwinden …« Julie hing eindeutig zu viel vor der Glotze.

Ronja fiel ihr ins Wort. »Ja, das hab ich auch gesehen, gruselig, da machen ganz renommierte Ärzte und Kliniken mit.«

»Habt ihr turistas gesehen?«, fragte Amanda-Chantal. »Der lief doch neulich in der Brauerei. Da wird in Brasilien sone Gruppe Rucksacktouristen erst ausgeraubt, dann schnappt sie son Menschenhändler und sperrt sie ein, wie so Stalltiere. Der will die Organe verkaufen. Ey, das war voll eklig.«

Ich wollte das nicht ernst nehmen. Davon habe ich auch gelesen. Beim googeln nach Brasilien fand sich ja praktisch nichts anderes als Korruption und Gewaltverbrechen. Und uns gruselte es ja gerne, wenn wir etwas über fremde Länder hörten. Dann konnten wir uns in der Sessel kuscheln und denken, ach haben wirs in Deutschland gut. Aber turistas war doch nur ein scheißverdammter Film, oder?

Dass an den billigen Preis Bedingungen geknüpft waren, verriet ich nicht. Ich hatte keine Lust, darüber auch noch zu diskutieren.

Cristina hatte mir diese Gelegenheit vermittelt. Sie wollte sich auch dort operieren lassen. Wir würden uns ein Zimmer teilen. Die brasilianische Klinik bildete Ärzte in den gängigen OP–Methoden aus, weil sich ab zweitausendzehn transsexuelle Brasilianerinnen auf Kosten der Gesundheitsfürsorge operieren lassen könnten.

Natürlich erst nach dem ganzen Psychobrimborium, fast wie bei uns.

Die verbilligten OPs dienten als Lehrmaterial. Zuschauer würden dabei sein, dazu musste ich meine Einwilligung geben. Wenn ich genug Knete gehabt hätte, wäre mir das im Traum nicht eingefallen. Aber für umgerechnet achttausend Euro fing selbst ich an Kompromisse zu machen.

Eigentlich glaubte ich, die Mädels waren nur neidisch, weil ich eine Abkürzung nahm und dem sogenannten Transsexuellengesetz 33und der Krankenkasse eine Nase drehte. Das Geld dafür hatte ich noch von dem Anteil über, den mir meine Mama aus der Lebensversicherung meines Papas gegeben hatte. Wenn er geahnt hätte, was ich mit der Kohle machen würde, wäre er bestimmt am Leben geblieben, aus reinem Starrsinn.

Die Mädels übten sich immer noch im Rumunken, aber nur weil Jason ihnen den Gefallen tat und zuhörte. Da störte es nicht, dass ich den Wisch las, den Julie vom Medizinischen Dienst ihrer Krankenkasse bekommen hatte.

»Sehr geehrter Herr Tolksdorf … Sie haben beantragt, dass … Ihrem Wunsch können wir daher nicht entsprechen, solange die Gutachten …«

Vielleicht hätte ich Gutachterin werden sollen, dann hätte ich mich jedes Jahr zweimal operieren lassen können. Beim Begutachten würde das nicht stören, die Textbausteine lagen ja gemütlich auf dem Rechner. Ich müsste jedes Mal nur ein paar neue Namen und Daten eingeben. Solange die Hand die Maus bewegen konnte, würde das Geld niemals knapp werden.

Sabrinas Handy schmetterte die Ode an die Freude. Das passte wie Arsch auf Eimer. Gerettet, der Redeschwall versiegte.

Ich sah auf die Uhr. Wir konnten langsam nach Hause gehen, statt uns gegenseitig zu nerven.

Unser Treffpunkt war ein Nebenzimmer der Kultur- und Bildungsinitiative Kuhle Wampe. Insgesamt eine höchst linke Angelegenheit. Deren stinklangweilige Abendveranstaltung war vorbeit und wir konnten durch den Saal ins Freie.

Es standen noch mehrere Grüppchen herum, die sich noch nicht genug über die herrschenden Verhältnisse ausgekotzt hatten. Die sahen immer gleich aus: Kleine, dicke Frauen in Bequemschuhen, die Baskenmützen keck auf die burschikosen Frisuren geschoben, Männer mit Hängebäuchen in karierten Hemden und Bundfaltenjeans.

Klar, da gabs auch Jüngere dabei, die waren aber auf dem Weg genauso zu werden. Weltverbesserer eben.

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