Ria Klug - Rotverschiebung

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Der vier Bände umfassende Gesamtausgabe «Rotverschiebung» beginnt in Brasilien, wo die Transfrau Nel Arta auf kriminelle Machenschaften stößt, während sie sich in einer Anpassungs-OP unterziehen wollte. Ein deutscher Honorarkonsul ist darin verstrickt.
Mehr als einmal kann sie nur knapp ihrem Kopf aus der Schlinge ziehen.
Zurück in Deutschland kann sie ihre Verstrickungen nicht loswerden und gerät immer wieder in Konflikt mit der Polizei. Sie muss lernen ihren Jähzorn zu zügeln, Konflikte zu vermeiden und zu vertrauen, was ihr sehr schwer fällt.
Im vierten Band sorgt sie in ihrem Heimatort für erheblichen Aufruhr, findet aber auch eine lange vermisste Nähe zu ihrer Mutter wieder.
Im flammenden Finale geht es für sie ums Ganze.
Die Bände «Kleine Betriebsstörung», «Schnicksenpogo» und «Popelige Mauscheleien» sind vor Jahren schon im Print erschienen. In dieser Gesamtausgabe sind sie gründlich überarbeitet und um den vierten, bislang unveröffentlichten Band «Nachts Zündeln», ergänzt worden.

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»Ja«, sagte Udo, »soll jeder machen wie er will.«

»Ja«, fiel Gerlinde ein, »und da kann ich richtig neidisch werden, wie sich manche zurecht machen können. Zum Beispiel Mary und Gordy, also so was. Sie machen das gar nicht, oder?«

»Nein.«

»Aber dann würde sich niemand fragen, was Sie sind. Für ihre Eltern war dat sicher schwer?«

Einmal jammerte mir meine Mama vor »Wenn ich das gewusst hätt, dann hätt ich das doch nich zugelassen, du zu Fasching als Rotkäppchen. Aber ich konnts ja nicht wissen und der Vati hat sich nich drum gekümmert und das hab ich jetzt davon.«

Musste mich diese blöde Kuh daran erinnern? Leider war sie mit dem Ausgießen von Mitgefühl noch nicht fertig.

»Unsere Kinder, die sind ja schon groß, aber alle ganz normal. Aber wenn ich mir vorstelle …, das wär schon schwer.«

»Sind nicht alle so frei wie wir. Was sagen denn ihre Eltern dazu?«, fragte Udo.

Vor dem Abflug hatte ich meine Mutter angerufen. Das tat ich nur selten, denn vorher musste ich viel Kraft sammeln. Es kribbelte mich schon, wenn Mama in diesem Jammerton »Artmann« in den Hörer knödelte, gerade so, als erwartete sie, dass irgendein Nachbar ihr Vorhaltungen machen wollte, weil ihr Junge eine Tunte war.

Jedenfalls damals war es so, dass sie mir immer das Gefühl gab, ich tue ihr etwas an. Dass ich nach Brasilien gehen würde wegen der OP, kommentierte sie mit »Bin ich froh, dass Vati das nicht mehr erleben muss.«

»Die frage ich nicht danach …«

Gerlinde kroch fast über Udo drüber und senkte die Stimme.

»Mütter machen sich schon Gedanken, ob die Kinder glücklich sind. Ist für Sie bestimmt nicht einfach einen Freund zu finden, nicht wahr?«

»Ich bin Lesbe.«

Beide rissen die Augen auf. Udo fingt sich zuerst wieder. Er zwinkerte mir zu.

»Ich auch.«

»Udo, lass doch mal die dummen Witze«, sagte Gerlinde, »du machst ihn doch ganz verlegen.« Sie robbte noch näher an mich ran. »Das ist doch bestimmt nicht einfach, so mit dem Körper. Und Kinder können Sie ja auch nie kriegen. Sind Sie denn noch … Ich meine, haben Sie schon …, ist da schon alles weg?«

»Der Verstand ist noch da.«

Der Rest auch. Vielleicht sollte ich es lassen, dachte ich. Vor solchen Situationen würde mich die OP nicht schützen.

Aber war ist wie eine hässliche Warze im Dekolleté, tat nicht weh und verbarg sich unterm Pullover. Aber wenn ich eine abgeschleppt hatte und wir uns auszogen, dann wurde sie mir wieder bewusst und ich schämte mich, fühle mich ungepflegt und dachte, die musste da doch dauernd draufstarren.

Noch schlimmer war, dass sich manche Lesben regelrecht vor dem Gemächt fürchteten, da half auch alles umdeuten nicht. Eine beschissene Ausgangslage, wenn man auf der Suche nach Sex und Liebe war und dafür eigentlich nur Lesben in Frage kamen. Dazu waberten dann stets die Grundsatzfragen ob hetero, schwul, lesbisch oder sonstwas durch die Hirne.

»Wollen Sie auch eins?«, fragte Udo. Gerlinde wedelte die Flugbegleiterin herbei und bestellte Bier. Dadurch ließen sie vorerst von mir ab. Aber zu spät.

Ich musste an Sabrinas Frage denken, warum ich wegen der OP nach Brasilien fliegen wollte. Das könnte ich auch in Deutschland haben. Das stimmte schon, es würde auch nichts kosten, aber dafür musste es bei der Krankenkasse beantragt werden. Die wollte dafür Gutachten sehen, welche bestätigten, dass dieser Wunsch nicht wegtherapiert werden konnte. Die Gutachter waren Psychologen und die wollten einen Praxistest haben. Dafür hätte ich so rumlaufen und mit Fistelstimme Unsinn reden müssen wie Sabrina.

Einen Transweglebenslauf wollten die sehen. Mit dusseligen Fragen wollten die prüfen, ob mir das Frausein überhaupt zustünde und ob ich das richtig könnte. Aber nicht mit mir, auf so was hättte ich kotzen können.

Ehrlich, ich hatte es probiert. Ich hätte vielleicht den Gutachter nicht fragen sollen, wie er an sein Diplom gekommen war, das an der Wand hing. Aber ich wusste doch genau wie leicht es war, sich irgendeinen Wisch zu besorgen. Da brauchte er nur Beziehungen zu haben und schwupps, hatte er ein Diplom und ne Couch und bohrte sich in der Nase, wenn eine da lag und ihm was vorheulte.

Auf den Transweglebenslauf hätte er sich anschließend noch einen runtergeholt. Die sollten sich den Finger ins eigene Arschloch stecken, das war meine Haltung dazu.

Der Heini hatte mich rausgeschmissen und bei der Kasse verpetzt. Bei meiner Sachbearbeiterin musste ich dann antichambrieren. Die hatte mir klipp und klar gesagt, dass ich vor Allem nen Irrenarzt brauchte und keine OP, zumindest solange sie den Fall bearbeiten würde und sie sei ja noch jung und habe nicht vor den Job zu wechseln.

Garantiert hatte die am meisten gestört, dass ich keine Schleimspur auf ihrem Teppich hinterlassen hatte.

Udo und Gerlinde diskutierten über die Qualität des Bieres im Vergleich zu Kölsch. Diese Gelegenheit nutzte ich. Außerdem hatte ich die schnuckelige Stewardess länger nicht mehr gesehen.

Ich entdeckte sie in der Bordküche. Mit müden Augen räumte sie an einem Container mit Softdrinks zur Selbstbedienung. Ich mixte mir was zurecht. Dabei ließ ich mir viel Zeit und beobachtete sie aus den Augenwinkeln.

Danach trank langsam, bis sich ein anderer Passagier näherte. Es war weder genug Platz, noch mochte ich Publikum bei meinen Bemühungen.

Fraglich, ob ich mich getraut hätte. Hinterher dachte ich meistens, ich hätte es getan, wenn noch Gelegenheit gewesen wäre.

Auf dem Sitz wickelte ich mich in den Lappen, der dort als Kuscheldecke bereit lag.

»Schon schlafen?«, fragte Udo. Er verbreitete eine Bierfahne.

»Ja, wenns geht.«

»Machen Sie denn auch mit bei der Parade? Aber Sie sind nicht aus Köln, was?«

»Udo, lass ihn mal in Ruhe. Du siehst doch, dass er schlafen will.« Zu mir sagte Gerlinde: »Mein Mann ist manchmal schrecklich.«

Ich drehte mich weg. Zum Kotzen, alle wollten nur helfen. Als ob das helfen würde. Außerdem wehte auch ihre Fahne. Bier im Flugzeug, einfach ekelhaft.

Das Nervpotenzial meiner Mutter war auch nicht kleiner.

Ich lud sie nicht zu mir nach Berlin ein. Sie würde den ganzen Tag in der Kittelschürze mit einem Wischlappen rumhampeln und auf mich einreden.

»Corni, bei dir muss aber mal sauber gemacht werden. Du hast ja gar keinen Kleiderschrank, ach, wenn die ganzen Sachen so offen hängen, das staubt doch so ein. Na, ich wasch dir das mal. Ich hab doch noch den Kleiderschrank von Onkel Fritz und Tante Elfi. Der ist noch wie neu. Den kannste doch haben. Ich frag mal den Henner Albrecht, der fährt doch Spedition bei Wilkens, der kann dir den bestimmt mal mitbringen. Ich bezahl das auch, du hast ja kein Geld. Musst dann nur mal helfen hochtragen.«

Sie würde es nur gut meinen, aber nicht locker lassen.

»Ach Corni, was ist denn das? Ziehst du das wirklich an? Du gehst doch so nich raus, oder? Ach, bin ich froh, dass Vati das nicht mehr erleben muss, der würd sich zu Tode schämen. Du kannst doch auch maln schönes Hemd anziehn und nen Anzug, dann würdste auch wieder Arbeit kriegen. Vom Vati sind noch zwei schöne Anzüge da, die sind wie neu. Ihr habt doch die gleiche Figur. Die schick ich dir mal.«

Irgendwann würde sie schluchzen und sagen »Ich meins doch nur gut. Aber du bist ja unbelehrbar. Warste früher schon. Dass ich mir Sorgen mach, ist dir ja egal. Hauptsache, du hast deinen Willen. An uns denkst du ja nich. Überall heißts die arme Frau, mit dem Sohn, die hat schon Last. Wenn ich erst im Grab bin, dann tuts dir noch mal Leid, aber dann isses zu spät …«

Die fünfzig Euro, die sie mir beim Abschied geben würde, hätte ich schon am gleichen Abend versoffen. Dazu müsste ich sicher noch ein paar mal in den Quälgeist 66und mich ordentlich versohlen lassen.

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