Immerhin kamen die voran.
Langsam passierten wir ausgedehnte Industrieanlagen, dann Häuser, dann wieder Industrieanlagen.
Von links, wo vorher Gegenverkehr war, tauchte eine Art Fluss auf. Es war eine breite, jämmerliche Betonrinne, in der eine viskose Masse dahin zog. Auf ihrem Rücken trieb allerlei Unrat.
Zwischen Fahrbahn und Rinne gab es hinter Betonabsperrungen sogar einen Grünstreifen. Dort standen ein paar kümmerliche Stängel mit Blättern, aber vor allem lag dort der Müll, der in der Rinne keinen Platz mehr gefunen hatte.
Etliche mächtige Rohrleitungen führten hinüber, wo sich die Häuser türmten und der Gegenverkehr kroch. Sie waren alle vergittert und mit Stacheln bewehrt wie stählerne Raupen. Trotzdem waren sie über und über mit Graffiti bedeckt.
»Lula Presidente« konnte ich entziffern. Mir wurde schwindlig bei der Vorstellung, wie das da hin gekommen sein musste.
Endlich bemerkte ich, dass sich der Bus seinen Weg in eine Ausfahrt ertrotzte. Jenseits der Fahrbahn eröffnete sich ein Blick auf eine Reihe mehrstöckiger Bretterbuden, die sich an eine hohe Betonwand lehnten.
Schwer zu glauben, dass dort wirklich Menschen wohnten. Dort hing aber Wäsche und Kinder liefen herum.
Nach weiteren verwirrenden Wendungen bog der Bus in einen riesigen Busbahnhof ein.
Ich stieg aus und folgte der Menge in eine ausgedehnte, unübersichtliche Halle voller hastender Menschen.
An einem Fressstand versorgte ich mich. Damit postierte ich mich an einen Stehtisch, schluckte, kaute und sah mich um. Nach einer Weile erkannte ich, dass die Reihen verglaster Schalter den verschiedenen Busgesellschaften gehörten, die unterschiedliche Strecken bedienten.
Etwas später stand ich vor einem Schalter und erstotterte mir eine Karte nach Sorocaba. Die Angestellte erklärte mir geduldig die Angaben auf dem Fahrschein. Schließlich verstand ich, dass der Bus um halb zwölf vom Bussteig vierzehn losfahren würde und drei Stunden später in Sorocaba ankommen sollte.
Noch eine Stunde also.
Ich setzte mich in einen Wartebereich und beobachtete weiter. Ein Haufen Bedienstete, meistens Frauen, schoben Wägelchen mit Reinigungskrempel herum und verhinderten, dass Krümel, die Leute fallen ließen, auf dem Boden aufschlugen.
Ich holte den Sprachführer raus. Nach einer Weile dämmerte mir, warum die mich dort nicht verstanden. Die geforderte Aussprache klang verteufelt nach Reden mit vollem Mund.
Ich gab auf und suchte den Bussteig.
Der Bus wartete schon da. Ein uniformierter Fahrer stand wie ein Zerberus davor und kontrollierte die Fahrscheine. Mein Rucksack musste ins Gepäckfach.
Das Wageninnere war blitzsauber und gepflegt, die plüschigen Sitze luden zum Flegeln ein. Ich hatte einen Fensterplatz in einer freien Bank.
Schließlich schwang sich der Zerberus auf seinen Thron, startete den Motor an und die Tür zischten zu.
Danach wühlten wir uns wieder durch den Verkehr und erreichten allmählich die Außenbezirke.
Immer wieder stiegen Leute ein und aus, der Fahrer hielt auch, wenn man ihm zwischen den Haltestellen winkte.
Wir erreichten wieder eine Schnellstraße. Je weiter wir uns vom Zentrum entfernten, um so schneller ging es voran. Die Straße allerdings war ein Albtraum in Beton. Stellenweise war sie mit brutaler Gewalt durch Siedlungen getrieben worden. Überall abweisende, hohe Stützwände und Häuser, die sich mit letzter Kraft über den Steilhängen hielten. Ständig tauchten neue Elendsquartiere auf, die sich in unwirtlichen Ecken ausbreiteten. Ob es Slums oder Dörfer waren, konnte ich nicht unterscheiden. Oft sahen die Häuser aus, als wären sie aus einem Sack hingeschüttet worden. Stockwerke wurden begonnen, aber nicht beendet, manche schienen verlassen und verfallen. Verputzt war kaum eines. Allmählich tauchte mehr und mehr Grün entlang der Straße auf. Passend dazu zeigte sich die Sonne. Ich wurde schläfrig. Nicht lange und ich schlief ein.
4
Jemand wollte mir meinen Rucksack wegnehmen, den kleinen mit den Papieren und den wichtigen Sachen. Ich hielt ihn fest, aber der Dieb zog so kräftig, dass ich mitgezogen wurde. Dann ließ er los und ich fiel zurück, mein Kopf schlug gegen etwas Hartes. Das weckte mich.
Wir fuhren wieder in einem Stadtverkehr, der Bus kurvte durch eine Zufahrt auf einen breiten Boulevard, neben dem sich ein Fluss mit grünen Ufern erstreckte.
Noch ein paar Kurven, dann rollten wir in den Busbahnhof von Sorocaba.
Ich fragte mich durch zu den Stadtbussen und der passenden Linie. Mit meinem Gestotter und der miesen Aussprache war das alles andere als leicht.
Der richtige Bus kam und stoppte knirschend am Bussteig.
Nachdem die meisten Passagiere raus waren, konnte ich einsteigen und dem Fahrer erzählen, wohin ich wollte. Den Straßennamen verstand er, die Nummer musste ich aufschreiben.
»Ah, Casa da Beleza, sim«, sagte er dann und musterte mich eingehend. Meine Stimme oder meine Bartstoppeln, damit fiel ich immer auf.
»Ticket?« fragte ich ihn, damit er mit dem Glotzen aufhörte.
Er zeigte zum Busbahnhof rüber und sagte etwas. Als ich wieder aussteigen wollte, winkte er mich generös zu den Sitzen.
Wir fuhren durch die grün und gepflegt wirkende Stadt. Wohltuend, nach dem brüllenden São Paulo. Nach etwa einem Kilometer hielten wir und der Fahrer bedeutete mir, ich solle aussteigen.
Kurz danach stand ich alleine an der Straße.
Die Klinik erwies sich als flacher Neubau. Höchstens drei Stockwerke, zurückgesetzt, davor ein paar Parkplätze und Grün. Mit zaghaften Schritten bewegte ich mich auf die Eingangstüren zu, passend dazu schoben sich Wolken vor die Sonne.
Die gläsernen Türen mit der Aufschrift Clinica Casa da Beleza schlossen sich automatisch hinter mir und sperrten den Straßenlärm aus. Es war still und kühl, der Steinfußboden wirkte unglaublich sauber. Nach einer weiteren Flügeltür kam ich in ein Foyer mit Theke, flankiert von Palmenhainen in Kübeln. Die Wände waren da und dort mit Indiokitsch verhübscht.
Hinter der Theke residierte ein schmächtiger Typ in einem uniformähnlichen Sakko. Ein kleines Schild verriet mir, dass er mit Senhor Vargas anzureden wäre. Er nahm mich ins Visier.
»Boahtardschisenjorapoßoaschudah?« 1111
Verstand ich nicht, deshalb produzierte ich meinen ersten ganzen portugiesischer Satz:
»Você fala inglês?« 1212
Er nickte.
»Ich bin Nel Arta und habe einen OP-Termin.«
Er blätterte in einer Mappe. Dann nickte er wieder.
»Miss Arta, ja, ich rufe Senhora Sotelo.«
Während er telefonierte schaute ich mich um. Geradeaus ging es in einen Aufzug mit sehr breiter Tür. Daneben gab es eine Treppe. Nach beiden Seiten schlossen sich Flure an. Aus einem näherte sich eine junge, schlanke Blondine im Kostüm. Sie steuerte mit ausgestreckter Hand und fröhlichem Lächeln auf mich zu.
»Frau Arta, wie schön Sie zu sehen. Hatten Sie eine angenehme Reise?«
Ihr Englisch war ausgezeichnet, viel besser als meins.
»Ich bin Tania Sotelo. Bitte folgen Sie mir in mein Büro. Ihren Rucksack können Sie gerne bei Senhor Vargas lassen.«
Sie klackerte geschäftig vor mir her.
Sie bat mich Platz zu nehmen und schlug eine Mappe auf.
Geschäftsmäßig fuhr sie fort: »Ich benötige persönliche Angaben von Ihnen. Haben Sie die Bescheinigung über den Aidstest mitgebracht?«
Ich zog ein Blatt aus meinen Unterlagen und reichte es ihr.
»Hier ist auch das psychologische Gutachten. Ich habe beides übersetzen lassen.«
Das hatte mich vielleicht Nerven gekostet davon zertifizierte Übersetzungen ins Portugiesische zu bekommen. Die Dokumente anzufertigen war dagegen ein Klacks gewesen.
Sie überflog sie, nickte und legte sie in ihre Mappe. Immer wenn sie sich bewegte, klimperten viele Armreifen an ihren schlanken Handgelenken. Die Haare hatte sie am Hinterkopf zusammengesteckt. Überall, wo der Haaransatz sichtbar wurde, wuchs es dunkel nach.
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