Ria Klug - Rotverschiebung

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Der vier Bände umfassende Gesamtausgabe «Rotverschiebung» beginnt in Brasilien, wo die Transfrau Nel Arta auf kriminelle Machenschaften stößt, während sie sich in einer Anpassungs-OP unterziehen wollte. Ein deutscher Honorarkonsul ist darin verstrickt.
Mehr als einmal kann sie nur knapp ihrem Kopf aus der Schlinge ziehen.
Zurück in Deutschland kann sie ihre Verstrickungen nicht loswerden und gerät immer wieder in Konflikt mit der Polizei. Sie muss lernen ihren Jähzorn zu zügeln, Konflikte zu vermeiden und zu vertrauen, was ihr sehr schwer fällt.
Im vierten Band sorgt sie in ihrem Heimatort für erheblichen Aufruhr, findet aber auch eine lange vermisste Nähe zu ihrer Mutter wieder.
Im flammenden Finale geht es für sie ums Ganze.
Die Bände «Kleine Betriebsstörung», «Schnicksenpogo» und «Popelige Mauscheleien» sind vor Jahren schon im Print erschienen. In dieser Gesamtausgabe sind sie gründlich überarbeitet und um den vierten, bislang unveröffentlichten Band «Nachts Zündeln», ergänzt worden.

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Frank Maurer schalte ich nachher auch noch ein. Kann ich sonst noch etwas für dich tun? Pass bloß auf dich auf und sei vorsichtig. Ich möchte dich nicht auch noch verlieren.

Bei begründetem Verdacht mach dich dünne. Okay?«

@Jason:

»ja ist gut. ich hoere mich mal um. Melde mich morgen wieder. Bussi.«

Was, wenn sie wirklich Organe klauten? Erst die Blutuntersuchung, dann würden sie sehen, ob was passt und rufen nen reichen Sack an, der aufm letzten Loch pfeift und seine Säuferleber tauschen wollte. Der wurde fünfzehntausend Eier bieten und ich geh hops. Wenn eine Transfrau bei der OP abnibbelt, wen wurde es stören? Dass die Polizei, gar die deutsche, rumsuchte ob dort alles mit rechten Dingen zuging und Nel vielleicht einem Verbrechen zum Opfer fiel, brauchten die kaum zu befürchten. Die könnten hier ohne Risiko einen Haufen Schotter machen. So dachte ich mir das in einem sehr düsteren Moment.

An der Leiche müsste es eigentlich zu sehen sein, ob die was geklaut hatten. Dann würden sie dort rumgeschnippelt haben, wo es für die Transistion nicht nötig war.

Damit musste ich jetzt alleine zurecht kommen.

Seufzend loggte ich mich aus und fuhr den Rechner runter.

Die Tür zum Sekretariat stand einen winzigen Spalt offen, durch den ich Tania Sotelo reden hörte. Sie telefonierte, denn es war nur ihre Stimme zu hören, während sie hin und her lief. Unschlüssig blieb ich vor der Tür stehen, ich wollte sie nicht stören, aber dringend sprechen. Ohne es zu gewollt zu haben verstand ich, was sie sagte, denn sie redete Englisch.

» … das sieht alles sehr gut aus, wenn sie wollen, können Sie sofort kommen - Nein, es müsste bald sein, je früher desto besser - Da muss ich nochmal Dr. Cavalcani fragen - Morgen früh um acht müssten wir es dann schon wissen - Gut, ich sage Bescheid, damit wir alles vorbereiten können - Nein, das kann ich Ihnen nicht sagen - Nein, keine Sorge, davon haben wir nichts gefunden, wirkt clean - Moment, da muss ich eben nachschauen - Hier, zweiunddreißig – gut - Morgen dann, Sie kennen sich ja aus – Abgemacht – Danke – Grüßen Sie Senhor Cleancomer von uns - Bis Morgen - Auf Wiederhören.«

Was hatte ich denn da gehört? Ich war zweiunddreißig. Ging es etwa um mich? Ein Gedanke, der mir nicht schmeckte.

Tania redete wieder, schnell und Portugiesisch. Dann legte sie auf.

Ich klopfte und rief sie. »Tania?«

»Come in«, antwortete sie, aber Zeit für mich hatte sie nicht. Sie zog schon den Mantel über.

»Kann ich Cristina mal sehen? Zum Abschied nehmen.«

»Bitte, Nel, lassen sie uns morgen darüber reden, ich muss jetzt gehen und bin schon spät. Tschau.«

Sie hatte mich schon sanft nach draußen geschoben, als ihr beim Abschließen noch etwas einfiel.

»Wie ist das mit ihrem Mann? Wohnt der in Berlin? Ist das ein Deutscher?«

»Ja. Ich habe eben mit ihm gemailt. Er kümmert sich schon. Er wird die Deutsche Botschaft einschalten. Kann ich Cristina nicht heute noch sehen? Ich bin so traurig, das würde mir helfen.«

»Es tut mir leid, aber das verstößt gegen unsere Regeln. Morgen rede ich mit Dr. Cavalcani darüber, vielleicht können wir in diesem Fall eine Ausnahme machen. Wirklich, Nel, ich habe es eilig, wir klären das morgen, okay? Dont worry.«

»Und wenn ich Angst habe und nicht mehr zur OP will, kriege ich dann mein Geld zurück?«

Sie stutzte, dann verzog sie ihr Gesicht.

»Ja, wenn Sie wirklich nicht mehr wollen. Bitte, wir reden Morgen nochmal darüber.«

Damit sauste sie davon, stopfte im Gehen noch die Schlüssel in ihre Handtasche.

Unschlüssig blieb ich im Gang stehen.

Komisch, außer Personal hatte ich niemand getroffen. Das Haus wirkte wie ausgestorben.

In der leeren Kantine roch es nach Essen, hinter einer Mattglasscheibe sah ich jemanden herumwuseln. Also ins Zimmer.

Im Aufzug stockte ich, als ich die Zwei drücken wollte. Ich ließ den Finger hinunter wandern und drückte nach kurzem Zaudern auf den untersten Knopf. Es gab Regeln, die ich scheiße fand.

Wenig später betrat ich den von Notbeleuchtungen erhellten Gang. Den Aufzug schickte ich sofort wieder nach oben. Es brauchte niemand zu wissen, dass ich dort unten war.

Die Tür mit der Aufschrift »Patologia« war abgeschlossen. Hinter den Fenstern war es stockfinster. In das Labor konnte ich hinein. Tür zu und Licht an war eins. Die schmale Tür hinten ließ sich ebenfalls nicht öffnen, hatte aber nur ein simples Schloss. Ich blickte mich um. Schubladen auf.

Nichts. Oben auf dem hohen Kühlschrank auch nichts. Im Kühlschrank Medikamente in den Türfächern. Auf den Rosten ein paar Körbchen mit beschrifteten Blutproben und ein paar beschriftete Kunststoffboxen.

Auf der obersten stand »Ribeiro C figado«.

Auf den beiden darunter las ich »Ribeiro C rim e« und »Ribeiro C rim d«.

Ich stöhnte und musste mich setzen. Zufällig wusste ich genau, was das bedeutete. Im Sprachführer hatte ich die Seiten, auf denen es um Medizin, Ärzte und Krankenhaus ging gründlich studiert. Was machten Cristinas Leber und Nieren dort? Was in den anderen Boxen steckte, verstand ich nicht, aber überall fand ich Ribeiro C, also Cristinas Namen darauf.

Ich hatte einen fetten Kloß im Hals. Aber jetzt erst recht. Der beschissene Schlüssel lag bestimmt irgendwo, so was wollte doch niemand am Schlüsselbund rumtragen. Ich kippte die Kiste mit den Pflastern aus und es machte »pling«. Na also.

Mit zitternder Hand fummelte ich den Schlüssel ins Schloss.

Ein kühler, dunkler Raum mit Fliesen erwartete mich. Die Tür ließ ich auf, damit ich ein bisschen Licht hatte und es nicht hell in den Flur scheinen würde. In der Mitte ein Tisch mit Stahlplatte, an den Wänden ein Stahlschrank und ein Waschbecken. Eine Ecke füllte ein Stahlklotz mit Klappen, Bedienfeld, Thermometer und Laschen an der Front, in die Kärtchen rein gesteckt werden konnten. In einer davon steckte was Helles. »Ribeiro C« konnte ich entziffern.

Ich zog am Griff und die Lade kam raus.

In Filmen waren Tote immer zugedeckt. Pustekuchen, bleich wie ein ersoffener Regenwurm lag da was im Halbdunkel.

Wo war mehr Licht? Ich fand einen Schalter und über dem Waschbecken flackerte eine Neonröhre.

Die Leiche hatte ich in bequemer Höhe vor mir. Es war Cristina.

Zwischen ihren Schenkeln ein Schrumpelschwänzchen auf Schrumpelhoden. Alles fein rasiert und unversehrt. Dafür hatte sie Schnitte über Brust und Bauch. In meinem Schädel fuhren die Gedanken Achterbahn. Ich berührte Cristinas Hand. Sie fühlte sich an wie ein Kotelett aus dem Kühlschrank.

»Was haben die mit dir gemacht?«, flüsterte ich.

Bevor Cristina antworten konnte, klimperte es an der Tür und die Deckenbeleuchtung flammte auf. Ich drehte mich um und blinzelte gegen die Helligkeit an.

»Que fazes aqui?« 1616

Ein Typ wie Maradona in weißem Kittel stand vor mir. Wegen des Brummens der Kühlanlage hatte ich ihn nicht kommen hören. Sein Ton war nicht gerade salonfähig.

»Musst du mich so erschrecken?« schrie ich ihn an.

Mein Herz klopfte so laut, dass ich nicht verstehen konnte, was er erwiderte.

Er schob die Lade zu, schloss die Tür zum Labor, löschte die Lichter und drängte mich in den Flur. Dort verriegelte er aufreizend bedächtig die Türen. Dann drehte er sich zu mir und fixierte mich mit seinen vorquellenden Augen.

»Miss Arta? Die Ärzte suchen Sie. Mitkommen.«

Er fasste mich am Ellenbogen und bugsierte mich in den Aufzug. Ich war so geplättet, dass ich mich nicht wehren konnte.

Wir fuhren nach oben. Er öffnete den Aufzug mit einem Spezialschlüssel auf der anderen Seite und schleppte mich in den Medizintrakt. Inzwischen hatte ich mich soweit gefangen, dass ich seine Hand abschüttelte.

»Fass mich nicht an.«

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