Ria Klug - Rotverschiebung

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Der vier Bände umfassende Gesamtausgabe «Rotverschiebung» beginnt in Brasilien, wo die Transfrau Nel Arta auf kriminelle Machenschaften stößt, während sie sich in einer Anpassungs-OP unterziehen wollte. Ein deutscher Honorarkonsul ist darin verstrickt.
Mehr als einmal kann sie nur knapp ihrem Kopf aus der Schlinge ziehen.
Zurück in Deutschland kann sie ihre Verstrickungen nicht loswerden und gerät immer wieder in Konflikt mit der Polizei. Sie muss lernen ihren Jähzorn zu zügeln, Konflikte zu vermeiden und zu vertrauen, was ihr sehr schwer fällt.
Im vierten Band sorgt sie in ihrem Heimatort für erheblichen Aufruhr, findet aber auch eine lange vermisste Nähe zu ihrer Mutter wieder.
Im flammenden Finale geht es für sie ums Ganze.
Die Bände «Kleine Betriebsstörung», «Schnicksenpogo» und «Popelige Mauscheleien» sind vor Jahren schon im Print erschienen. In dieser Gesamtausgabe sind sie gründlich überarbeitet und um den vierten, bislang unveröffentlichten Band «Nachts Zündeln», ergänzt worden.

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Nach fünfzehn Minuten fand ich in einer Seitenstraße eine Pension. Sie hieß zwar Aida, war aber ein schäbiger Bau. Für meinen Geldbeutel also genau richtig.

Hinter der Eingangstür mit der abblätternden Farbe wartete ein nikotingelber Vorraum mit Theke, die aussah, als hätte sie eine gnädige Hand vor der Müllkippe bewahrt.

Nachdem ich mehrmals auf die Klingel geschlagen hatte, erschien eine fette, alte Hexe aus einem Durchgang hinter der Theke. Sie kaute und schmatzte. In ihren schlaffen Mundwinkeln hatten sich Krümel vorm Gefressenwerden versteckt.

Ich versuche es auf Englisch. »I need a room.«

In ihrem dunklen Gesicht arbeitete es, dann, oh Wunder, nickte sie. Sie zeigte auf mich und hielt den Daumen hoch.

»Um?«

»Sim.«

Die Sache fing an, mir Spaß zu machen. Sie fragte »Quantas dias?«

»Wieviel kostet es?« Sehr viel Geld hatte ich nicht mehr.

Sie schrieb zwei Fünfen auf ein Blatt Papier. Dazu sagte sie »pagar adiantado«, und schaute mich erwartungsvoll an.

Ich holte das Geld raus und zählte.

»Semana?« 1919

Sie nickte wieder und schrieb unter die Fünfen zwei Dreien und eine Null. Ich zählte nochmal, überlegte, schließlich legte ich ihr dreihundertdreißig Reais hin. Damit blieben mir noch ungefähr zweihundertachtzig Reais. Langsam wurde es knapp.

Sie schrieb mir eine Quittung, dann schob sie mir eine Kladde rüber, in die ich mich eintragen sollte.

Ein Typ polterte hinter mir herein, knurrte irgendwas und trampelte die Treppe rauf. Mit lautem Keifen stoppte die Wirtin ihn. Er kam zögernd zurück.

Es entspann sich ein kurzes, aber heftiges Wortgefecht. Aufgeplustert und mit vorgerecktem Kinn gewann die Wirtin deutlich Oberhand, schließlich griff der Typ in die Tasche und zählte einige knüllige Geldscheine auf die Theke. Eigentlich wirkte er mit seinen großen, schwieligen Händen und dem kräftigen Oberkörper samt anhängender Bierwampe nicht so, als wäre er leicht zu beeindrucken. Trotzdem war er plötzlich ganz brav.

Die Wirtin steckte das Geld ein und wedelte ihn majestätisch weg. Er verschwand ohne weitere Einwände.

Ich klappte den Mund zu und gab ihr die Kladde zurück. Sie las und versuchte dann, meinen Namen auszusprechen.

»Ne-uw Arta …«, klang es, »Americana?«

Ich hätte sie küssen können, sie benutzte die weibliche Form.

»Não, alemão.«

Sie nickte zufrieden und trug etwas in der Kladde nach, dann sagte sie »Bem. Sua quarto, acompanhar.« 2020

Sie wendete zur Treppe und stieg hinauf. Ich folgte und heftete dabei meine Augen auf ihre Fesseln. Sie trug ausgelatschte Espadrilles. Meine Nase befand sich auf Höhe ihres ausladenden Hinterteils.

Oben betraten wir in einen Gang, von dem einige Türen nach beiden Seiten abgingen. Sie öffnete eine davon. Das Zimmer war klein und genauso abgewetzt wie alles dort. Ein stählernes Bettgestell und ein gemauerter Wandschrank waren neben einem Stuhl, der als Nachttisch diente, die einzigen Möbelstücke. Das Fenster, durch das ein breiter Streifen Sonnenlicht über das Bett fiel, zeigte zur Straße und war von zwei Fetzen mürbem Stoffes flankiert. Kurz, es war himmlisch.

Die Wirtin schaute an mir runter und fragte »Bagagem?«

Erst zuckte ich mit den Schultern, dann sie. Sie zeigte mit dem Daumen über den Gang entlang und sagte »Banheiro alí.« 2121

Zwanzig Minuten später lag ich frisch geduscht und rasiert im Bett. Eine bleierne Schwere presste mich auf die Matratze. Nur eine halbe Stunde ausruhen, dann musste ich los, ein Internetcafé suchen.

Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich mich das letzte Mal so alleine und fertig gefühlt hatte.

Die Müdigkeit zog mich in den Schlaf, aber es war, als ob ich in einem Ozean versinke.

Nach einiger Zeit bemerkte ich, wie sich alles um mich vergrößerte. Das Bett wurde länger und breiter, gleichzeitig rückten die Wände weg und die Zimmerdecke verschwand nach oben. Die Tür ragte über mir auf, wie für Riesen gemacht. Rundherum glühte ein Lichtstreifen, als sei es dahinter gleißend hell. Ich wollte den Kopf wenden, konnte mich aber nicht bewegen.

Ich spürte, dass gleich etwas durch diese Tür hereinkommen würde. Panik schnürte mir die Luft ab.

Ich fuhr aus dem Bett hoch. Benommen blickte ich mich um und wusste für Augenblicke nicht, wo ich war. Dann schlug die Erinnerung zu. Aufstöhnend sank ich zurück aufs Kissen.

Draußen war es dunkel geworden, durchs Fenster schien gelbliche Straßenbeleuchtung. Verdammt, ich hatte die Mailstunde verpennt.

Einige Minuten lang liefen meine Augen über. Dann zog ich mich an. Wenigstens in diesen Club wollte ich noch gehen, etwas Sinnvolles tun. Hunger hatte ich obendrein.

Beim Aufhübschen betrachtete ich mich im Spiegel.

Müde sah ich aus, angeschlagen und angespannt. Meine Nase spitzte aus einem blassen Gesicht heraus, die Wangen hohl bis eingefallen. Dadurch wirkten mein Mund und die Augen noch größer. Nee, schön fühlte ich wirklich nicht. Das passendere Adjektiv wäre das wohlwollende »markant« gewesen. Meine Perücke musste dringend gewaschen werden. Ich sollte wieder meine Haare wachsen lassen und so zu einer erheblich pflegeleichteren, weiblichen Frisur kommen, wurde mir langsam klar.

Aber leider würde davor eine längere Phase liegen, in der ich wieder aussehe würde wie Cornelius vom Land.

Die Wirtin saß hinter ihrem Tresen und studierte irgendwelche Unterlagen. Sie blickte auf und musterte mich. Sie sagte irgendwas Unverständliches, aber es klang anerkennend.

Den Weg zum Amorosa Louca fand ich ohne Probleme auch im Dunkeln wieder und so stand ich wenig später wieder vor der verschrammten Tür mit dem Guckloch.

Mir war so ein Schuppen ja zuwider. Nein, ehrlicherweise musste ich zugeben, er machte mir Angst. Aber jetzt umdrehen? Auch blöd, also klingeln.

Klingeln musste ich drei Mal, bevor sich was tat. Es war wohl noch nicht halb neun. Jemand schaute durchs Sichtfenster und fragte, was ich wollte. Vermutete ich jedenfalls. Da ich vergessen hatte mir einen Text zurecht zu legen, stotterte ich was auf Englisch. Als ich Cristina erwähnte, höre ich ein leises »moment«, dann wurde die Tür entriegelt und geöffnet.

Vor mir stand ein kahlköpfiger, muskulöser Typ, der mich an Meister Propper erinnerte. Er trug ein dunkles Ringershirt, aus dem die Muskeln quollen. Seine Ohrringe blitzten im Halbdunkel des weinroten Foyers. Er sagte »Come in« und ließ mich ein. Es kratzte metallisch, als er die Tür hinter mir abschloss.

Stumm starrten wir uns einen Moment an.

»Was willst du von Cristina erzählen? Ist sie wieder hier? Ich dachte, die ist in Deutschland.«

»Ja, eigentlich schon. Aber jetzt gerade nicht. Ich suche jemand aus ihrer Familie. Soweit ich weiß, hat sie Verwandte hier in der Stadt.«

Er verschränkte die Arme vor der Brust. Mehr denn je sah er dadurch wie ein schwarzer Meister Propper aus.

»Warum? Und wer bist du überhaupt?«

»Ich bin Nel Arta, aus Berlin. Daher kenne ich Cristina.«

Er kam einen Schritt auf mich zu. Ich wollte gerne mehr Abstand halten, aber direkt hinter mir war die Tür.

»Und, weiter? Mal raus mit der Sprache«, sagte er und näherte sich noch ein Stück.

»Cristina ist in Sorocaba, in einer Klinik. Aber sie ist tot.«

Er zeigt keinerlei Emotion. »Aha, tot also. Und was willst du von ihren Verwandten?«

»Wegen Beerdigen …«

»Aha.«

Ich war irritiert.

»Kennst du denn welche von ihr? Sie hat hier doch mal gearbeitet.«

»Vielleicht. Bist du auch in dem Gewerbe?«

»Du meinst hier …? Nein, nein. Wie ist das jetzt mit den Verwandten?«

»Ich könnte noch jemand brauchen. Letzte Woche ist eine weg gegangen. Du siehst europäisch aus, das kommt hier ganz gut an. Wir haben Kunden, die auf so was stehen.«

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