Ich tastete systematisch meinen Körper ab. Es fühlte sich alles so an, wie ich es gewohnt war. Demnach hatte ich ziemlichen Mist geträumt.
Ich brauchte fast eine Stunde, um ausgehfertig zu werden. In der Zwischenzeit fiel mir auch ein, was ich dringend erledigen wollte.
Die Zimmerwirtin war auf ihrem Posten und erklärte mir, wo ich ein Internetcafé finden kann.
Sie sah mir an, dass ich es gestern zu gut mit mir gemeint hatte. Neugierig war sie auch, denn sie bot mir einen Kaffee an. Ich vertröstete sie auf morgen und stiefelte los.
Nie wieder hatte ich seitdem von Berlin behauptet, es wäre laut und schmutzig. São Paulo hatte mich eines Besseren belehrt. Nervenzerfetzender Verkehrslärm, von den Abgasen nicht zu reden.
Scheiße lag auch herum, aber nicht um Bäume, denn die gab es dort nicht.
Bis zum Centro Comercial in einer belebten Geschäftsstraße dauerte es eine halbe Stunde.
Mein Magen signalisierte mir, dass er eine angemessene Portion Kaffee verkraften könnte. Ich ließ sie ihm zusammen mit ein paar Madeleinas in einem Stehcafé auf der Galerie zukommen.
Meine Laune hellte sich etwas auf, aber welcher Wahn hatte mich nach Brasilien getrieben?
Von den Fragen hatte ich noch mehr auf Lager, zum Beispiel, warum geriet ich immer und überall in so eine Scheiße?
Weil ich aktiv meine missliche Lage verbessern wollte, kaufte ich mir eine Grundausstattung Klamotten. Dabei erstand ein Spaghettiträger-Top mit tiefem Ausschnitt. Zu Hause hätte ich das nie gekauft, aber hier gab es nichts, wo nicht der halbe Busen raushing.
Scheiß auf das Geld, wenn ich die Dollars wieder bekommen würde, war alles geritzt. Wenn nicht, reichte sowieso nicht. Deshalb kehrte ich anschließend wieder zum Stehcafé zurück. Zumal noch viel Zeit bis zur Mailstunde blieb.
Ich beobachtete die Menschen und hing meinen Gedanken nach.
Jemand drängelte sich an mir vorbei und befreite mich so von der Grübelei.
Zeit zu gehen, wie zu Hause wollte ich an den PC. Ich bückte mich nach dem Rucksack, aber der war nicht da. Auf der anderen Seite vom Hocker fand ich ihn auch nicht.
Schnell blickte ich mich nach dem Drängler um.
Da schlenderte ein spindeldürrer Halbwüchsiger mit Baseballkappe, der meinen Rucksack lässig in einer Hand trug, Richtung Ausgang. Ich sprang so ruckartig auf, dass der Hocker mit einem Knall umkippte.
Der Mistkerl mit meinem Rucksack drehte sich kurz um, dann legte er einen Kavalierstart hin. Ich schrie laut »He« und sprintete hinterher, vorbei an einem Spalier von offenen Mäulern.
Die Turnschuhsohlen des Diebs quietschten wie Turnhalle. Ich konnte auch schnell sein, wenn es sein musste. Wir sausten über die polierten Steinböden zur Treppe. Am Galeriegeländer schlug er einen Haken, dabei lugte er kurz nach hinten. Offenbar wurde ihm die Sache zu dumm, er warf meinen Rucksack in die Tiefe. Ich hatte Riesenbock mit seinen Eiern Baseball zu spielen, aber eine pragmatische Haltung zu Alltagsfragen. Deshalb raste ich die Treppen runter hinter meinen Sachen her und ließ ihn in einen Seitengang entwischen.
Mein Rucksack war zwei Etagen tief abgestürzt. Er musste offen gewesen sein, denn mein ganzer Krempel lag dort unten verstreut. Leuten schauten verstört hinauf. Ich beeilte mich die Treppe hinunterzuspringen um aufzusammeln, bevor es andere taten. Beim hastigen Schwung um das untere Ende des Geländers knallte ich voll in eine ältere Frau, die mir mit einer prallen Plastiktüte in die Quere geriet.
Wir stützten beide mit einem Schrei zu Boden, ihre Tüte platzte. Mindestens ein Kilo Tomaten rollte in alle Richtungen davon. Ich lag noch benommen auf dem Bauch, die Nase dicht über einer Doppelreihe aromatischer Bananen, da erschienen vor mir ein Paar dunkle Herrenschuhe, die unter grauen Uniformhosenbeinen herauslugten. Dazu ertönte eine Stimme. Mein Blick kletterte an den Graten der Bügelfalten empor
Die Grate endeten im Schritt in Querfalten, wie sie gewöhnlich beim Sitzen entstehen. Unter der Beule mussten Zepter und Reichsäpfel verborgen sein. Darüber folgte ein Gürtel, an dem ein Sprechfunkgerät und eine Stablampe hingen. Über dem Gürtel beulte eine Wampe in dunkelblauem Uniformhemd. Gekrönt wurde das Ganze von einem Schnauzbart, der sich mit den Lippen auf und ab bewegte. Die Rede war eindeutig an mich gerichtet und ziemlich barsch.
Zwei Kunden halfen der Frau auf. Sie hielt sich mit schmerzverzogenem Mund am Geländer fest. Ich haspelte ein paar Entschuldigungen und sammelte Tomaten ein.
Die Stimme wurde noch lauter, dazu gesellte sich eine Zweite, die hinter mir grollte. Ich scherte mich nicht darum, was gingen mich solche Kerlen an? Lieber wollte ich der Frau helfen und ihr Gemüse aufheben. Zwei Hände packten mich, zerrten mich hoch und drehten mir den Arm auf den Rücken. Ich musste den Oberkörper wegen der Schmerzen tief nach unten beugen.
»He, was soll das? Nehmt die Flossen weg, Arschlöcher.«
Mein Protest nutzte nichts. Sie drückten meinen Unterarm ao lange nach oben, bis ich die Klappe hielt. Dann ließen sie wieder nach.
»Mein Rucksack, ich brauche meine Sachen …«
Mein Protest erstickte in Gewimmer. Ich hatte Angst, sie würden mir den Arm brechen. Die beiden Uniformierten drängten mich in einen Seitengang und dort durch eine stählerne Tür. Jede meiner Bockigkeiten wurde mit einer Gemeinheit beantwortet. Erst drückten sie gegen den Unterarm, dann im Seitengang, wo es kein Publikum mehr gab, schlug einer mit einem Schlagstock gegen meinen Oberschenkel. Ich gab klein bei.
Wir durchquerten eine weitere Tür, die in eine Art Wachstube führte. Hinter einen Tresen saßen noch zwei von der Sorte. Sie musterten mich neugierig. In den Brillengläsern des Jüngeren spiegelten sich Bilder von Monitoren. Meine Bewacher ließen mich los. Ich konnte mich aufrichten, hielt aber wohlweislich die Klappe. Der immer noch bereitgehaltene Schlagstock flößte mir Respekt ein.
Die Typen begannen ein Palaver.
Schließlich erhob sich der Jüngere und verschwand. Die Beiden, die mich geschnappt hatten, stießen und gestikulierten mich durch eine andere von diesen Türen aus solidem, grau lackiertem Stahl, in einen kurzen Gang. Von dort wieder in einen Raum, klein und fensterlos mit kahlen Wänden. Bis auf einen kleinen Tisch und zwei ramponierten Stühlen war er völlig leer.
Der mit dem Schnauzer blieb an der Tür stehen. Sein Kollege wedelte mit dem Schlagstock vor meiner Nase herum und gab mir unverständliche Anweisungen. Ich verstand nichts und er schlug mir wieder gegen den Oberschenkel.
Ich schrie vor Schmerz und stolperte zurück gegen die Wand. Er setzte sofort nach, den Stock drohend erhoben. Mit der linken Hand zupfte er an meiner Jacke und machte auffordernde Bewegungen.
Also zog ich die Jacke aus. Er nickte zustimmend, nahm sie mir weg und reichte sie seinem Kollegen. Der filzte gründlich die Taschen und schmiss sie unter den Tisch. Nun zerrte er an meinem T-Shirt. Das hatte ich befürchtet.
In Krimis war das stets die Stelle, an der die Heldin ihre fast vergessenen Karatefähigkeiten einsetzt und mit ein paar Glückstreffern ihre Kontrahenten auf die Bretter schickt. Dabei bricht sie sich einen Fingernagel ab und die Frisur ist hin, aber sie kann entkommen und die Bösewichter ans Messer liefern.
Leider verfügte ich über keinerlei vergessene Fähigkeiten. Selbst wenn es so gewesen wäre, die Angst lähmte mich.
Deshalb nahm der Kerl mein Top in Empfang.
Er betrachtete eingehend meinen Busen, bevor er mit dem Stock leicht gegen meine linke Brust klopfte und eine Frage stellte. Ich zuckte mit den Schultern, aber ich glaubte, er wollte wissen, ob der Busen Natur war. Daraufhin überprüfte er die Sache eigenhändig. Das machte er dermaßen brutal, dass mir Tränen in die Augen stiegen.
Leider hatte er immer noch nicht genug, danach kam meine Hose dran, Schuhe und Strümpfe sowieso. Interessiert betrachtete er meinen Schritt. Trotz der Miederunterhose zeigte sich eine Beule. Vielleicht hatte er schon vermutet oder gehofft, dass er sie vorfinden würde.
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