Ria Klug - Rotverschiebung

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Der vier Bände umfassende Gesamtausgabe «Rotverschiebung» beginnt in Brasilien, wo die Transfrau Nel Arta auf kriminelle Machenschaften stößt, während sie sich in einer Anpassungs-OP unterziehen wollte. Ein deutscher Honorarkonsul ist darin verstrickt.
Mehr als einmal kann sie nur knapp ihrem Kopf aus der Schlinge ziehen.
Zurück in Deutschland kann sie ihre Verstrickungen nicht loswerden und gerät immer wieder in Konflikt mit der Polizei. Sie muss lernen ihren Jähzorn zu zügeln, Konflikte zu vermeiden und zu vertrauen, was ihr sehr schwer fällt.
Im vierten Band sorgt sie in ihrem Heimatort für erheblichen Aufruhr, findet aber auch eine lange vermisste Nähe zu ihrer Mutter wieder.
Im flammenden Finale geht es für sie ums Ganze.
Die Bände «Kleine Betriebsstörung», «Schnicksenpogo» und «Popelige Mauscheleien» sind vor Jahren schon im Print erschienen. In dieser Gesamtausgabe sind sie gründlich überarbeitet und um den vierten, bislang unveröffentlichten Band «Nachts Zündeln», ergänzt worden.

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»Wieso noch jemanden? Warum machen wir das nicht alleine?«

»Ricardo ist der Richtige dafür«, erwiderte sie, »er weiß, wie man mit solchen umgehen muss. Nur wir beide und Nelson, das geht nicht. Wir brauchen einen zweiten Mann.«

»Vielleicht sollten wir einen Bus mieten«, sagte ich, weil mich diese Begründung nervte. Ich hatte aber kein stichhaltiges Gegenargument.

Nelson sagte etwas zu Alina und stand auf.

»Nelson will los«, sagte Alina und erhob sich ebenfalls. »Wir fahren morgen um zwölf, okay?«

»Ja, aber ich hab keinen Helm und keine warme Jacke.«

»Bringen wir mit. Tschau.«

Sie brausten davon.

Ich sah hinüber zur Kneipe. Ihr Licht leuchtete verführerisch in der Abenddämmerung, also beschloss ich ein bisschen vom restlichen Geld in einen Schlummertrunk zu investieren. Diesmal setzte ich mich so, dass ich in den Bildschirm schauen konnte. Mädels in Glitzerfetzen, die sich in Gesang versuchten, Männer in kurzen Hosen, die ihren Testoüberschuss an einem Fußball oder Gegenspieler ausließen, mir war alles recht.

Tatsächlich, ein grüner Rasen leuchtete mir entgegen. Mit einem Glas Rotwein vor der Nase versenkte ich mich in einen Plastikstuhl und schaute zu. Gar nicht lange, da gingen meine Gedanken spazieren.

Wann hatte ich das letzte Mal beim Fußball vor dem Bildschirm geklebt? Das war während meiner Lehre, WM 1994. Die Belegschaft der Großküche fragte den Chef, ob sie eine Glotze in der Küche aufstellen dürfen. Er verbot es, angeblich wegen des Arbeitsschutzes.

Wahrscheinlich hatte er Angst, dass wir nichts arbeiten würden.

Kurz danach präparierte einer seinen Probierlöffel mit Chili. Dann rief er ihn, nahm vor seinen Augen einen Löffel Tomatencremesuppe, wackelte mit dem Kopf und sagte »Irgendwas fehlt da, könnten Sie mal?«

Nachher wars niemand gewesen, aber ich hatte die Prügel bekommen, weil ich auf dem Weg zum Jungkoch für die Pflege seines Küchenbestecks zuständig war.

Ich hatte gelernt, den Beruf zu hassen, das gehörte zu den wenigen Dingen, die ich aus der Lehrzeit nicht vergessen werde.

Bevor das mit diesen Erinnerungen so weiterging, gab ich mir einen Ruck, trank das Glas aus und machte mich auf die Socken.

In der Pension erwartete mich die Wirtin zu einem Plausch. Sie wollte wissen, ob es mir in Brasilien gefiel, wie lange ich bleiben wollte und noch mehr Dinge, auf die ich keine Antwort hatte. Sie erzählte, dass sie Nora hieß und nie verheiratet war, weil die Männer, da machte sie nur eine wegwerfende Handbewegung.

Mich störten ihre Vorurteile, es stimmte schon, die meisten Männer waren und sind scheiße, aber eben nicht alle.

9

Von Ricardo war durchs Helmvisier kaum was zu erkennen. Er nahm auch keine Notiz von mir. Die anderen beiden winkten mir lässig zu. Alina hatte einen Pullover und einen Helm für mich organisiert. Da Alina mit Ricardo fuhr, stieg ich bei Nelson auf.

Ich bekam den dringenden Verdacht einen bösen Fehler gemacht zu haben, als er Gas gab. Glücklicherweise konnte ich nicht nach vorne sehen. Der Fahrtwind trieb mir Tränen in die Augen. Tschüss, Mascara.

Mein Gesicht versteckte ich hinter Nelsons Rücken. Mehrmals bemerkte ich, wie sich die Motorräder zwischen den Autos durchzwängten. Es war schon schlimm genug, dabei zuzuschauen.

Nach kurzer Fahrt hielten wir an.

Wir waren in einem schmalen Sträßchen mit hohen Mauern auf beiden Seiten angekommen. Dahinter lagen betagte Industriehallen. Stacheldraht gekrönte die Mauern, zu deren Füßen sich allerlei Müll sammelte.

Dem Lärm nach gab es eine Autobahn in der Nähe.

Hatte ich schon einmal einen trostloseren Ort gesehen? Was wir dort wollten, verstand ich nicht.

Die Anderen stiegen ebenfalls ab und diskutierten irgendwas.

Fast glaubte ich schon, sie hatten sich verirrt, da winkte mir Alina. Ich sollte mit ihr und Nelson mitkommen.

Wir gingen einige Meter die verlassen wirkende Straße entlang, dann tat sich rechts eine Lücke zwischen den Einfriedungen auf. Ein schmaler Trampelpfad mit speckig glänzender Erde. Er führte ein Stück leicht bergab auf eine Straße, die nur durch Leitplanken von der Autobahn abgetrennt wurde.

Alina und Nelson bogen am Ende des Pfades nach rechts ab. Sie steuerten zielstrebig auf eine Tankstelle zu. Kurz vor der Tür blieb Alina stehen und bat mich ein paar Flaschen Wasser zu kaufen. Wir betraten den Verkaufsraum, ich fand das Kühlregal, wo ich drei Halbliterflaschen auf den Arm stapelte. Nelson suchte im Süßigkeitenregal herum. Alina blieb an der Tür und sah hinaus.

An der Kasse zog ich einen Geldschein raus und wartete, bis sich der Verkäufer zu mir bequemte. Der mürrische Typ rückte seine grüne Kappe zurecht und tippte den Betrag ein. Er nahm den Schein und holt mite der anderen Hand die Münzen raus aus der Kasse.

Nelson tauchte neben mir auf. Er hatte so ein dunkles Ding in der Pfote, das verdammt nach Waffe aussah. Die richtete er auf den Burschen an der Kasse. Der erstarrte und wich durch einen auffordernden Wink mit der Knarre ganz langsam zurück. Nelsons griff über die Theke und zog die Kasse an der offenen Lade ein Stück herum.

Mir wurde heiß. Das war ein Raubüberfall und ich war dabei, mit fremden Menschen in einem fremden Land.

Zu viel für meine Nerven. Beinahe hysterisch schrie ich Nelson an, natürlich auf Deutsch, dabei wollte ich ihn zur Seite schieben. Nelson drückte mit der Schulter dagegen und brüllte irgendwas.

Der Bursche mit der Kappe reagierte schnell, ich bemerkte es erst, als es schon fast zu spät war. Er wich einen Schritt zur Seite und schwang auf einmal einen Baseballschläger. Blitzschnell schlug er damit nach der Hand mit der Waffe. Im letzten Moment zuckte Nelson zurück. Der Schlag knallte so heftig auf die Theke, dass der Kleinkram spritzte. Bevor Nelson erneut anlegen konnte, traf ihn der Schlägerkopf wuchtig gegen die Brust. Nelson torkelte fluchend zurück und spurtete dann hinaus. Alina hielt ihm die Tür auf. Es brauchte höchstens eine Sekunde, dann hetzte ich hinterher. Fast rannte ich durchs Türglas, weil Alina ihrem Bruder nachsetzte.

Die beiden verschwanden zwanzig Meter vor mir um die Ecke auf den Trampelpfad. Als ich dort einbog, riskierte ich einen Blick zurück. Der Typ mit der grünen Kappe stierte hinter mir her.

Nelson und Alina setzten sich gerade die Helme auf, als ich um die Ecke kam. Nelson sprang auf den Sitz hinter Ricardo. Der gab sofort ordentlich Gas. Bis ich heran war, lief auch die andere Maschine. Alina wartete nicht, bis ich den Helm aufsetzen konnte. Fast fiel ich runter, weil sie losbrauste, bevor ich mich richtig festhalten konnte.

Nach ein paar Minuten ließ mein Adrenalinschub nach und ich schlotterte. Ich klammerte mich an Alina fest wie die Winslet an DiCaprio beim Untergang der Titanic.

Nach einigen Kurven und Ampeln erreichten wir einen kleinen Platz mit einer Grünanlage. Dort vegetierten ein paar dürre Bäume und schwindsüchtige Bananenstauden, alle von einem seltsam müden, grünstichigen Grau. Überall flog Müll herum und es roch nach alten Scheißhaufen. Sonst war niemand da.

Ich war noch nicht richtig abgestiegen, da ging Nelson schon auf mich los. Er schimpfte und stieß mich vor die Brust. Ich seglte auf den Boden. Er setzte nach, zog mich an der Jacke hoch, brachte sein Gesicht dicht vor meins und brüllte mir seine Spucke ins Gesicht.

Durch sein Brüllen ließ er keinen Dampf ab, sondern geriet immer mehr in Rage.

Einen klaren Gedanken konnte ich nicht fassen. Ich schrie nur »Lass mich los, ich wollte nichts klauen!«

Ich wartete darauf, dass er zuschlug.

Alina zog ihn zurück. Er keilte mit dem Ellenbogen nach ihr, wie nach einem lästigen Insekt. Für Sekundenbruchteile hatte ich einen Flashback, ich sah das wutverzerrte Gesicht meines Vaters vor mir, hinter ihm meine Mutter mit ihrem »Vati, lass gut sein.«

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