Ria Klug - Rotverschiebung

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Der vier Bände umfassende Gesamtausgabe «Rotverschiebung» beginnt in Brasilien, wo die Transfrau Nel Arta auf kriminelle Machenschaften stößt, während sie sich in einer Anpassungs-OP unterziehen wollte. Ein deutscher Honorarkonsul ist darin verstrickt.
Mehr als einmal kann sie nur knapp ihrem Kopf aus der Schlinge ziehen.
Zurück in Deutschland kann sie ihre Verstrickungen nicht loswerden und gerät immer wieder in Konflikt mit der Polizei. Sie muss lernen ihren Jähzorn zu zügeln, Konflikte zu vermeiden und zu vertrauen, was ihr sehr schwer fällt.
Im vierten Band sorgt sie in ihrem Heimatort für erheblichen Aufruhr, findet aber auch eine lange vermisste Nähe zu ihrer Mutter wieder.
Im flammenden Finale geht es für sie ums Ganze.
Die Bände «Kleine Betriebsstörung», «Schnicksenpogo» und «Popelige Mauscheleien» sind vor Jahren schon im Print erschienen. In dieser Gesamtausgabe sind sie gründlich überarbeitet und um den vierten, bislang unveröffentlichten Band «Nachts Zündeln», ergänzt worden.

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Von nebenan war wieder das dumpfe Klatschen zu hören, begleitet von drohend knurrenden und einer jämmerlichen Stimme. Dann schien ein Möbelstück zu Bruch zu gehen, Flüche, Brüllen, dann noch eins. In die folgende Stille wimmerte Frau Cavalcani.

Ich schrie, sie sollten aufhören damit, das würde auch nicht helfen und jetzt wäre es genug, ich wöllte dort weg und wenn ich gewusst hätte, was die anstellen würden ...

Ich schrie auf Deutsch und war deshalb die einzige, die eine Ahnung davon hatte, was ich von mir gab. Obendrein öffnete ich die Tür. Ich war fest entschlossen, der Sache ein Ende zu bereiten.

Ricardo und Nelson beugten sich gerade über den Arzt, der auf dem Boden vor der Anrichte lag. Sein Kopf befand sich direkt unterhalb der zertrümmerten Front. Es sah fast so aus, als hätte Cavalcani drunter oder hinein krabbeln wollen. So wie ich mich vor den Wutanfällen meines Vaters verstecken wollte. Er war aber erheblich größer als eine Erstklässlerin.

Ricardo richtete sich auf, schnappte sich ein Papier vom Tisch und ging wortlos in die Küche. Frau Cavalcani drängelte sich vorbei. Sie schrie »Marcelo, Marcelo!«

Nelson hielt sie fest. Er schleifte sie zur Speisekammer und sperrte sie zur Hausangestellten.

Ich betrachtete Cavalcani genauer. Aus seiner Nase sickerte Blut.

Nelson kam zurück und sagte »Morto.« 2626

Darauf kaute ich drei Sekunden herum, bevor ich wieder losbrüllte. Nelson schrie zurück und schlug mir mit dem Handrücken auf den Mund. Alina ging sofort dazwischen. Sie verhinderte, dass ich mir Prügel abholte. Stattdessen redete sie erregt auf ihren Bruder ein. Schließlich sagte sie zu mir »Wir gehen.«

Damit drehte sie sich um und verschwand durch die Küche ins Freie. Nelson folgte ihr.

Sie achteten nicht darauf, ob ich folgte. Ich klammerte mich an der Anrichte fest und wusste nicht weiter. Meine Unterlippe schwoll an, blutete aber nicht.

»Ei!«

Ricardo erschreckte mich. Mit einer Kopfbewegung zeigte er mir, ich solle mitkommen. Im Rausgehen filzte er ein graues Jackett. Eine Brieftasche und ein paar Geldscheine wanderten in seine Taschen.

Draußen nahm er den Gehweg am Haus entlang, Richtung Straße. Er schaute sich mehrmals um, ob ich folgte.

Kurz vor dem Gartentor holten wir die anderen ein. Die Gartenmauer und auch das Tor waren sehr hoch, aber Ricardo holte einen Schlüsselbund hervor, mit dem er vorsichtig entriegelte. Er öffnete das Tor ganz langsam, dann streckte er den Kopf raus und linste nach links und rechts. Wir huschten hinaus und er sperrte wieder ab.

Leise trippelten wir die Straße entlang, Richtung Motorräder. Kein Mensch, kein Auto, niemand führte seinen Kläffer Gassi.

Wir gingen einzeln für uns, als wollten wir mit den anderen nichts mehr zu tun haben. Für meinen Fall war das nicht weit hergeholt.

10

»Herr Dr. Klinkhammer ist nicht im Hause«, sagte die Sekretärin.

»Und wann ist er zurück?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen. Er musste nach Sorocaba. Ich glaube nicht, dass er heute nochmal ins Büro kommt.«

Das klang nicht gut. Ich konnte mir denken, was er in Sorocaba machte und wenn ich Recht hatte, war er im Bild.

»Wie kann ich ihn morgen erreichen?«

»Ich bin nicht informiert, welche Pläne er hat. Es kann sein, dass die Angelegenheit in Sorocaba ihn noch länger aufhält. Am besten hinterlassen Sie mir Ihren Namen, den Grund Ihres Anrufs und wie er Sie erreichen kann.«

»Das ist was Persönliches. Ich probiere es morgen nochmal.«

Das war verdammt schnell gegangen. Ich hatte noch im Ohr, wie Frau Cavalcani meinen Namen nannte. Damit war mein Geld unerreichbar für mich.

Und wenn ich es recht bedachte, fahndete sicher die Polizei nach mir.

Ich hatte noch vierzig Reais in der Tasche. Und diesen Scheck. Dummerweise konnte ich erst in drei Wochen zurückfliegen. Umbuchen war selten möglich und kostete Geld. Ob ich überhaupt fliegen konnte? Nach Lage der Dinge war es wahrscheinlicher, dass mich die Polizei spätestens bei der Passkontrolle abgreifen würde. Ob ich mich stellen sollte? Ein paar Ex-Polizisten konnte ich schon kennen lernen. Jason hätte gesagt »Polizist ist nicht gleich Polizist.«

Leider griff ich zu oft in die Scheiße.

Jemand klopfte an die Kabine, weil ich dort schon minutenlang saß und nichts mehr tat. Ich hängte ein und trottete an den Postschalter zum Bezahlen.

Zurück in der Pension ließ ich mir im Bad viel Zeit. An diesem Mittag schien es nicht zu stören, niemand rüttelte ungeduldig an der Tür.

Das Bad wäre allerliebst gewesen, mit seiner Dreißigerjahre-Keramik und den schwarz-weißen Fliesen, wenn es weniger schmuddelig gewesen wäre. In der Dusche wuchsen schleimige Schimmelecken in die Höhe und wenn der Duschvorhang am nackten Körper hängen blieb, gab es einen guten Grund sich nochmal zu duschen. Seis drum, alles besser als Käfighaltung auf Staatskosten.

Danach legte ich mich wieder hin. Nach der Rückkehr aus Sorocaba konnte ich kaum schlafen und war entsprechend erledigt. Zudem musste ich meine Situation überdenken und einen Ausweg finden.

Kurz vorm Dunkelwerden wachte ich auf. Ich war zwar verschlafen und hungrig, hatte aber einen Entschluss gefasst.

Leider verfügte ich außer frischer Unterwäsche über nichts Sauberes mehr zum Anziehen. Hose und Jacke hatten die Fahrt und der Waldspaziergang sichtlich zugesetzt. Die Jeans, mit der ich gekommen war, sah auch nicht besser aus, roch aber noch schlechter. Trotzdem nahm ich sie, einfach weil sie mir vertraut war und noch keine Beihilfe zu Straftaten geleistet hatte.

Die Leuchtreklame warf ein fahles rotes Licht auf den Asphalt und alles, was in ihren Schein geriet. Zuerst meine Schuhe und Hosenbeine, dann wurde auch meine Hand, die nach der Klingel tastete, zu einem mattroten Puppenpfötchen. Eine Minute später öffnete Meister Propper und ließ mich rein.

»Was willst du?«, war seine erste Frage, nachdem er wieder verriegelt hatte.

»Ich bin pleite. Wie war das mit dem Job?«

»Also doch. Hast du so was schon mal gemacht?«

»Eigentlich nicht …«

»So so, eigentlich nicht. Na, komm mal rein. Drüber reden können wir.«

Mit diesen Worten führte er mich an der Garderobe vorbei in eine Bar mit Bühne. Dort waren erst zwei oder drei Tische besetzt und so trübe beleuchtet, dass ich nicht viel erkennen konnte. Dafür blitzte und strahlte die Theke, hinter der sich eine junge Frau bewegte, deren Busen aus einem kleinen BH hervorzuquellen drohte. Bebel Gilbertos Stimme schleimte durchs Lokal.

Meister Propper dirigierte mich auf einen Barhocker und winkte die Barfrau herbei.

»Das ist Sonia«, sagte er, »Sonia, gib uns mal zwei Gläser von dem Roten. Ist das okay für dich, oder möchtest du was anderes?«

Ich nickte nur, denn ich war mit Sonias Anblick beschäftigt. Sie füllte zwei Gläser, die Flasche blieb vorsorglich auf der Theke stehen. Remo prostete mir zu, dann tranken wir. Der Wein war mit Abstand der beste, den ich seit langem in mich hinein geschüttet hatte.

Meister Propper musterte mich.

»Ich bin Remo. Wie heißt du?«

»Nel.« Ich hätte gerne ein Pseudonym benutzt, aber auf die Schnelle hatte mich das überfordert.

»Du sieht scheiße aus. Eigentlich lasse ich niemand in einem solchen Aufzug rein.«

Er hatte gut reden. In dunkler Hose und blütenweißem Hemd sah er aus wie ein Conférencier.

»Ich habe nichts anderes mehr. Auch deswegen brauche ich einen Job.«

»Kannst du auch ladylike sein?«

»Ich kanns versuchen. Ich kenne in Berlin welche, die sinds. Die könnte ich nachmachen.«

Er runzelte die Stirn und wirkte nicht überzeugt.

»Gut«, sagte er schließlich, »hier wird alles gemacht. Blowjobs, anal, Sandwich, manchmal Fisten und so weiter.«

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