Er verstand was ich wissen wollte.
»Trabalho aqui . « 2726
Ich musste dämlich ausgesehen haben, denn er kicherte.
»Komm, sag nicht, du wärst ein Callboy. Das kann ich nicht glauben.«
Nelson runzelte die Stirn. Dann sprudelte ein Schwall Worte aus ihm heraus. Für mich verständlich schälte sich nur sein mehrfaches »Callboy não« heraus.
»Okay, schon gut«, sagte ich, damit er mich nicht weiter vollschwallerte. Er ging wütend weg.
Ein paar Minuten später begrüßte mich Carmen, außer Atem, mit ein paar Entschuldigungen und Küsschen links und rechts.
»Ich musste noch dieses Kleid anprobieren und die silbernen Sandalen dazu. Todchic, für den Sommer. Oh Nel, wie siehst du aus. Komm mit, wir machen erst mal deine Haare und Make-up.«
Carmen zog mich hinter sich her in einen Flur mit einigen Türen und einer Treppe. Wir stiegen hinauf über mit dunklem Teppich ausgelegte Böden. Goldfarbene Schnörkellampen streuten ihr spärliches Licht über rubinrote Tapeten.
Beim genaueren Hinsehen zeigte sich der Teppich als ziemlich abgetreten. An den Wänden waren Kratzer mehrfach übermalt und ausgebessert worden, dadurch wirkten sie wolkig wie ein Ölgemälde.
Carmen klapperte munter plaudernd vor mir her. Ich verstand nur die Hälfte, mein Spanisch war nicht besonders und ungeübt obendrein. Oben liefen wir durch einen weiteren Gang mit etlichen Türen bis zu ihrem Zimmer. Als wir dort ankamen, wusste ich immerhin, dass sie seit zwei Jahren dort arbeitete, aus Chile stammte und mich so schön machen würde, dass ich mich nicht wiedererkenne.
Ein Bett beherrschte ihr Zimmer. Wände und Decke waren dunkelblau gestrichen und mit silbernen Sternen beklebt. Rund um das Bett gab es Spiegel, die bis auf den an der Decke verhängt waren. Statt eines Fensters hatte der Raum ein Oberlicht. In einer Ecke gab es ein Waschbecken hinter einem Paravent. Eine Kommode, zwei kleine Nachtschränkchen mit Leuchten in Venusform, ein paar Plüschhocker und eine Garderobennische komplettierten die Einrichtung. An Wandhaken baumelten Spielzeugpeitschen, Plastikblumen, Lichterketten und solches Gedöns. Viel Platz war nicht mehr.
»He«, sagte Carmen, damit ich aufhörte mich mit offenem Mund durch die Einrichtung zu staunen, »setz dich mal hier vor die Kommode.«
Über der Kommode hing ein beleuchteter Spiegel. Sie schaltete die Lampe ein und schaute mir sinnierend ins Gesicht. Dann fühlte sie die Glattheit meiner Wangen und des Kinns, nickte zufrieden und holte ein paar Hände voll Schminkutensilien aus der Kommode. In kurzer Zeit hatte sie mich in eine Barbie verwandelt. Mein Teint wirkte wie in Plastik gegossen, die Lippen schwellend überformt, die Augen hatten diesen tiefen, geheimnisvollen Blick, den ich an anderen so sehr schätzte. Dabei trällerte und plapperte Carmen unaufhörlich.
Sichtlich zufrieden mit sich und ihrem Werk wühlte sie in einer Kommodenschublade.
Sie förderte eine rote Corsage mit Strumpfhaltern an Licht, dann rote Strümpfe, schließlich fand sie noch einen passenden String.
»Zieh das mal an, später schauen wir noch mal durch, was dir noch passen könnte.«
Carmen setzte sich vor den Spiegel und legte an ihrer Maske los, während ich mich widerwillig aus meinen Sachen schälte. Die Corsage passte tatsächlich, allerdings reichte sie nur bis unter den Busen. Das ist war fast besser so, denn Carmen verfügte über deutlich mehr Oberweite. Als ich Hose und Slip unten hatte rief Carmen »O Nel, nono, so geht das nicht. Da müssen wir schnell was tun.«
Ich verstand überhaupt nicht, wovon die Rede war. Entsprechend ratlos starrte ich ihren Rücken an. Dann bemerkte ich, dass sie mich im Spiegel sah und mit dem Rougepinselchen auf meine Mitte zeigte.
»Hey, Carmen, aber das haben wir doch alle, oder etwa nicht?«
Carmen drehte sich halb um, die Augenbrauen fragend hochgezogen.
»Na das«, sagte ich und zeigte auf meinen Unterleib. Carmens Schultern zuckten. Was zum Teufel hatte sie bloß? Dann wurde mir klar, sie lachte.
»Nonono, los pelos« 2827, sagte sie prustend, »deine Haare müssen weg, so geht das nicht. Warte mal …«
Sie kramte in der Kommodenschublade, bis sie einen Rasierer fand, den sie mir mitsamt einem Handtuch zuwarf.
»Mach das mal weg, unterm Waschbecken ist eine Schüssel für Wasser. Beeil dich, die Beine auch. Beim Popo helfe ich dir. So viele sind es ja nicht.«
Ich versuchte mein Bestes, war aber noch nicht fertig, als Carmen fertig gestylt und umgezogen war. Sie trug das Gleiche wie am Tag zuvor. Das fand ich immer noch äußerst sexy.
Einen Moment betrachtete sie meine Ungeschicklichkeit. Ich hatte mir halt noch nie den Genitalbewuchs in Gesellschaft rasiert.
»Gib mal her, ich zeige dir wie ichs mache«, sagte sie. Sie griff zu, zog schrumpelige Haut mit zwei gespreizten Fingern glatt und rasierte mit kleinen, flinken und präzisen Strichen. So schnell, wie die Haare weniger wurden, wuchs etwas bei mir. Ich konnte es nicht verhindern, so sehr ich es auch versuchte. Carmen lächelte, nahm es fest in die Rechte, drückte zu, ließ wieder nach, dabei streichelte sie mit dem Daumen über die Spitze. Das spornte die Durchblutung weiter an.
»So zum Beispiel kannst du es bei deinen Kunden machen. Später zeige ich dir noch mehr, aber jetzt ist dafür keine Zeit. Dreh dich mal rum.«
Das tat ich gerne, weil es die Peinlichkeit verdeckte. Eine andere folgte aber. Sie zog meine Hinterbacken auseinander und entfernte die Haare aus der Falte.
»So ist das schön und zieht die Männer an«, sagte sie und tippte mit spitzen Fingern auf die Rosette.
»Nein, nein, um Himmels Willen.« Musste sie mir soviel Angst machen?
»Musst du nicht, dann verdienst du aber nicht viel.«
Das brachte mich auf was. »Benutzt ihr Kondome?«
»Eigentlich schon, ein paar von uns lassen es auch mal sein, wenn sie mehr Geld dafür kriegen.«
»Und du?«
Carmen zog die Nase kraus.
»Wenn der Richtige kommt, werde ich drauf verzichten. Weißt du, der, der mich heiraten wird.«
Aha, so war also die Lage. Das versetzte mir einen kleinen Stich.
»Fertig«, sagte Carmen und klopfte mir auf den Hintern.
»Steh mal auf und ziehe die Strümpfe an, ich helfe dir beim Festmachen. Nein, der String kommt oben drüber, das andere kannst du später ja anlassen.«
Aus einer Ecke holte sie ein Paar rote Sandalen mit Keilabsatz.
»Passen dir diese Schuhe hier?«
»Ja, das geht. Aber soll ich wirklich mit nacktem Busen rumlaufen?«
»Nein, besser ist nur ein bisschen was zeigen zum Anheizen«, erwiderte Carmen. Sie fischte eine Chiffonbluse mit tiefem Ausschnitt und eine lange Kette aus rötlichbraunen Kernen aus der Schublade.
»Probier das mal. Die Kette dreimal um den Hals. Das geht doch gut. Du siehst toll aus.«
Ich fühlte mich immer noch nackt.
»Ich brauche noch eine kleine Vorbereitung, in der Toilette gegenüber. Entschuldige mich einen Moment.«
Mit einem kleinen Gummiball mit Stiel verschwand Carmen über den Gang in einer Tür. Ich wartete draußen und überlegte, ob sie das tat, was ich vermutete.
»Ola, gringa2928 , lass mich vorbei«, hörte ich eine tiefe Stimme. Sie entsprang einer Quelle hoch über meinem Hinterkopf. Eine große Blonde mit langen Locken grinste mich an. Ein kleines Stück ihrer Größe verdankte sie den Absätzen, aber nicht viel. Sie trug einen Rock, der kaum breiter war als einer meiner Jeansgürtel, dazu eine Bluse, deren Ausschnitt bis tief in einen Grand Canyon reichte. Die angrenzenden Höhen verdankte sie wahrscheinlich eher der Implantationskunst denn der Natur.
Sie reichte mir eine schmuckbehangene Flosse und brummte »Ich bin Ana-Jeisol . Como vai?«
»Bem, e você? Ich bin Nel.«
Ihr Händedruck war mehr ein Streicheln.
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