Ria Klug - Rotverschiebung

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Der vier Bände umfassende Gesamtausgabe «Rotverschiebung» beginnt in Brasilien, wo die Transfrau Nel Arta auf kriminelle Machenschaften stößt, während sie sich in einer Anpassungs-OP unterziehen wollte. Ein deutscher Honorarkonsul ist darin verstrickt.
Mehr als einmal kann sie nur knapp ihrem Kopf aus der Schlinge ziehen.
Zurück in Deutschland kann sie ihre Verstrickungen nicht loswerden und gerät immer wieder in Konflikt mit der Polizei. Sie muss lernen ihren Jähzorn zu zügeln, Konflikte zu vermeiden und zu vertrauen, was ihr sehr schwer fällt.
Im vierten Band sorgt sie in ihrem Heimatort für erheblichen Aufruhr, findet aber auch eine lange vermisste Nähe zu ihrer Mutter wieder.
Im flammenden Finale geht es für sie ums Ganze.
Die Bände «Kleine Betriebsstörung», «Schnicksenpogo» und «Popelige Mauscheleien» sind vor Jahren schon im Print erschienen. In dieser Gesamtausgabe sind sie gründlich überarbeitet und um den vierten, bislang unveröffentlichten Band «Nachts Zündeln», ergänzt worden.

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Ich hörte den Bullen etwas brummeln, dann flog die Dachterrassentür auf und sein Kollege rief »Senhor Peres, o senhor ainda está alí? O senhor viu alguem? Năo? É melhor que o senhor desca, aqui em baixo tem alguma coisa na moita!«

Ich verstand kein Wort, nur der Tonfall verriet, dass es um etwas Dringendes ging.

»Sim, eu estou indo« 3433, antwortete der Polizist. Er watschelte zurück, immer mit einer Hand den Kontakt zum Boden suchend. Wir hörten die Stimmen leiser werden und Nelson sprang auf. Mit drei Schritten erreichte er die nach hinten liegende Dachkante, peilte kurz ins Dunkle, drehte sich herum und schob sich liegend über den Rand nach unten. Ich fürchtete, das Gebäude maß bestimmt zehn Meter Höhe, entsprechend ungläubig schaute ich ihm hinterher. Er winkte mir, dass ich ihm folgen sollte, dann verschwand er.

Trotz des Straßenlärms hörte ich ihn einen Augenblick später aufklatschen. Ich krabbelte zur Kante. Ungefähr fünf Meter unter mir kauerte Nelson auf einem angrenzenden Flachdach und beobachtete die Hinterhöfe und das Gewirr der benachbarten Gebäude. Es wirkte alles dunkel und ruhig. Wieder winkte er, ich sollte zu ihm kommen.

Ich zögerte, mir war der Sprung zu tief. Nelson deutete auf eine Stelle an der Wand, knapp zweieinhalb Meter unter mir. Dort erkannte ich eine Art Sims, wie die Fensterbank eines zugemauerten Fensters. Mir gefiel das überhaupt nicht, aber ich wollte auch wieder runter vom Dach. Also wagte ich mich ebenfalls über den Rand. Die Schwierigkeit begann, als ich in dieser klimmzugartigen Haltung mein Gewicht langsam und kontrolliert nach unten verlagern musste. Schließlich hing ich nur noch an den Fingerspitzen, erreichte aber mit den Füßen nicht den Sims. Mir fehlten ein paar Zentimeter. Zurück war nicht möglich, es blieb mir nichts anderes übrig als einfach loszulassen. Mit den Fußspitzen berührte ich kurz diesen Sims, drückte mich dabei von der Wand ab, damit ich mir nicht das Make-Up am Verputz ruinierte.

Ich prallte auf Nelson. Wir purzelten wie Kegel über das Dach, ich fiel auf meine lädierte Seite und Nelson auf den Bauch. Leise fluchend rappelte er sich auf. Für einen Moment glaubte ich, er würde auf mich losgehen. Dann zog er mich aber nur auf die Beine.

Nelson hastete zum Dachende und winkte mich mit. An der Stelle, die er ansteuerte, schloss sich eine Mauer an, die zwei Höfe voneinander teilte. Wir mussten nochmal eineinhalb Meter absteigen, um auf die breite Mauerkrone zu gelangen.

Auf dem Boden war es nicht schwer auf einem dreißig Zentimeter breiten Pfad zu laufen. Wenn links und rechts nicht gerade Stacheldraht gespannt war. In zweifünfzig Höhe sah die Sache schon ganz anders aus. Auf beiden Seiten stapelte sich Schrott und Gerümpel. Morsch, scharfkantig und sicher rattenverseucht. Nelson zischte auf der Mauer entlang wie ein Zirkusakrobat. Nach etwa fünfzehn Metern knickte die Einfriedung rechtwinklig ab, dann musste er noch ein paar Meter bis zu einem Drahttor zurücklegen. Hier hüpfte er zielsicher auf ein altes Blechfass und von dort auf den Boden.

Ich schlich hinterher.

Das Tor war mit Kette und Vorhängeschloss gesichert, aber so präpariert, dass Nelson es ohne Schlüssel aushaken und öffnen konnte. Es quietschte beim Bewegen nur ganz leise. Wir betraten auf eine dunkle Zufahrt, von der noch weitere Höfe abgingen. Sie mündete in eine unbelebte Straße.

Nelson führte mich dorthin, bog an der nächsten Kreuzung ab. Nicht weit, dann hörte ich den Lärm der Autobahn lauter werden und wir standen an der Ecke zur Rua Bandeirantes. Das Amorosa Louca war keine hundert Meter entfernt. Davor schien alles ganz ruhig zu sein, mal abgesehen vom Verkehr. Keine Menschen am Straßenrand oder zwischen den vielen geparkten Wagen. Einen Polizeiwagen konnte ich nicht entdecken.

Auch der kürzeste Weg zur Pension führte dort entlang. Nach einem Moment Zaudern machte ich mich auf den Weg.

»Ei, policia, alí.« 3534

Nelson gestikulierte wild und hielt mich zurück. Er zeigte auf einen hellen Wagen, der sich schräg in eine zu kurze Lücke gezwängt hatte. Das Pufflicht färbte ihn rosa.

Das war ein Argument. Trotzdem wollte ich weg und ins Bett, für den Tag hatte ich genug erlebt. Kurz entschlossen nahm ich die Perücke ab und verstaute sie unter der Jacke. Das müsste für inkognito eigentlich reichen, bildete ich mir ein.

Nelson Kinnlade sackte bis auf seine Fußspitzen. So hatte er mich noch nicht gesehen. Ich sagte »Tschau« und stiefelte los.

Nach ein paar Metern drehte ich mich rum, aber er befand sich immer noch im Schatten des Lieferwagens und stierte mir nach.

Unbehelligt kam ich bis zum Amorosa Louca.

Direkt vor meiner Nase flog die Tür auf. Die Polizisten schoben die widerstrebende Yanet vor sich her. Ich rannte fast in sie hinein. Mitgenommen sah sie aus, verschmierte Schminke und Tränenfahnen unter den Augen, Kratzer im Gesicht, die Haare zerzaust. Immerhin trug sie einen Mantel, nicht nur die Arbeitskleidung. Hastig drängelte ich mich vorbei. Etwa fünfzehn schnelle Schritte später wusste ich, dass sie mich doch erkannt hatte.

»Ah, aqui está ela, esta gringa burra, aqui!« 3635

Ihr Geschrei schallte über die Straße. Ich legte einen Blitzstart hin, so gut ich es mit meiner Blessur schaffte.

»Pare, polícia, fique parado!« 3736, hörte ich den Bullen mit dem Höhenkoller schreien.

Wildes Getrappel hinter mir. Ich raste auf die nächste Straßenecke zu, doch die Schritte hinter mir wurden schnell lauter. Weit würde ich nicht kommen, wenn kein Wunder geschah.

Ein unbeleuchtetes Motorrad brauste vorbei, stellte sich mir schlingernd und bremsenquietschend in den Weg. Das Wunder war Nelson, noch im Anzug, aber mit Helm. Ich sprang auf und wäre fast wieder runter gefallen, so ruckartig donnerte er los. Ich klammerte mich an ihm und dem Sitz fest, während er abbog. An der nächsten Ecke bog er nochmal ab und jagte Sekunden später in die Zufahrt hinein, aus der wir vorher zu Fuß herausgekommen waren. Die letzten Meter rollte die Maschine mit ausgeschaltetem Motor in eine dunkle Ecke.

Kurz danach tönte eine Sirene, erst lauter werdend, dann leiser, dann wieder lauter. Der weiße Wagen donnerte mit Karacho an der Zufahrt vorbei. Auf dem Dach klebte ein Blaulicht. Ein paar Minuten später kam er wieder vorbei, diesmal bedeutend langsamer.

Danach entspannte sich Nelson. Er zog den Helm ab und holte mal wieder sein Purpfeifchen raus. Die nächste halbe Stunde verbrachten wir ohne zu reden, nur hin und wieder in aromatische Qualmwolken gehüllt. Schließlich schlich Nelson zur Straße, hielt die Nase spürend wie ein Wolf in den Wind. Er kam zurück, setzte den Helm auf, drehte das Motorrad und sah mich an.

»Onde?«, fragte ich.

Er zuckte mit den Schultern. »A casa?«

»Sim, pension Aida« 3837, sagte ich.

Er nickte und wir fuhren los, langsam und gesittet.

An Kreuzungen hielt er besonders wachsam Ausschau. Mir war das mäßige Tempo recht, ich fror im Fahrtwind. Bald waren wir in der Nähe der Pension. Nelson hielt in einiger Entfernung an, um die Lage zu peilen. Er bedeutete mir, dass er »aqui« auf mich warten würde.

»Porque?«, fragte ich, weil ich den Grund nicht verstand.

»Policía na pension, possible«, sagte er, »mais perigoso, alí.« 3938

Irgendwas mit Gefahr und Polizei. Machte er sich nun Sorgen um mich? Das hätte er früher machen sollen, nicht da, wo es fast eigentlich schon zu spät war.

»E onde?«, fragte ich.

»A mi casa«, lautete seine lapidare Antwort. Er spürte, dass ich nicht überzeugt war.

»Alina alí, tambêm.« 4039

Ich war unschlüssig, was ich tun sollte. Auf keinen Fall wollte ich mich tiefer in windige Situationen hineinziehen lassen. Ich hatte nur die Perücke abgenommen, nicht mein Hirn. Andererseits hatte er schon recht, dass die Bullen auch in die Pension kommen könnten.

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